Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

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Unsere aktuellen Lieblingsbücher sind drei Neuerscheinungen von deutschen Autoren: „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich mit dieser Autobiographie an die Spitze der Bestsellerliste katapultiert hat. Als zweites, ebenfalls auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste geschossen, „Unterleuten“, der neue Roman von Juli Zeh. Das dritte ist ein Kinderbuch namens „Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul“ von Verena Reinhardt – ein überraschendes Debüt, dem wir viele junge Leserinnen und Leser wünschen.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz.
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2016, € 22,99

„Panikherz“? Was für ein Titel, und was für ein Buch! Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie erzählt von der deutschen Rock- und Popszene, vom tiefen Absturz in Bulimie und Drogensucht und von der Freundschaft zu Udo Lindenberg.

Kurzweilig, pointiert und temporeich erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre zunächst von seiner steilen Karriere in der Medienbranche, von skurrilen Promis und durchgefeierten Nächten. Schon bald entsteht Unbehagen. Es geht alles ein bisschen zu schnell, es ist von allem ein bisschen zu viel und doch immer zu wenig. Eine Essstörung entsteht. Exzess, Kontrollverlust, Einsamkeit, Depression, Drogensucht und Verwahrlosung folgen.

Schonungslos in der Darstellung dunkelster Momente, wird dem Leser kein Detail im Alltag eines kranken, sich fast zugrunde richtenden Kokainsüchtigen erspart. Erträglich ist das Geschilderte durch den ironisch-distanzierten, schillernden, sprachgewaltigen Schreibstil des Autors. Formulieren, beobachten und noch kleinste Nuancen erfassen kann er wie nur wenige andere.

Dies ist die nahegehende Aufarbeitung einer lebensbedrohlichen, traurigen und ruhmlosen Lebensphase. Nicht zuletzt beschreibt dieses Buch, wie Udo Lindenberg ihn aus „nichtendenwollendem seelischen Dauernovember“ gerettet hat. So schonungslos und herzergreifend die Schilderung der dunklen Momente ist, so freundlich und warm streift Hoffnung auf bessere Zeiten und Leichtigkeit durch das Buch. Udo Lindenberg biete ihm ein Ende der Angst, heißt es in einer der emotionalsten Stellen des Buchs. In der „Panikfamilie“ fühlt sich Benjamin von Stuckrad-Barre endlich zu Hause, angekommen, sicher. Vielleicht brauchen wir alle einen Udo.

Nur am Rande sei etwas zur Einbandgestaltung des Buches angemerkt, denn sie ist außergewöhnlich und zeigt, dass hier ein Verlag mit viel Liebe zum Detail am Werk war. Buchhersteller sind auch im 21. Jahrhundert in der Lage, ein Kunstwerk zu erschaffen, in dem sich Inhalt und äußere Form zu einer vollkommenen Einheit verbinden. Der Kastenrücken, das Covermotiv, das neongelbe grobe Leseband, das Lindenberg-gerechte „panikgrüne“ Vorsatzpapier und das feine Papier sind ein Fest fürs Auge.

Juli Zeh: Unterleuten.
Luchterhand Literaturverlag 2016, € 24,99

Das Dorf als Romankulisse erfreut sich seit neuestem einer gewissen Beliebtheit bei deutschsprachigen Schriftstellern. Saša Stanišić, Vea Kaiser, Stefan aus dem Siepen und Thomas Willmann haben sich bereits auf sehr unterschiedliche Weise mit Dorfgemeinschaften befasst. Heraus kamen Tragikkömödie, Alpenroman, Parabel und Western. Juli Zeh wagt sich nun an das Projekt Gesellschaftsroman, angesiedelt in einem fiktiven brandenburgischen Dorf – und besteht die Aufgabe mit Bravour.

Die Dorfbewohner werden aus ihrem vordergründig friedlichen Miteinander gerissen, als ein fremder Investor einen Windpark am Dorfrand errichten will. Dazu braucht er Fläche, und dazu braucht er Dorfbewohner, die ihr Land verkaufen wollen. Schnell entstehen Interessenkonflikte, denn jeder kocht hier sein eigenes Süppchen. An erster Stelle steht nicht die Gemeinschaft, sondern der Einzelne.

Zudem lodern unbewältigte Dramen aus der Vergangenheit des Dorfes auf, was schnell eskaliert. Richtig in Fahrt kommt die Geschichte, als sich die zugezogenen Großstädter in das Gemenge stürzen. Sie verstehen wenig von den gewachsenen Strukturen und den Rissen in der Dorfgemeinschaft. In der Einschätzung ihrer Mitmenschen liegen sie meist grandios daneben.

Der Erzählstil ist sachlich und präzise. Durch eine konsequent wechselnde Erzählperspektive wirken die Figuren lebendig und individuell. Sie stehen beispielhaft für gesellschaftliche Konfliktlinien – was ganz ausgezeichnet zu Juli Zehs Ziel passt, einen klassischen Gesellschaftsroman vorzulegen.

Verena Reinhardt: Der Hummelreiter
Friedrich Löwenmaul. Beltz Verlag, € 17,95

In der Welt von Friedrich Löwenmaul sind die Menschen so klein, dass sie auf Hummeln reiten können. Friedrich ist das schwarze Schaf seiner Familie. Er entstammt einer ruhmreichen Linie von Hummelreitern, hat selbst aber eher Angst vor Insekten.

Zu Beginn der Geschichte wird er von dem hummeligen Geheimagenten Hieronymus Brumsel entführt und zu einer abenteuerlichen Reise in das ferne Königreich Südwärts genötigt. Dort erteilt die Königin Ophrys den beiden den Auftrag, in geheimer Mission Informationen zu sammeln. Vorgeblich dient dies dem Zweck, einen Krieg zu verhindern – doch leider müssen sie bald feststellen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen.

Dieses Buch voll irrwitziger Begegnungen und überraschender Ereignisse eignet sich für Mädchen und Jungen ab zehn Jahren. Es ist spannend und lebt von schrägen Charakteren und hintersinnigem Humor.
Dieser Roman gehört zum Fantasy-Genre, dennoch hat er starke Bezüge zur realen Welt.

Die Autorin gibt hier nämlich auf sehr unterhaltsame Weise ihr Spezialwissen weiter: Sie promovierte über Insekten, konkret über das Bestäubungsverhalten der Honigbiene. Man lernt ungeheuer viel von dem recht unbekannten Mikrokosmos, der vor unserer Haustür herumschwirrt.

Zum Beispiel erfährt man, warum Ameisen immer in so großer Zahl auftreten oder wie sich ein Hummelvolk organisiert. Durch diesen Mix aus realen und phantastischen Elementen ist die Geschichte ausgesprochen abwechslungsreich und originell.

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

Sie können alle Bücher in unserem Online-Shop bestellen.

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Schloßstraße 73, 51429 Bergisch Gladbach
Telefon: 02204 54016, E-Mail: info@buchhandlung-funk.de
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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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