Die Regionale 2010 soll regionale Eigenarten betonen und verstärken. Werden die Planungen für die Stadtmitte Bergisch Gladbach dieser Zielsetzung wirklich gerecht?

Natürlich besteht eine Großstadt wie Bergisch Gladbach nicht aus Fachwerkhäusern. Fachwerkhäuser und schiefergedeckte Fassaden gaben und geben dem Bergischen Land aber sein unverwechselbares Gesicht. Müsste diese Stadt, die oft als Eingang oder sogar Hauptstadt des Bergischen Landes bezeichnet wird, nicht um den Erhalt jedes einzelnen dieser Häuser kämpfen?

In diesem Zusammenhang erscheint es unverständlich, dass ein Abriss des Waatsack überhaupt in Erwägung gezogen wird. Der Bergische Geschichtsverein hat in dieser Hinsicht eine eindeutige Stellung bezogen, wie man auf seiner Internetseite nachlesen kann. Ist es da nicht merkwürdig oder verdächtig, dass gerade Kreise, die sonst ihre Traditionsbewusstheit betonen, sich für den Abriss von 11(!) Häusern in diesem Bereich stark machen?

Aus derselben politischen Richtung hört man immer wieder das verräterische Wort „Sichtachse“. Der Autoverkehr aus Osten soll eine freie Sichtachse auf die Gnadenkirche haben. Der Autoverkehr aus Süden soll eine freie Sichtachse auf das Rathaus erhalten.

Man muss sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen lassen. Leben Menschen in Blicken auf Achsen? Das wären dann so etwas wie Blicke durch dünne Tunnel. Allenfalls noch der Blick des Fotografen, wobei auch dieser ein reduziertes Erleben der Wirklichkeit darstellt. Und ist nicht unsere Zeit in Gefahr, an so vielen Stellen Raum- und Körper- und ganzheitliches Erleben auf zweidimensionale Bildschirme zu reduzieren?

Wie wohltuend ist demgegenüber, was uns der Kern der Stadt Bergisch Gladbach mit seiner Anbindung an den Naturraum Bergisches Land bietet: Keine Sichtachsen, sondern Räume! Haben wir nicht im Zentrum der Stadt drei wunderbare Räume, die es zu erhalten gilt: den Marktplatz, der in seiner Größe weithin einzigartig ist, die anschließenden Fußgängerzonen und den Forumspark, alles großzügig und begrünt, so miteinander verbunden, dass sie dem Mittwochs- und Samstagsmarkt und auch großen Veranstaltungen und ihrem Publikum, wie zum Beispiel der Laurentiuskirmes, ausreichend Raum bieten.

Diese Räume werden von Fußgängern und Radfahrern, nicht von Menschen in Blechhülle, erlebt. Das Auto ist lediglich ein notwendiges Mittel, um diese Räume zu erreichen. Wir brauchen keine Sichtachsen für Autofahrer. Die Autofahrer sollen sich auf den Verkehr konzentrieren und dann so schnell wie möglich aus ihren Gefährten aussteigen.

Als Fußgänger und Radfahrer brauchen wir in diesen Räumen allerdings Schutz vor Lärm, Gestank und der Hektik des Autoverkehrs. Das war ja wohl der Grund für die Lärmschutzwand hinter dem Restaurant Paas. Und wenn diese Lärmschutzwand kein Ausbund an Schönheit ist, so sollte man sie – eventuell mit Natursteinen – verbessern, aber uns doch nicht ihrer sinnvollen Funktion durch Abriss berauben.

Unsere städtischen Räume werden von einer architektonischen Vielfalt von Gebäuden umstanden, wenn es sich auch „nur“ um Neogotik, Neorenaissance, Neobarock und Neoromanik handelt. Unverwechselbar sind sie allemal. Und in den Bauten von Gottfried Böhm, wie dem Bergischen Löwen und in Bensberg dem „Affenfelsenrathaus“, handelt es sich um phantasievolle moderne Architektur, die die Möglichkeiten moderner Baukunst nutzt, wie es in unserer Zeit leider nicht allzu oft geschieht.

Gottfried Böhm hat in Bensberg und Gladbach bewiesen, wie man sinnvoll, respektvoll und phantasievoll Altes mit Neuem verbindet.

Bei den – leider schon preisgekrönten – Entwürfen für die Neugestaltung der Stadtmitte kann ich solches nicht erkennen. Die Phantasie scheint hier in einer exzessiven Anwendung des rechten Winkels zu bestehen und von einer Betonung regionaler Eigenart kann überhaupt keine Rede sein. Was in einem von preußischer Bautradition geprägten Berlin sinnvoll ist, ist in einer bergischen Stadt noch lange nicht sinnvoll und angemessen.

Viele Bürger freuen sich auf eine Wiederbelebung der Strunde, haben sich schon über das kleine Beispiel vor der Villa Zanders gefreut und zeigen sich hocherfreut über die Aussicht auf einen weiteren Raum für Bürger, den Buchmühlenpark. Aber doch nicht so! In Grevenbroich können Stadtväter und Architekten ein Beispiel bewundern, wie man eine renaturierte Erft zum lebendigen und herzerquickenden Zentrum einer modernen Stadt werden lassen kann.

Warum bei uns eine langweilig in ein enges Bett gepresste Strunde? Wenn der Fluss in seinem lebendigen Oberlauf davon erfährt, dreht er sich angewidert in seinem Bett herum. Das mir, wird er sagen, in einer Zeit, in der man wegen der zunehmenden Hochwassergefahr sogar meinen großen Brüdern wie dem Rhein wieder mehr Raum geben will.

