Lutz Urbach beim Neujahrsempfang der Stadt Bergisch Gladbach 2017
Lutz Urbach beim Neujahrsempfang der Stadt Bergisch Gladbach 2017


Lutz Urbach hat den Neujahrsempfang genutzt, um seine Vision für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt zu skizzieren. Dabei spielen der Flächennutzungsplan, der Bahndamm und Zanders prominente Rollen.

Der Neujahrsempfang 2017 im Bergischen Löwen stand ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Potenz Bergisch Gladbachs – und der Gefahren, die für die Unternehmen und damit für den Wohlstand der Stadt drohen. Der Wohlstand, so argumentierte Bürgermeister Lutz Urbach in seiner Rede, sei gefährdet, wenn der neue Flächennutzungplan (FNP) keine Chancen für Wachstum eröffne. Konstruktive Kritik sei wichtig, aber am Ende zähle das Allgemeinwohl.

Für dieses Plädoyer erhielt der Bürgermeister viel Rückdeckung von lokalen Unternehmern und vom Handwerksverband – aber auch von Reimar Molitor, dem Geschäftsführer des Region Köln/Bonn e.V.. Er habe zum ersten Mal eine Vision gehört, wie Bergisch Gladbachs Handwerk und Gewerbe gestärkt werden könne, sagte Marcus Otto, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.  An der Neuausweisung von Flächen für Gewerbe und Wohnungsbau, so Reimar Molitor, „führt kein Weg vorbei”.

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Zunächst hatte Urbach die Stadt Bergisch Gladbach als „interessanten Gewerbestandort” und „bevorzugten Wohnstandort mit hoher Kaufkraft” im Kölner Speckgürtel beschrieben. Diese Mischung sei die Grundlage für Wohlstand und florierende Wirtschaft – für die u.a. Unternehmen wie Deuta, Polytron, FRT oder Miltenyi Biotec stünden. 

Hinweis der Redaktion: Die komplette Urbach-Rede finden Sie unten

Diese Unternehmen und viele mehr seien in der Regel in Bergisch Gladbach gegründet worden, seien gewachsen, hätten mehr Flächen benötigt. Weil die aber knapp seien, werde es immer schwieriger, wachsende Unternehmen mit Grundstücken zu versorgen. Einige Unternehmen hätten nicht zuletzt aus diesem Grund die Stadt bereits verlassen.

Um in Zukunft erfolgreich wirtschaften und wachsen zu können, so Urbachs Fazit, sei „ein geeignetes, bezahlbares und vor allem verfügbares Gewerbeflächenangebot zwingend erforderlich”. Wie groß dieses Flächenangebot sein sollte oder sein muss, klammert der Bürgermeister aus. Aber für ihn ist klar:

„Der FNP ist der Entwicklungsleitfaden für die nächsten Generationen. Der FNP ist die Grundlage für die Sicherung der aktuellen Siedlungsstrukturen und bildet einen Rahmen für geordnetes zukünftiges Wachstum!” 

Um der Stadt eine Chance zur Weiterentwicklung zu eröffnen müsse man jetzt handeln. Das könne aber „nur gelingen, wenn die Menschen in unserer Stadt sich beteiligen und an einem Strang ziehen”. 

Wo den Unternehmen der Schuh drückt

In einer eigenen Runde kommt Stadtbaurat Harald Flügge auf die Bühne und interviewt die Vertreter von drei Vorzeige-Unternehmen der Stadt. Auf die Fragen hin machen alle drei deutlich, dass sie zwar im Moment noch mit ihren Flächen auskommen, aber mit Blick auf weitere Expansionen einen Flächenvorrat  begrüßen würden. 

