Franziska Hock leitet die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Foto: privat

Wut ist keine „negative“ Emotion. Sie macht uns vielmehr auf Grenzen, Bedürfnisse und Belastungen aufmerksam. Franziska Hock von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung erklärt, wie wir aus der impulsiven Reaktion raus- und ins Verstehen der Wut reinkommen – für einen gewaltfreien Umgang mit uns selbst und unseren Kindern.

Kennst du das? Ein Satz, ein bestimmtes Verhalten oder eine Situation – und plötzlich steigt die Wut in dir auf. Du reagierst heftiger, als du es eigentlich möchtest, wirst laut oder handelst impulsiv. Im Nachhinein fragst du dich vielleicht: Warum habe ich so reagiert?

Solche Situationen erleben viele Menschen. Häufig steckt hinter einer starken Wutreaktion mehr als der konkrete Auslöser im Hier und Jetzt.

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Woher kommt die Wut wirklich?

Intensive Gefühle – sowohl die eigenen als auch die der Kinder – können unbewusst Erfahrungen aus der eigenen Kindheit aktivieren. Besonders dann, wenn wir selbst gelernt haben, dass bestimmte Gefühle unerwünscht oder nicht willkommen sind.

Viele Menschen sind mit Botschaften aufgewachsen, die darauf abzielten, Gefühle möglichst schnell zu unterdrücken oder zu kontrollieren. Reaktionen von Erwachsenen konnten beispielsweise sein:

  • Gefühle wurden mit Liebesentzug beantwortet: „Wenn du so bist, dann mag ich nicht mehr mit dir spielen.“
  • Kinder wurden aus der Situation ausgeschlossen: „Geh sofort auf dein Zimmer.“
  • Es wurden Schuldgefühle erzeugt, indem die Verantwortung für die Gefühle anderer übertragen wurde: „Schau mal, jetzt ist die Oma traurig, nur weil du so eine Show abziehst.“
  • Emotionen wurden durch Strafen oder Konsequenzen sanktioniert: „Dann gibt es heute kein Nachtisch mehr oder keine Gute-Nacht-Geschichte.“

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Solche Erfahrungen prägen unser Verständnis von Gefühlen und beeinflussen häufig auch, wie wir heute mit den Emotionen unserer Kinder umgehen. Gerade Kinder können unbewusst Themen berühren, die eng mit unserer eigenen Lebensgeschichte verknüpft sind.

Das bedeutet nicht, dass man ein schlechtes Elternteil ist. Es zeigt vielmehr, dass das eigene Verhalten von früheren Erfahrungen geprägt ist.

Viele Eltern möchten ihre Kinder heute liebevoll und bedürfnisorientiert begleiten. Gleichzeitig stehen sie vor der Herausforderung, dass sie selbst häufig andere Erfahrungen gemacht haben. Dieser innere Widerspruch kann insbesondere in belastenden Alltagssituationen deutlich spürbar werden.

Wut als wichtige Hinweisgeberin

Wut gehört zu den Basisemotionen und erfüllt eine wichtige Schutzfunktion. Sie macht darauf aufmerksam, dass etwas für uns nicht stimmig ist. Sie kann unter anderem entstehen, wenn …

  • persönliche Grenzen überschritten werden.
  • eigene Werte oder Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden.
  • Aussagen getroffen werden, die verletzend oder entwertend wirken.
  • das Gefühl entsteht, in der eigenen Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder überfordert zu sein.
  • sich Hilflosigkeit oder Überforderung aufbauen.

Erste Schritt: eigene Grenzen wahrnehmen

Bevor aus einem Gefühl eine Handlung wird, hilft es, die eigene innere Reaktion bewusst wahrzunehmen. Ein hilfreicher Gedanke kann sein: „Ich merke, dass ich gerade an meine Grenze komme.“

Dieses bewusste Wahrnehmen schafft einen wichtigen Moment zwischen Reiz und Reaktion. Dadurch entsteht die Möglichkeit, die Situation reflektierter zu gestalten, anstatt ausschließlich impulsiv zu handeln.

Folgende Fragen können dabei unterstützen, die eigene Wut besser einzuordnen:

  • An welcher Stelle im Körper nehme ich die Wut zuerst wahr?
  • Welche Situationen oder Verhaltensweisen lösen sie besonders häufig aus?
  • Gibt es wiederkehrende Muster oder Themen, die sich erkennen lassen?
  • Welche körperlichen Warnsignale zeigen sich bereits, bevor die Wut ihren Höhepunkt erreicht?

Der Notfallkoffer – akute Entlastung schaffen

Ist die Wut bereits sehr intensiv, steht zunächst die körperliche Regulation im Vordergrund. Ziel ist es, die Anspannung abzubauen, bevor gehandelt wird und es möglicherweise zu Anschreien, grobem Zerren oder sogar zu körperlicher oder verbaler Gewalt kommt.

Hilfreich können beispielsweise sein:

  • Bewegung nutzen, z. B. tanzen, hüpfen oder Hampelmänner machen.
  • Körperliche Anspannung abbauen, z. B. in ein Kissen schlagen.
  • Die Situation kurz verlassen und Abstand gewinnen.
  • Bewusst tief durchatmen, idealerweise am offenen Fenster.
  • Regulierende Körperübungen, z. B. mit der App body2brain, durchführen.

Was steckt hinter der Wut?

Hat sich das Nervensystem etwas beruhigt, lohnt sich ein genauerer Blick auf das eigentliche Bedürfnis hinter der Emotion. Denn Wut ist ein Sekundärgefühl. Das bedeutet: Ich bin wütend, weil …

  • ich mich überfordert oder hilflos fühle.
  • sich im Hintergrund Angst, Unsicherheit oder Traurigkeit verbergen.
  • wichtige Bedürfnisse bislang nicht berücksichtigt wurden.
  • meine Ressourcen erschöpft sind und mir Erholung fehlt.
  • ich dauerhaft zu viele Anforderungen gleichzeitig bewältigen muss.

Wut ist keine „negative“ Emotion und auch kein Zeichen persönlichen Versagens. Sie erfüllt eine wichtige Funktion: Sie macht auf Grenzen, Bedürfnisse und Belastungen aufmerksam.

Je besser es gelingt, die Botschaft hinter der Wut zu verstehen, desto eher kann sie zu einem hilfreichen Orientierungssignal werden – für einen achtsameren und gewaltfreien Umgang mit sich selbst und mit den eigenen Kindern.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

leitet seit 2021 die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie „Soziale Arbeit“ und schloss einen Master of Counseling in Ehe-, Familien- und Lebensberatung ab. Eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin ergänzt...

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