Pestkapelle in Waldbruch

Von der Pestkapelle aus dem Dreißigjährigen Krieg mit ihren beiden weithin sichtbaren schlanken Pappeln sahen sie unter sich die saftiggrüne Wiese, die schräg nach unten zu der Serpentinenstraße im Wald führte. Auf der Wiese waren sie erstaunt über die zahlreichen frisch aufgeworfenen Maulwurfshügel, die man von weitem nicht sah. Die ganze Wiese war durchlöchert.

Die grüne Pracht bei näherem Hinsehen nur Schein! Hinter dem letzten Haus des Weilers führte sie ein Weg in den Buchenwald hinein. Hier umfing sie das, was sie suchten, Stille und eine Natur, wie sie vor Jahrhunderten kaum anders ausgesehen haben mochte.

Nur hinter sich hörten sie, halb im Unterbewussten, eine unsympathische quakende Stimme aus dem letzten Haus:

“Wo bleiben sie denn? Jetzt müssten wir doch langsam mal was hören.“

Verwandte, Bekannte, die zu irgendetwas unterwegs waren? Zum Einkaufen? Kinder vielleicht, die nicht pünktlich waren?

Dann umfing sie der Herbstgeruch des Waldes, der Geruch nach nassem, faulenden Laub und Matsch im gedämpften Licht, dann eine Stinkmorchel, der Ruf einer krächzenden Krähe, das saftige Grün von Moospolstern und die wohltuende Bewegung des Ausschreitens. Auf dem Weg Haufen von Eicheln und Bucheckern. Als sie nach einiger Zeit aus dem Wald heraustraten auf eine Wiese, kam die Sonne hinter den Wolken hervor und ließ die Herbstfarben goldbunt aufleuchten. Rechts wurde eine riesige Wiese von einer bewaldeten Kuppe bekrönt, um die der Weg herumführte.

Dabei hatten sie auf geringer Höhe einen erstaunlichen Panoramablick: Eifelberge graublau, davor die markanten Spitzen des Siebengebirges und die Rheinebene, hinter der die vier Quellwolkentürme der Braunkohlenkraftwerke wie aus überdimensionalen Lokomotiven aufstiegen. Man konnte sie aber auch für Gewitterwolken über der Karibik halten.

Im Norden dann die Türme von Wermelskirchen, weit davor die Ortschaft Linde mit ihrem spitzen Kirchturm, die wenigen Häuser von Breidenbach mit seinem dunklen Burggebäude und seiner Pestkapelle und das breit hingelagerte Lindlar mit seinen beiden Kirchen und den oberhalb liegenden Steinbrüchen. Nur auf zwei, drei Höhen verlor die Landschaft ihre scheinbare Unberührtheit durch Handytürme.

Wanderstrecke im Bergischen Land

Wie vor ihnen aufgefaltet lag die Landschaft da, ein endloses Aneinander von grünen Wiesen und bunten Wäldern. Warum fanden sie das schön? Sie merkten, dass sie einerseits Teil sein wollten von dieser Endlosigkeit, andererseits aber auch ihre Herren oder zumindest Betrachter.

Stellte das Nomadenleben das eigentliche menschliche Leben dar, mit immer wechselnden Blicken? Schließlich waren die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung die meiste Zeit Nomaden gewesen. Tief atmeten sie die frische Luft ein, genossen die Sonnenstrahlen auf ihren Körpern und vergaßen die Sorgen, die sie in der letzten Zeit geplagt hatten, die Sorgen um Kinder, Arbeit und die eigene Beziehung zueinander.

Dann führte der Weg wieder bergab, über weite Wiesen, durch einen engen Weiler, an einer weiteren Pestkapelle vorbei, schräg hinunter wieder in Richtung Wald.

Eine Weide mit Schafen fand ihre Fortsetzung im Wald. Mittelalterlich wirkte der dadurch.

„Aber fressen Schafe denn auch Eicheln?“ meinte Monika.

„Sieht so aus. Ich weiß es aber nicht. Auf jeden Fall scheint hier jemand die alte Tradition, den Wald als Weide zu benutzen, wieder aufleben lassen zu wollen.“

„Ja, merkwürdig.“

Dann folgte ein Stück langweiliger gleichförmiger Fichtenwald. Licht war nur noch spärlich vorhanden. Der Weg wurde matschiger, und es roch kaltfeucht.