Jeder der Unternehmen darf zwei Wünsche nennen – und dabei wird deutlich, dass der Schuh auch an ganz anderen Stellen drückt:

  • Claudia Zimmer, Chefin der Delphin Technology AG, lobt ausdrücklich die gute Verkehrsanbindung am Standort Lustheide, wünscht sich einen weiteren Breitband-Ausbau und von der Stadt mehr Mut bei der Umsetzung der Projekte. 
  • Harald Mika, der mit seinem Unternehmen Mika Timing bald ins neue Gewerbegebiet Obereschbach zieht, wünscht sich ebenfalls mehr Mut bei den Infrastrukturthemen, wozu er auch das Internet  zählt.
  • Uwe Heinlein, Kommunikationschef bei Miltenyi Biotec, empfiehlt der Stadt mehr Selbstbewusstsein und Freunde auf die Zukunft. Sein zweiter Wunsch gilt dem Ausbau des ÖPNV, bis hinauf zum Technologiepark in Moitzfeld. Denn eigentlich sei Köln die Schlafstadt, gearbeitet werde (auch von vielen Kölnern) in Bergisch Gladbach. 

Flügge nutzt die Gelegenheit, sich auch beim Thema „Autobahnzubringer über die Bahndammtrasse” Rückendeckung zu holen, allerdings nicht mit vollem Erfolg. Harald Mika glaubt, eine solche Lösung „könnte Impulse geben”.  Claudia Zimmer würde sich vom Bahndamm schon eine Entlastung erhoffen. Aber nur von einer kompletten Lösung bis hin zur A4. 

Reimar Molitor geht später ebenfalls auf den Bahndamm ein, den er befürwortet – allerdings im Konzert mit vielen anderen, längst bekannten Lösungsansätzen für die Verkehrsprobleme der Stadt: 2. S-Bahn-Gleis, Ausbau der KVB-Linie-1, Ausbau der Radwege. Alle diese Konzepte müsse man „in den FNP reinschreiben – und dann auch machen.”

„Es wird Veränderungen geben”

Zurück zu Bürgermeister Urbach, der auf die lautstarke und vielfältige Kritik am Vorentwurf für den Flächennutzungplan nur am Rande eingeht. Die „konstruktive Auseinandersetzung mit Kritik und die intensive Abwägung aller Interessen” sei gut für eine gesunde Entwicklung. Dabei gelte es aber immer, das Allgemeinwohl im Auge zu behalten.

Übersetzt heißt das wohl: Der Protest von Anwohnern und Bürgerinitiativen gegen einzelne Potenzialflächen im FNP-Entwurf ist vielleicht nachvollziehbar, muss sich aber dem Wohl der gesamten Stadt unterordnen. Das stellt Urbach zum Ende der Rede noch einmal deutlich heraus:

„Es wird Veränderungen geben und denen werden zu Beginn des Planungsprozesses nicht alle Bürgerinnen und Bürger positiv gegenüber stehen, aber viele eben doch!

Wir haben die Aufgabe, diese Stadt voran zu bringen. Der Stillstand bewegt Nichts, so dass es an uns allen liegt, voran zu gehen und das Bestmögliche für Bergisch Gladbach heraus zu holen. Auch wenn es nicht immer leicht ist!”

Deutlicher Gestaltungswille in Sachen Zanders-Gelände

Eng verbunden mit dem Schwerpunkt Wachstum und Wirtschaft ist das Thema Zanders; auf den Verkauf von 13 Hektar Industriegebiet mitten in der Stadt an einen Immobilienentwickler geht Urbach direkt ein. Aus gutem Grund habe der Stadtrat schon 2011 einstimmig ein Vorkaufsrecht für Teile der Innenstadt und damit auch für das Zandersgelände beschlossen.

Die Stadt sei sehr gut vorbereitet und prüfe jetzt, ob sie dieses Vorkaufsrecht im Falle Zanders ausübt. „Dafür braucht man noch keinen Plan, sondern eine Strategie und ein Konzept – und beides haben wir.”

Zanders verkauft ein Drittel seiner Fläche

Offen ist vor allem die Frage, welcher Kaufpreis zu zahlen ist – und ob die Stadt sich das leisten kann. Urbach lässt aber keinen Zweifel, dass dieses Vorkaufsrecht seiner Auffassung nach ausgeübt werden muss: 

„Es geht darum, Stadtentwicklung im Herzen unserer Stadt mit dem Herzen und allein im Interesse der Stadt zu betreiben. Es gibt Flächen, die besser nicht dem freien Spiel der Kräfte im Immobilienmarkt überlassen werden.”

