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Gekichert und gejammert

Da saß ich. Mitten zwischen den Generationen. Ein – wie ich hoffe – noch äußerst rüstiger Rentner, der von Bensberg nach Köln gern Straßenbahn fährt, weil in der Bahn das wahre Leben tobt.

Vor mir drei Damen meiner Generation. Eine, die Haare schwarzglanzgefärbt, die andere versteckte ihre blaugespülte Hochfrisur unter einem schwarz-grünen Trachtenhut. Die dritte trug das Haar hellgrau, wie Gott es ihr im Laufe der Jahre schuf.

Hinter mir wurde hemmungslos gekichert. Über Lehrer, Jungs, uncoole Altersgenossinnen, und krasses Elternverhalten.

Um nicht Opfer des Gekichers zu werden, drehte ich mich nicht um und konnte daher nur vermuten, dass hinter mir mindestens vier temperamentvolle Vertreterinnen der übernächsten Generation ihren Spaß hatten

Die drei Damen vor mir hielten lautstark mit Gejammer dagegen. „…und, weißt du“, empörte sich die unterm Trachtenhut, „was die Enkelin meiner Freundin, die immerhin zweiundsiebzig ist, gesagt hat? Sie habe keinen Bock auf kranke Omas. Dabei hat die Ärmste schwerste Arthritis.“

Die Schwarzhaarfrisur wankte. „Sowas würde mein Enkel sich nicht trauen. Der weiß, bei mir gibt’s was zu erben.“ Triumphierend nickte die Grauhaarige. „Wenn die erst unser Alter haben, kommt der Schmerz freiwillig zu ihnen. Ich krieg‘ übrigens `ne neue Hüfte. Ist total verschlissen.“ Gelassen winkte die Trachtenbehütete ab. „Hab‘ ich schon. Titan mit Kunststoff. Vom Chefarzt eingesetzt. War nicht billig. Da lebte mein Mann noch. Hatte ne gute Rente.“

Hinter mir steigerte sich das Gekicher. Die drei Damen drehten sich ruckartig um.

Gerade behauptete eine besonders piepsige Stimme, ihr gutaussehender Lehrer, Sven hieß er, würde ihr immer auf den Busen schielen. „Macht der bei mir auch.“ Ließ eine Heisere wissen. Und eine dritte behauptete kühn, sie trage zwar nicht deswegen tiefe Ausschnitte, aber Sven werde immer so schön rot, wenn er sie ansehe.

Entrüstet sah mich die Schwarzhaarige an. „Bei denen möchte ich nicht Lehrer sein…“ „Lieber Lehrkörper bei Teenagern als Altenpfleger bei denen…“ dachte ich, grinste und nickte den Damen aufmunternd zu. Wie auf Kommando drehten sie sich wieder um.

Karl Feldkamp

Hinter mir wurde geprustet. Vorsichtig wandte ich mich um und lachte. Es waren nur drei Teenies. Eine blonde Lolita klimperte mit ihren verlängerten Wimpern. „Na, findste doch auch lustig, Opa. Oder?“

Die mit dem natürlichen Grauhaar legte ihre Stirn in Sorgenfalten.. „Machen Sie sich nichts draus, junger Mann. Die haben heute einfach keinen Respekt mehr vorm Alter.“

Wieder nickte ich lächelnd, während hinter mir noch lauter gekichert wurde.

Zum Glück setzte sich in dem Moment ein jüngerer Mann neben mich. „Sieht von hinten aus wie Sven. Ist der nicht süß.“ Piepste es von hinten.

Mein Sitznachbar sah mich von der Seite an, blickte sich dann in aller Ruhe um und lachte. „Na, ihr Drei. Sagen wir, in zehn Jahren, da könnte ich was mit euch Süßen anfangen.“

Bis auf dröhnende Fahrgeräusche herrschte plötzlich Stille in der Bahn.

Die Schwarzhaarige sah meinen jungen Sitznachbarn an und ordnete instinktiv ihre Frisur, neben ihr wurde der Trachtenhut schiefer ins Gesicht gezogen und die Grauhaarige schlug die Augen nieder.

Just in diesem Augenblick verließ die Bahn ihren Tunnel und Frühjahrssonne, ein wenig blaß noch, schien allen ins Gesicht.

Die Grauhaarige blickte unverhohlen meinem Nachbarn ins Gesicht. „Wird jetzt wohl doch bald Frühling.“

Grinsend wollte ich Lästerliches über den sogenannten dritten Frühling anmerken. Verkniff mir das aber.

Als mein Banknachbar aussteigen wollte, sah er sich die Teenager noch einmal in aller Ruhe an. Die genossen das leicht verlegen. Dann flüsterte er mir zu: „Sven heiße ich zwar nicht. Aber Lehrer bin ich schon.“

Ich kann es nicht verhehlen: Ob seiner Souveränität ließ er mich mit Neidgefühlen zurück. Die plagten mich auch noch, als die Teenager drei Stationen später sich winkend und nur mit „Tschüss“ anstatt mit „Tschüss Opa“ von mir verabschiedeten.

Zwei meiner Altersgenossinnen fuhren, wie ich mithörte, zum Orthopäden, die Trachtenbehütete zu ihrem Mann auf dem Friedhof, während ich vor ihnen am Heumarkt ausstieg.

Um in die Sonne blinzeln zu können, setzte ich mich, auch wenn es draußen noch reichlich frisch war, an einen Tisch vor ein Altstadt-Cafè.

Eine junge schwarzhaarige Schönheit im Minirock, mit Miniservierschürze und einer Decke kam auf mich zu. „Eine Wolldecke für Sie, Signore. Mein Opa kann Kälte auch nicht gut ab.“

„Nein, danke!“ Meine Stimme muss sehr barsch geklungen haben, denn sie sah mich verzweifelt und erschrocken an.

1943 in Lübeck geboren, wohnte lange in Frankenforst, lebt inzwischen in Wallefeld. Er arbeitet als selbständiger Supervisor und freier Autor, schreibt Gedichte, Geschichten, Kolumnen, Sachbeiträge, Rezensionen.

Ein Kommentar zu “Gekichert und gejammert”

  1. Ich habe auch gekichert! Eine köstliche Geschichte! :-)

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