FDP-Chef Christian Lindner

Geladen hatten die Katholischen Verbände des Rheinisch Bergischen Kreises, und er war gekommen. Am vergangenen Dienstag, am 21.1.2014, hatte Christian Lindner, bis vor kurzem noch Kreisvorsitzender in RheinBerg, inzwischen frischer Bundesvorsitzender und derzeitiger Haupthoffnungsträger der reichlich ramponierten FDP, gute zwei Stunden Gelegenheit, sich in gewohnter Gewandtheit zu präsentieren.

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Christliche Werte und liberale Ideen im Horizont des Menschenbildes einer zunehmend ökonomisierten Gesellschaft – so war der thematische Rahmen des Abends gefasst.

Etwa 100 Zuhörer im Altersdurchschnitt von 50+ verfolgten eine Art freundlich gelenkten und rhetorisch wie üblich gekonnten Passagen-Vortrag Lindners zu gesellschaftlich-politischen Fragen unserer sozialen und ökonomischen Wirklichkeit wie Zukunft.

Moderiert wurde der Abend vom hiesig bewährten Wagner-Presseduett: Jörg Wagner (KStA) gab Lindners Partner auf dem Podium, Guido Wagner (BLZ) organisierte und koordinierte die Fragen aus dem Publikum.

Lindner, wie üblich souverän und elegant, zu Beginn mehr kontrolliert, später eher locker, gab einen in Teilen möglicherweise verblüffenden Einblick in sein Menschenbild und seine Vorstellung von einer liberalen Gesellschaft. Zudem beeindruckte er das Auditorium mit fließenden Kenntnissen der katholischen Soziallehre und verschiedener päpstlicher Sozialenzykliken.

Natürlich versteht es jeder professionelle Politiker, sich auf sein Zielpublikum einzuschießen. Und vor diesem Hintergrund möchte man sich lieber nicht vorstellen, was Lindner beispielsweise vor einer „Versammlung radikaler Leistungsträger“ über so genannte „Minder“- oder auch „Gar-Nichts-Leister“ und ihren Status in einer fanatischen Arbeits- und Erfolgsgesellschaft gesagt haben würde …

Anmerkung der Redaktion: 
Wie Christian Lindner auf diesen Artikel reagiert lesen Sie ganz unten

Aber Scherz beiseite. Es ist vielleicht weniger bekannt, dass Lindner nicht nur Geschäft und Rolle als routinierter Parteipolitiker im System beherrscht, sondern sich jenseits davon auch und durchaus profund mit philosophisch-politischen Grundsatzfragen der Gestaltung unserer Gesellschaft auseinandersetzt.

Vor diesem Hintergrund waren einige Passagen der Lindnerschen Ausführungen im Bensberger Ratssaal besonders bemerkenswert.

Üblicherweise kennt oder kannte ja das Menschenbild der Westerwelle-FDP nur zwei „würdige“ Lebensformen:

Die des schon Besitzenden und die des immer Fleißigen, beides selbstverständlich auch in Kombination.

Im Blick auf Letztere findet neuerdings gerade die wachsende Heerschar der vergeblich Fleißigen, also derjenigen, die trotz Fleiß am Anschlag nicht zu Besitz, nicht einmal zu einem tragfähigen Auskommen gelangen, hier ausdrücklich Gnade – solange sie nur vom Kreißssaal bis zur letzten Grube als Multijobber-Megapendler frühest aufstehen, weitest fahren und bedingungslos keulen, um wenigstens das hohe Glück der Teilhabe am Arbeitsleben zu erfahren.So, als müsste es im Grundgesetz heißen: „Die Würde des arbeitenden Menschen ist unantastbar.“

Doch genau einem solchen „Catch-as-catch-can-Liberalismus“ als Diktatur der Erfolg-Reichen über den Rest in einer totalen Arbeits- und privilegierten Finanzwelt erteilte Lindner eine verblüffend klare Absage.

Chancengleichheit sei der Angelpunkt einer möglichst gerechten Gesellschaft. Das betreffe insbesondere die Möglichkeit für jeden, sich durch Bildung, Ausbildung, Qualifizierung die jeweils ihm entsprechende Grundlage für ein freies Leben zu schaffen.

Wozu dann auch eine Arbeitswelt gehöre, die Arbeit ebenso würdig wie verantwortbar entlohne, das heißt ohne bodenlose Untiefen im Niedriglohn- und ohne explosive Maßlosigkeit im Hochlohn-Bereich.

Interessant der ausdrückliche Hinweis Lindners, dass selbst eine ideale Chancengleichheit im Ausgang letztlich doch immer zu ganz verschiedenen Lebenswirklichkeiten im Ergebnis führte – nicht nur durch die Unwägbarkeiten des Schicksals, sondern weil Menschen schon als solche eben verschieden seien und blieben.