Daraus spricht ein Gestaltungswillen, der auch beim Region Köln/Bonn e.V. angekommen ist, der eben die ganze Region im Blick hat und mit einem gewissen Erstaunen feststellt, dass Bergisch Gladbach aus dem Tiefschlaf erwacht. „Die Stadt wechselt in einen aktiven Modus der Stadtentwicklung”, konstatiert Reimar Molitor anerkennend. 

Europaweit einzigartige digitale Modellstadt

Dazu passt ein ehrgeiziges Projekt, das Urbach zum Schluss noch vorstellte: Bergisch Gladbach will sich bei einem Wettbewerb beteiligen, bei dem eine Kommune in der Größe zwischen 100.000 und 150.000 Bewohnern zu einer „europaweit einzigartigen digitalen Modellstadt” entwickeln soll.

Damit sei eine Förderung in Höhe von einigen Millionen Euro verbunden. Eine Chance habe Bergisch Gladbach aber nur, wenn sich Bürger und Unternehmen beteiligten.

Bergisch Gladbach bewirbt sich als digitale Musterstadt

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Dokumentation: Rede Lutz Urbach, Neujahrsempfang 7.1.2016

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie jedes Jahr steht dieser Neujahrsempfang unter einem bestimmten Thema; eines, das uns im vergangenen Jahr besonders beschäftigt hat, uns aber auch im bevorstehenden fordern wird.

Das ist in diesem Jahr die Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes und damit die Entwicklung der Wirtschaft und der Siedlungsstruktur in unserer Stadt.

Die Gründe, warum wir uns als verantwortungsvolle Ratspolitiker und Verwaltungsmitarbeiter dazu entschlossen haben, endlich dieses alte Planwerk zu erneuern, liegen auf der Hand: der Flächennutzungsplan datiert vom 24.04.1978, und es existieren aktuell 177 rechtskräftige Änderungen – ein Flickwerk.

Doch warum ist ein solcher Plan wichtig? Und warum kann nicht mit dem bestehenden Plan und einzelnen Änderungen weitergearbeitet werden?

Kurz gesagt: Der FNP ist der Entwicklungsleitfaden und das Planungskonzept für Generationen.

Die Stadt ist seit der Industrialisierung kontinuierlich gewachsen und wird es weiter tun. Der Flächennutzungsplan soll ein geordnetes Wachstum sicherstellen. Werfen wir einen kurzen Blick auf die historischen Hintergründe:

Die Strunde war einst der „fleißigste“ Bach Deutschlands und Antriebsquelle für diverse Mühlen. Neben dieser Wasserwirtschaft prägten auch der Erzbergbau, der Abbau von Braunkohle und Dolomit und die Papierindustrie die Stadt Bergisch Gladbach. Diese gewerblichen Nutzungen sind Grundlage unserer lokalen Entwicklungen. Hinzu kamen Handel und Handwerk sowie die Ansiedlung von Verwaltungsstrukturen – Schloss Bensberg , die Gerichte etc..

Der große Vorteil war damals schon: Die Lage am Übergang von den Rheinterrassen zum Anstieg des Bergischen Landes. Und gleichzeitig ist diese topographische Gegebenheit die Ursache für den Mangel an geeigneten Siedlungs- und Gewerbeflächen. Flächen – im Sinne von flach – sind hier sehr wertvoll. Die Wiedernutzung von Brachflächen ist deshalb seit vielen Jahren – insbesondere im gewerblichen Bereich – von besonderer Bedeutung. Ein gutes Beispiel hierfür ist der TechnologiePark: Dort gab es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erzbergbau, Mitte der 1950er Jahre dann die Firma Interatom, später Siemens AG. Mitte der 90er Jahre folgte die Entwicklung des TechnologieParks und des Gründerzentrums. Weitere Beispiele sind das Areal des Gewerbegebietes Zinkhütte, das Gewerbe- und Wohngebiet der ehemaligen Hermann-Löns-Kaserne und der Bereich Lochermühle, heute bekannt als Strundepark.

