Den Weg vor Augen.  (Foto: Denis Wester)

Denis Wester hat sich nach dem Abitur im Sommer 2013 auf eine ganz besondere Reise begeben: er ist den Jakobsweg gewandert. Über seine spannende und harte Reise habe ich mit meinem ehemaligen Mitschüler gesprochen.

Fabian Felder: Denis, du hast den Jakobsweg bestritten und hast dabei mehr als 800 km in 31 Tagen abgewandert. Waren deine Füße danach nicht ein Fall für die ästhetische Chirurgie?
Denis Wester: Ganz so schlimm war es nicht, ich hatte nach ca. 500 km echt Glück und keine einzige Blase an den Füßen (dafür aber eine an den Händen, vom Wanderstab). Aber dann ging es los, am rechten Fuß ganz besonders schlimm. Nach 50 km hat man den Schmerz im Fuß dann aber wieder vergessen.

Was hat dich bewegt, diese Reise zu machen? Viele unserer Mitschüler sind nach Australien (ich z.B.), Neuseeland oder in die USA gereist, um sich eine Auszeit zu gönnen. Wieso gerade der Jakobsweg?
Ich bin in Hebborn in der Kirche zum Heilsbrunnen in der Jugendarbeit aktiv, also ist die religiöse Grundlage schon mal da. Im Großen und Ganzen war das ein Prozess über mehrere Jahre. Ich habe damals vom Jakobsweg gehört und war total begeistert. Ich liebe es, fremde Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen und mich mit ihnen zu unterhalten, und der Jakobsweg ist eine körperliche, geistige und geistliche Herausforderung. Alles, was ich vorher darüber gelesen habe, hat sich für mich einfach wahnsinnig spannend angehört. Und nach dem Abitur hatte ich dann die Zeit dafür und auch das Gefühl, nach 13 Jahren Schule einfach mal etwas Zeit zum Abschalten zu brauchen.

Es gibt ja das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“, in dem er seine Erlebnisse auf dem Jakobsweg schildert. Hast du das Buch zur Vorbereitung genutzt?
Dieses Buch war tatsächlich mein erster Kontakt zum Jakobsweg und ich habe es etliche Male gelesen bzw. als Hörbuch gehört. Natürlich hört man bei der einen Sache vielleicht mal etwas genauer hin wenn man weiß, dass man bald selbst den Jakobsweg läuft, aber als wirkliche Vorbereitung habe ich dann doch einen Pilgerführer genutzt.

Was waren deine Erwartungen, wurden sie positiv oder negativ erfüllt?
Ich habe versucht mit möglichst wenigen Erwartungen daran zu gehen und alles einfach auf mich zukommen zu lassen. Jedoch wollte ich mich, meine Grenzen und meine Beziehung zu Gott besser kennen lernen und das habe ich auch geschafft. Ich denke, je weniger man sich auf seine Erwartungen fixiert, desto mehr kann man aus so einer Erfahrung mitnehmen, womit man vorher gar nicht gerechnet hätte.

Auf dem Jakobsweg: Henning Krautmacher und Denis Wester

Du hast bestimmt viele neue Freunde gewonnen. Wie sahen sie diese Reise und was waren ihre Motive?
Ja das stimmt, ich habe unglaublich viele Leute kennen gelernt, von überall und mit den meisten habe ich noch Kontakt. Keiner von ihnen hat je bereut gelaufen zu sein, alle sind ähnlich wie ich total begeistert und wollen gerne nochmal, auch wenn einige schon das zweite oder dritte Mal gelaufen sind. Die Motive sind sehr unterschiedlich, manche machen es, um näher zu sich selbst und zu Gott zu finden. Andere aus meditativen oder spirituellen Gründen. Wieder andere haben das Gefühl so eine Chance zu bekommen, über ihr Leben nachzudenken. Und es gibt die, die es aus Fitnessgründen machen. Alle Motive aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

Welche Gefühle und Gedanken hat man, wenn man am Rande seiner Leistungsfähigkeit steht und niemand da ist, der einen auffängt?
Das war ja grade das Schöne: es gab immer jemanden, der einen auffängt! Wenn ich das Gefühl hatte „Jetzt geht nichts mehr!“ oder „Ich gebs auf!“, dann war immer jemand da, der mich motiviert hat und mir geholfen hat. Ich bin so vielen unglaublich tollen Menschen begegnet, die mir wahnsinnig viel Kraft gegeben haben, dass ich mich nie allein gefühlt habe. Und selbst wenn ich mal räumlich allein war, was beim Laufen absichtlich häufiger der Fall war, hatte ich nie das Gefühl, einsam zu sein.

Gab es mal Gedanken ans Aufgeben?
Ja, in den ersten Tagen sehr oft! Aber das wurde von Kilometer zu Kilometer weniger und ab einem bestimmten Tag habe ich dann auf einmal angefangen, das Laufen zu genießen und das hat meinen Blick auf meine Mitpilger und die Umgebung stark positiv beeinflusst, denn als ich an diesem Punkt war ging es mir einfach nur noch gut.

Überkommen einen nicht die Gefühle, wenn man am Ende vor der Kathedrale von Santiago de Compostela steht und die Reise zu Ende ist? Oder ist man voller Freude, endlich den Weg geschafft zu haben?
Die Gefühle die da entstehen sind unbeschreiblich: Man ist glücklich und stolz es geschafft zu haben, kann es nicht so ganz fassen, ist von der Stadt überwältigt und freut sich vielleicht auch mal darauf, bald wieder etwas mehr Luxus zu haben. Aber unter diese Gefühle mischt sich Bedauern darüber, dass alles vorbei ist und man bald die Leute, die man so in sein Herz geschlossen hat, nicht mehr sieht. Und es stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Denn auf dem Weg nimmt man sich Vieles vor, was man in seinem Leben ändern möchte.

Hontanas – Dorf in der Meseta, einer über 100 km langen Hochebene. (Foto: Denis Wester)

Würdest du diesen Weg nochmal gehen?
Da bin ich etwas im Zwiespalt mit mir selbst. Auf der einen Seite war es ein so tolles Erlebnis mit so vielen wundervollen Menschen, dass ich am liebsten gestern als heute wieder loslaufen würde. Auf der anderen Seite macht mir das eben Sorgen: was, wenn es beim nächsten Mal nicht mehr so toll ist? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass ich einen noch schöneren Jakobsweg erleben kann. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt …

Gibt es einen Moment, der dir besonders in Erinnerung bleiben wird?
Da sind viele Augenblicke, an die ich mich im Alltag immer wieder gerne zurück erinnere, aber die werte ich nicht gegeneinander auf. Woran ich mich am häufigsten erinnere sind die Menschen, meine Freunde mit denen ich tolle Gespräche hatte und viel Spaß gemacht habe. Manchmal muss ich immer noch aus heiterem Himmel lachen, wenn ich an bestimmte Situationen denke und bekomme eine Gänsehaut.

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