Ein Bankräuber der besonderen Art: Kämmerer Jürgen Mumdey verdient für die Stadt Geld, wenn er Schulden macht. Die Deutsche Bank macht dabei allerdings nicht mit. Foto: Screenshot PlusMinus
Ein Bankräuber der besonderen Art: Kämmerer Jürgen Mumdey verdient für die Stadt Geld, wenn er Schulden macht. Die Deutsche Bank macht dabei allerdings nicht mit. Foto: Screenshot PlusMinus
Ein Bankräuber der besonderen Art: Kämmerer Jürgen Mumdey verdient für die Stadt Geld, wenn er Schulden macht. Die Deutsche Bank macht dabei allerdings nicht mit. Foto: Screenshot PlusMinus

Bankräuber der besonderen Art: Kämmerer Jürgen Mumdey verdient für die Stadt Geld, wenn er Schulden macht. Die Deutsche Bank macht dabei allerdings nicht mit. Foto: Screenshot PlusMinus

Wer sich Geld leiht muss Zinsen zahlen. Normalerweise. Aber was ist für eine Stadt wie Bergisch Gladbach, die mit 381 Millionen Euro verschuldet ist, und für eine Europäische Zentralbank, die eine Nullzinspolitik vertritt, schon normal? Jürgen Mumdey, Stadtkämmerer mit einem sehr spitzen Bleistift, hat jetzt demonstriert, dass man auch Geld herausbekommen kann, wenn man einen  Kredit aufnimmt.

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Weil eine Stadt in Deutschland nicht pleite gehen kann bekam Mumdey schon immer ziemlich günstige Kredite, zuletzt waren sie immer billiger geworden. Nachdem der Kämmerer zwischenzeitlich so gut wie nichts an Zinsen bezahlte gelang ihm jetzt sein Meisterstück: für eine kurzfristigen Kredit über 40 Millionen Euro bekam er einen Negativ-Zins von 0,08 Prozent.

Negativ-Zins? Das ist das Gegenteil eines Zinses: wenn man so freundlich ist, einer Bank vorübergehend Geld abzunehmen, bekommt man zum Kredit eine Belohnung oben drauf.

Auch die Kreissparkasse ist nicht dabei. Ein Angebot der Sparkasse Gelnhausen hatte Mumdey abgelehnt - und den Direktor sprachlos gemacht. Foto: Sreenshot PlusMinus

Auch die Kreissparkasse Köln ist nicht dabei. Foto: Sreenshot PlusMinus

„Da war ich sprachlos”

Publik geworden ist dieser Deal, weil die Kreissparkasse Gelnhausen einen Kredit für 0,02 Prozent angeboten hatte. Ohne Erfolg. Daraufhin hatte Sparkassendirektor Horst Wanik die Geschichte dem ARD-Magazin PlusMinus erzählt:

„0,02 Prozent haben wir als sehr marktgerecht und attraktiv empfunden und haben den Zuschlag dennoch nicht bekommen. Dann habe ich bei dem Kämmerer nachgefragt, woran es denn lag. Dann hat er mir erklärt, wir wären zu teuer. Weil er ein Angebot vorliegen habe im Minuszinsbereich. Da war ich sprachlos.”

Stellungnahme der Kreissparkasse Gelnhausen
„Die Kreissparkasse Gelnhausen wird in Ihrem Beitrag mit der Stadt Bergisch Gladbach in Verbindung gebracht. Die Stadt Bergisch Gladbach gehört nicht zu unserem Geschäftsgebiet und es bestand zu keiner Zeit Kontakt mit der Stadt. Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Gelnhausen, Horst Wanik, hat im ARD-Magazin „PlusMinus“ lediglich von einer „Kommune“ gesprochen, der ein Kassenkredit in Höhe von 0,02% angeboten worden sei. Die Kreissparkasse Gelnhausen unterliegt dem Bankgeheimnis und äußert sich generell nicht zu Kunden oder Geschäftsbeziehungen zu Kunden.”

Anmerkung der Redaktion: Im Beitrag von Plusminus wird zunächst der Fall Bergisch Gladbach geschildert, dann Wanik mit den Worten „die Kommune” zitiert, zudem ist von „dem Kämmerer” die Rede.

