Erster Spatenstich am 11. Juni 1949

Die Siedlung Schmillenberg in Refrath wird 70 Jahre alt. Die Stadt Bensberg gab die Parzellen nach dem 2. Weltkrieg für 1 DM unter anderem an Heimatvertriebene und Ausgebombte, die die Siedlung aufbauten. Hans Peter Müller erzählt die spannende Geschichte der Siedlung, in der er als Zwölfjähriger beim Bau seines Elternhauses mithalf. 

Die Siedlung Schmillenberg, zwischen der Refrather City und der Straßenbahnlinie, wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Am 10. April 1949 wurde die Siedlergemeinschaft gegründet – am 10. April 2019 versammeln wir uns abends auf unserem Anger zu einem Umtrunk. Gefeiert wird das Jubiläum am 5./6. Juli 2019 im Rahmen unseres jährlichen Sommerfestes. Das ist unsere Geschichte:

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Es ist der 11. Juni 1949. 51 Siedlungswillige versammeln sich in der „Jahnstraße“ in Refrath, die damals noch ein Feldweg war. Sie haben am 10. April des Jahres eine Siedlergemeinschaft gegründet und wollen nun das gemeinsame Projekt „Siedlung Schmillenberg“ in Angriff nehmen.

Die notwendigen Genehmigungen sind erteilt, die Finanzierung zumindest vorläufig gesichert. Nachdem das Katasteramt Anfang Juni 1949 die ersten zehn Parzellen vermessen hat, kann Stadtdirektor Wagener, der maßgeblich zum Gelingen des Projektes beitrug, in Anwesenheit von Bürgermeister Werheid den ersten Spatenstich tun.

Bäume wurden in den Nachkriegsjahren verheizt

Inzwischen hat die Stadtverwaltung einen Plan für die Anlage der Straßen, des Platzes und die Aufteilung in 51 Grundstücke entworfen. Die Siedler können mit der Ausschachtung der Baugruben beginnen, denn schon seit dem 14. April haben sie das Gelände gerodet.

Robinien, Krüppelkiefern und Ginster wurden beseitigt. Vor allem die Stubben der Eichen am heutigen „Dr.-Lautz-Weg“ machten ihnen zu schaffen. Die Bäume selbst waren bereits in den ersten Nachkriegsjahren verheizt worden.

Richtfest im ersten Bauabschnitt am 7. Oktober 1949

Die Siedlung Schmillenberg entstand auf einem sandigen Hügel südlich des Gutes Kippekausen. Vermutlich handelt es sich um eine Sanddüne, wie es sie auf dem Gelände des Golfplatzes in Refrath noch in natürlicher Form gibt. Zwar reichte das Siedlungsgelände bis an die Obstwiese des Hofes Kippekausen heran, aber es waren keine Ackerflächen, sondern Land, dass bis dahin mit Akazien, Kiefern, Ginster und „Schmillen“, einem breitblättrigen, hohen Gras, bewachsen war.

Nur im unteren Teil standen Eichen, die mit Duldung der Familie Lautz, Eigentümer des Gutes Kippekausen, nach dem Kriege gefällt und verheizt wurden. Manch alter Refrather weiß zu berichten, dass unser Sandhügel eine Art Abenteuerspielplatz war.

Heimatvertriebene und Ausgebombte aus dem Kölner Raum

Der Höhenunterschied in der Siedlung zwischen dem Haus Jahnstraße 9 und dem Haus Siedlerstraße 7 beträgt ca. acht Meter. Insgesamt umfasst das Siedlungsgelände ca. 45.000 Quadratmeter. Die Stadt Bensberg hatte das Gelände kurz nach der Währungsreform von 1948 von Dr. Lautz gekauft.

Sie gab es nach der Parzellierung für 1,- DM an Siedlungswillige weiter. Ein von der Stadt eingesetzter Siedlungsausschuss hat unter mehr als 200 Bewerbern 51 Siedler ausgewählt. Darunter befanden sich Heimatvertriebene und Ausgebombte aus dem Kölner Raum.

