Roland Vossebrecker in der Kirche zum Heilsbrunnen

Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus hatte der Ganey-Tikva-Verein auch in diesem Jahr wieder zu einer Veranstaltung am Freitag, 27.01.2017, in die Kirche zum Heilsbrunnen eingeladen. Roland Vossebrecker, der sich sehr intensiv mit der Geschichte des Holocausts auseinandergesetzt hat, ging an diesem Abend auf die Entwicklung des industriellen Massenmordes ein. Im Blickpunkt standen die „Vorläufer“ von Auschwitz, die Massenerschießungen und die unbekannteren Vernichtungslager Kulmhof, Belzec, Sobibor und Treblinka.

Mit den einleitenden Worten: „Es ist gut, dass es einen solchen Gedenktag gibt, zweifellos!“ fasst er die Aussagen seiner Vorredner Pfarrer Achim Dehmel, Vereinsvorsitzende Petra Hemming und Stv. Bürgermeister Josef Willnecker zusammen.

Doch Roland Vossebrecker bekundet auch ein Problem mit diesem Gedenktag an die „Befreiung“ von Auschwitz.

Wir dokumentieren den Vortrag im Wortlaut:

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte, konnte sie etwa 7.000 Häftlinge befreien. Damit endete das Morden in Auschwitz, nicht aber das Sterben. Von den 7.000 Befreiten starben viele noch in den Tagen darauf an den erlittenen Qualen und Entbehrungen.

Nicht befreit aber wurden etwa 200.000 Menschen, die Häftlinge in Auschwitz gewesen, aber von den Nazis in andere Konzentrationslager ins Innere des Deutschen Reiches verlegt worden waren, um dort ihre Arbeitskraft für die Kriegswirtschaft bis zum Letzten auszubeuten. Wenn sie denn überhaupt überlebten, dann mussten sie bis zu ihrer Befreiung noch Monate unter entsetzlichsten Bedingungen aushalten. – Selbst viele Überlebende fühlten sich nicht befreit. Shlomo Venezia, der gezwungen wurde, in den Krematorien und Gaskammern von Birkenau zu arbeiten, sagte:

„Alles bringt mich zurück ins Lager. Was ich auch tue, was ich auch sehe, mein Geist kehrt immer wieder an diesen Ort zurück. Es ist, als hätte die „Arbeit“, die ich dort tun musste, meinen Kopf nie verlassen… Man kommt nie mehr wirklich aus dem Krematorium heraus.“

Nicht befreit wurden auch die Opfer der Todesmärsche bei den Evakuierungen von Auschwitz und anderer Lager. Das waren viele tausend Menschen, die wegen Hunger und Entkräftung, bei eisigen Temperaturen ungenügend bekleidet, bei den Evakuierungsmärschen nicht mehr Schritt halten konnten und deswegen von den Wachen erbarmungslos erschossen wurden.

Nicht befreit wurden die mindestens 1,1 Millionen Toten von Auschwitz, von denen die aller-meisten in den Gaskammern von Birkenau ihr schreckliches Ende fanden.

Und auch nicht befreit wurden die Toten der vielen anderen Vernichtungsstätten!

Roland Vossebrecker weist damit auch auf die weit verbreitete, aber falsche Auffassung hin, die nationalsozialistische Massenvernichtung habe alleine in Auschwitz stattgefunden. Die wenigsten Zeitgenossen wissen heute mit Babi Yar, Kulmhof, Belzec oder Sobibor etwas anzufangen. Vossebrecker zeigt auf, dass an diesen Orten insgesamt wesentlich mehr Menschen ermordet wurden als in Auschwitz.

Da war zum einen die Aktion T4, der erste nationalsozialistische, industrielle Massenmord: die sogenannte „Euthanasie“, die Ermordung „Geisteskranker und behinderter Menschen“, im Nazi-Jargon „lebensunwertes Leben“.

Eine weitere Maßnahme, die den späteren Massenmord begünstigte, war die Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung in Polen, später auch in Teilen der Sowjetunion.

Am 22. Juni 1941 erfolgte der Überfall auf die Sowjetunion, das sogenannte „Unternehmen Barbarossa“. Dieser Kampf wurde als Weltanschauungskrieg propagiert, in dem die Regeln des „zivilisierten Krieges“ keine Gültigkeit mehr haben sollten. Vergehen von Wehrmachtsangehörigen sollten nicht geahndet werden, solange sie nicht die Disziplin der Truppe gefährdeten. Dies kam einem Freibrief für Kriegsverbrechen gleich.

Der Wehrmacht folgten hinter der Front SS-Einsatzgruppen und Polizeibataillone, die unter dem Deckmantel der „Partisanenbekämp-fung“ begannen, massenhaft Juden zu ermorden. Nach nur etwa 14 Wochen war man logistisch und psychisch in der Lage, in nur zwei Tagen in der Schlucht von Babi Yar bei Kiew über 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder zu erschießen.

