Schon im Titel seines neuen (insgesamt dritten) Lyrikbandes verdeutlicht Günter Helmig, was er mit seiner Lyrik beabsichtigt. 1941 mitten in den Krieg hineingeboren und auch in den Jahren danach durch harte Realitäten geprägt, hat der Autor es offensichtlich gelernt Idyllen zu misstrauen.

Somit muss ein Symbol verromantisierter heiler Welt – die Mondsichel – selbstverständlich  kentern. Und Schiffbruch auf hoher See kann immerhin das Lebensende bedeuten.

Beinahe alle seine Gedichte, es sind in diesem Band insgesamt 87,  die in über 16 Jahren entstanden, folgen mehr oder weniger dieser Machart und sollen offenbar vor naiver Zukunftsgläubigkeit bewahren. Allerdings gerät ihm das nirgendwo zur Masche und an keiner Stelle dieses Buch wird gar warnend ein drohenden Zeigefinger erhoben.

Helmig gelingt es, seine Leser unter anderem mit wunderschönen Landschaftsbildern zu verführen, ihm in eine heile Welt zu folgen. Diese stellt sich am Ende, ohne dass er dabei in einen depressiv-klagenden Tonfall verfällt, immer wieder als schöne Scheinwelt heraus.

Die „muschel an meinen ohr“ lässt die „brandung alter meere“ aber auch „kriegesgeschrei“ hören, und wenn der „wind verstummt“, erzählen „gräberfelder“ von Kriegstoten.

Helmig kann im übrigen den begeisterten Hobby-Fotografen nicht verleugnen. So leiten fünf seiner stimmungsvollen Fotos die jeweiligen Kapitel des Buches ein. Und als Kamera gewohnter Augenmensch malt er mit Worten zumeist großformatige Bilder, in denen er schließlich auf die eigentlich wichtigen Kleinigkeiten aufmerksam macht.

Dabei kann der „dicke rote“ Zeh der Performance-Künstlerin beim Auftritt während einer Vernissage hervorragend von jener Langeweile ablenken, die solche Ausstellungseröffnungen nicht selten beherrschen. Und wie erfahrende Besucher von Vernissagen längst wissen, ist das Verhalten des Publikums („bart mit sakko und sekt“) dort zumeist ohnehin interessanter als die ausgestellten Kunstobjekte.

Die Wortbilder des Autors sind stets verständlich und doch niemals banal oder gar abgegriffen.

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Er lädt die Leser ein, ihn auf seinen Reisen – vor allem auch auf solche in des Autors Innenwelten – zu begleiten. Spaziergänge in der näheren Umgebung seiner Heimat (Bergisch Gladbach) führen zudem gelegentlich in Vergangenheiten.

So „schieben“ „hundert fenster“ von „schloss bensberg“ „unter scharfem blick“ die „brauen hoch“ und zwingen dem Besucher jene stramme Haltung auf, die dort einst Soldaten und nationalsozialistische Eliteschüler einzunehmen hatten.

Doch bei allem gebotenen Ernst lassen andere Texte weder einen Schuss Humor noch versteckte Erotik vermissen und geben dem Lesestoff die für lyrische Genießer notwendige Würze.

Mit „mondsichelkentern“ gelang Günter Helmig ein Lyrikband, der weit mehr ist als nur ein lyrisches Tagebuch. Hier hat ein Zeitzeuge unter anderem niedergeschrieben, was sich in Geschichtsbüchern leider kaum findet: Gefühle, die das Alltagsleben widerspiegeln, wie viele Menschen es kennen und kannten.

Ein Buch, welches abgeneigten Lesern beweisen könnte, dass zeitgenössische Gedichte nicht unbedingt eine unzugängliche Literatur sein müssen, deren Verständnis ausschließlich lyrikbegeisterten Minderheiten vorbehalten ist.

Günter Helmig, mondsichelkentern, Gedichte, Bücken & Sulzer Verlag, Overath-Witten 2012, 113 Seiten, € 11,80

KFeldkamp

1943 in Lübeck geboren, wohnte lange in Frankenforst, lebt inzwischen in Wallefeld. Er arbeitet als selbständiger Supervisor und freier Autor, schreibt Gedichte, Geschichten, Kolumnen, Sachbeiträge, Rezensionen.

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