Bevorzugt wurden aus diesem Personenkreis Handwerker und besonders kinderreiche Familien. Jeder hatte neben seiner Berufstätigkeit (damals in der Regel 45-48 Std.) ca. 2.000 Stunden beim Aufbau der Siedlung zu leisten, die mit 1 DM pro Std. angerechnet wurden. Nicht nur Ausschachtungen, sondern alle Arbeiten, die von Siedlern ausgeführt werden konnten, wurden in Absprache mit hiesigen Bauunternehmern geleistet.

Ein Feuersteinbeil aus der Jungsteinzeit

Dass diese trockenen Hügel in einer sumpfigen Umgebung schon früh zum Verweilen anregten, zeigt der Fund eines Feuersteinbeils bei den ersten Ausschachtungsarbeiten. Wie sich herausstellte, stammt es aus der Jungsteinzeit (4000-1800 v.Chr.). Bei weiteren Ausschachtungen förderten die Siedler ein Brandgrab mit einer flaschenartigen Urne und den Resten einer Schale zutage. Die Untersuchung ergab, dass sich um Gegenstände aus der frühen Eisenzeit (Latenezeit ca. 500-100 v. Chr.) handelt.¹

Im Jahrhundert v. Chr., als die Römer von Gallien her an den Rhein vorstießen, wohnten auf der rechten Rheinseite u.a. die germanischen Stämme der Usipeter, Tenkterer und Sugambrer, die sich später zum Stammesverband der Franken zusammenschlossen. Die Tenkterer sind zusammen mit den Usipetern bereits 55 .v. Chr. über den Rhein gegangen und von Caesar zurückgeschlagen worden. Letztere nahmen die geschlagenen Tenkterer und Usipeter auf. 16. v. Chr. bereiteten sie gemeinsam der V. Legion unter dem römischen Statthalter Marcus Lollius eine vernichtende Niederlage.

Feier zur Einweihung der Siedlung am 12. September 1953

Es gehört zu meinen bleibenden Kindheitserinnerungen, dass ich als knapp Zwölfjähriger beim Ausschachten unseres Hauses helfen durfte. Die Wände der Baugrube aus goldgelbem Sand fielen immer wieder zusammen, so dass diese weitaus größer ausgehoben werden musste, als eigentlich notwendig gewesen wäre.

Auch bei weiteren einfachen Arbeiten durfte ich zur Hand gehen. Kinderarbeit? Nein, ich war voller Vorfreude, wusste ich doch, wir würden ein eigenes Haus erhalten.

Damals wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich einmal Vorsitzender der Siedlergemeinschaft werden würde. Ich war es dann von 1989 bis 2013.

Jeder Siedler musste „Einlieger“ aufnehmen

Es sollte nicht vergessen werden, dass im Stadtgebiet Bensbergs zwischen dem 6. März und dem 1. Mai 1949 in drei Sammlungen rund 40 000 DM zur Unterstützung des Vorhabens zusammenkamen – und das so kurz nach der Währungsreform. Finanziert wurde das Projekt durch Kredite öffentlicher Geldinstitute, durch Landesmittel und Darlehen der Stadt Bensberg.

Die Landesmittel waren an die Bedingung geknüpft, dass jeder Siedler, sofern nicht sehr kinderreich, in das Obergeschoß seines Hauses sogenannte „Einlieger“ zu einer festgesetzten Miete aufnehmen musste. Auch diese Maßnahmen dienten der Wohnraumbeschaffung für Heimatvertriebene und Bombengeschädigte.

Die Siedler selbst tilgten ihre Darlehen ebenfalls mit einer Miete. Als Träger der Siedlung fungierte die „Rheinische Heimstätte“ in Düsseldorf, die örtliche Bauleitung übernahm das Bauamt der Stadt Bensberg. Die abgeleisteten Arbeitsstunden wurden täglich durch einen Schriftführer festgehalten. Das Stundenbuch existiert heute noch!

Bis heute betreiben die Siedler die alljährliche Angerpflege

Gemeinsame Arbeit formte eine echte Gemeinschaft

Zur Erledigung von Facharbeiten, z.B. dem Errichten der Dachstühle, hatten die Siedler feste Einsatzgruppen gebildet. Es wird zwar von Schwierigkeiten bei der Arbeitsorganisation berichtet, aber auch davon, dass jede übernommene Arbeit termingerecht fertig wurde. Gewiss verlief das gemeinsame Arbeiten von Männer verschiedenster Herkunft nicht immer reibungslos, doch das Aufeinander-angewiesen-sein formte eine echte Gemeinschaft, die bis heute Bestand hat.

