Ayad Al-Rubaiee und Birgitta Rieks

Im Spätsommer 2015 waren die Schildgener von der Ankunft der Flüchtlinge überrascht worden; nach gut zwei Jahren sind noch etwa 40 Geflüchtete im Ort, viele davon relativ gut integriert. Hilfe brauchen sie trotzdem noch. Viele Ehrenamtler werden dabei zu „eierlegenden Wollmilchsäuen”. Teil drei der Spurensuche vor Ort.

Die erste Euphorie des Helfenwollens ist abgeflaut. Von den einst 100 Ehrenamtlichen ist noch etwa die Hälfte bei „Willkommen in Schildgen“ aktiv, schätzt die Vorsitzende Sabine Gresser-Ritter. Wundern tut sie das nicht, schließlich sind nach der Schließung von Haus Pohle Ende 2016 nur noch etwa 40 Geflüchtete in Schildgen.

Und von denen, die geblieben sind, sind viele auch schon relativ gut integriert. „Aber Begleitung brauchen sie allemal“, sagt sie, „ganz viel sogar!“

Hinweis der Redaktion: In dieser 4-teiligen Serie beschäftigen wir uns exemplarisch mit der Flüchtlingsarbeit im Stadtteil Schildgen. Wir wollen wissen, wie die Menschen hier mit der Herausforderung ab Herbst 2015 umgegangen sind – und wie die neuen Nachbarn Schildgen verändert haben. Hier finden Sie den ersten Teil der Serie, hier den zweiten.

Aus den Arbeitskreisen mit ihren Gruppenangeboten ist immer mehr eine individuelle Betreuung geworden. Im Deutschunterricht unterstützen die zwölf verbleibenden Lehrer ihre Schüler jetzt gezielt bei der Vorbereitung auf die Sprachprüfungen – bei dem einen geht es da noch um B1, bei dem anderen schon um die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH).

Hintergrund: Sprachniveau-Stufen
Der „Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen“ unterteilt die Sprachniveaus in sechs Stufen von A1 (Anfänger) bis C2 (Experte). Die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang wiederum gliedert sich in drei Stufen: DSH 1 (entspricht B2), DSH 2 (C1) und DSH 3 (C2).

Viele Ehrenamtler kümmern sich um einzelne Flüchtlinge oder Familien. Sie helfen ihnen dabei, Behördenbriefe zu verstehen, rechtliche Angelegenheiten zu klären oder Zeugnisse übersetzen und anerkennen zu lassen.

Bei vielen jungen Geflüchteten ist ein familiäres Verhältnis mit ihren Schildgener Betreuern entstanden. Da gehen sie auch schon mal in die Schule zum Elternsprechtag oder halten beim Zahnarzt Händchen.

Die Kontaktgruppe um Mechthild Sünder-Tegtmeyer, die sich in den ersten Wochen um die Menschen in Haus Pohle gekümmert hatte,  bietet heute einmal im Monat ein Welcome Café im Schildgener „Himmel un Ääd” an. Dort können sich Flüchtlinge und Ehrenamtler treffen, über Alltagsprobleme sprechen oder einfach Zeit zusammen verbringen.

Flüchtlingshilfe heißt heute auch schon mal, gemeinsam über die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu lernen.

Auch das Begegnungscafé Himmel un Ääd selbst hat nach wie vor einzelne Aktionen zum Thema Flüchtlinge.  Der Trägerverein unterstützt jedes Quartal mit den Trinkgeldern der Café-Gäste und zusätzlich eingeworbenen Spenden zwei soziale Projekte – ein internationales und ein regionales. Im zweiten Quartal 2018 sammelt er für „Willkommen in Schildgen”, denn die Kassen der Initiative sind inzwischen fast leer.

Am 2. Juni findet zudem ein zweites Konzert mit dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad statt, der an diesem Abend auch aus seiner Biographie „Und die Vögel werden singen” liest. Der Eintritt ist frei, Spenden gehen in die Flüchtlingsarbeit.

