Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Verstopfung gehört zu den häufigsten Gründen, warum Familien mit Bauchschmerzen in unsere Praxis kommen. Etwa jedes zehnte Kind ist betroffen. Im Mai 2026 haben die europäische und die nordamerikanische Fachgesellschaft für Kindergastroenterologie eine neue gemeinsame Behandlungsempfehlung veröffentlicht. Was steckt hinter einer Verstopfung, was hilft wirklich, und wann sollte man genauer hinschauen?

Wie oft ein Kind Stuhlgang hat, ist sehr unterschiedlich. Entscheidend ist weniger die Anzahl an Stuhlgängen als die Frage, ob der Stuhl hart ist, Schmerzen macht oder nur mit großer Mühe kommt.

Von einer Verstopfung (Obstipation) spricht man, wenn solche Beschwerden mit dem Stuhlgang über mindestens einen Monat bestehen, ein Kind nur zwei Stuhlgänge pro Woche hat, sehr harten oder sehr dicken Stuhl oder auch ein auffälliges Zurückhalten.

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Bei der Verstopfung werden zwei Formen unterschieden: die funktionelle und die organische. Bei der funktionellen Verstopfung ist der Darm selbst gesund, die Beschwerden entstehen durch das Zusammenspiel von Stuhlgewohnheiten, Schmerzerfahrungen und Verhalten. Bei einer organischen Verstopfung steckt dagegen eine körperliche Erkrankung dahinter, zum Beispiel eine Stoffwechselstörung oder eine angeborene Fehlbildung.

In den allermeisten Fällen ist die Verstopfung funktionell.

Wie entsteht der Teufelskreis?

Oft beginnt der Teufelskreis der Verstopfung mit einem einzigen harten, schmerzhaften Stuhlgang. Manchmal entsteht dabei ein kleiner Einriss an der Afterhaut (Analfissur), erkennbar an etwas hellrotem Blut am Toilettenpapier.

Ihr Kind merkt sich den Schmerz und versucht ihn beim nächsten Stuhldrang zu vermeiden: Es kneift den Po zusammen, stellt sich auf die Zehenspitzen, überkreuzt die Beine oder versteckt sich in einer Ecke. Für Eltern sieht das manchmal aus wie Pressen, tatsächlich hält das Kind den Stuhl aber zurück.

Je länger der Stuhl im Enddarm bleibt, desto mehr Wasser wird ihm entzogen, und er wird härter – wodurch der nächste Stuhlgang noch mehr wehtut.


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Verstopfungen kommen besonders häufig in drei Lebensphasen vor:

  • bei der Umstellung auf Beikost oder Kuhmilch,
  • während der Sauberkeitserziehung
  • und rund um den Eintritt in Kita oder Schule.

Gerade in der Schule fehlt oft die Zeit, die Toilette ist laut, nicht abschließbar oder wenig einladend. Viele Kinder halten dann lieber bis zum Nachmittag durch.

Warum kann Verstopfung wie Durchfall aussehen?

Viele Eltern sind überrascht, wenn ihr verstopftes Kind auf einmal Stuhlspuren in der Unterhose hat. Das wirkt widersprüchlich, ist aber typisch: Wenn sich im Enddarm eine große, feste Stuhlmasse angesammelt hat, kann weicherer Stuhl daran vorbeisickern (Überlaufinkontinenz) und wie Durchfall wirken.

Gleichzeitig ist der Enddarm so stark gedehnt, dass das Kind den Stuhldrang kaum noch spürt. Ihr Kind macht sich nicht absichtlich in die Hose und kann es in diesem Moment auch nicht steuern. Schimpfen oder Strafen verstärken den Druck und damit oft auch das Zurückhalten. Hilfreicher ist es, ruhig zu bleiben und die Verstopfung zu behandeln.

Was hilft bei Verstopfung?

Die Behandlung der Verstopfung  besteht hauptsächlich aus drei Säulen:

  • Erklären,
  • feste Toilettenroutinen
  • und Macrogol, ein Medikament, das den Stuhl weich macht.

Zuerst geht es darum, dass Sie und Ihr Kind verstehen, was im Bauch passiert. Kinder, die wissen, warum ihr Bauch wehtut, machen oft deutlich besser mit.

Für den Alltag haben sich feste Toilettenzeiten bewährt:

  • Nach den Mahlzeiten etwa fünf Minuten auf die Toilette setzen. Nach dem Essen wird der Darm von selbst aktiver, diesen natürlichen Reflex kann Ihr Kind nutzen.
  • Die Füße sollten fest stehen, bei kleineren Kindern auf einem Hocker. So kann sich der Beckenboden besser entspannen.
  • Kleine Belohnungen, etwa ein Sticker im Kalender, für das Hinsetzen, nicht für den Erfolg.
  • Sprechen Sie mit Kita oder Schule, wenn Ihr Kind dort ungern zur Toilette geht. Oft lässt sich eine ruhigere Toilette oder ein fester Zeitpunkt vereinbaren.

