Stellen Sie sich folgende Szene vor: Drei Jugendliche sind an Heiligabend allein in der Wohnung in Warschau. Der Vater arbeitet im Ausland, die Mutter wurde 1982 als Solidarność -Aktivistin vom Militärregime verhaftet. „Auf einmal hat es geklingelt“, erinnert sich Urszula Jarmoszuk. Ein  Postbote gibt ein Päckchen von unbekannten Menschen aus Deutschland ab. „Ich kann mich heute noch an den Geruch der Orangen erinnern. Weit weg im Ausland gab es eine Familie, die mit uns war in diesem Moment. Das war uns sehr wichtig“, betont sie in dem berührenden Film „Pakete der Solidarität“.

Herbert Wenzler (Mitte) war damals bei der Polenhilfe aktiv – heute im Hilfskomitee Litauen-Weißrussland.

Diese materielle und moralische deutsche Polenhilfe sorgte vor über dreißig Jahren für eine nachhaltige Änderung des Deutschenbildes in der polnischen Gesellschaft. Sie ist aber bisher – weder in Deutschland noch in Polen – entsprechend gewürdigt worden. Überdies wird im Film der West-Ost-Schmuggel mit ins Spiel gebracht, der die polnische demokratische Opposition enorm stärkte und bis heute – zumindest in der BRD – kaum bekannt ist. Beides soll sich durch den Kultkino-Abend ändern.

Neben den  Hilfsmaßnahmen von Privatmenschen werden auch Hilfen von deutschen Institutionen und Organisationen vorgestellt. So erzählt der einstige bundesdeutsche Minister für Post- und Meldewesen, Christian Schwarz-Schilling, dass die Gebührenbefreiung für Postpakete nach Polen einen wichtigen (west)deutschen Beitrag zur Befreiung Osteuropas darstellte. Immerhin handelte es sich insgesamt um 8,6 Millionen Pakete und um eine Gesamtsumme von 175 Millionen DM, für die der deutsche Steuerzahler aufkam. Die deutsche Caritas brachte Sachspenden im Wert von 27 Millionen DM auf. Der Leiter der Auslandshilfe der Caritas, Rudi Löffelsend, war maßgeblicher Organisator der Hilfstransporte nach Polen. Anfang der 1980er Jahre entstanden in der BRD und Berlin darüber hinaus eine ganze Reihe von Komitees, zum Beispiel in Köln. Sie informierten über die aktuelle Situation in Polen, schmuggelten Papier, Druckmaschinen, Radiosender und von der Zensur verbotene Bücher, unterstützten verfolgte Gewerkschafter und ihre Familien und organisierten Demonstrationen und Protestmärsche gegen das Jaruzelski-Regime.

Um nach der Ausrufung des Kriegsrechts den Familien der inhaftierten Oppositionellen Hilfe zu leisten, akquirierte man Spenden u.a. bei Rotary- und Lions Clubs, finanziell und ideell wurden Hilfsgütertransporte von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) unterstützt. Der einstige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm betätigte sich selbst als Schmuggler eines Busses und verbotenen Schrifttums nach Polen und nutzte seine exponierte politische Position, um die unterdrückten polnischen Oppositionellen öffentlichkeitswirksam zu unterstützen.

Die deutschen Gewerkschaften dagegen legten eine ausgesprochen diskrete Solidarität mit der „Solidarność“ an den Tag, was der gesamtpolitischen Lage und der Rücksichtnahme auf die Teilung Deutschlands geschuldet war: Das Entstehen der „Solidarność“ wurde von so manchem deutschen Politiker und Gewerkschafter als Bedrohung für den status quo in Europa empfunden. Dadurch, dass ein Teil der Deutschen die „Solidarność“ unterstützte, während sich der andere aus Furcht vor den Sowjets zurückhielt, entstand für die polnische Opposition eine günstige Situation: Denn eine zu offene Unterstützung der polnischen Opposition durch die Deutschen hätte die Sowjets provoziert und den Sieg der „Solidarność“ beeinträchtigen können.

Heute sind alle Beteiligten sehr froh, dass man durch die damalige Polenhilfe nicht nur die Polen unterstützen, sondern auch den Deutschen helfen konnte, indem man damit auch zur späteren Wiedervereinigung Deutschlands beitrug.

Barbara Cöllen (rechts) ist Talkgast.

Mit gleich vier Talkgästen wird sich Gastgeberin Doro Dietsch im Auftrag der Zeitschrift Franzz, des Bürgerhauses Bergischer Löwe und der Brunotte Filmtheater AG unterhalten:

– mit Rainer Deppe MdL, heute CDU-Kreisvorsitzender und damals im Vorstand des Vereins “Hilfe für Polen” (der unter anderem ein Benefizkonzert mit dem Pianisten Askenase im Bergischen Löwen organisierte);

– mit Barbara Cöllen, der Vorsitzenden des Verbandes Polnischer Journalisten in Deutschland e.V.;

– mit Josef Neumann MdL, der nach der Ausrufung des Kriegsrechts Kontakt mit der Untergrundbewegung „Solidarność“ unterhielt (er brachte für seine geheime Mission in Polen die besten Voraussetzungen mit, denn er stammt aus einer polnisch-deutschen Familie)

– und  mit dem Zeitzeugen Herbert M. Wenzler von der katholischen Kirchengemeinde Bensberg, seit Jahrzehnten bei Hilfsmaßnahmen für bedürftige Länder aktiv.

Nach dem ersten Film, der eine dreiviertel Stunde dauert und dem Gespräch mit den drei Talkgästen wird es in einem weiteren Filmbeitrag um polnische Persönlichkeiten gehen, die in Nordrhein-Westfalen bekannt wurden: von Filmemacher Artur Brauer über die Gastronomen Hanna und Franz Lauter bis zu Fußballspieler Piotr Trachowski.

Vorgestellt wird auch ein unter der Schirmherrschaft von Lech Wałesa und Norbert Blüm herausgegebenes zweisprachiges Buch. Ein spannender Abend also für all diejenigen, die sich für die deutsch-polnischen Beziehungen interessieren.

Freitag, 2.3. um 19.30 Uhr im Bergischen Löwen. Eintritt: 3 Euro an der Theater- oder an der Abendkasse.

Rainer Deppe war damals im Vorstand des Vereins “Hilfe für Polen”.

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