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Er musste jetzt wieder an die Firma denken. Die Arbeit wurde merkwürdigerweise nicht weniger, obwohl ein wichtiger Kunde gerade verstorben und ein anderer in Konkurs gegangen war. Was hatte sein Freund es doch gut! Der war jetzt seit einem Jahr in Pension und freute sich offensichtlich seines Lebens. Gut, er selber war ja zehn Jahre jünger. Aber ob er in zehn Jahren noch bei gleichen Bedingungen in Rente gehen könnte?

Es ging ja auf vielen Ebenen bergab. Schlecht ging es ihnen zwar nicht, aber man musste sich schon Sorgen machen. Und Monika mit ihren vielen Krankheiten oder Wehwehchen. Jetzt hatte sie auch noch diese schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung bekommen, die sie manchmal doch sehr in ihrer Arbeitskraft beeinträchtigte. Immerhin war sie es, die ihn immer wieder dazu brachte, sich zu solchen Wanderungen aufzuraffen. Er wusste ja, wie gut die ihnen beiden taten.

 „Schau dir die wunderbare Lage dieses Hofs an! Sollen wir uns nicht auch so etwas zulegen?“ rief sie ihm zu und zeigte auf ein Fachwerkgehöft, das vor ihnen auf einer Wiese am Waldrand lag.

Naja, die Lage war ja schön, auf einer Art erhöhten Terrasse oberhalb des Flusstals, auf der einen Seite von einem tief eingeschnittenen Siefen, auf der anderen von weiten Wiesen begrenzt. Und unterhalb lag die unbenutzte Bahntrasse mit säuberlich geschnittenem Rasen.

Alles sah sehr sauber aus. Aber zu sehr modernisiert. Die Fenster waren größer, als sie ursprünglich gewesen waren, als sie in den Proportionen noch den Proportionen der Wände entsprachen. Die zwei Linden vor der Haustür waren bis auf zwei Stümpfe, die von Töpfen mit Tagetesblumen geschmückt waren, gekürzt. Anstelle des halbrunden Türsteins zierte langweiliges Verbundpflaster den Boden vor dem Eingang. Und dann die hässliche Satellitenschüssel und die überdimensionierte Zufahrt mit ihren Laternen!

Das Viadukt über die Lindlarer Sülz

Nach der Karte führte die Bahntrasse wenig später über den Viadukt auf die andere Talseite. Ob man da aber wirklich gehen konnte, und vor allem – durfte? War das nicht Privatgrund?

„Ich klingle mal und frage“, meinte Wolfgang zu seiner Frau. Obwohl er Radio zu hören meinte und ein Auto vor der Tür stand, öffnete niemand.

„Komisch, die gehen doch hier nicht zu Fuß irgendwohin.“

„Wieso, wir gehen doch auch zu Fuß.“

„Das ist doch was anderes. Wir wandern. Aber die wohnen hier.“

Auf einmal beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl. Hier stimmt irgendwas nicht. Ein Unglück? Oder ein Verbrechen. Er musste immer mehr an ein Verbrechen denken, obwohl er doch gar keinen Anhaltspunkt dafür hatte. Oder war das nur seine leicht depressive Stimmung, in der er sich schon mehrere Tage, wenn nicht Wochen befand? Vielleicht auch eine gewisse Langeweile, die ihn oft bei solchen Wanderungen befiel, zu denen er ja eigentlich gar keine Lust hatte. Vielleicht musste diese Langeweile Gedanken an Verbrechen produzieren, damit sein Leben wieder etwas Farbe erhielt?

Das Viadukt von der Straße aus

Es war ja nicht nur seine Steuerberatungspraxis, die ihm Sorgen bereitete. Mit Monika verstand er sich zwar gut, und sie waren eigentlich ein perfektes Team, aber im Bett klappte es seit längerer Zeit auch nicht mehr so richtig, weder bei ihm noch bei ihr. Oder war das auch nur durch die Sorgen um den Betrieb bedingt?

