In einem ersten Beitrag hatte unsere Gastautorin im Detail beschrieben, wie ihre beiden autistischen Söhne in Grundschule, weiterführender Schule und Förderschule gelitten haben. Jetzt zieht sie Ihre Schlussfolgerungen – auch ganz konkret für Bergisch Gladbach.

Eine erfolgreiche Inklusion setzt voraus, dass Lehrer und Schulleitung 100%ig dahinterstehen, dass notwendige Hilfen dauerhaft finanziert werden, es einen ständigen Dialog zwischen allen Beteiligten gibt (Lehrer, ggfs. Schulbegleitung, Eltern, ggfs. Therapeuten, Behörden), dass die Mitschüler und deren Eltern informiert werden.

Inklusion scheitert an Lehrern (es genügt schon einer), die dies nicht mittragen, genervt und abweisend reagieren, notwendige Hilfen oder Diagnosen infrage stellen, die Begleitpersonen ablehnen.

Sie scheitert auch an Schülern, die mobben, an Lehrern, die bei Mobbing wegsehen, an Eltern der Mitschüler, die das nicht mittragen möchten und Nachteile für ihr Kind befürchten, eine Schulbegleitung mit dauernder Anwesenheit in der Klasse nicht gut finden und auch an Eltern, die sogar selber zu Mobbern werden.

Hinweis der Redaktion: Der Name der Autorin ist uns bekannt, auch die der Söhne. Sie tragen in dieser Geschichte jedoch andere Namen. Die Schulen, von denen die Rede ist, befinden sich in Bergisch Gladbach und im Rheinisch-Bergischen Kreis; die genannte Förderschule in Köln. Auch ihre Namen nennen wir nicht – da es weder uns noch der Autorin um Schuldzuweisungen geht. 

Eine erfolgreiche Inklusion setzt auch voraus, dass notwendige Hilfen (z.B. Schulbegleitung) durch die  zuständige Behörde auch tatsächlich dauerhaft finanziert werden. Die Realität sieht leider eher so aus, dass immer wieder Zielvereinbarungen gesetzt werden (Kind muss in den nächsten 3 Monaten dieses/jenes erlernen und selbständig anwenden) und Leistungen sehr schnell gekürzt werden, häufig sogar ganz wegfallen.

Dies betrifft im besonderen Maße Schüler mit einer psychischen/seelischen Behinderung und ist kaum nachzuvollziehen.

Inklusion aus der Sicht einer betroffenen Familie

Niemand würde auf die Idee kommen, dass ein Kind im Rollstuhl nach einigen Monaten nur noch stundenweise Hilfe erhält, dass es stundenweise auf seinen Rollstuhl verzichtet und in einiger Zeit alleine laufen kann. Eine Schulbegleitung ist der Rollstuhl eines Kindes mit seelischer/psychischer Behinderung.

Selbst wenn eine Schule der Inklusion gegenüber aufgeschlossen ist, so gibt es leider immer wieder Lehrer, die dies nicht/ungerne mittragen, die Erwartungen an das Kind stellen, die es kaum erfüllen kann, die verlangen, dass das Kind dies/jenes doch endlich mal gelernt haben muss.

Ein einziger Lehrer dieser Art kann den Schulalltag für Eltern und Kind zur Hölle machen, zwingt Eltern und Kind (sowie die eventuell vorhandene Schulbegleitung) ständig zu Rechtfertigungen, warum es dies/jenes nicht kann oder “so” reagiert.

Die Lage in Bergisch Gladbach

In Bergisch Gladbach werden Schüler mit einer Körperbehinderung einer einzigen Regelschule zugewiesen. Man macht es sich leicht – keine Barrierefreiheit = kein Schulplatz.

Mit ein bisschen gutem Willen wäre es möglich dies zu ändern. Eine Umfunktionierung eines Raumes zu einem Pflegeraum, Festlegung von Klassenräumen im Erdgeschoss, eine Rampe am Schuleingang, ein behindertengerechtes WC.

Hintergrund: Kann Inklusion funktionieren?
Eine wirkliche Inklusion braucht in vielen Bereichen Idealbedingungen, die oft kaum zu leisten sind und auch heute scheint, wie in vielen Städten und Gemeinden in Deutschland, Inklusion in Bergisch Gladbach eigentlich auch nicht gewollt sein.

Es gibt nach wie vor keine tragfähigen Konzepte, erschwert dadurch, dass die Förderschwerpunkte natürlich völlig unterschiedlich sind, ein „übergestülptes Förderkonzept“ nicht funktionieren kann, wenn man die Individualität des einzelnen Kindes nicht ausreichend berücksichtigt.