Bei der Ernährung braucht es keine Sonderregeln. Die neue Leitlinie empfiehlt eine ausgewogene Kost mit altersgerechten Mengen an Ballaststoffen und Wasser sowie normale Bewegung. Gemüse, Obst und Vollkornprodukte gehören also dazu, mehr als die normal empfohlenen Mengen bringt nach aktueller Studienlage aber keinen zusätzlichen Nutzen. Ernährung allein reicht bei einer ausgeprägten Verstopfung meist nicht aus.

Macrogel macht den Stuhl weicher

Macrogol ist in der neuen Leitlinie als einziges Medikament mit einer starken Empfehlung bewertet. Macrogol bindet Wasser im Darm und macht den Stuhl dadurch weicher, sodass der Stuhlgang wieder schmerzfrei wird. Je nach Präparat ist Macrogol in Deutschland ab sechs Monaten oder ab zwei Jahren zugelassen.

Die Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht und wird so angepasst, dass Ihr Kind täglich oder jeden zweiten Tag weichen Stuhl hat. Hat sich bereits viel Stuhl angestaut, wird der Darm zunächst für einige Tage mit einer höheren Dosis entleert.

Viele Eltern befürchten, dass sich der Darm an das Medikament gewöhnt. Nach heutigem Wissen ist diese Sorge bei Macrogol unbegründet, denn es reizt den Darm nicht, sondern hält lediglich Wasser im Stuhl.

Viel wichtiger ist es, dass es lange genug gegeben wird. Die deutsche Leitlinie empfiehlt mindestens sechs Monate, danach wird langsam ausgeschlichen. Der Grund: Der gedehnte Enddarm braucht Zeit, um wieder seine normale Größe und sein Gespür für den Stuhldrang zurückzugewinnen. Wird Macrogol zu früh abgesetzt, sind Rückfälle häufig.

Für Probiotika zeigt die neue Leitlinie nur bei wenigen ganz bestimmten Präparaten einen kleinen Effekt, eine allgemeine Empfehlung gibt es nicht.

Welche seltenen Ursachen gibt es?

Hinter einer Verstopfung steckt nur selten eine körperliche Erkrankung. Das bekannteste Beispiel ist der Morbus Hirschsprung, von dem etwa eines von 5.000 Neugeborenen betroffen ist, Jungen deutlich häufiger als Mädchen.

Dabei fehlen im letzten Abschnitt des Darms von Geburt an die Nervenzellen, die die Darmbewegung steuern. Dieser Abschnitt des Darms kann sich nicht entspannen und der Stuhl staut sich davor. Typisch ist, dass das Neugeborene seinen ersten Stuhl, das Kindspech (Mekonium), erst später als 48 Stunden nach der Geburt absetzt. Behandelt wird der Morbus Hirschsprung mit einer Operation.

Weitere mögliche Ursachen sind unter anderem eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Zöliakie (Unverträglichkeit von Gluten, einem Eiweiß in vielen Getreidesorten), eine Kuhmilcheiweißallergie, Fehlbildungen am Enddarm oder After sowie verborgene Fehlbildungen am unteren Rückenmark.

Wann sollten Eltern zum Arzt?

Hält eine Verstopfung länger als zwei Wochen an, hat Ihr Kind beim Stuhlgang Schmerzen oder ist inkontinent, sprechen Sie uns an. Je früher der Teufelskreis durchbrochen wird, desto leichter gelingt es. Folgenden Warnzeichen sollten auf jeden Fall ärztlich abgeklärt werden:

  • Verstopfung schon in den ersten Lebenswochen oder verspäteter erster Stuhl nach der Geburt
  • Stark aufgeblähter Bauch, Erbrechen (besonders grünlich-galliges)
  • Fieber, Gewichtsverlust oder schlechtes Gedeihen
  • Blut im Stuhl, ohne dass ein Einriss am After erkennbar ist
  • Auffallend dünner, bleistiftförmiger Stuhl
  • Keine Besserung trotz konsequenter Behandlung

Fazit

Verstopfung ist bei Kindern häufig, meistens funktionell und gut behandelbar. Der Schlüssel liegt darin, den Kreislauf aus Schmerz und Einhalten zu durchbrechen: mit Geduld und Verständnis, festen Toilettenzeiten und weichem Stuhl durch Macrogol. Etwa die Hälfte der Kinder ist nach sechs bis zwölf Monaten beschwerdefrei und braucht keine Medikamente mehr. Bei anderen dauert es länger, und auch Rückschläge gehören dazu.

Kommen Sie gesund durch den Herbst!
Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Weiterführende Informationen: AWMF S2k-Leitlinie „Funktionelle (nicht-organische) Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter” (GPGE/DGKJP), ESPGHAN/NASPGHAN-Leitlinie zur Behandlung der funktionellen Obstipation (2026), Kinderärzte-im-Netz, Kindergesundheit-info.de (BIÖG). Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizinin Refrath.


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Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

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