Hinzu kamen ja auch noch die Sorgen um ihre Kinder. Aber was hieß schon Kinder? Sie waren ja alle drei schon über zwanzig. Aber Sorgen machte man sich ja doch. Der Älteste hatte zwar jetzt endlich eine Stelle, doch so sicher war sein Pianistenjob ja auch nicht. Und dann die Scheidung des zweiten Sohns! Klar, die Entscheidung war richtig gewesen. Aber er litt ja doch darunter. Und die Tochter mit ihren drei Kindern? Ihr Mann verdiente zwar gut, aber sicher war seine Stelle auf die Dauer auch nicht. Aber was war heute schon sicher! Vielleicht stimmte es ja wirklich, was sein Schwiegersohn vor kurzem zu ihm gesagt hatte:

„Ihr hattet es doch früher gut. Ihr fingt zwar klein an, aber es ging immer nur aufwärts.“

Damals hatte er sich etwas über diese Bemerkung geärgert, weil sie ihm ungerecht erschien. Diese jungen Leute konnten sich doch Dinge leisten, an die er als junger Mann im Traum nicht denken konnte. Nun aber merkte er selber, was es für ein Gefühl war, wenn es nicht mehr aufwärts ging, oder wenn es sogar abwärts zu gehen drohte. Aber vor allem: dieses Gefühl der Unsicherheit! Oder bildete er sich das alles nur ein?

Wenn er richtig überlegte: Abstriche hatten sie an ihrem Lebensstandard bisher noch nicht zu machen brauchen. Demnächst würden sie ja wieder eine Fernreise unternehmen, nach Thailand dieses Mal. Vier Wochen lang. Also ging es ihnen doch nicht schlecht. Auf der anderen Seite: Er freute sich gar nicht so richtig auf diese Reise. Oder wurden sie einfach langsam alt?

Während er noch grübelte, machte die Trasse eine leichte Biegung nach rechts, und nach einem verrottenden Signalmast mit seinem komplizierten Gestänge und seinen verrosteten Gewichten erblickten sie den Beginn des Viadukts. Sie beugten sich über das Geländer, und fast wäre ihm schwindlig geworden, als er die Höhe des Viadukts über Straße und Fluss feststellte. Nur ein wenig mehr nach vorne gebeugt, und alles wäre vorbei. Die Sorgen um den Betrieb, der Kummer mit den Kindern, die trostlosen Abende. Aber es könnte ja auch alles mit einer endlosen quälenden Krankheit enden. Ach, Blödsinn, was er sich da zusammendachte!

Alte Lok am stillgelegten Bahnhof Linde

Auf der anderen Talseite lagen noch die Schienen auf der Trasse. Zwischen ihnen wuchsen junge Haselnuss- und Birkenschößlinge. Manchmal ragte ein morscher Ast quer über die Geleise. Die Schwellen trugen an den Enden dichte Kappen aus Moos.

Nach einigen weiteren verrosteten Signalanlagen erschien hinter Gebüsch der verlassene Bahnhof, Fachwerkgebäude mit Schieferdächern und davor die malerische Dampflok mit Kohlenwagen, die noch in den 60er Jahren die Strecke befahren hatte, wie eine Tafel vor dem Eingang zum Bahnhofsgelände erklärte. Ein Stück Industriegeschichte, das jetzt in seiner Verlassenheit recht romantisch wirkte, weil es eingebettet war in Wald und Gebüsch, die die Geleise an vielen Stellen schon vollkommen überwuchert hatten.

Bahnhof Linde

Ihm schoss durch den Sinn, dass die Fürsten in der Barockzeit und später sich mit Absicht Ruinen in ihre weitläufigen Gartenanlagen setzen ließen. Hatten die damals schon ein Gefühl für Nostalgie, oder haftete dieser Einheit von Menschenwerk und Natur einfach eine besondere Ästhetik an? Eine besondere Ästhetik besaß auf jeden Fall die Technik der damaligen Zeit. Sogar die gusseisernen Geländer auf der Brückentrasse wiesen noch Verzierungen auf, wie ja viele Fabrikgebäude von damals mit romanischen, gotischen oder barocken Stilelementen in Backstein oder Stahlbeton geschmückt waren.

War das heute nicht abhanden gekommen? Oder dachte man damals nur so, weil man der Gegenwart entfliehen wollte? So eine Art Eskapismus. Also eigentlich krankhaft. Vielleicht auch auf so was wie Depression zurückzuführen. Oder kann diese Haltung Depressionen erst richtig fördern? Vielleicht zeigte sich in dem Eskapismus im Grunde eine Art Todessehnsucht wie in der Kunst der Romantik? Auf den Gemälden von Caspar David Friedrich war das ja ganz deutlich zu sehen. Diese blattlosen knorrigen Bäume, diese einsamen Mondlicht-Landschaften.