Hinzu kommen fehlende Barrierefreiheit, finanzielle Daumenschrauben seitens der Eingliederungshilfe-gewährenden Behörden, feste Vorgaben zu Schulen und den jeweiligen dort angebotenen Förderschwerpunkten bzw. der Anzahl an Förderplätzen, zu große Klassen, fehlende pädagogische Ressourcen, fehlende räumliche Ressourcen.

Zuletzt sollte man auch nicht vergessen, dass Kinder und Eltern auf das Wohlwollen der jeweiligen Schulleitungen angewiesen sind und oft zu Bittstellern werden.

Hintergrund: Haben Inklusions-Kinder eine Wahlfreiheit?
Inklusion in Bergisch Gladbach ist weiterhin weit davon entfernt, Eltern und ihren Kindern eine wirkliche Freiheit bezogen auf die Schulwahl zu lassen.

Möchte z.B. „Kind x“, das in Herkenrath wohnt, eine umfassende körperliche Behinderung hat und einen Rollstuhl benötigt, nach der Grundschule gerne die Realschule in Herkenrath besuchen, so scheint das, nach Lesen der Mitteilungsvorlage des Ratssystems, nach wie vor unmöglich zu sein – der Förderschwerpunkt „körperlich-motorische-Entwicklung“ ist dort nicht vorgesehen, in den anderen Bergisch Gladbacher Realschulen ebenso nicht.

Das Kind darf zwar grundsätzlich als Inklusionsschüler eine Regelschule besuchen, hat aber nicht die Freiheit – wie seine nicht behinderten Mitschüler und deren Eltern – eine Schule auszuwählen. Der Mitteilungsvorlage ist zu entnehmen, dass nur die IGP in Paffrath diesen Förderschwerpunkt anbietet. Für Eltern und Kind bedeutet dies, dass es u.U. recht weit entfernt vom Wohnort eine Schule besuchen muss und es stellt sich auch die Frage, wie es dorthin kommt.

Inklusion bedeutet hier in GL so eigentlich auch ein Stück weit Exklusion, da die Wahlfreiheit entfällt – das Kind wird zwar keiner Förderschule zugewiesen, dafür aber einer Schule, die es vielleicht gar nicht besuchen möchte, die vielleicht viel zu weit entfernt ist, deren gesamte Rahmenbedingungen für das Kind vielleicht auch viel zu groß sind.

So wie Inklusion als „Umsetzungs-Modell“ derzeit gehandhabt wird, kann Inklusion nicht funktionieren, weder in Bergisch Gladbach, noch allgemein in Deutschland.

Im Berufsleben zeigt sich recht deutlich, dass Menschen mit Körperbehinderungen leichter in einen Beruf zu integrieren sind, als Menschen mit einer seelischen/psychischen Behinderung, denn viele Arbeitgeber scheuen den möglicherweise erhöhten Aufwand im Umgang und stellen lieber Menschen ohne Behinderung ein oder Menschen, deren Behinderung sich leichter ausgleichen lässt.

Eine körperliche Behinderung ist meist leicht auszugleichen – fehlt ein rollstuhlgerechter Arbeitsplatz, wird beim zuständigen Integrationsamt beantragt, dass der Arbeitsplatz behindertengerecht eingerichtet wird, inklusive Rampe und WC. Warum funktioniert dies nicht in Schulen und was unternehmen die Schulen in Bergisch Gladbach überhaupt, um dies auszugleichen?

Was hat die Stadt in elf Jahren geschafft?

Es ist einfach zu sagen „Wir haben nicht die notwendigen Ressourcen“. Man könnte diese Ressourcen schaffen. Mein Eindruck ist eher, dass man diese gar nicht schaffen möchte. Die UN-Behindertenrechtskonvention trat 2018 – vor 11 Jahren! – in Kraft.

Was hat Bergisch Gladbach in diesen 11 Jahren für Schüler mit Behinderungen getan? Noch immer „kann man das nicht leisten“. In 11 Jahren konnte keine Barrierefreiheit geschaffen werden, das ist aber natürlich auch nicht unpraktisch, denn so kann man guten Gewissens sagen, dass man den/die Schüler/in leider nicht aufnehmen kann, da die notwendigen räumlichen Gegebenheiten nicht vorliegen.

Stattdessen ist Inklusion, die ja eigentlich bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen eine Wahlfreiheit haben und ein Recht auf Teilhabe in jeder Situation, nur vorgeschoben. Das betroffene Kind darf ja eine Regelschule besuchen. Nur eben nicht dann, wenn die Ressourcen es nicht zulassen oder die, die es gerne besuchen möchte.

