Akribisch hatte Ahlam den Tisch vorbereitet, an dem das Interview stattfinden sollte.

Wir waren für 16 Uhr am Hotel Hamm in Herkenrath verabredet. Als ich ankam stand der Syrer mit der hohen Stirn des Intellektuellen schon auf der Treppe und wartete auf mich. Freundlich begrüßten wir uns. Dann fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, die Interviews in Ahlams Zimmer durchzuführen.

Ich war überrascht. Eine Muslimin, die zwei Männer zu sich einlud, dazu noch einen „Ungläubigen“ wie mich, der ihr vollkommen fremd war? Oder waren die beiden miteinander liiert? Davon war bisher aber nicht die Rede gewesen. Und es zeigte sich dann, dass das auch nicht so war.

Am Eingang stellte ich mich einer hier Beschäftigten vor, die offensichtlich wissen wollte, wer hier ein- und ausging. „Bürgerreporter für das Bürgerportal“ diente mir ohne Schwierigkeiten als Türöffner.

Sie war gerade damit beschäftigt, einen der rund 50 Flüchtlinge zu ermahnen, einen Teppich, den er zusammengerollt unter dem Arm trug, nicht im Müll zu entsorgen, wenn er ihn nicht brauchte.

„Die nehmen nämlich immer alles Mögliche an und schmeißen es hinterher weg.“
„Das heißt, nicht nur wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft?“, meinte ich erstaunt.
„So ist das. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen“, erwiderte sie.
„Diese Leute haben meistens vorher in einer schrecklichen Mangelsituation gelebt und nehmen deshalb alles, was sie kriegen können.“
„Dann sind Sie als Hotelfachfrau gleichzeitig so etwas wie Sozialarbeiterin, oder?“
„Das ist man in meinem Beruf immer.“

Nun stieg der junge Syrer vor mir her die Treppe hinauf, an etlichen Zimmertüren vorbei bis zu Ahlams Zimmer. Sie stand schon erwartungsvoll in der Tür und hieß uns eintreten.

Ihr Gesicht war vor ein paar Tagen, als wir uns verabredeten, noch verschlossen gewesen. Nun strahlte mir aus dem enganliegenden Kopftuch eine herzliche Gastgeberin entgegen. Zu der Freundlichkeit ihres weichen Gesichts passte ein niedriger Tisch, der mit Keksen und Tassen und Kannen gedeckt war.

Daneben stand auf dem türkisch wirkenden bunten Teppich ein Maxikosi mit einem gesund ausschauenden Baby. Ahlam zeigte stolz auf ihren Sohn:

„Das ist Mustafa.“

Ich beugte mich zu ihm hinunter und streichelte seine niedlichen kleinen Finger. Mein „Hallo, Mustafa!“ belohnte er mit einem freudigen Lächeln, was sich auf dem Gesicht seiner Mutter fortsetzte.

„How old is he?“
„Three months.“

Wir hatten vereinbart, dass der Syrer, der angeblich mehr Englisch sprach, bei der Verständigung helfen würde und vielleicht manchmal aus dem Arabischen ins Englische übersetzen würde. Doch schien Ahlam nun mehr Englisch zu können, als ich gedacht hatte.

Der Markt in Tulkarm, Ahlams Heimatstadt. Foto: Moataz/Wikimedia

Beide sind einverstanden, dass ich ihre wirklichen Namen nenne. Ahlam, erklärt der Syrer, heiße so viel wie „Träume“. Ahlam wird Achlom ausgesprochen, mit diesem Laut, den viele Deutsche so für typisch Arabisch halten, mit einem ch wie in dem deutschen Wort Bach. Wir lachen viel über Missverständnisse bei Namensnennungen. Darauf war wohl auch zurückzuführen, dass ich Ahlam zuerst für eine Aghanin gehalten hatte und nicht für eine Palästinenserin, als die sie sich nun entpuppte.

„Ich wohnte mit meinem Mann und unseren drei Kindern in der palästinensischen Stadt Tulkarm, wo ich auch geboren wurde.“

Ab und an werden ihre Erklärungen von den Lauten Mustafas in seinem Maxikosi begleitet, der wohl daran erinnern will, dass er auch noch da ist.

„Ach, drei Kinder haben Sie schon!“ staune ich.
„Ja, und Mustafa ist das vierte“, meint sie lachend.
„Er ist in Köln geboren.“
„Ah, dann ist er ja Deutscher.“

Alle lachen wir wieder. Dann erzählt Ahlam, dass sie Mustafa in Köln-Holweide zur Welt gebracht hat, weil man dort spezialisiert ist auf Geburten von Diabetes-kranken Müttern.

Sie verließ Tulkarm im April dieses Jahres, um in Europa eine Klinik zu finden, die auf Diabetes-Geburten eingerichtet ist. Das hätte nicht unbedingt Deutschland sein müssen, sondern auch Spanien oder ein anderes Land. Nur eine entsprechende Klinik hätte es geben müssen. Solch eine Klinik gab es in Palästina nicht, und im nahen Israel wäre sie als Palästinenserin nicht aufgenommen worden.

Ihre Kinder sind in der Zwischenzeit bei ihrem Mann in Tulkarm. Aber eigentlich könnten sie nur von ihr, ihrer Mutter so richtig betreut werden. Eine Mutter sei halt nicht zu ersetzen.

