Zeig mir dein Gesicht, und ich sag dir, ob ich dich mag oder nicht!

Das gilt für Menschen, aber auch für Gebäude und für ganze Städte. Wie aber sieht das Gesicht unserer Stadt aus oder vielmehr die Gesichter der Häuser in unserer Fußgängerzone?

Das Wort „Fassade“ stammt von dem lateinischen Wort „facies“ und bezeichnet das äußere Aussehen eines Gebäudes, wenn man von Architektur redet. Seit Jahrtausenden bemühen sich Architekten darum, den Fassaden von Gebäuden eine besondere Gestaltung zu verleihen. Ganze Baustile im Lauf der Jahrhunderte kann man daran erkennen. Wir leben in einer nicht sehr alten Stadt, so dass die Menge unserer historischen Gebäude begrenzt ist. Umso mehr sollten wir sie beachten und pflegen.

Dieser Artikel befasst sich mit den Fassaden in unserer Fußgängerzone, lässt dabei aber die Besonderheit des Marktplatzes außer Acht, der eine eigene Behandlung verdient.

Vom Historismus zum „Sammelsurium”

Die „historischen“ Fassaden in unserer Fußgängerzone stammen alle mehr oder weniger aus einer Zeit, die man als Gründerzeit oder Historismus bezeichnet. Der Stil dieser Zeit, der einen Teil des 19. Jahrhunderts prägte und den Beginn des 20. Jahrhunderts, unterlag in der Kunstbetrachtung der Nachkriegszeit einer gewissen Verachtung. Erst seit einigen Jahrzehnten beginnt man seinen Wert und seine Eigenart wiederzuentdecken. Dieser Stil wird durch die Nachahmung früherer Stilepochen bestimmt. Manchmal bedient er sich auch dieser und fügt sie zu einem „Sammelsurium“ zusammen, mehr oder weniger gekonnt.

Nun gibt es Zeugnisse dieses Stils, denen mittlerweile wieder große Beachtung geschenkt wird, wie Schloss Stolzenfels am Rhein bei Koblenz, der Berliner Dom auf der Museumsinsel in Berlin …

… und die Straßen am Prenzlauer Berg.

Die historischen Bauten in unserer Stadt können sich damit nicht vergleichen, und doch sind sie einer näheren Betrachtung wert.

Wenn man in unserer Fußgängerzone den Blick nach oben lenkt, fallen eine Reihe von hübschen Giebeln auf, in neoklassizistischem Stil, teilweise sogar mit Anklängen an die Blumenornamentik des Jugendstils wie das Bild ganz oben – oder diese Beispiele.

Es sind aber nicht nur die Giebel, sondern manchmal, allerdings selten, ganze Fassaden, die die Zeiten überdauert haben.

Und ab und an erscheinen auch schöne oder zumindest ungewöhnliche Fassaden aus unserer Zeit:

Oft besteht das Problem aber darin, dass man alte Fassaden erhalten, sie aber einem neuen Zweck zuführen wollte, indem man vor allem Schaufenster einbauen ließ. Leider geschah oft das, was ein Freund, der kein Blatt vor den Mund nimmt, so ausdrückte:

„Diesen Fassaden haben sie die Fresse eingeschlagen!“

Was er damit meint? Während die Giebel sozusagen die Stirnlocken der Gebäude darstellen, bildet das Parterre mit Eingang und Fenstern gewissermaßen den Mund, das Gebiss des „Fassadengesichts“. Und da ließ man oft jegliche Feinfühligkeit vermissen. Vor allem fand die wohlüberlegte Architektur von weiter oben unten keine Fortsetzung. Das Gebäude verlor die optische Standfestigkeit. Es entstand ein ungewollten Schweben, Inderlufthängen.

Da nützt es auch nichts, wenn man stolz ein Schild  aushängt:

Es müssten schon Maßnahmen folgen, die den Wert eines solchen Viertels auch zeigen. Dass das möglich ist, zeigt dieses Gebäude, wo die untere Etage dezent erneuert wurde, …

… und dieses Gebäude, bei dem neben die erneuerte Fassade ein moderner Teil angebaut und damit ein ganz neuer architektonischer Punkt gesetzt wurde.

In bescheidenerem Maße wurde das auch bei folgendem Beispiel an der Buchmühle erreicht.

Auf dem folgenden Foto sieht man direkt nebeneinander, wie man eine Fassade erhalten kann und sie trotzdem einen zeitgemäßen wirtschaftlichen Zweck erfüllen kann, nämlich Schaufensterraum zu bieten, und daneben ein zerstörtes Parterrre. Und das an einer prominenten Stelle in unserer Stadt, wo man sich fragt, ob da nicht städtische Stellen Einhalt gebieten müssten.

Vielleicht sieht das ja der vor kurzem gegründete Gestaltungsbeirat in Zukunft als seine Aufgabe an. Zumindest wäre das wünschenswert. Um ein verstärktes Bewusstsein bei Politikern, Verwaltung und Bevölkerung zu fördern, könnte das Presseamt der Stadt vielleicht eine Ansichtskarte verbreiten, die etwa so aussehen könnte:

Damit keine Missverständnisse auftauchen: Eine Fassade ist nicht alles, weder bei Menschen noch bei Gebäuden. Und manchmal kann man im Inneren eines Gebäudes auch positive Überraschungen erleben. Die RheinBerg-Galerie hat es zwar außen geschafft, sich rhythmisch an angrenzende Gebäude anzugliedern.

Doch übertrifft die Gestaltung des Inneren durch ihre Luftigkeit meines Erachtens bei Weitem die etwas zu strenge Außenansicht, wenn diese auch nicht nur lediglich eine Aneinanderreihung von Werbenamen zeigt, wie leider an diesem Gebäude, ebenfalls in prominter Lage, gleich am S-Bahnhof:

Ich bin mit Sicherheit mit den Lesern einer Meinung, wenn sie sagen, dass es vor allem bei Menschen doch mehr auf das Innere ankommt. Das sollte aber kein Argument dafür sein, die Fassade von Gebäuden zu vernachlässigen, vor allem, wenn sie sich sozusagen im Wohnzimmer unserer Stadt befinden.

Viele alte Fassaden in unserer Stadt sind offensichtlich auf ganz andere Motive zurückzuführen als reine Wirtschaftlichkeit oder reine Zweckmäßigkeit. Und das ist gut so.

Auch die folgenden Fotos sollen noch einmal zeigen, wieviele schöne, erhaltenswerte Gebäude es in unserer Stadt gibt:

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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2 Kommentare

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  1. Schade, daß wir hier in Koblenz keinen Engelbert.M. Müller haben. Wir kennen zwar
    Berg.Gladbach nur wenig, obwohl Berg.Gladbach für uns ehemalige Burscheider die
    Kreisstadt wurde. Für die Stadt und ihre Bewohner ist der Bericht, Bilder und Text, wie
    eine Stadtführung mit Herz. Und die Verantwortlichen in unseren Städten sollten nicht
    weiter “sündigen” lassen. Die Sünden in der ersten Nachkriegszeit aus der Not heraus kann man noch entschuldigen, heute sollte jedoch ein anderes Bewußtsein vorherrschen.