Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Die ersten Schulwochen liegen hinter uns, und für viele Kinder bedeutet das: lange Vormittage, volle Stundenpläne und zu wenig Zeit zum Trinken. Manche meiden auch die Schultoilette und halten lieber bis zum Nachmittag durch. Genau solche Gewohnheiten können einen Harnwegsinfekt begünstigen, eine der häufigsten bakteriellen Infektionen im Kindesalter. Doch woran erkennen Sie ihn – besonders bei Babys, die noch nicht sagen können, was ihnen wehtut? Und wann muss ein Antibiotikum sein?

Bei einem Harnwegsinfekt gelangen Bakterien über die Harnröhre in die Blase und vermehren sich dort. In etwa 80 % der Fälle handelt es sich um Darmbakterien vom Typ Escherichia coli (E. coli).

Es wird zwischen zwei Formen des Harnwegsinfektes unterschieden: Bei einer Blasenentzündung (Zystitis) bleibt die Entzündung auf die Blase und die Harnröhre beschränkt, Fieber fehlt meist oder ist gering. Steigen die Bakterien weiter über die Harnleiter bis zur Niere auf, spricht man von einer Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis). Sie geht in der Regel mit Fieber einher und ist die ernstere Form, weil sie das Nierengewebe schädigen kann.

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Bis zum sechsten Lebensjahr hat etwa jedes 14. Mädchen und jeder 50. Junge mindestens einen Harnwegsinfekt durchgemacht. In den ersten Lebensmonaten sind Jungen häufiger betroffen, danach deutlich öfter Mädchen, weil ihre Harnröhre kürzer ist und Bakterien so leichter in die Blase gelangen.

Woran erkennt man einen Harnwegsinfekt?

Die Beschwerden hängen stark vom Alter ab. Ältere Kinder können sie meist gut beschreiben, bei Säuglingen und Kleinkindern ist das Bild dagegen oft unspezifisch. Typische Anzeichen sind:

  • Säuglinge: Fieber ohne erkennbaren Grund ist oft das einzige Zeichen. Hinzu kommen können Trinkschwäche, Erbrechen, Durchfall oder auffällige Unruhe. Bei Neugeborenen kann das Fieber sogar fehlen, stattdessen fallen sie durch Trinkschwäche, Gelbsucht oder eine blass-graue Hautfarbe auf.
  • Kleinkinder: häufiges Wasserlassen, Bauchschmerzen, Weinen beim Pipimachen oder erneutes Einnässen, obwohl das Kind schon trocken war.
  • Schulkinder und Jugendliche: Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen, ständiger Harndrang mit nur kleinen Urinmengen, Schmerzen im Unterbauch, manchmal übelriechender oder trüber Urin.

Kommen hohes Fieber, Schmerzen in der Flanke oder im Rücken, Erbrechen und ein deutliches Krankheitsgefühl hinzu, deutet das auf eine Nierenbeckenentzündung hin.

Gut zu wissen: Bei Babys und Kleinkindern mit Fieber ohne erkennbare Ursache, also ohne Schnupfen, Husten oder gerötete Ohren, denken wir in der Praxis immer auch an einen Harnwegsinfekt und untersuchen den Urin.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Entscheidend ist eine Urinprobe. Mit einem Teststreifen lassen sich weiße Blutkörperchen (Leukozyten) als Zeichen einer Entzündung und Nitrit, ein Stoffwechselprodukt vieler Bakterien, innerhalb weniger Minuten nachweisen. Bestätigt wird die Diagnose durch eine Urinkultur im Labor, die auch zeigt, welches Antibiotikum am besten wirkt.

Nach dem ersten Harnwegsinfekt mit Fieber empfiehlt die deutsche Leitlinie bei allen Kindern eine Ultraschalluntersuchung von Nieren und Blase. Sie ist schmerzfrei und zeigt, ob Fehlbildungen oder Harnstauungen vorliegen.

Ob weitere Untersuchungen sinnvoll sind, hängt vom Alter, vom Ultraschallbefund und vom Verlauf ab. Vor allem bei Säuglingen, bei wiederholten Infekten oder einem auffälligen Ultraschall wird geprüft, ob ein vesikoureteraler Reflux vorliegt, also ein Rückfluss von Urin aus der Blase zurück in Richtung Niere.

Wie wird ein Harnwegsinfekt behandelt?

Ein Harnwegsinfekt mit Beschwerden wird mit einem Antibiotikum behandelt. Bei einer einfachen Blasenentzündung reichen meist drei bis fünf Tage. Eine Nierenbeckenentzündung wird länger behandelt, in der Regel sieben bis zehn Tage.