Größte Herausforderung: die Wohnungssuche

Die Wohnungssuche bezeichnet Ehrenamtsbegleiterin Margret Grunwald-Nonte als größte aktuelle Herausforderung. „In Bergisch Gladbach gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum“, sagt sie. „Das gilt nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für Deutsche mit wenig Einkommen.“

Gebaut wird viel, jedoch vor allem im oberen Preissegment. Hinzu kommt das spezifische Problem, dass Flüchtlinge immer wieder pauschal abgelehnt werden. Grunwald-Nonte macht das sauer: „Ich wünsche mir, dass Vermieter ein Stück offener gegenüber Menschen aus anderen Kulturen werden und ihnen zumindest die Chance geben, eine Wohnung anzuschauen.“

Viele Helfer berichten von wochenlangen Suchen und Dutzenden Absagen. Eine Nachbarin erzählt, dass sie Besichtigungen inzwischen auf ihren eigenen Namen vereinbart und die potentiellen Mieter erst vor Ort präsentiert. Mit Erfolg, denn: „Das Problem sind meistens die Vorurteile. Wenn Vermieter die Jungs kennenlernen, sehen sie, das sind ganz normale, nette junge Männer.“

Ehrenamtler als „eierlegende Wollmilchsäue”

Michael Funcke von den „Mobilen Nachbarn” sieht die Situation seiner Kolleginnen und Kollegen mit Sorge. Immer weniger Menschen müssten immer schwierigere Aufgaben bewältigen. „In der Eins-zu-Eins-Betreuung sind sie sozusagen eierlegende Wollmilchsäue. Sie sind Immobilienmakler, Anwälte, Sozialarbeiter, Berufsberater.“ Was ihnen guttäte, wäre eine stärkere Vernetzung mit Multiplikatoren und Spezialisten, glaubt Funcke.

Jürgen Glöckler hat sich zu solch einem Spezialisten gemacht. Sein Bereich: die berufliche Integration (s.a. Teil 2). „Inzwischen habe ich verschiedene Prozesse ziemlich gut verstanden“, sagt Glöckler. „Mit dem Wissen helfe ich jetzt auch anderen Ehrenamtlern.“

Für die Flüchtlinge bietet er seit einer Weile individuelle Coachings an. Als ehrenamtlicher Betreuer könne er sich mehr Zeit für die Berufsberatung nehmen als das Jobcenter. Eine Stunde lang überlegt er mit seinen Schützlingen, was sie machen könnten, und schreibt mit ihnen zusammen einen Plan für die nächsten sechs Monate. Die meisten hielten sich daran.

… oder als Spezialisten für ein Thema

Die Fokussierung auf ein Thema erlaubt es Glöckler, professioneller an die Sache heranzugehen. Genauso wie Funcke. Er ist froh, dass er in seinem Betätigungsfeld nicht viel von den Einzelschicksalen mitbekommt. „Ich könnte damit schwer umgehen“, sagt Funcke.

Stattdessen arbeitet er kontinuierlich an der Weiterentwicklung der Mobilen Nachbarn. Auch hier hat die Hilfsbereitschaft leicht abgenommen, genauso wie der Bedarf, aber nur „marginal“.

Bis heute öffnet die Garage jeden Samstagvormittag. Die Ehrenamtler reparieren die gespendeten Fahrräder und geben sie zu kleinen Preisen ab. Wer ein Problem mit seinem Rad hat, kann vorbeikommen.

Regelmäßig bieten die Mobilen Nachbarn inzwischen auch Fahrradtouren an, bei denen Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam die Umgebung erkunden und sich kennenlernen. Ein- bis zweimal im Jahr organisieren sie Schulungen, speziell von Frauen für Frauen, denn hier besteht der größte Bedarf.