„Sollen wir nicht mal klingeln? Vielleicht ist ja jemand da, der uns eine Führung machen kann“, riss ihn seine Frau aus seinen Gedanken.

Kaum hatte sie das ausgesprochen, als hinter zwei mächtigen Buchen zwei schwarz gekleidete Männer hervortraten und sie ansprachen:

„Es gibt keine Führungen mehr. Der Alte ist jetzt tot. Und sein Sohn hat kein Interesse mehr an Führungen.“

Es waren zwei Motorradfahrer, deren schwere Maschinen unter den Buchen sie übersehen hatten, weil ihre Aufmerksamkeit nur auf das nostalgische Bahnhofensemble gerichtet war.

„Ja, wenn ich tot wäre, hätte ich da auch kein Interesse mehr dran“, meinte Wolfgang.

„Ist ja schon blöde, dass man dann an nichts mehr Interesse hat. Ich glaube, ich überlege mir das doch noch mal mit dem Sterben“, versuchte Wolfgang zu witzeln. Etwas gezwungen lachten die Motorradfahrer mit ihm.

Als sie weitergingen und Bahnhof und Motorradfahrer in ihrem Rücken lagen, tadelte Monika ihn:

„Du hast mal wieder gar nicht zugehört. Nicht der Tote hat doch kein Interesse, sondern sein Sohn, haben die gesagt. Wo bist du wieder mit deinen Gedanken?“

„Die zwei Motorradfahrer kommen mir sehr merkwürdig vor. Unsympathische Gesichter. Sie warteten offensichtlich darauf, dass wir verschwänden. Und was suchten die eigentlich da?“

„Ach, du spinnst. Womöglich legst du dir schon wieder einen Krimi im Geiste zurecht.“

Als sie die Talstraße überquert hatten, passierten sie eine einfache Schenke neben einem ehemaligen Mühlengebäude. Der hier breit und langsam fließende Mühlenbach wurde jetzt an Wochenenden von einem Anglerverein benutzt, wie aus einem Schild neben dem verfallenen Gebäude hervorging. Vor der Schenke fegte die Wirtin in weißer Schürze den Vorgarten von Blättern leer.

„Ach, die öffnen erst am Nachmittag. Sonst hätte ich jetzt gerne ein Glas Bier getrunken“, äußerte Monika leise.

„Ein Glas Bier können Sie jetzt auch haben“, antwortete die Wirtin, die sie doch gehört hatte.

So nahmen sie an einem der wenigen gescheuerten Tische Platz und ließen sich ihre Gläser auf den Tisch stellen. Als sie der Wirtin von ihrer Wanderroute erzählten und auf den hässlich modernisierten Brückenhof vor dem Viadukt zu sprechen kamen, hakte diese ein und meinte:

„Ja, da gibt es auch schon Auseinandersetzungen mit den Nachbarn. Vor allem mit denen von Obermühlen. Das ist ein Bauernhof gleich oberhalb von hier. Das heißt, Bauernhof ist er heute nur noch zum Teil. Die Alten betreiben noch ein bisschen Landwirtschaft. Aber die jungen Leute haben eine Firma für Computersoftware in dem Haus nebenan. Sie legen aber großen Wert darauf, dass in ihrem Weiler und auch in der ganzen Gegend hier alles äußerlich so bleibt, wie es einmal war. Und der Makler im Brückenhof will alles umkrempeln. Man munkelt sogar, dass er hier einen Golfplatz bauen lassen will. Auf jeden Fall hat er schon mehrere Häuser und Grundstücke in der Flussaue und an den Hängen aufgekauft. Die in Obermühlen hassen ihn regelrecht.“

„Und Sie, hassen Sie ihn auch?“ fragte Wolfgang.

„Ach, wissen Sie, geliebt wird er in der ganzen Gegend von niemandem. Wenn er mir aber viel Geld bieten würde für unser Grundstück, dann wüsste ich nicht, wie ich mich verhalten würde“, erwiderte die Wirtin.

„Ist der Makler eigentlich von hier?“ wollte Wolfgang wissen.

Ja, er sei schon von hier, wie sein Vater auf dem Brückenhof geboren. Aber dann habe er längere Zeit im Ausland gelebt. USA oder Kanada. Und als er zurückgekommen sei, habe er offensichtlich Geld gehabt, so dass er auf dem Hof des Vaters alles umkrempeln konnte. Der Vater gab dann auch die kleine Landwirtschaft auf und habe sich nur noch um die Pflege des alten Bahnhofs und das Bahnhofsgelände gekümmert. Beide gehörten zu seinem Grund und Boden. Er wollte immer so eine Art Museum daraus machen. Der Sohn, hieß es, wolle den Bahnhof aber abreißen oder in den geplanten Golfplatz einbeziehen.

