Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, doch Zecken sind weiterhin aktiv. Viele Regionen erleben im Spätsommer und Frühherbst sogar noch einmal einen Anstieg. Die meisten Eltern kennen die Wanderröte nach einem Zeckenstich als typisches Warnzeichen für eine Borreliose. Weniger bekannt ist eine seltene, aber ernstzunehmende Komplikation, die auch ohne Wanderröte auftreten kann: die Neuroborreliose.

Borrelien sind Bakterien, die im Darm des Gemeinen Holzbocks leben, der wichtigsten Zeckenart in Deutschland. Erst wenn die Zecke Blut saugt, wandern sie innerhalb mehrerer Stunden in die Speicheldrüsen und gelangen von dort mit dem Speichel in die Haut.

Das unterscheidet sie von den Viren der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die schon vor dem Stich in der Speicheldrüse sitzen und praktisch sofort übertragen werden: Wer eine Zecke zügig entfernt, senkt das Borreliose-Risiko deutlich, das FSME-Risiko aber kaum.

Gegen FSME gibt es seit Jahrzehnten Impfstoffe, gegen Borreliose noch keinen zugelassenen, dafür wirkt eine Antibiotikabehandlung bei einer Borreliose sehr zuverlässig.

Von der Einstichstelle aus vermehren sich die Bakterien zunächst lokal in der Haut. Bei den meisten Kindern zeigt sich das, meist 7 bis 10 Tage nach dem Stich, teils erst nach bis zu 30 Tagen, als Wanderröte (Erythema migrans).

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Auch unbehandelt verblasst sie oft innerhalb weniger Wochen von selbst, das bedeutet aber nicht, dass die Infektion ausgeheilt ist: Die Bakterien können im Gewebe verbleiben und sich unbemerkt weiter ausbreiten. Deshalb wird eine nachgewiesene Borreliose grundsätzlich mit Antibiotika behandelt, auch wenn die Hautveränderung schon von selbst verschwunden ist – ein Abwarten wird in keinem Stadium empfohlen.

Was ist eine Neuroborreliose?

Bei einem Teil der Infektionen gelangen die Bakterien über Blut- und Lymphbahnen weiter in andere Organe. Wo sie sich festsetzen, bestimmt das Krankheitsbild, es handelt sich aber immer um dieselbe Infektion mit Borrelia burgdorferi, nur mit unterschiedlichem Gesicht:

  • Haut (spät): Acrodermatitis chronica atrophicans (Blaurote Hautschwellung gefolgt von Papier-dünner Haut), Monate bis Jahre nach der Infektion, bei Kindern sehr selten
  • Gelenke: Lyme-Arthritis, meist Knie- oder Sprunggelenk, bei etwa 5 % der Infizierten
  • Herz: Lyme-Karditis, bei unter 5 %, Erregungsleitungsstörungen bis hin zum AV-Block
  • Nervensystem: Neuroborreliose, bei etwa 3 % der erfassten Fälle – das Thema dieses Artikels

Die klassische Einteilung in Stadien, von der Wanderröte über diese Ausbreitung bis zu den genannten Organmanifestationen, beschreibt nur ein mögliches Muster, keinen Ablauf, den jedes Kind sichtbar durchläuft.

Eine Neuroborreliose macht sich zudem oft erst mehrere Wochen nach dem Stich bemerkbar: In einer schwedischen Kohortenstudie hatten nur 36 % der betroffenen Kinder zuvor überhaupt eine bemerkte Wanderröte.

Neurologische Symptome wie anhaltende Kopfschmerzen oder eine Gesichtslähmung können also das erste und einzige Anzeichen einer Borreliose sein, doch einen lange zurückliegenden Zeckenstich bringt man vielleicht nicht als erstes damit in Verbindung.

Woran erkennt man eine Neuroborreliose?

Bei Kindern zeigt sich eine Neuroborreliose anders als bei Erwachsenen. Während bei Erwachsenen häufig brennende, nachts betonte Nervenwurzelschmerzen im Vordergrund stehen (Bannwarth-Syndrom), sind bei Kindern zwei andere Verläufe typisch: eine einseitige Gesichtslähmung (periphere Fazialisparese) oder eine Hirnhautentzündung (Meningitis) mit Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und mäßigem Fieber.

Der Gesichtslähmung gehen häufig unspezifische Beschwerden voraus wie wiederkehrende, oft nächtliche Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und spürbare Mattigkeit über einige Tage bis Wochen. Erst danach fallen häufig ein hängender Mundwinkel oder ein unvollständiger Lidschluss auf einer Gesichtshälfte auf.