Bereits Anfang Oktober 1949 errichtete die Fachgruppe der Zimmerleute die im nahen Sägewerk zugeschnittenen Dachstühle für die ersten zehn Häuser in der heutigen Jahnstraße. Währenddessen huben andere Siedler die Baugruben für den zweiten Bauabschnitt aus. Gebaut wurde in fünf Abschnitten zu je zehn, einmal elf Häusern.

Leider stellte sich aber immer deutlicher heraus, dass einzelne Siedler den Anforderungen nicht gewachsen waren oder wegen Krankheit und Tod ausschieden. Der Siedlungsausschuss, dem nun auch der Vorsitzende der Siedlergemeinschaft, Josef Bügers, angehörte, wählte neue Mitglieder aus, möglichst Fachleute.


Das jährliche Sommerfest, der sogenannte Dämmerschoppen; dieses Jahr feiern die Siedler am 5./6. Juli das Jubiläum

32 Erstsiedler haben „durchgehalten“, ein Wort, das in kaum vergangenen Kriegstagen eine schlimme Bedeutung erlangt hatte. Die Nachrücker mussten die bereits geleisteten Stunden ihrer Vorgänger auszahlen. Gegen Ende April 1951 konnte auch im dritten Bauabschnitt Richtfest gefeiert werden.

Da verzögerte der Koreakrieg wegen ausbleibender Kredite den Fortgang der Bauarbeiten. Manche Siedler, die in den vierten oder fünften Abschnittes gelost waren, bangten um ihre Siedlerstelle. Nach mehrmonatiger Verzögerung konnte dann doch der vierte Abschnitt in Angriff genommen werden. Am Tage des Richtfestes, es war der 7. Juni 1952, wurde der erste Spatenstich für das letzte Haus des fünften Abschnittes getan. Ende Januar 1953 standen auch hier die Richtbäume auf den Dachstühlen.

Im August 1953 zogen die letzten Siedler in ihr neues Heim ein, wenn auch noch manches zu tun war. Kurz nach der ersten Bundestagswahl wurde die Siedlung am 12.9.1953 eingeweiht. Während in den ersten Abschnitten bereits mehrfach geerntet worden war, war im letzten noch einmal „Roden“ angesagt, sollten doch die großen Gärten der Eigenversorgung dienen.

¹ Hans Josef Billstein hatte die Fundstücke mit in die Schule genommen. Daraufhin wurde Dr. Lobeck vom Bensberger Heimatmuseum hinzugerufen. Auf ihn geht die Datierung zurück. Siehe auch: Bd. 3/I von „Refrath gestern und heute“,  S. 25f. Die Angaben zur Baugeschichte und zur Finanzierung stammen aus den Unterlagen im Archiv der „Siedlergemeinschaft Schmillenberg“

Hans Peter Müller

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

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4 Kommentare

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  1. Durch Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen da ich einen Namen in der Jahnstraße suchte. Ich frage mich, wer das Kind auf dem Bild ist, ich hatte die gleiche Frisur . Ich besitze eine Zeitschrift 40 Jahre Schmillenberg 1949-1989. Wenn es noch weitere geben würde hätte ich daran Interesse . Ich würde mich freuen von Ihnen zu hören.

  2. Als Leser ( Jahrgang 1941 ) geboren in Refrath, Kierspelstr 3 ist es immer wieder spannend ihre Darstellungen über mein Refrath zu lesen. Ob es mein Klassenkamerad h.j. vollsten war , den sie erwähnten ? Wir waren bei Rektor Vondermann in der Klasse 8.
    In der Wolfsmaar !
    MfG Hermann Jobben aus Glücksburg / Ostsee

  3. Ich bin Jahrgang 1941 und kann mich sehr gut an den Schmillenberg erinnern.
    Beste Grüsse aus Glücksburg/ Ostsee

  4. Zum sandigen Untergrund auf dem Schmillenberg: soviel mir bekannt ist, waren bis zum Bereich Refrath / Frankenforst alte Rheinarme aktiv. Der Fluss zog sich zurück und ließ den Sand zurück, in Frankenforst gibt es auch jede Menge davon.