„Verrückt so was, oder?“

„Auf jeden Fall leben also beide“, warf Wolfgang gespannt ein.

„Ja, natürlich leben beide. Warum fragen Sie?“

Wolfgang und seine Frau schauten sich bedeutungsvoll an.

„Ach, ich meine nur.“

In Gedanken versunken verließen sie die Wirtschaft und das Flusstal. Hatten sie da bei den beiden Motorradfahrern irgendetwas falsch verstanden? Aber beide? Oder waren das Spinner oder einfach merkwürdige Spaßvögel, die ihnen einen abstrusen Streich spielen wollten? Bei Wolfgang verstärkte sich die Meinung, dass da etwas nicht stimme. Das roch nach Kriminellem. Aber es hatte ja wenig Sinn, mit Monika darüber zu reden. Die würde ihn nur wieder als Phantasten bezeichnen. So hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.

Jetzt ging es über eine große Wiese wieder bergauf. Die dichte Wolkendecke hatte sich in viele einzelne Wolken aufgelöst, und hin und wieder huschte auch mal ein Sonnenstrahl hervor. Ein leichter angenehmer Wind hatte sich erhoben. Auf der Wiese vor Betreten des Waldes stand ein Pony mit aufrechter, wehender Mähne auf der Weide.

„Wolltest du nicht immer so sein wie dieses Pony, von kühnem, ungezähmtem Geist?“ fragte Wolfgang seine Frau plötzlich.

„Ja, das stimmt“, antwortete sie. „Aber warst du nicht sogar mal eins?“

Er grinste und murmelte etwas Unverständliches in seinen grauen Bart.

Der Wald öffnete sich auf eine Wiesenlandschaft am Hang, die ringsum von den jetzt wieder goldgelb leuchtenden Buchenwäldern umrahmt war. Vor ihnen lag Obermühlen mit seinen beiden Fachwerkhäusern wie eine ungestörte Idylle. In dem ersten Haus schien die junge Familie des Computermenschen zu wohnen. Man sah es an dem Spielzeug vor dem Haus und der Kinderwäsche, die auf der Leine im Garten hing. Ein paar Pferde und etwa sechs Kühe auf den Weiden, ein Stück entfernt der traditionelle zweirädrige Anhänger mit dem zylinderförmigen Zinkbehälter, an dem sich die Kuhtränke befand. Die Kühe hatten sogar Hörner!


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Die einfache Asphaltstraße endete schon ein Stück vor dem ersten Haus und mündete in einen Weg, der aus altem Grauwackepflaster bestand. Keine Hunde liefen ihnen bellend entgegen, dafür aber zwei heftig zischende Gänse, die die Fremden mit zornig vorgerecktem Hals zu vertreiben suchten. Das zweite Haus war ein stattliches Fachwerkhaus mit angebautem Stall, der mit grün gestrichenen Brettern verkleidet war. Rechts und links befanden sich weitere Schuppen aus grauschwarz gewordenem Holz. Wenn nicht ein Auto da gestanden hätte, hätte das Ganze vor hundert oder mehr Jahren kaum anders ausgesehen.

„Und wie harmonisch alles in die Landschaft eingebettet ist“, dachte Wolfgang. Wenn er dieses Anwesen besitzen würde, würde er sicher auch diesen raffgierigen, für Schönheit unempfindlichen Makler hassen. Überhaupt Makler! Eine unnötige Spezies Mensch. Eigentlich regelrechte Schmarotzer. Aber was würde er machen, wenn er in der Lage der Leute in dieser Gegend wäre? Sicher, verkaufen würde er nicht. Nur dann würden andere verkaufen, und zum Schluss säße man da wie auf einer Insel. Das ist dann ja auch kein normales Leben mehr. Und sein ganzes Leben kämpfen um so eine Idylle? Vor allem: wie kämpfen? Vor Gericht? Wenige Chancen wahrscheinlich. Da kann man sich schon vorstellen, dass einer sich seine Gerechtigkeit selber herstellt, bis hin zu Mord und Totschlag. Mord und Totschlag? Da waren ja wieder diese Gedanken! Von Beginn an hatte er auf dieser Wanderung „gerochen“, dass hier etwas stank. Immer wieder kam er auf Mordgedanken. Ja, aber wer sollte denn hier wen ermorden, und warum?