Bergisch Gladbach alleine wird die Probleme der Inklusion nicht ändern können und ich verstehe auch die Schulen, die Lehrkräfte, die einer Vielzahl an Schülern gerecht werden müssen, eine intensive Einzelunterstützung gar nicht leisten können. Unser Schulsystem ist nicht auf Inklusion eingerichtet, es kann maximal Einzelfall-Inklusionen leisten.

Was Bergisch Gladbach machen kann

Bergisch Gladbach könnte die Situation dieser „Einzelfälle“ jedoch wenigstens verbessern:

  • keine Kürzungen notwendiger Hilfen durch die Eingliederungshilfe-gewährenden Behörde
  • eine klare Linie für alle Lehrer, die Individualität des Schülers zu akzeptieren, Diagnosen nicht infrage zu stellen, mit Eltern und Therapeuten zusammen zu arbeiten (dies erscheint aufwändig, ist auf Dauer gesehen aber weit effektiver, da es mögliche Krisen vermeidet)
  • eine klare Linie für alle Lehrer, möglichem Mobbing immer sehr konsequent zu begegnen
  • eine gute Vorbereitung von Mitschülern und deren Eltern, auch mit klarer Vorgabe, dass die Situation Inklusion des Schülers nicht infrage gestellt wird

Die Inklusion stellt bundesweit Schulen vor Aufgaben, die sie mit Unterbesetzung, Raumnot und hohen Schülerzahlen eigentlich kaum leisten können. Um eine wirkliche Inklusion zu erreichen, müsste die Schullandschaft in ganz Deutschland völlig anders sein und diese Umstrukturierung wäre leider undenkbar.

Es müsste ab Sekundarstufe 1 „Einheitsschulen“ geben, die das Leistungsspektrum aller Schulformen abdecken, vergleichbar einer Gesamtschule. Je nach persönlichem Hilfebedarf müssten personelle Hilfen für jeweils einen oder auch eine Gruppe von Schülern zur Verfügung stehen.

Die Aufteilung der Unterrichtsfächer müsste voraussetzen, dass für jede Leistungsform in jedem Fach verschiedene Kursangebote zur Verfügung stehen, abgestuft von „sehr schwach“ bis „leistungsstark“. Davon würde jeder Schüler profitieren, auch nicht behinderte Schüler. Es würde ermöglichen, dass ein Schüler, im Fach Deutsch vielleicht den leistungsstarken Kurs besucht, im Fach Mathematik den leistungsschwachen, in anderen Fächern den Kurs des Mittelfeldes, vielleicht aber auch den sehr schwachen Kurs.

Der Sportunterricht könnte für Schüler mit Behinderungen, die dies nicht leisten können, in der Schule im Rahmen einer Physiotherapie erfolgen, durch dort angestellte Therapeuten, vergleichbar der Kunstunterricht z.B. im Rahmen einer Ergotherapie.

Bedingung wäre, dass alle Schüler ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden können, dass sie sich ihren Kursen entsprechend immer wieder begegnen, mit dem Ziel, dass es normal ist, dass die Freundin gerade die Schulstunde des schwächeren Kurses besucht, denn später trifft man sie zur gemeinsamen Stunde im Mittelfeld wieder.

Dies in ähnlicher Form umzusetzen wird jedoch, nicht nur in Bergisch Gladbach, ein Traum zu bleiben, ebenso wie tatsächliche Inklusion meist ein Traum bleibt.

Dokumentation: Der Bericht der Mutter im Original

Weitere Beiträge zum Thema:

Inklusion aus der Sicht einer betroffenen Familie

GEW lädt zur Diskussion über Inklusion ein

https://in-gl.de/?p=189662

Inklusion ohne Räume und Personal – Schulen im Chaos

Inklusion in der Kita: „Gut gedacht – schlecht gemacht!“

https://in-gl.de/2019/05/07/was-aus-inklusions-schuelern-geworden-ist/

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1 Kommentar

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  1. Liebe Autorin,
    die Inklusion scheitert nicht nur an den Lehrern, Schulen und Behörden.
    Sie scheitert an allen Menschen, die meist zuerst nach dem ihm naheliegenden schauen, die Kosten abwägen, wenn es um Aktivitäten für die Allgemeinheit geht. Und sie scheitert in der kommenden Generation an dem 5-Zoll-Blick, wie ich ihn nenne, wenn man das leben nur noch mit dem Blick auf sein Smartphone wahrnimmt.
    Inklusion ist im ganzne Leben die Rücksicht auf den “Schwächeren”, egal mit welcher Einschränkung. Denn im Grunde hat jeder Mensch seine Einschränkung. Bei manchen ist sie offensichtlich, bei anderen erst bei näheren Hinschauen oder Kennenlernen. Letzteres dürfen wir jeden Tag lernen.
    Danke für Ihren Bericht und das Hinschauen!