Eine Untersuchung der einzelnen gewerblichen Brachflächen im Jahr 2015 in Bergisch Gladbach hat ergeben, dass das hieraus nutzbare und tatsächlich zur Verfügung stehende Potential äußerst gering ist. Für diese Restflächen sollen dennoch Mobilisierungsstrategien entwickelt werden.

Fazit 1: Das Flächenrecycling hat in Bergisch Gladbach aus gutem Grund eine lange Tradition.

Die Lage von BGL im Speckgürtel Köln / Bonn / Leverkusen sorgt dafür, dass sich Bergisch Gladbach trotz hoher Grundstückspreise als bevorzugter Wohnstandort etablieren konnte. Gleichzeitig entwickelte sich die Stadt zu einem interessanten Gewerbestandort. Grundlage hierfür waren gut ausgebildete Arbeitskräfte, ein umfassendes Infrastrukturangebot und vor allem die Nähe zu den großen Absatzmärkten in der Metropolregion Rheinland. Gleichzeitig nimmt Bergisch Gladbach in einer aktuellen Untersuchung unter den 75 Städten über 100.000 Einwohnern den dritten Platz in der Kategorie Grüne Großstadt ein. Ca. 80 % des Stadtgebietes werden durch öffentliches oder privates „Grün“ bestimmt.

Auf dem Luftbild an der Wand ist die Verteilung der Siedlungs- und Gewerbeflächen im Stadtgebiet Bergisch Gladbach gut zu erkennen und bildet das Ergebnis der Studie sehr schön ab.

Diese besondere Mischung ist bis heute Grundlage für den Wohlstand und eine florierende Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Auszeichnungen durch das Land NRW an hiesige Unternehmen sind nur ein Beleg für die Leistungsfähigkeit der Unternehmen unserer Stadt. Beispielhaft ist hier die NRW-Kampagne „Germany at its best“. Geehrt wurden beispielsweise die Bergisch Gladbacher Unternehmen Deuta, Polytron, FRT und Miltenyi, das Grandhotel Schloss Bensberg und die Sterneküche Joachim Wissler.

Die wirtschaftsrelevante Infrastruktur in Bergisch Gladbach ist ein weiterer wichtiger Faktor: 3 Krankenhäuser, eine Reha-Klinik, eine flächendeckende fachärztliche Versorgung, ein umfassendes Schulangebot (36 Schulen), die Fachhochschule der Wirtschaft, die Kreishandwerkerschaft mit dem Angebot der überbetrieblichen Ausbildung, das TechnologieZentrum für die Ansiedlung innovativer Gründungsunternehmen, aber auch ein breites Angebot an Kinderbetreuung und kulturellen Einrichtungen; all das ist wichtig für den Wirtschaftsstandort

Und damit setzt die Stadt Bergisch Gladbach auf eine ausgezeichnete und nachhaltige Standortqualität, die aber auch in der Zukunft erhalten bleiben und finanziert werden muss (Stichwort Schulsanierungen!).

Wie sieht die aktuelle Wirtschaftsstruktur in Bergisch Gladbach aus?

Ende dieses Jahres betrug die Zahl der bei der IHK gemeldeten Unternehmen in Bergisch Gladbach 6.859. In Bergisch Gladbach sind viele erfolgreich produzierende Unternehmen angesiedelt, die nachhaltige Arbeitsplätze bieten. Es gilt, diese am Standort zu halten und in ihrer weiteren Entwicklung zu unterstützen.