Zusammengefasst sollte man den Planern und Stadtvätern unbedingt auf den Weg geben:

  1. Waatsack und Umgebung nicht abreißen, sondern pflegen und erneuern*
  2. Lärmschutzmauer erhalten und verschönern
  3. den Markt unangetastet lassen*
  4. den Forumspark in seiner Großzügigkeit belassen und zusätzlich durch einen naturnahen Verlauf der Strunde beleben
  5. die echte neue Tat: einen von einer naturnahen Strunde geprägten Buchmühlenpark als zusätzlichen Park schaffen, nicht als Ersatz für einen beschnittenen Forumspark
  6. am Strundeweg im Wesentlichen nur das fehlende Ergänzungsstück bei Gut Schiff erstellen*
  7. eine nur leichte Verbesserung der Strundequelle, bei der vielleicht lediglich eine neue Kiesbestreuung des Weges notwendig ist, aber keine aufwändigen kalten Steinbänke ohne Rückenlehne*
  8. Handystationen auf dem Strundeweg sind unnötig, wenn man die entsprechenden Informationen einfach ins Internet setzt*.

Die mit * gekennzeichneten Punkte würden wahrscheinlich zu erheblichen Einsparungen gegenüber den vorhandenen Planungen führen.

Weitere Informationen:

Alle Berichte über die Regionale 2010

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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3 Kommentare

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  1. Schauen wir uns doch mal die Zielsetzung der Regionale 2010 an. Unter dem Motto “Brückenschläge” sollten Projekte zu den Themenbereichen Bildung, Mobilität und Natur entwickelt werden. Dabei sollten die Qualitäten und Eigenheiten der Region herausgearbeitet werden, um Impulse für deren zukünftige Entwicklung zu geben. In Bergisch Gladbach kann man von diesen Zielen kaum etwas erkennen. So hat der Plan für die neuen Fußgängerzone nun nichts und gar nichts mit Bildung, Mobilität, Natur oder den Eigenheiten der Region zu tun. Bei der Offenlegung der Strunde kann man ein Teil dieser Ziele zumindest im Ansatz erkennen, auch wenn die Umsetzung künstlich, eckig und wenig naturnah sein wird. Die künstlerischen und bildenden Elemente wurden gestrichen. Das hat nun wirklich nichts mit der Region zu tun, außer, dass die Strunde natürlich ein durchaus identitätsstiftende Funktion für die Region hat, denn sie und die zahlreichen Mühlen haben den Reichtum der Stadt begründet. Umso bitterer, dass man genau dieses Bild der Strunde in der Fußgängerzone nun zerstören will. Ob das wirklich mit den Zielen der Regionale zu tun hat, kann man bezweifeln.
    Lediglich das Projekt RegioGrün „Entlang der Strunde“ in Herrenstrunden erfüllt wesentliche Kriterien der Regionale 2010 Anforderungen auf den Punkt. Doch dieses Projekt hat nur “wenige” huntertausend Euro gekostet und stellt nur einen kleinen Teil der Millionenkosten der Regionale in Bergisch Gladbach. Auch hat dieses Projekt am wenigsten Nebeneffekte und mittelbare Folgen, wie z.B. eine neue Tiefgarage. Weil hier die Zielsetzungen der Regionale erfüllt werden, die Kosten überschaubar sind, und eben nicht noch mehrer Millionen € Folgekosten auf die Bürgerinnen und Bürger zukommen, war das Projekt in Herrenstrunden auch im Stadtrat unumstritten und fand dort keine Gegenstimme. Dies gilt nicht für den geplanten Luxuspark an der Strunde und die Pläne in der Fußgängerzone. Hier stimmten DIE LINKE. und die BfBB konsequent gegen die Verschwendung von Steuergeldern.

  2. Lieber franz, du hast Recht, wenn du meinst, dass mein Artikel spät dran ist. Ich habe mich aber entschlossen, ihn trotzdem abdrucken zu lassen, weil ich erleben musste, dass Vieles in der Regionale ständig hin und zurück ging (Bäume erhalten-Bäume abreißen, Naturpflaster ja, Naturpflaster nein z.B.). Der Gedanke der Sichtachsen stammt von den entsprechenden Architekten, an deren Führungen ich teilweise teilgenommen habe. Und soweit ich informiert bin, ist auch jetzt von einer naturnahen Strunde im geplanten Buchmühlenpark nicht die Rede. Die Leute, die vorhatten, den Waatsack abzureißen, waren Mitglieder des Rates unserer Stadt, hatten insofern also durchaus mit der Regionale zu tun.

  3. na das fällt dir ja früh ein engelbertmanfred. der waatsack wird sowieso nicht abgerissen (denkmaklschutz) und die leute, die das vorhaben haben mit der regionale nix zu tun.

    aber in einer sache gebe ich dir vollkommen recht. die idee mit den sichtachsen für autofahrer ist total daneben – aber wieso hat das was mit der regionale zu tun?

    “den Forumspark in seiner Großzügigkeit belassen und zusätzlich durch einen naturnahen Verlauf der Strunde beleben
    die echte neue Tat: einen von einer naturnahen Strunde geprägten Buchmühlenpark als zusätzlichen Park schaffen, nicht als Ersatz für einen beschnittenen Forumspark”

    genau das ist doch der plan!