Wie der Blick durch die Windschutzscheibe die Sicht auf die Zukunft verstellt

Viele Straßen und Radwege unserer Stadt sind in einem bemerkenswerten Zustand. Asphaltierer arbeiten unermüdlich an der Verbesserung durch das Verfüllen der Löcher. Unverdrossen mit immer neuen Placken und Formen verschiedener Asphalt-Mischungen. Und mit immer neuen Touren – Bauhof und zurück. Im Foto des abgebildeten Asphalts, dessen Form an das arme Afrika erinnert, sind mindestens 14 verschiedene Asphalt-Mischungen zu entdecken. Also mindestens 14 Fahrten, Loch säubern, mit Asphalt füllen, den Placken festwalzen.

Die Verwaltung hat gut zu tun und weist mit liebevollen Schildern auf Straßen- oder Gehwegschäden hin. Für Radfahrer gilt das befreiende Schild „Benutzungspflicht aufgehoben“, wenn der Radweg suboptimal gepflegt worden ist. Ist das bereits Teil eines modernen, richtungsweisenden Mobilitätskonzepts? Wird hier schon mit dem international erprobten „share the road“ experimentiert?

Jeder Stau beflügelt die Debatte über neue Straßen. Das Ziel vermutlich: Schneller in den nächsten Stau. Gedacht wird bis zur nächsten Kreuzung. Das Denken, wie es danach weitergehen soll, wird aus Gründen bescheidener Selbstbeschränkung eingespart.

In diesen Tagen werden 800 000 Euro zur Gesichtswahrung für den Kauf einer Parkplatz-Fläche an der Kölner Straße eingeplant. Denn würde jetzt auf den Kauf verzichtet, wäre klar, dass die politische Führung dank höherer Einsicht selbst nicht mehr an die Realisierung des Bahndamm-Projekts in den nächsten zehn Jahren glaubt.

Prognosen sagen ein Bevölkerungswachstum unserer Stadt voraus. Das bedeutet bei einer Fixierung wie bisher auf PKW und LKW selbstverständlich wachsenden Autoverkehr. Freie Fahrt für freie Bürger? Einer weitergehenden Asphaltierung der grünsten Stadt Deutschlands sind natürliche Grenzen gesetzt. Der Ausweg: Wenn alle geeigneten Flächen verbraucht sind, kann der Asphalt grün eingefärbt werden. Und schon stimmt das Ranking wieder.

So weit, so gut. Noch besser allerdings: Die Beratungen des Mobilitätskonzeptes geschehen auf einer Ebene höherer Einsicht und Weitsicht. Weg von der Betrachtung des Verkehrs durch die Windschutzscheibe; die Reduzierung der Autofahrten durch eine wirkliche Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs (S-Bahn, Straßenbahn und Bus) und durch den qualifizierten Ausbau eines Radwegesystems.

Allen Menschen in unserer Stadt wäre mit der Reduzierung des LKW-Verkehrs durch den Transport von Gütern auf dem Bahngleis von und zur Zinkhütte gedient. Und der Umwelt auch.

Übrigens: Die Straßen werden durch Asphaltplacken nicht besser, nur lustiger. Das könnte auch der Sinn der Übung sein.

Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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2 Kommentare

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  1. Besonders toll sieht der große Fleck vor unserer alten Kirche aus.
    Ohne Teer geht nichts.