Eine Schulung der Mobilen Nachbarn in Schildgen

Im Juli 2017 haben sich die Schildgener mit den Radwerkstätten in Paffrath und Lückerath zum „Initiativen-Verbund GL“ zusammengeschlossen. Ziel war die Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen. Gemeinsam haben sie, seit der Gründung der drei Standorte, über 400 Fahrräder instandgesetzt und an bedürftige Menschen ausgegeben.

Im November 2017 hat der Verbund in allen drei Ortsteilen Service-Stationen errichtet, an denen Radfahrer Reifen aufpumpen und kleinere Reparaturen selbst durchführen können.

Dieses Jahr liegt der Fokus auf dem Nachwuchs: Unter dem Motto „Mobilität erlernen“ sollen bedürftige Grundschüler mit Rädern, Helmen und Sicherheitswesten ausgestattet werden, um an der Fahrradprüfung in der Grundschule teilnehmen zu können.

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Mit der aktuellen Situation sind wir beim dritten Teil unserer Serie angelangt. Die ganze Entwicklung der Flüchtlingshilfe in Schildgen können Sie hier nachlesen:

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Hier können Sie mitmachen: Ehrenamtliche Hilfe
Deutschunterricht: Inzwischen vor allem Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung (quer durch die Sprachniveaus).

Patenschaften: Betreuung einzelner Flüchtlinge oder Familien in sämtlichen Lagen, von einfachen Alltagsproblemen bis hin zu rechtlichen Angelegenheiten. Aktuell vor allem Hilfe bei Wohnungssuche und Praktikums-/Ausbildungs-/Arbeitsplätzen.

Begleitung: Zum Beispiel bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Anwaltsterminen.

Dolmetscherdienste: Für Arabisch übersetzen mittlerweile Flüchtlinge selbst ehrenamtlich. Gesucht sind dagegen Dolmetscher für Tigrinya.

Wohnungseinrichtung/Umzugshilfe: Immer wieder gebraucht werden Möbel, Geschirr und sonstige Einrichtungsgegenstände. Auch Umzugshilfe mit einem Transporter oder Hänger ist dann vonnöten.

Berufliche Integration: Vermittlung von Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen, individuelle Coachings, Hilfe beim Finden von Studienplätzen und Stipendien.

Ansprechpartnerin für alle Angebote von „Willkommen in Schildgen“ ist Sabine Gresser-Ritter, Telefon: 02202/83124, E-Mail: kontakt@willkommen-in-schildgen.de.

Mobile Nachbarn: Die Initiative sammelt, repariert und verkauft Fahrräder zu einem kleinen Preis an Flüchtlinge und andere Bedürftige. Außerdem bietet sie regelmäßige Radtouren und Schulungen an. Ansprechpartner ist Michael Funcke, Telefon: 02202/81230 (über Pfarrbüro von Herz Jesu Schildgen), E-Mail: kontakt@mobile-nachbarn-schildgen.de. 

Spenden dringend benötigt
„Willkommen in Schildgen“ bittet im Moment dringend um Spenden, da die seit 2015 gesammelten inzwischen aufgebraucht sind. Geld ist zum Beispiel notwendig für die Hilfe bei Wohnungseinrichtungen und Kautionszahlungen, anwaltliche Unterstützung oder die Übersetzung von Zeugnissen und anderen Dokumenten.

Kontakt: Sabine Gresser-Ritter,
Telefon: 02202/83124,
E-Mail: kontakt@willkommen-in-schildgen.de.
Bankverbindung: Evangelische Kirchengemeinde Altenberg/Schildgen
IBAN: DE41 3506 0190 1011 5040 15,
Verwendungszweck: Flüchtlingsinitiative

Mobile Nachbarn in Schildgen

Die Mobilen Nachbarn freuen sich immer über Fahrradspenden, auch Kinderräder. Aktuell suchen sie aber vor allem Schrauber für die Werkstatt. Hier erfahren Sie mehr über die Mobilen Nachbarn

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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