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Der Computermensch hatte die schwarzen Motorradtypen beauftragt, den Makler und vielleicht auch dessen Vater umzubringen, um einen Golfplatz in dieser Gegend zu verhindern! Du bist ja verrückt. Nur weil du eigentlich gar keine Lust zum Wandern hast, und dich das alles langweilt, denkst du dir solche Geschichten aus. Monika hat schon Recht. Vielleicht war das auch nur ein Ablenkungsversuch von seinen eigenen Problemen. Und doch kam er immer wieder auf diese Gedanken zurück.

„Schau mal zurück! Das sieht ja wieder herrlich aus“, riss ihn Monika wieder aus seinem Brüten.

Tatsächlich, hinter dem tiefen Flusstal zog sich ein weiter grüner Hang hinauf, bekrönt von den Dächern von Linde mit seinem spitzen Kirchturm. Und davor in paradiesischer Ruhe die Häuser von Obermühlen, jetzt in hellem Sonnenschein. Wie auf einem Gemälde von Ludwig Richter. Aber der hatte ja damals schon Idyllen gemalt, die der Wirklichkeit nicht mehr entsprachen. Immerhin war damals die Industrielle Revolution schon mitten im Gange.

Aber warum sollte er sich eigentlich nicht an dem Anblick solcher Schönheiten erfreuen? Die Geschichte ging zwar weiter, aber es wurden ja auch Naturschutzgebiete und Nationalparks errichtet, den Menschen zur Freude und zur Erholung. Wie gut ging es ihnen doch eigentlich, bei aller Arbeit und allen Sorgen. Und ausspannen musste man eben auch mal, wie sie es gerade taten. Monika hatte Recht. Sie hatte eigentlich die gesündere Einstellung zum Leben, war realistischer als er. Er musste immer wieder irgendwo die perfekte Welt suchen, und wenn das nicht klappte, wurde er depressiv oder vermutete Verbrecher am Werk.

Jetzt kamen sie wieder aus einem Waldstück heraus und wanderten über einen grasbewachsenen Weg, der auf beiden Seiten in eine Wiese überging, waagerecht, nur im Hintergrund von bunten Herbstwäldern begrenzt. Und jetzt öffnete sich auf der linken Seite der Wald zu einem Waldtal, das endlos erschien, aber hinten wunderbar den Blick auf den verwunschenen Kessel von Breidenbach eröffnete mit Burg und Kapelle. Wunderbar!

„Ist das ein Leben!“ rief er auf einmal, wie er es früher öfter spontan auf Wanderungen getan hatte, genauso wie sein Freund, der wegen Schwierigkeiten mit den Knien solche Wanderungen gar nicht mehr unternehmen konnte. Was war er selber doch eigentlich für ein Glückspilz, dass er das noch konnte! Er war ja auch im Grunde kerngesund, wenn man von den paar Wehwehchen absah, die sowohl ihn als auch Monika ab und zu plagten. Spontan umarmte er sie und gab ihr einen Kuss.

„Na also“, meinte sie nur. „Jetzt hast du doch wieder Spaß am Wandern.“

Als sie kurz darauf ihr Ziel, die Kapelle mit den zwei hochragenden Pappeln oben am Horizont vor sich sahen, begannen sie beide „Droben stehet die Kapelle“ zu singen, mit dem anschließenden Damdadamdam des Schlagzeugs, wie es auf einer ihrer Lieblingsplatten von einer Kölner Popgruppe ertönte. Lachend gingen sie das letzte Stück des Wiesenwegs weiter, bis sie im Wald wieder die Straße erreichten, an dem Haus, hinter dessen Hecke sie beim Beginn der Wanderung die quakende Stimme gehört hatten.

Sie waren schon fast vorbei, als sie auf der Einfahrt einen Polizeiwagen stehen sahen und einen der Polizisten fragen hörten:

„Und die beiden Motorradfahrer wollen Sie wirklich nicht gesehen haben und kennen Sie auch nicht?“

„Nein, das habe ich Ihnen doch schon zweimal gesagt“, antwortete die unsympathische quakende Stimme.

Wolfgang und Monika schauten sich mit erstarrenden Blicken an.

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Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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