Viele dieser hier ansässigen Unternehmen sind hier gegründet oder nach dem Krieg nach Gladbach umgesiedelt worden und über Jahre erfolgreich gewachsen. Hierzu gehören beispielsweise die Firmen Krüger, Anton Clemens, Deuta, Miltenyi, Adels Contact, Baermann, Musculus, Oerlikon Metaplas, KL-Druck, ASTRO Strobel, Bandis + Knopp, Research International, Biogenius. Nur wenige große Unternehmen sind „neue“ Ansiedlungen. Die meisten sind familiengeführte Traditions-Unternehmen und größtenteils in einem der 13 Gewerbegebiete ansässig.

Einen Überblick über eine Verteilung der Gewerbegebiete können Sie ebenfalls dem projizierten Luftbild entnehmen. Für eine konkrete Betrachtung finden Sie dieses Luftbild als Aushang im Foyer.

Auf der Grundlage der beschriebenen Ausgangssituation kommt es immer wieder zu der Herausforderung, schwierige, planerische Stadtortsicherungsmaßnahmen durchführen zu müssen, wenn Unternehmen weiter wachsen möchten. Beispiele hierfür sind die Neubauten der Kapselproduktion und des Hochregallagers durch die Firma Krüger. Dabei spielen natürlich auch umweltrelevante Ausgleichsmaßnahmen eine wichtige Rolle.

Wir müssen auch zukünftig in der Lage sein, auf solche Expansionswünsche reagieren zu können. Hierzu gehört die planerische Sicherung von vorhandenen Gewerbeflächen, wie z.B. am Industrieweg. Klarheit und Planungssicherheit sind von zentraler Bedeutung für Eigentümer von Flächen und Unternehmen. Sie beugen der Grundstücksspekulation vor.

An dieser Stelle einige Sätze zur aktuellen Situation bei Zanders:

Der Stadtrat hat schon im Jahr 2011 einstimmig eine Vorkaufsrechtssatzung für Teile der Innenstadt beschlossen. Dabei steht die Standortsicherung für unsere identifikationsprägende Papierindustrie im Vordergrund, es geht aber auch darum, Stadtentwicklung im Herzen unserer Stadt mit dem Herzen und allein im Interesse der Stadt zu betreiben. Es gibt Flächen, die besser nicht dem freien Spiel der Kräfte im Immobilienmarkt überlassen werden.

Wir haben uns seit eineinhalb Jahren auf die jetzt eingetretene Situation vorbereitet. Wir haben uns juristisch und steuerlich beraten lassen, wir haben ein renommiertes Institut für Grundstücksbewertung beauftragt und können aus dieser gut vorbereiteten Kenntnis heraus prüfen, ob es für die Stadt der richtige Weg ist, das Vorkaufsrecht auszuüben.

Dafür braucht man im Übrigen gar nicht zwingend einen Plan im Sinne einer Planung – einen Plan hat auch der private Investor nicht, und er kann ihn auch noch gar nicht haben, weil noch unklar ist, welche Veränderungen die Papierproduktion am Standort in der nächsten Zeit noch machen wird. Was man aber sehr wohl braucht, das sind eine Strategie und ein Konzept. Beides haben wir! Und somit können wir uns sehr verantwortungsvoll mit der Frage des Vorkaufsrechtes auseinandersetzen.

Wir haben in Bergisch Gladbach 1362 eingetragene Handwerksbetriebe, in denen ca. 7000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Diese Betriebe sind häufig ansässig in Gemengelagen von Wohnen und Arbeiten, woraus sich nicht selten Nachbarschaftsprobleme ergeben. Auch hier müssen wir in Zukunft über geeignete Flächen zur Unterbringung dieser Unternehmen nachdenken.

Auch der Handel ist nicht zu vernachlässigen. In Bergisch Gladbach sind 690 Handelsbetriebe zugelassen mit einer Verkaufsfläche von insgesamt ca. 195.000 qm. Diese Unternehmen sind überwiegend in den 3 großen Zentren und den Ortsteilzentren ansässig.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es wird deutlich, dass es in Bergisch Gladbach immer wieder schwierig werden kann, wenn die hier ansässigen Firmen wachsen möchten. Dies sollten wir als Stadt aber ermöglichen können, denn eine Stadt mit solch heterogener Unternehmerschaft beschäftigt auch eine Vielzahl an unterschiedlichen Arbeitskräften.

