Kühltürme des Kernkraftwerks Tihange in Belgien

Der Zustand der Atomreaktoren in Tihange und Doel in Belgien wird immer katastrophaler. Immer wieder gibt es beunruhigende Schlagzeilen über diese Schrottreaktoren. Eine neue Studie zeigt jetzt die dramatischen Folgen eines durchaus realistischen Unfalls im AKW Tihange für große Teile Deutschland.

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Professor Wolfgang Renneberg vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien stellte am Donnerstag, den 27.10.2016 seine Risikostudie in Aachen vor. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass bei einem Versagen des Reaktorbehälters des belgischen Atomkraftwerks in der Nähe von Lüttich ein „guter Teil Deutschlands“, ganz NRW und vor allem Aachen mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit stark betroffen sein könnten, sagte der Autor der Studie, Nikolaus Müllner.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent würde Aachen unbewohnbar werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Aachen bei einer Katastrophe relativ gering verstrahlt würde (dreifach höher als der Grenzwert) liegt laut Studie bei 30 Prozent. Dann seien Fälle von Krebs und anderen Erkrankungen zu erwarten.

Das Bergische Land wäre mittendrin in der radioaktiven Wolke

Bergisch Gladbach liegt nur ca. 135 KM Luftlinie östlich entfernt von der Nuklearanlage Tihange. Damit könnte es bei einem Unfall mitten im Feld einer radioaktiven Wolke sein, denn Wolke würde je nach Witterung bis nach Hannover und Bremen ziehen, wie es in der neuen Studie heißt. Die Wissenschaftler untersuchten im Auftrag der Städteregion auf Grundlage von repräsentativer 3000 Wettersituationen und Wetterdaten und berechneten die wetterbedingten Wahrscheinlichkeiten und Risiken aus, die die Region betreffen könnte.

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima hatte das Bundesamt für Strahlenschutz amtlich festgestellt, dass die radioaktiven Belastungen noch weit über 100 Kilometer vom Unglücks-Reaktor entfernt eine Evakuierung zwingend erforderlich macht. Die jetzt in Aachen vorgelegte Studie bestätigt das. Andere Experten gehen bei solchen Szenarien davon aus, dass im Umkreis von 170 KM um Tihange die Bevölkerung evakuiert werden müsste.

Doch mehrere Millionen Menschen können in dieser dichtbesiedelten Regionen ernsthaft nicht in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit bis zum Eintreffen der radioaktiven Wolke geschützt werden. Allein Bergisch Gladbach kann nicht genug Kapazitäten für die eigene Bevölkerung zur Verfügung stellen.

Die neue Risikostudie ist Bestandteil einer Klage an einem belgischen Gericht. Unter der Führung der Städteregion Aachenkämpft eine Allianz aus rund 90 Kommunen aus den Niederlanden, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen für ein Abschalten von Tihange 2. In dem Reaktorbehälter wurden Tausende Risse entdeckt. Im Gegensatz zu deutschen Experten und den Kommunen hat die Atomaufsicht in Belgien bisher aber keine Sicherheitsbedenken.

Anti-Atom-Resolution ist Kommunalpolitik

Am 05.07.2016 hat der Rat der Stadt Bergisch Gladbach eine Resolution beschlossen, in der er die Stilllegung der AKWs Tihange und Doel 3 fordert und die juristischen Bemühungen dagegen ideell unterstützt. Dagegen stimmten die FDP,  ALFA, Teilen der CDU und ein Teil des „Mittel-Links-Bündnis“.

Der Fraktionsvorsitzende des neuen „Mitte-Links-Bündnis“ Thomas Klein (DIE LINKE.) schloss sich Jörg Krell (FDP) an, der sich gegen die Anti-Atom-Resolution  aussprach, da es sich nicht um Kommunalpolitik handeln würde. Er hatte im Rat ausgeführt, der Rat sollte sich nicht mit Themen beschäftigen, die nicht in seinen Aufgabenbereich fallen. Zudem lehne seine Fraktion es ab, sich mit Themen zu beschäftigen, bei denen keine ausreichende Informationsbasis vorhanden sei.

Die aktuelle Risikostudie des Instituts aus Wien schließt vielleicht dieses “Informationsdefizit” einiger Ratsmitglieder. Die Gefahren. die von den Reaktoren in Tihange ausgehen, würden im Katastrophenfall das Leben in Bergisch Gladbach sehr stark beeinträchtigen. Damit ist Tihange ein sehr ernsthaftes Problem für die Kommunalpolitik vor Ort. Die Stadt Bergisch Gladbach ist nicht nur aufgefordert entsprechende Katastrophenpläne zu entwickeln, um sich auf einen möglichen Unfall in Tihange oder Doel 3 vorzubereiten, sondern sie sollte sich auch ganz konkret an der Klage der Allianz aus 90 Kommunen beteiligen und der Klage beizutreten.

Unsichere Reaktoren in Belgien

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und die Rot-Grüne Landesregierung in NRW stellen sich in den Medien als Kritiker der Schrottreaktoren dar. Gleichzeitig jedoch beteuern sie immer wieder, von Deutschland aus könne man „leider“ nichts machen. Eine solche Haltung ist heuchlerisch und man steckt damit den Kopf in den Sand. AKW’s hier abzuschalten und sie hinter der Grenze, wie in Doel und Tihange, mit Brennstoff zu versorgen, ist keine glaubwürdige Politik.

Schließlich ermöglichen die Genehmigungen für den Betrieb der Urananreicherungsanlage Gronau und der Brennelementefabrik Lingen sowie der Transport und Export von Brennelementen  den Betrieb dieser Schrottreaktoren in Belgien überhaupt erst. Das ist Beihilfe zum Atomrisiko in den Nachbarstaaten, denn es kann jederzeit zu einem nicht beherrschbaren größten anzunehmenden Unfalls (GAU) kommen.

Die Gefahr eines GAUs ist nicht gering, Das Max-Planck-Institut für Chemie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass in Tihange mit einer Kernschmelze in einem Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren zu rechnen sei. Für die belgischen Atomkraftwerke gibt es Untersuchungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass das dortige Aufkommen von Rissen nicht erklärbar sei. Selbst Atomenergieexperten betrachten die belgischen Atommeiler als hochgradig unsicher, so dass diese nicht mehr betrieben werden dürften.

Die Konsequenz muss heißen, dass der marode Reaktor Tihange dauerhaft und endgültig abgeschaltet wird.

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Tomás M. Santillán

Tomás M. Santillán lebt seit seinem ersten Lebensjahr in Bergisch Gladbach Refrath. Bekannt wurde Tomás M. Santillán durch sein Engagement als Antragsteller des Bürgerentscheid gegen des Cross-Border-Leasing 2003 und seine Kandidaturen als Bürgermeister und Landrat. Von 2009-2014 vertrat er DIE...

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1 Kommentar

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  1. diese Reaktoren sollten abgeschaltet warden, wie ,können “WIR” das machen !
    vielleicht mit “Sanfter Gewalt ” Wenn. Wir warten bis etwas passiert ist es zu SPÄT ! ,

    Fred Mohr

    Sie sollten nicht nur mit sanfter Gewalt gezwungen werden,
    denn es geht doch um Menschen und um unser aller Leben..

    Karin Mohr