Bergisch Gladbach ist die reichste Großstadt in NRW, gemessen am Einkommen seiner Bewohner. Aber auch hier gibt es arme Menschen. Wie viele sind es? Und wer ist arm?

Die Sozialstatistik ist genauso kompliziert wie das Sozialrecht – und über viele Einordnungen kann man streiten. Nur soviel scheint klar: Bergisch Gladbach ist eine sehr wohlhabende Stadt, Hunger muss hier niemand leiden. Aber es gibt eine beträchtliche Zahl von armen Menschen; betroffen sind vor allem Kinder, Jugendliche und Alte. 

44.573 Euro netto haben die einkommenssteuerpflichtigen Bergisch Gladbacher bereits 2013 verdient, pro Kopf und vor Steuern. Über das durchschnittliche Einkommen sagt das zwar wenig aus, denn zusammen veranlagte Ehepartner werden hier als eine Person gezählt. 

Aber es sagt etwas über den relativen Reichtum der Stadt aus: Denn mit diesen 44.573 Euro ist Bergisch Gladbach der Einkommens-Primus unter den Großstädten in NRW; unter allen 396 Städten und Gemeinden kommen wir auf Platz 17. Diese Zahlen stammen von 2013, neuere liegen nicht vor. 

Aussagekräftiger mit Blick auf die Bürger ist das verfügbare Nettoeinkommen. Das lag 2013 pro Person in Bergisch Gladbach bei 24.927 Euro. Ein 4-Personen-Haushalt hatte damit rein rechnerisch fast 100.000 Euro im Jahr oder 8300 Euro im Monat zur Verfügung. Wie gesagt, netto und im Durchschnitt. Diese Zahlen finden sich beim statistischen Landesamt IT.NRW.

Hinweis der Redaktion/Textänderung
Unsere Verwendung des Wortes „durchschnittlich” war offensichtlich missverständlich. Daher haben wir die Formulierung geändert. Ursprünglich stand oben:

„Ein durchschnittlicher 4-Personen-Haushalt hatte damit fast 100.000 Euro im Jahr oder 8300 Euro im Monat zur Verfügung. Wie gesagt, netto und im Durchschnitt.”

Absolute Armut (weniger als 1,25 pro Tag) gibt es in Deutschland nicht, das verhindern die sozialen Sicherungssysteme.

Aber es gibt eine relative Armut. Die Statistiker hantieren dabei mit verschiedenen Einkommensschwellen. So gilt man bereits dann als armutsgefährdet, wenn man weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. 

Im Kern findet sich Armut bei Menschen, die auf soziale Hilfen des Staates zurückgreifen müssen, um über die Runden zu kommen. Der Anteil dieser Personen wird mit der Mindestsicherungsquote angegeben. In NRW ist diese Quote zwischen 2010 und 2016 von 10,2 auf 12,0 Prozent gewachsen. Bei den Kindern nahm die Armut überproportional zu: Hier stieg die Rate von 15,6 auf 20,1 Prozent. 

Ganz so schlimm sieht es im reichen Bergisch Gladbach nicht aus. Hier  bezogen 2010 genau 9,0 Prozent der Bürger Sozialleistungen, 2016 war die Quote (auch aufgrund einer höheren Zahl von Asylbewerbern) auf 9,9 Prozent gestiegen. Das waren 10.708 Personen.

Die Armut ist in Bergisch Gladbach sehr unterschiedlich verteilt. 15,7 Prozent der Kinder leben in Familien in der Grundsicherung; sie haben also ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko.

Auf die ganze Stadt bezogen leben 12,2 Prozent der Kinder in Haushalten, die SGBII-Leistungen (Hartz IV) bekommen – aber in den Stadtteilen Gronau und Stadtmitte sind es mit 23,5 Prozent fast doppelt so viele. Im Klartext: Jedes vierte Kind in der Innenstadt und in Gronau lebt in einem Hartz IV-Haushalt.

Von den Über-65-Jährigen bekommt in Bergisch Gladbach 3,14 Prozent Leistungen nach SGBXII (Sozialhilfe), in Gronau sind es 5,4 Prozent, in der Stadtmitte 6,2 Prozent. 

Das deckt sich mit den Beobachtungen an den Ausgabestellen der Tafel: die meisten der aktiven Kunden sind Familien mit Kindern oder Senioren. 

Fazit: Bergisch Gladbach ist ausgesprochen wohlhabend. Relative Armut beginnt schleichend und ist nicht genau festzumachen. In harter Armut lebt etwa ein Zehntel der Bevölkerung, ihre Zahl ist relativ konstant. Die Zahl der armen Kindern nimmt zu. 

Quellen: Sozialbericht 2017 für RheinBerg, IT.NRW

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G. Watzlawek

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3 Kommentare

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  1. Es gibt da mindestens 1 Person, deren Rente mit ca. 20 Euro unter dem Grundsicherungsbetrag liegt. Mehr als das würde ich auch nicht bekommen, wenn ich Hilfe in Anspruch nehmen würde. Es würde mich also aus der Armut nicht rausbringen, mich aber in ein Kontrollsystem katapultieren, auf das ich für 20 Euro gerne verzichte!

    Damit bin ich nicht allein! Das heißt: Armut hat eine hohe Dunkelziffer. Und daher ist jede Armutsstatistik so falsch wie Arbeitslosenstatistik.

  2. Natürlich ist nur ein Durchschnittswert. Die Statistiker haben die Summe des verfügbaren Nettoeinkommens aller Bergisch Gladbacher genommen und durch die Zahl aller Einwohner geteilt, Kinder und Greise eingeschlossen. Dann kommen sie auf diese 24.927 Euro. Im Durchschnitt. Daher kann es gut sein, dass ein Dubble-Income-No-Kids-Haushalt 150.000 Euro hat, die allein erziehende Mutter mit drei Kindern 50.000 Euro. Die gemeinsame Veranlagung spielt bei dieser Rechnung keine Rolle.

  3. Es ist sehr plakativ, für einen 4-Personenhaushalt pro Person ein Nettogehalt von 24.927 Euro anzunehmen. Kiner arbeiten nicht und wer Kinder hat verdient deshalb nicht mehr. Zumal auch für das Nettoeinkommen gilt, dass gemeinsam veranlagte Personen zusammen ein Nettoeinkommen von 24.927 aufweisen. Also ist es eher wahrscheinlich das ein klassischer 4-Personenhaushalt 24.927 pro Monat netto zur Verfügung hat. Aber die generelle Ausage stimmt, es gibt in Bergisch Gladbach sehr viele reiche Menschen.