Wichtig zu wissen: Nicht jede Gesichtslähmung bei einem Kind geht auf eine Borreliose zurück, insgesamt ist die Fazialisparese ohne erkennbare Ursache sogar häufiger. Beide Formen erholen sich in etwa 90 % der Fälle vollständig, unterscheiden sich aber in der Behandlung. Deshalb ist eine ärztliche Abklärung in jedem Fall sinnvoll.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Bei Verdacht auf Borrelieninfektion bei typischen Symptomen erfolgt eine zweistufige Blutuntersuchung auf Antikörper gegen Borrelien.

Bei Verdacht auf eine Neuroborreliose folgt zusätzlich eine Liquorpunktion, die Entnahme einer kleinen Menge Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal.

Wie wird eine Neuroborreliose behandelt?

Die gute Nachricht: Neuroborreliose ist eine bakterielle Erkrankung und lässt sich gut mit Antibiotika behandeln. Die Prognose bei Kindern ist sehr gut: Etwa 90 % erholen sich vollständig, bei sechs von zehn Kindern bessern sich die Symptome bereits innerhalb der ersten vier Wochen nach Therapiebeginn. Kinder erholen sich dabei im Schnitt schneller und vollständiger als Erwachsene.

Wann sollten Eltern zum Arzt?

Folgende Anzeichen sollten Sie zeitnah ärztlich abklären lassen, besonders nach einem Aufenthalt in Wald oder hohem Gras während der Zeckensaison:

  • Eine sich ausbreitende Rötung um eine Einstichstelle, auch noch Wochen nach dem Stich
  • Eine neu auftretende Schwäche oder Lähmung einer Gesichtshälfte
  • Anhaltende oder nächtlich betonte Kopfschmerzen zusammen mit Nackensteifigkeit
  • Auffällige Mattigkeit, Appetitlosigkeit oder Fieber ohne erkennbaren anderen Grund

Ein erinnerter Zeckenstich ist dabei keine Voraussetzung: Zeckenstiche bleiben, besonders im Haaransatz oder hinter den Ohren, häufig unbemerkt.

Wie kann ich vorbeugen?

Der wirksamste Schutz beginnt schon vor dem Stich: Geschlossene, helle Kleidung beim Spielen im Wald oder auf hohen Wiesen, lange Hosen in die Socken gesteckt und kindergeeignete Insektenschutzmittel erschweren Zecken das Festsetzen.

Nach jedem Aufenthalt im Freien lohnt sich ein gründliches Absuchen der Haut, bei Kindern besonders im Kopf- und Nackenbereich, am Haaransatz und hinter den Ohren, da Zecken dort aufgrund der geringeren Körpergröße häufiger sitzen als bei Erwachsenen.

Wird eine Zecke gefunden, gilt es, sie schnell und richtig zu entfernen: Mit einer spitzen Pinzette oder Zeckenzange möglichst nah am Kopf der Zecke fassen, nicht am Hinterleib quetschen, und die Zecke langsam und gerade herausziehen.

Auf Öl, Klebstoff oder Nagellack sollten Sie verzichten, das reizt die Zecke eher und begünstigt die Erregerabgabe, statt sie zu verhindern. Je zügiger die Entfernung gelingt, desto geringer das Borreliose-Risiko.

Gegen Borreliose gibt es noch keine Impfung. Ein möglicher Impfstoff hat in einer großen Studie eine Wirksamkeit von rund 73 % gezeigt, und die Hersteller planen für die zweite Jahreshälfte 2026 die Zulassungsanträge in den USA und Europa.

Mit oder ohne Impfstoff gilt jedoch: aufmerksames Absuchen und rasches Entfernen von Zecken ist der beste Schutz gegen Borreliose.

Fazit

Eine Neuroborreliose ist selten, aber gut behandelbar, vorausgesetzt, sie wird erkannt. Eine Gesichtslähmung, anhaltende Kopfschmerzen oder Nackensteifigkeit nach einem Aufenthalt im Grünen sollten Sie daher ernst nehmen und ärztlich abklären lassen, auch wenn Ihr Kind sich an keinen Zeckenstich erinnert. Mit der richtigen Diagnose und Antibiotikatherapie erholen sich die meisten Kinder vollständig.

Kommen Sie gesund durch die letzten Sommerwochen!

Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Weitere Informationen: Robert Koch-Institut (RKI-Ratgeber Lyme-Borreliose), AWMF-Leitlinie Neuroborreliose (Deutsche Gesellschaft für Neurologie). Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizinin Refrath.


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Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

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