In Bergisch Gladbach haben wir aktuell über 5.200 umsatzsteuerpflichtige Unternehmen, die knapp 32.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigen – das ist mehr als ein Viertel unserer Einwohnerzahl! Verschiedene Arten und Qualitäten von Arbeitsplätzen sorgen dafür, dass Menschen mit unterschiedlichen Bildungsständen mit einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz versorgt werden können.

Durch ortsnahe Arbeits- oder Ausbildungsplätze bleiben aber auch die Wege kurz, und Pendlerströme werden nicht unnötig ausgelöst. Das ist besonders von Bedeutung für Menschen, die auf kurze Fahrzeiten angewiesen sind – Stichwort Teilzeit. Die Arbeitsplätze sorgen für ein geregeltes Einkommen, das häufig nicht nur die Arbeitskraft selbst, sondern meist eine Familie finanziert. Nicht ohne Grund ist die Kaufkraftkennziffer der Bergisch Gladbacher Bürgerschaft – bundes- und landesweit betrachtet –überdurchschnittlich hoch, was ein Indikator für Wohlstand ist.

Aufgabe der kommunalen und regionalen Wirtschaftsförderung ist es, unternehmerische Tätigkeit zu unterstützen. Dazu arbeitet die Wirtschaftsförderung konkret daran, die Qualität der lokalen und regionalen Rahmenbedingungen und Standortfaktoren für unternehmerisch erfolgreiches Handeln zu verbessern. Diese Faktoren sind letztlich ausschlaggebend für eine Standortentscheidung.

Aufgaben der Wirtschaftsförderung sind insbesondere

  • Die Entwicklung der Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur
  • Die Anpassung und Erweiterung der wirtschaftsrelevanten Infrastruktur
  • Die Unterstützung der Wirtschaft durch die Betreuung von Netzwerken und Interessengemeinschaften

Wirtschaftsförderung ist der wesentliche Beitrag der öffentlichen Hand zur Sicherung und Mehrung von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen, die durch Unternehmen und Mitarbeiter in der Stadt geleistet werden.

Eine notwendige Voraussetzung ist heute insbesondere regionales Denken und eine entsprechende Abstimmung mit den Nachbarkommunen. Gute Beispiele hierfür sind das regionale Gewerbeflächenkonzept, das wir gemeinsam auf Kreisebene erarbeitet haben, die regionalen Gespräche zum Thema Verkehr mit der Stadt Köln und das Agglomerationskonzept im rechtsrheinischen Köln.

Beispielhaft darf ich Ihnen einige Maßnahmen der Wirtschaftsförderung vorstellen. Diese Angebote werden sowohl von der kommunalen Wirtschaftsförderung im Rahmen des Stadtentwicklungsbetriebes als auch von der regionalen Wirtschaftsförderung des Kreises (RBW GmbH) mit einer klar definierten Aufgabenverteilung erbracht:

Die Wirtschaftsförderung

  • ist die zentrale Anlaufstelle für Belange der Unternehmen in der Stadt
  • übernimmt eine Lotsen-Funktion im Bereich der Verwaltungen
  • kümmert sich um die Bestandspflege ansässiger Unternehmen
  • stellt wirtschaftsrelevante Informationen bereit (Newsletter, Infoveranstaltungen)
  • sichert eine unabhängige Beratung von Unternehmen zu aktuellen Themen, z.B. Digitalisierung, Familienfreundlichkeit, Fördermittel, Unternehmensnachfolge
  • betreut Netzwerke
  • begleitet den Ausbau der touristischen Infrastruktur
  • initiiert und fördert den Breitbandausbau
  • kümmert sich um die Ansiedlung neuer Unternehmen
  • bietet umfassende Beratung für Existenzgründer

Aktuelle Herausforderungen zur Erhaltung, Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen

Um erfolgreich wirtschaften und wachsen zu können ist ein geeignetes, bezahlbares und vor allem verfügbares Gewerbeflächenangebot zwingend erforderlich. Darüber hinaus muss eine angemessene verkehrliche Erreichbarkeit sichergestellt werden.