Ihr Mann ist arbeitslos, wie sie es auch war. Besonders für Frauen ist es schwer, Arbeit in Palästina zu finden, es sei denn, man hat einflussreiche Freunde. Hat sie aber nicht, wie sie lachend erklärt.

In Deutschland, meint sie, sei das ganz anders. Hier würden alle gleich behandelt, egal aus welcher Schicht sie stammten. Für Frauen komme in Palästina sowieso nur eine Arbeit als Ärztin, Lehrerin oder Krankenschwester in Frage. Anderes wird von der Gesellschaft nicht toleriert.

Immerhin hat sie selber, seitdem sie verheiratet ist, zwei Jahre studiert, Sportlehrerin und Altenpflegerin und Kosmetikerin. Aber auch als Sozialarbeiterin bzw. Altenpflegerin ist es schwierig, Arbeit zu finden, da die meisten alten Leute in ihrem Land im Familienverband versorgt werden.

Tulkarm ist eine Stadt im Nordosten Palästinas und hat etwa halb so viele Einwohner wie Bergisch Gladbach. Ahlams Mann wird von seinen Eltern unterstützt, die in einem kleinen Dorf in einer Autostunde Entfernung ein Textilgeschäft betreiben.

Von ihnen erhielt Ahlam auch das Geld für den Menschen, der ihr die Ausreise ermöglichte. Er scheint ebenfalls Palästinenser zu sein, lebt aber vielleicht im Ausland. Sie weiß das nicht genau. Dieser Mann besorgte ihr und fünf anderen Palästinensern ihren Pass und das Visum für die Einreise in die EU. Wie teuer das war, weiß sie nicht, da das Geld von ihrem Mann bezahlt wurde.

Und dann begann für die schwangere junge Frau eine Odyssee mit unklarem Ziel. Zuerst wurde sie mit den anderen fünf Leuten nach Ariha gebracht, uns besser unter dem Namen Jericho bekannt. Wir denken bei diesem Namen an die Mauern von Jericho, die im Alten Testament von Joshua bezwungen wurden.

Von Aliha ging es sodann nach Amman, der Hauptstadt von Jordanien. Dort wurden ihnen ihre Papiere von dem „Schlepper“ abgenommen. Und Ahlam weiß wenig über die weitere Route, da sie „sehr müde“ war, wie sie sagt. Mit Müdigkeit sind vielleicht mehr die Erschöpfung einer hochschwangeren Frau gemeint oder die Folgen ihrer Diabetes-Krankheit.

Ihr Flugzeug, wohl eine Maschine von Turkish Airlines, landete irgendwo zwischen, vielleicht in Ankara, vielleicht in Istanbul. Dann fand sie sich auf einmal alleine auf einem deutschen Flughafen wieder. Nach dem, was sie dann erzählte, musste es sich um den Kölner Flughafen gehandelt haben.

Sie nahm ein Taxi, wusste nicht, wohin sie gefahren werden wollte. („Ich war so müde!“) Von einer Tankstelle gelangte sie zu einem Supermarkt, wo sie sich etwas zu essen kaufen wollte. Sie hatte aber nur Dollars dabei, die man dort natürlich nicht nahm. Mit der Notwendigkeit, Euros zu haben, hatte sie nicht gerechnet. Sie musste also irgendwo Geld wechseln.

Da traf sie auf einen Arabisch sprechenden Menschen. „What are you doing here?“ fragte er sie auf Arabisch und betrachtete ihren Bauch. Dann brachte er sie zu einem Krankenhaus. Es handelte sich wohl um das Evangelische Krankenhaus in Bergisch Gladbach. Die Ärzte und Krankenschwestern waren sehr nett zu ihr.

Dort blieb sie 20 Tage und lernte eine Frau aus Herkenrath kennen, die sich zusammen mit ihrem Mann in rührender Weise um sie kümmerte. Sie war ja so erschöpft! Sie lebte eine Zeitlang bei dieser jungen Familie, ein bis zwei Monate lang. Diese freundlichen Menschen brachten sie auch in Gladbach zum Ausländeramt. Die Frau ist 33, also so alt wie sie selber, der Mann 36.

Vom Ausländeramt erhielt sie dann auch einen Ausweis. In dem steht allerdings das Wort „staatenlos“.
„Haben die Behörden denn keinen Kontakt mit palästinensischen Behörden aufgenommen, um Ihre Identität zu klären“, frage ich.
„Das weiß ich nicht“, ist die Antwort.

Auf Grund ihrer bescheinigten Staatenlosigkeit ist Ahlam nicht zu einem kostenlosen Deutschunterricht berechtigt, wie z.B. Syrer und Iraker. Als sie in einer privaten Sprachschule aufgenommen werden wollte, wurde sie abgewiesen, da sie staatenlos ist und ihr deshalb kein kostenloser Deutschunterricht zusteht.

Eine Befragung durch das Bundesamt für Migration ist bei ihr bisher nicht erfolgt. Sie hätte dazu nach Dortmund gemusst, was ihr auf Grund ihrer Schwangerschaft nicht möglich war. Die Ärzte waren gegen diese Reise.

Später zog Ahlam dann ins Hotel Hamm. Hier hatte sie die Gelegenheit, kostenlos am Deutschunterricht der Initiaitve „Herwi“ teilzunehmen.

Als ich nach Hause fahre, habe ich noch den Geschmack des Tees im Mund, den Ahlam mir anbot. Er erinnert ein wenig an Kräuterdüfte, die mir im Süden Europas, in Griechenland oder auf Kreta, um die Nase wehten.

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Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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