Franziska Hock leitet die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Foto: privat

„Den perfekten Partner gibt es nicht – und wir können trotzdem miteinander glücklich sein.“ Warum Unterschiede in einer Beziehung normal sind – und wie Paare mit Differenzen bei Autonomie und Bindung umgehen, erklärt Franziska Hock von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung.

Kennen Sie das? Sie freuen sich auf einen gemeinsamen Abend, doch Ihr Partner oder Ihre Partnerin möchte lieber Zeit für sich verbringen. Sie planen den nächsten Urlaub, während Ihr Gegenüber sich nach einem ruhigen Wochenende zu Hause sehnt.

Solche Situationen erleben nahezu alle Paare. Dabei entsteht schnell die Frage: Warum möchte er oder sie etwas anderes als ich? Die Antwort ist überraschend einfach: Weil wir unterschiedliche Menschen sind.

Jeder Mensch und jede Partnerschaft bewegt sich zwischen zwei Bedürfnissen: Autonomie und Bindung. Beide gehören zum Leben und sind wichtig. Manchmal steht die Sehnsucht nach Nähe im Vordergrund, manchmal der Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit.

Das gilt für beide Partner:innen – allerdings häufig nicht zur gleichen Zeit.

Die Wunschvorstellung – und die Realität

In Beziehungen wünschen wir uns oft, dass unser Partner oder unsere Partnerin genau das möchte, was wir gerade brauchen:

  • Habe ich Lust auf Nähe, wünsche ich mir, dass der andere sie ebenfalls sucht.
  • Möchte ich Zeit für mich, wäre es schön, wenn der andere genauso empfindet.

Im Alltag sieht das jedoch anders aus. Vielleicht möchte eine/r gerade:

  • Einen gemeinsamen Abend verbringen – während der/die andere Ruhe oder Zeit mit Freunden sucht
  • heiraten – der/die andere (noch) nicht,
  • zusammenwohnen – während der/die andere mehr Zeit wünscht oder lieber alleine lebt
  • Kinder bekommen – während der/die andere unsicher ist oder keine Kinder möchte

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Solche Unterschiede bedeuten nicht, dass die Beziehung nicht funktioniert. Sie zeigen vielmehr, dass zwei eigenständige Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen miteinander verbunden sind.

Diese Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und den anderen als eigenständige Person wahrzunehmen, wird als Differenzierung bezeichnet.

Differenz ist normal

Unsere Bedürfnisse nach Nähe und Freiraum verändern sich immer wieder – bei jedem Menschen und selten im gleichen Moment.

Deshalb sind Unterschiede in einer Beziehung die Regel und nicht die Ausnahme. Es gibt dabei kein grundsätzliches „richtig“ oder „falsch“.

Manche Verhaltensweisen können eine Beziehung stärker fördern als andere. Entscheidend ist jedoch, ob beide Partner:innen lernen, die Unterschiedlichkeit des/der anderen anzunehmen und respektvoll damit umzugehen.

Unterschiede gehören dazu

Unterschiede sind kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt – sie gehören zu jeder lebendigen Beziehung.

Wer dauerhaft versucht, den/die andere/n zu verändern oder von der eigenen Sichtweise und den eigenen Bedürfnissen zu überzeugen, gerät häufig in wiederkehrende Konflikte und schafft eher Distanz.

Hilfreicher ist es, die Bedürfnisse des/der anderen zu erfragen und Unterschiede stehen lassen zu können (auch wenn ich es anders sehe und vielleicht nicht nachvollziehen kann).

Aufeinander zugehen

Langfristig macht nicht die Anzahl der Kompromisse Paare glücklicher, sondern die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig Wünsche zu erfüllen. Mal kommt eine Person der anderen entgegen, mal umgekehrt.

So entsteht echte Verbundenheit – nicht dadurch, dass beide immer dasselbe wollen, sondern dadurch, dass beide sich gesehen, verstanden und ernst genommen fühlen.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

leitet seit 2021 die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie „Soziale Arbeit“ und schloss einen Master of Counseling in Ehe-, Familien- und Lebensberatung ab. Eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin ergänzt...

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