Die gute Nachricht: Die meisten Kinder können das Antibiotikum als Saft oder Tablette zu Hause einnehmen. Studien zeigen, dass diese Behandlung bei Kindern in gutem Allgemeinzustand genauso wirksam ist wie eine Infusion.

Säuglinge in den ersten Lebensmonaten sowie Kinder, die stark geschwächt sind, erbrechen oder nicht ausreichend trinken, werden dagegen zunächst im Krankenhaus über die Vene behandelt.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Wichtig ist, das Antibiotikum so lange zu geben wie verordnet, auch wenn es Ihrem Kind schon nach ein bis zwei Tagen deutlich besser geht. Die Symptome klingen oft schnell ab, doch bis die Bakterien in Blase und Nieren vollständig beseitigt sind, dauert es etwas länger.

Gegen Schmerzen und Fieber können zusätzlich Paracetamol oder Ibuprofen in altersgerechter Dosierung helfen, dazu reichlich Flüssigkeit, damit die Blase regelmäßig durchgespült wird.

Übrigens: Werden bei einer Routineuntersuchung zufällig Bakterien im Urin gefunden, ohne dass Ihr Kind Beschwerden hat (asymptomatische Bakteriurie), ist in der Regel keine Behandlung nötig. Diese Bakterien sind meist harmlos, und ein Antibiotikum würde eher schaden als nützen.

Wann sollten Eltern zum Arzt?

Bei Verdacht auf einen Harnwegsinfekt sollten Sie Ihr Kind zeitnah vorstellen. Eine rasche Behandlung beugt einer Ausbreitung auf die Nieren vor. Umgehend ärztliche Hilfe brauchen Sie in diesen Situationen:

  • Säuglinge unter 3 Monaten mit einer Temperatur ab 38,0 °C
  • Fieber zusammen mit Flanken- oder Rückenschmerzen
  • Ihr Kind wirkt sehr krank, ist ungewöhnlich schläfrig oder teilnahmslos
  • Wiederholtes Erbrechen oder Trinkverweigerung
  • Blut im Urin
  • Das Fieber besteht 48 Stunden nach Beginn der Antibiotikabehandlung weiterhin

Wie kann ich vorbeugen?

Etwa jedes vierte Kind erlebt nach einem ersten Harnwegsinfekt innerhalb von zwei Jahren einen weiteren. Einige einfache Alltagsgewohnheiten können das Risiko senken:

  • Ausreichend trinken: Wasser oder ungesüßter Tee, über den Tag verteilt. Eine eigene Trinkflasche im Schulranzen hilft dabei.
  • Regelmäßig zur Toilette gehen: Die Blase sollte alle paar Stunden vollständig entleert werden. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, dass „Einhalten” auf Dauer nicht gut ist, und ermutigen Sie es, auch in Kita und Schule zur Toilette zu gehen.
  • Verstopfung behandeln: Ein voller Darm drückt auf die Blase und erschwert die vollständige Entleerung. Ballaststoffreiche Ernährung und Bewegung helfen, bei anhaltender Verstopfung sprechen Sie uns gerne an.
  • Richtige Intimhygiene: Mädchen sollten nach dem Stuhlgang von vorne nach hinten abwischen, damit keine Darmbakterien in Richtung Harnröhre gelangen.
  • Stillen: Muttermilch kann bei Säuglingen das Risiko für Harnwegsinfekte senken.

Bei Kindern mit wiederkehrenden Blasenentzündungen kann zudem Cranberrysaft helfen, weiteren Infekten vorzubeugen. In mehreren Studien traten bei Kindern, die über Monate täglich Cranberrysaft tranken, seltener erneute Infekte auf. Die untersuchten Mengen reichten dabei von einem kleinen Glas (50 ml) bis zu 300 ml am Tag, eine einheitliche Empfehlung gibt es bisher nicht.

Da viele Säfte reichlich Zucker enthalten, sprechen Sie uns gern an, bevor Sie damit beginnen. Einen akuten Harnwegsinfekt behandeln Cranberrys nicht. Für Mannose und für Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich konnte in Studien kein überzeugender Nutzen gezeigt werden.

Fazit

Harnwegsinfekte sind bei Kindern häufig und lassen sich gut behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Bei Babys ist Fieber ohne erkennbare Ursache oft das einzige Warnzeichen, bei älteren Kindern das Brennen beim Wasserlassen. Ausreichendes Trinken sowie regelmäßige Toilettengänge sind im Alltag der beste Schutz.

Kommen Sie gesund in den Herbst!
Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Weiterführende Informationen: AWMF S2k-Leitlinie „Harnwegsinfektionen im Kindesalter” (Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie), Kindergesundheit-info.de (BZgA), Kinderärzte-im-Netz. Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizinin Refrath.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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