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten in der Metropolregion Rheinland weist Bergisch Gladbach jedoch vergleichsweise hohe Bodenpreise und ein geringes Angebot an Entwicklungsflächen auf. Aufgrund vieler schutzbedürftiger Landschaftsbereiche und der Topographie sind zudem viele potenzielle Standorte nicht oder nur schwer zu erschließen.

Dennoch ist es für einen Wirtschaftsstandort unabdingbar, verfügbare Flächen im Portfolio zu besitzen, um kurz- bis mittelfristige Anfragen von erweiterungsbedürftigen Unternehmen am Standort oder Nachfragen aus der unmittelbaren Region bedienen zu können.

Eine Stadt, die auf entsprechende Anfragen keine Flächen zeitnah anbieten kann, wird langfristig ihre Wirtschaftskraft und damit ihren Wohlstand nicht erhalten können.

Weil es unserer Stadt viele Jahre so erging, haben Firmen unsere Stadt verlassen. Viele von Ihnen kennen die bekannten Beispiele vom Bastei-Lübbe-Verlag über den Kunststoffspezialisten IGUS, von der Firma EMITEC Katalysatortechnik bis hin zur Medizintechnik-Firma Varian. Daneben gibt es aber viele weitere kleinere und weniger bekannte Firmen und Handwerksunternehmen, die wir ziehen lassen mussten, weil keine geeignete Fläche zur Verfügung stand.                 

Glücklicherweise konnten wir diesen Zustand mit der Erschließung des Gewerbegebietes Obereschbach vor wenigen Jahren etwas verbessern.

An diesem Standort konnten im Rahmen eines aufwendigen Planungsprozesses ca. 50.000 qm Gewerbefläche in einem terrassierten Gelände erschlossen werden. Erschließung und Vermarktung der Fläche erfolgt durch den hierfür gegründeten Stadtentwicklungsbetrieb unter der Leitung zunächst von Bernd Martmann und nun von Harald Flügge.

Die Firmen Böhnke und Partner, Botzian und Kirch sowie die Firma Geiger BDT hatten über mehrere Jahre bereits Erweiterungsbedarf und suchten nach einem geeigneten Standort in Bergisch Gladbach, aber auch außerhalb der Stadt und sogar außerhalb der Region. Sie haben im Gewerbegebiet Obereschbach an der Heinz-Fröling-Straße jeweils ein Grundstück von der Stadt erworben und sind so der Stadt erhalten geblieben.

MIKA Timing plant den Umzug in das Gewerbegebiet Obereschbach für 2017. Damit Sie sich eine Vorstellung von der Entwicklung dieses Gebietes machen können, sehen Sie auf dem ersten Foto das ursprüngliche Gelände und auf den weiteren Bildern die Entwicklung bis zum aktuellen Status. 

Dieses Gewerbegebiet ist das erste in städtischem Eigentum seit über 20 Jahren und befindet sich seit 2014 in der Vermarktung. Aktuell liegen für alle noch verfügbaren Grundstücke Anfragen vor. Insgesamt wurden bisher bereits 500.000 qm Gewerbefläche angefragt – zehn Mal mehr als wir haben.

Deshalb haben wir harte Kriterien für die Vergabe von Grundstücken angelegt, um verantwortungsvoll mit der Ressource „Fläche“ umzugehen. Zurzeit prüft der Stadtentwicklungsbetrieb, welche Unternehmen diese erfüllen. Insgesamt sollen in diesem Gewerbegebiet nach Endausbau mindestens 400 zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen.

Viele andere Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ebenso den Wunsch nach einer Fläche bei mir und meinen Kollegen verdeutlicht. Doch nur selten können wir aufgrund der gegebenen Bedingungen eine Fläche anbieten.

Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung. Die notwendig auszuweisende Fläche kann aber durch ein konsequentes Flächenrecycling, den sparsamen und nachhaltigen Umgang mit der Ressource „Fläche“ und der konsequenten Anwendung von Kriterien für den Verkauf von Gewerbegrundstücken verringert werden. Diese Möglichkeiten werden in Bergisch Gladbach aktiv genutzt.

Fazit: In Bergisch Gladbach wird mit Gewerbeflächen nicht „geast“, sondern Flächen werden nahezu ausschließlich an heimische Unternehmen mit einer hohen Arbeitsplatzdichte vergeben.

Im Flächennutzungsplan geht es aber nicht nur um Gewerbeflächen. Gleichzeitig müssen wir uns rechtzeitig Gedanken machen zum künftigen Ausbau der Siedlungsstruktur und einer leistungsfähigen Verkehrsinfrastruktur. Auch diese Themen werden im FNP abgebildet. Es geht sowohl um eine Anbindung an das überörtliche Straßennetz als auch die Umsetzung des beschlossenen Mobilitätskonzeptes.

Das Thema Fachkräftesicherung hängt von der Attraktivität des Standortes und der Verfügbarkeit von Flächen für Wohnen, Kultur, Bildung, Einzelhandel und Freizeit ab. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird immer wichtiger und ist unmittelbar abhängig von kurzen Wegen und der Verfügbarkeit von Angeboten zur Kinderbetreuung und der Vielfalt von Bildungseinrichtungen vor Ort. Aus Zeitgründen werde ich diese Themen aber heute nicht vertiefen. Wir können aber festhalten:

Der FNP ist der Entwicklungsleitfaden für die nächsten Generationen. Der FNP ist die Grundlage für die Sicherung der aktuellen Siedlungsstrukturen und bildet einen Rahmen für geordnetes zukünftiges Wachstum! Gleichzeitig ist der FNP die wesentliche Grundlage für die spätere notwendige Entwicklung von konkreten Bebauungsplänen, ohne die eine Realisierung nicht möglich ist.

Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, wir müssen handeln, um Bergisch Gladbach Chancen zur Weiterentwicklung zu eröffnen. Die Erstellung dieses „Entwicklungsleitfadens“ kann nur gelingen, wenn die Menschen in unserer Stadt sich beteiligen und an einem Strang ziehen.

Die konstruktive Auseinandersetzung mit Kritik und die intensive Abwägung aller Interessen tun einer gesunden Entwicklung unserer Stadt gut. Dabei gilt es immer, das Allgemeinwohl im Auge zu behalten. Es wird Veränderungen geben und denen werden zu Beginn des Planungsprozesses nicht alle Bürgerinnen und Bürger positiv gegenüber stehen, aber viele eben doch!

Wir haben die Aufgabe, diese Stadt voran zu bringen. Der Stillstand bewegt Nichts, so dass es an uns allen liegt, voran zu gehen und das Bestmögliche für Bergisch Gladbach heraus zu holen. Auch wenn es nicht immer leicht ist!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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1 Kommentar

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  1. Das war eine Rede nach dem Geschmack der eingeladenen Industrie- und Gewerbevertreter. „Allgemeinwohl“ ist das Wichtigste“, auf 80.000 Bürger, die nicht in BGL arbeiten sondern nur wohnen, können wir verzichten. Warum sollte man sich um die Bürger kümmern, die wegen „Unsere Stadt im Grünen“ hier wohnen oder zugezogen sind? Die sind ja schon hier. Nein, wir wollen neue Industrie und neues Gewerbe für neue Bürger, damit alle zusammen endlich die städtsischen Einnahmen bringen, die uns aus dem Sicherungshaushalt holen. Da kann man auch mit den neuen Wohngebieten, wo die neuen Arbeitnehmer für die neuen Firmen ja wohnen müssen, ein paar EUR holen. Und überhaupt, der zusätzliche Verkehr wird schon zu stämmen sein. Weisen wir erstmal die 235 ha aus, der Rest wird sich finden. Ich bin gespannt, was die alten mit den neuen Unternehm,en finden, damit ihre Mitarbeiter pünktlich zur Arbeit erscheinen können.