In Refrath wird bereits kräftig gebaut. In der Ackerstraße schon zum 2. Mal.

Flüchtig gelesen ist die heute im Infrastrukturausschuss anstehende Entscheidung über ein weitreichendes Abwasserkonzept „alternativlos”. Wir wollen nicht, aber wir müssen, sagen unisono die neuen (wahrscheinlichen) Großkoalitionäre Bürgermeister Lutz Urbach und SPD-Fraktionschef Klaus Waldschmidt. Der spricht im Kölner Stadt-Anzeiger gar von “Null Spielraum”.

+ Anzeige +

Genauer hingeschaut fällt aber auf, dass die Bezirksregierung nur ein Abwasserbeseitigungskonzept fordert, nicht unbedingt dieses.

Lästiges Abwasser?

Beim Abwasser scheint Bergisch Gladbachs Politik keine glückliche Hand zu haben. 2003 war es das Abwasserwerk, das über ein Cross-Border-Leasing-Modell in amerikanisches Eigentum übergehen sollte, um Steuern zu sparen. Die Idee wurde über ein Bürgerbegehren beerdigt, in der Folge musste die CDU den Bürgermeisterposten für fünf Jahre an den SPD-Mann Klaus Orth abgeben.

Immer wieder bestimmen Hochwasser und Überschwemmungen die Diskussion. Viele Regenrückhaltebecken und Kanäle wurden gebaut oder ertüchtigt, einen hundertprozentigen baulichen Schutz wird es nicht geben.

Vergeblicher Protest?

Jetzt der neue Mega-Plan, über den in der Lokalpresse vor anderthalb Jahren größer berichtete. Nach einer “chaotischen Sitzung” habe eine Mehrheit von CDU, FDP und Grünen im Infrastrukturausschuss das “umstrittene Abwasserbeseitigungskonzept” verabschiedet.

Auf der ganz sicheren Seite?

Die Kritik an den sündhaft teuren Abwasserbauten ist nicht neu. Vermutlich traf Stadtanzeiger-Reporter Matthias Niewels in seiner Kritik an dem „Wahnsinn“ den Nagel auf dem Kopf:

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie allein die Aufstellung eines solchen Plans überhaupt möglich ist. Die Antwort ist erschreckend einfach: Es wird im Rathaus von Bergisch Gladbach geplant, als wenn das Geld im Keller gedruckt würde. (…) In diesem Fall wird der Paragraf 53 des Landeswassergesetzes abgearbeitet. Ermessensspielräume, die es zweifelslos immer gibt, werden in aller Regel nicht genutzt – um ja auf der sicheren Seite zu sein. Denn Verwaltungsbeamte sind darauf gedrillt, Vorschriften und Gesetze einzuhalten. Bürgernähe ist da eher hinderlich. Und weil alle Beteiligten schon seit Jahren so verfahren, wird der Irrsinn innerhalb des Systems gar nicht mehr erkannt. Es wird nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet, fleißig manchmal noch dazu.”

Vollzug ohne Augenmaß?

Genau so sei das Abwasserbeseitigungskonzept entstanden, weiß der Kenner des Gladbacher Politikbetriebs.

Nicht ohne Folgen für die Bürger der Stadt: Die Verwaltung rechnet in den nächsten zehn Jahren mindestens mit einer Verdopplung der Abwassergebühren. Bis zum Jahr 2027 sollen insgesamt sollen sogar 205 Millionen Euro verbuddelt werden.

Presseberichten zufolge ist das der Bezirksregierung mehr oder weniger egal, sie poche auf Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften. Aber vermutlich gelten auf dieser Ebene auch jene Prinzipien, die Matthias Niewels in der Gladbacher Verwaltung erkannt haben will.

Weitere Informationen:

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

1 Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Ein wunderbar schauriges Beispiel für den organisierten Irrwitz in sich selbst kreisender Systeme. Angewandte Vernunft ist hier ebenso obsolet wie das Stellen der Sinnfrage.

    Per ebenso hochprofessionell wie spartenbeschränkt arbeitsteiliger Kooperation von Phantasten, Experten, ausführenden Detailklempnern in Verwaltung wie Technik und natürlich der sachzwänglich alternativlosen Politik werden aus überschnappenden Reißbrettmutationen real existierende Monsterbauten von kafkaesker Faszination wie Absurdität.

    Das eigentlich Beängstigende daran ist die scheinbare Unaufhaltsamkeit solcher Projekte: Niemand kann etwas dagegen tun, allen sind die Hände gebunden, keiner ist dafür verantwortlich, und jeder hat die Konsequenzen zu tragen.

    In diesem Fall geht es „nur“ um prachtvoll subterrane Millionengräber zum Erstaunen späterer Archäologen, aber das Prinzip solcher autobürokratischen Selbstläufer ´mal weitergedacht …

    HGU