Das Team von PlusMinus fuhr nach Bergisch Gladbach, filmte Mumdey vor den Fassaden diverser Banken und den Gladbacher Wochenmarkt – und ließ sich von Mumdey den Deal erklären:

„Ich hatte zunächst Gerüchte gehört, dass holländische Banken Minuszinsen an Kunden weiterreichen. Daraufhin habe ich mich in der Szene mal umgehört. Es ist ja immer eine bestimmte Gruppe von Kommunalfinanzierern und bin dann in der Tat auf eine holländische Bank aufmerksam geworden.”

Foto: Sreenshot PlusMinus

Foto: Sreenshot PlusMinus

Den gesamten Beitrag können Sie hier anschauen

Was Mumdey dabei allerdings nicht verriet: Er hatte schon im Herbst 2015 einen Deal mit einem Minuszins abgeschlossen, damals über 20 Millionen Euro und einem Bonus von „nur” 0,02 Prozent, wie KSTA/BLZ damals berichtet hatten. Damals sprach der Kämmerer sogar von einem „finanziellen Schlaraffenland”.

Warum die Banken das machen
Die EZB will erreichen, dass die Banken den Unternehmen mehr Kredite geben, um die Wirtschaft zu fördern. Der Leitzins liegt bereits bei 0,00 Prozent, zudem müssen Banken, wenn sie Geld bei der EZB parken, derzeit 0,4 Prozent Strafzins zahlen. Daher lohnt es sich für die Banken, ihr Geld für 0,08 Prozent zum Beispiel in Bergisch Gladbach zwischenzulagern.

Jetzt hatte sich Mumdey 40 Millionen Euro in den Niederlande ausgeliehen und dafür einen Zins von minus 0,08 Prozent „gezahlt”: 32.000 Euro im Jahr geschenkt, rechnet Mumdey vor.

Dieser Kredit ist allerdings bereits wieder ausgelaufen, aktuell beträgt der günstigste Zinssatz -0,04 Prozent, erfuhr das Bürgerportal in der Kämmerei. Spricht man da von einer Zinserhöhung?

Kassenkredite sind übrigens für die Städte das, was für Normalbürger Überziehungskredite sind  und für die immer noch Strafzinsen in zweistelliger Höhe fällig werden.

85,5 Millionen Euro Schulden, 11.115 Euro Zinsen – für ein ganzes Jahr

Die Stadt Bergisch Gladbach hat derzeit ihr Konto um 85,5 Millionen Euro überzogen. Darauf bezahlt sie je nach Kredittranche zwischen -0,04 und +0,28 Prozent. Im gewichteten Durchschnitt zahlt die Stadt für die 85 Millionen derzeit 0,013 Prozent. Oder 11.115 Euro. Da zahlt mancher Hausbesitzer für seinen in der Hochzinsphase aufgenommenen Hypothekenkredit mehr.

Kann das auf Dauer gut gehen?

Ist das nicht geradezu eine Einladung an die Verwaltungschefs und vor allen an die Lokalpolitik, sich noch höher zu verschulden? Immerhin prüft die Stadt Bergisch Gladbach gerade, ob es nicht günstiger wäre, ein schönes großes Stadthaus auf Pump neu zu bauen – anstatt die maroden alten Gebäude teuer zu sanieren. Auch die Turnhalle in Sand könnte man ja abreißen statt sie zu sanieren.

Das sind Rechnungen, die bei einem Nullzins natürlich sehr viel schöner aussieht als bei drei, vier oder sechs Prozent Zinsen.

PlusMinus zitiert den Finanzexperten Hans-Peter Burghof:

„Jetzt haben wir die Pervertierung: Man kriegt sogar Geld dafür, dass man sich Geld leiht. Das bedeutet, man hat einen zusätzlichen Anreiz, sich über Gebühr zu verschulden und damit langfristig hohe Risiken einzugehen. Wenn die Zinsen mal in zwei, fünf, sieben Jahren steigen, dann wird das sehr unerfreulich für diejenigen, die sich so verschuldet haben.”

Und auch Jürgen Mumdey ist nicht so ganz wohl bei der Sache:

„Wir nutzen es aus, solange uns die Chance geboten wird. Ich persönlich kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass das auf lange Sicht eine sehr bedenkliche Entwicklung ist.”

Foto: Sreenshot PlusMinus

Foto: Sreenshot PlusMinus

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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