Dina Pronitschewa überlebte das Massaker. Sie sagte aus:

“Ich habe die Augen geschlossen und sprang in die Tiefe. Ich fiel auf die Leichen. Dann hörten die Schüsse auf und die Deutschen kamen nach unten in die Grube, gingen über die Körper und prüften, wer noch nicht tot war. Die erschossen sie. Ich verhielt mich so still ich konnte und rechnete mit meinem Ende. Dann wurde es dunkel. Sie schippten Sand auf die Körper. Ich verstand, dass ich lebendig begraben war. Nachts bewegte ich meine linke Hand und spürte, dass sie an der Oberfläche war. Dann schaufelte ich mich frei, dass ich mehr Luft bekam und schließlich grub ich mich ganz aus. Ich kroch über die Leiber aus der Erde wieder heraus. Es war stockfinster. Von oben waren immer wie-der Schüsse zu hören, sie feuerten noch im Dunkeln runter in die Schlucht.”

Wegen der Öffentlichkeit der Erschießungen sowie den mit der Zeit vermehrt auftretenden Nervenzusammenbrüchen bei den Männern der Erschießungskommandos suchte man nach alternativen, „humaneren“ Mordmethoden; „humaner“, weniger belastend für die Täter. Dies führte schließlich zur „Erfindung“ der Vernichtungslager, deren Aufgabe es war, eine mög-lichst große Zahl von Menschen in möglichst kurzer Zeit zu töten.

Das erste Vernichtungslager der Menschheit, Kulmhof, wurde im Herbst 1941 in dem polnischen Dörfchen Chelmno errichtet und am 8. Dezember in Betrieb genommen. Hier sollten die jüdische Bevölkerung des Warthegaus, sowie die nicht arbeitsfähigen Juden des Gettos Litzmannstadt getötet werden. Die Opfer wurden mit der Bahn und mit LKW nach Chelmno gebracht. Im sogenannten „Schloss“ mussten sie sich zur angeblichen Desinfektion entkleiden, und über einen Korridor einen Raum betreten, der tatsächlich die Ladefläche eines Gaswagens war. Wenn der Raum mit 60 bis 80 Personen gefüllt war, wurden die Türen verschlossen und die Abgase des Wagens in den Laderaum geleitet.

Im Frühjahr 1942 wurde die sogenannte „Aktion Reinhard“ in Gang gesetzt, die systematische Ermordung der polnischen Juden, bei gleichzeitigem Raub sämtlicher Besitztümer der Opfer. Schauplätze des Schreckens waren die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka: Die Opfer wurden mit Viehwaggons zu den Todes-Lagern gebracht. An der Bahnrampe mussten sie die Waggons verlassen, wurden aufgefordert, sich zu entkleiden und ihre Wertsachen abzugeben.

Die nackten und verängstigten Menschen wurden in die Gaskammern gepfercht. Wenn diese restlos gefüllt waren, wurden die Türen fest verschlossen und die Abgase eines Dieselmotors in die Kammern geleitet. In allen drei Lagern erwiesen sich aus Tätersicht die ursprünglichen Gaskammern schnell als zu klein, im Laufe des Jahres 1942 wurden sie durch größere ersetzt, in denen mehrere hundert Menschen gleichzeitig getötet werden konnten. In den Lagern der Aktion Reinhard starben über 1.400.000 Menschen.

Auschwitz-Birkenau mit seinen vier riesigen Krematorien und Gaskammern war der Schluss-punkt einer jahrelangen Entwicklung des industriellen Mordens, gewissermaßen die monströse Spitze eines Eisbergs. Doch Auschwitz wäre nicht möglich gewesen ohne die Vorläufer, in denen das Morden improvisiert, getestet, erlernt und optimiert wurde.

Roland Vossebrecker schließt mit einem Zitat eines mutigen Chronisten von Auschwitz, Salmen Gradowski, der es gewagt hat, den Terror aufzuzeichnen:

„Die ganze Prozedur dauert zwanzig Minuten – und der Körper verwandelt sich in Asche.

Es wird nicht lange dauern, und die fünftausend Menschen, fünftausend Welten, nehmen ein Ende in den Flammen.

Und du stehst verblüfft und schaust darauf. Man legt immer zwei Leichen auf einmal hinein. Zwei Menschen, zwei Welten, sie hatten in der Menschheit ihren Platz, sie lebten und existierten, sie arbeiteten und schafften etwas. Sie leisteten etwas für die Welt und für sich, sie legten einen Ziegel zu dem großen Gebäude, sie woben einen Faden für die Welt und für die Zukunft – und bald, in zwanzig Minuten, bleibt kein Andenken an sie.“

Zur Person: Roland Vossebrecker, Träger der Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach

Der Bergisch Gladbacher Komponist, Pianist, Dirigent und Musiklehrer komponierte zahlreiche Klavier-, Kammermusik-, Ensemble- und Orchesterwerke. Außerberuflich engagiert er sich in der Bildungsarbeit im Blick auf das Thema „Verfolgung von Juden im Dritten Reich“.

Seit vielen Jahren ist ihm die Aufklärung des schlimmsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte ein Herzensanliegen. Im Rahmen des Bildungswerkes Stanislaw Hantz e. V. organisiert und leitet er Bildungsreisen nach Auschwitz, sowie nach Lodz (Ghetto Litzmannstadt, Vernichtungslager Kulmhof). Mit Dokumentationen und Vorträgen erreicht er sein Publikum ebenso wie über das „IBB Dortmund“, das Schul-Fahrten nach Auschwitz und anderen Orte der Vernichtung unterstützt.

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Ganey-Tikva-Verein

Der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V. ist zu erreichen über die Vorsitzende Petra Hemming, per Mail: petra.hemming@gmail.com

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