Und deshalb müsse eine ständig um Gerechtigkeit bemühte, also aktiv balancierende Gesellschaft dafür sorgen – und jetzt kommt´s – dass gegebenenfalls die Konsequenzen eines totalen Erfolges von verdient und /oder beglückt Erfolgreichen nicht zu unüberwindlichen Ein- und Beschränkungen für weniger oder gar nicht Erfolgreiche führen.

Das ist doch ´mal ein Wort.

Aber Lindner hatte noch weitere „Hingucker“ bzw. in dem Fall „Hinhörer“ auf Lager:

Es gebe ja, so CL, ganz im Sinne des liberalen Menschenbildes, das von der Einzigartigkeit und Verschiedenheit der Individuen ausgehe, es gebe ja durchaus verschiedene Lebensformen, die aber alle gleichermaßen respektabel und wünschenswert im Sinne einer vielfältigen und humanen Gesellschaft seien:

Da seien etwa die, die ihr Leben um Partner, Familie, Mitmenschen usw. ausrichten, und die seien irgendwann dann reich an Zuwendung, Liebe, Kindern; da seien etwa die, die ihr Leben um Kultur, Literatur, Wissenschaft usw. ausrichten, und die seien irgendwann dann reich an Erkenntnis, Wissen, Weisheit usw.; und da seien natürlich die, die ihr Leben um Karriere, Status, Erwerb usw. ausrichten, und die seien irgendwann dann reich an Geld, Prestige, Macht usw.

Wollte Lindner hier auf eine der massiven Gefahren für die Demokratie im Allgemeinen und die Souveränität des Einzelnen hinweisen? Auf die stille, weil alltäglich längst selbstverständlich gewordene Gefahr, dass eine von „alternativlosen Sachzwängen“ und global anonymen Superstrukturen bestimmte und gesteuerte, totale Arbeitswelt zum Ersatz-Herrschaftsinstrument verkommt – ganz im Sinne der Fragestellung des Abends, ob der Mensch von heute und allen Freiheitsfanfaren zum Trotz in der funktionellen Lebenswirklichkeit bloß noch auf seine Tauglichkeit und Nützlichkeit als Produzent und Konsument reduziert würde.

Hat Lindner an diesem Abend ein paar Skizzen seiner Vorstellung von einer liberal- humanen Gesellschaft in den Raum geworfen? Einer Vorstellung, die eben das alte und „FDP-verdächtige“ Gesellschaftsbild bricht, jenes Gesellschaftsbild frei nach der Losung: Falls nicht ausreichend Besitz und Vermögen, dann entweder Karriere um jeden Preis oder Arbeit zu jedem Preis, sonst Zwangsarbeit ohne jeden Preis, dafür natürlich mit bedingungsloser „Würde der Arbeit“?

Ging es Lindner darum, mit seiner ausdrücklichen Beschreibung verschiedener Lebensformen, die eben nicht auf totale Erwerbsarbeit ausgerichtet sind, darauf aufmerksam zu machen, dass auch für Menschen mit anderen Präferenzen die Möglichkeit bestehen muss, sich zu entfalten?

Und das letztlich ebenfalls zugunsten der Gesellschaft, die damit mehr sein müsse und solle als ein bestenfalls global gleichgeschaltetes Arbeits- und Kaufkollektiv radikalisierter Konkurrenz um Job, Karriere und Kommerz. Einer Konkurrenz, die mit gehetzt frühkindlicher Optimierung beginnt und schließlich beim vibrierenden Arbeitsmarkt der über 100jährigen endet

Und war es Linden dabei bewusst, dass eine solche Ausgewichtung verschiedener und eben „gleichwürdiger“ Lebensformen, die nicht bedingungslos auf Erwerbssarbeit und Job-oder Karrierekonkurrenz ausgerichtet sind, dass eine solche Ausgewichtung nicht zuletzt durch ein vernünftig aufgesetztes BGE (das berühmt-berüchtigte „Bedingungslose Grundeinkommen“) erreicht werden könnte?

Falls es ein halb- oder dreiviertelversteckter Denkanstoß gewesen sein sollte, der auch auf eine sich neu findende FDP zielte, die vielleicht in diesem Zusammenhang künftig noch intelligente Modelle präsentiert, dann wäre das an der Grenze des Sensationellen.

Vielleicht waren all diese Ausführungen aber auch nur die Kreide, die der „Wolf“ gefressen hatte, um seinem Zielpublikum zu schmeicheln.

Man weiß es nicht. Und solange man es nicht weiß, bleibt immerhin ein interessanter Raum für Interpretationen.

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H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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