Kein Witz, sondern Realität in Bergisch Gladbachs Schulen. Mit dieser Karrikatur illustriert die Stadt einen Bericht zur Praxis der Inklusion. Foto: Screenshot

Die Bezirksregierung verlangt von der Stadt Bergisch Gladbach und den weiterführenden Schulen die Integration von Kindern mit Handicap. Aber die Voraussetzungen fehlen. Stadt und Schulleiter fühlen sich machtlos, gehen jetzt aber mit klaren Worten und harter Kritik an die Öffentlichkeit. 

„Die IGP will die Inklusion”, stellte Angelika Wolny, die Direktorin der Integrierten Gesamtschule Paffrath, im Schulausschuss klar. Aber wie es derzeit laufe, könne sie nicht verantworten. Die Schule habe zu wenig Räume für einen differenzierten Unterricht und finde keine Sozialpädagogen, die Gebäude seien für die Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungen nicht ausgestattet.

Ein Beispiel: Ein Schüler müsse seine Kameraden immer wieder bitten, ihn die Treppe hinauf zu tragen, und seinen Rollstuhl noch hinterher. Das sei entwürdigend.

Felix Bertenrath, Direktor der Otto-Hahn-Realschule, bestätigt diese Probleme voll und ganz – und legt noch einen oben drauf: Die Haupt- und Realschulen der Stadt seien noch schlechter als die Gesamtschulen ausgestattet, die Verhältnisse noch kritischer. Bis zu 32 Schüler könne die Bezirksregierung in die Klassen drücken, davon jeweils drei mit Inklusionsbedarf. Und auch hier gibt es so gut wie keine Sonderpädagogen, noch nicht mal eine Schulsozialarbeit.

Angesichts dieser Verhältnisse – und der Machtlosigkeit der Stadtverwaltung – fällt es Ko-Dezernent Bernd Martmann schwer, die Fassung zu bewahren. Die Stadt habe in einer Krisensitzung in Köln stichhaltig belegt, dass die Räume der Schulen nicht ausreichen, dass es zu wenig Personal gibt. Doch das werde von der Bezirksregierung einfach ignoriert.

Diese Debatte im Schulausschuss hat eine Vorgeschichte. In der vorangehenden Sitzung hatte Martmann die Probleme kurz angerissen; daraufhin hatte der Ausschuss auf Initiative der SPD einen gründlichen Bericht gefordert, und gebeten, Vertreter von Kreis und Bezirksregierung einzuladen. Dieser Bericht (Dokumentation siehe unten) liegt jetzt vor, zwei Vertreterinnen des Kreises waren erschienen, die Bezirksregierung schlug die Einladung aus.

Kurzfristiger Erlass führt zu unhaltbaren Zuständen

Ursache der Eskalation der Zustände in den Schulen ist ein Erlass vom 15.10.2018. Darin hatte das Ministerium für Schule und Bildung kurzfristig eine Neuausrichtung der Inklusion angestoßen. Die Schulaufsichtsbehörde steht gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention in der Pflicht, Schülern mit festgestelltem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung mindestens eine allgemeinbildende Schule vorzuschlagen. Eine gute Absicht, mit verheerenden Auswirkungen in der Praxis.

Laut Erlass findet das gemeinsames Lernen ab dem laufenden Schuljahr nur an solchen Haupt-, Real-, Gesamt-, Gemeinschafts-, und Sekundarschulen statt, die von der jeweiligen Schulaufsicht, mit Zustimmung des Schulträgers, als „Schulen des Gemeinsamen Lernens“ bestimmt worden sind und dabei konzeptionelle, inhaltliche und personelle Qualitätsstandards erfüllen, führt die Vorlage der Stadtverwaltung aus.

Dazu gehören unter anderem:

  • Die Schule verfügt über ein pädagogisches Konzept zur inklusiven Bildung bzw. dieses wird mit Unterstützung der Schulaufsicht erarbeitet. 
  • Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung unterrichten an der Schule und die pädagogische Kontinuität wird gewährleistet. 
  • Das Kollegium wurde systematisch fortgebildet bzw. wird begleitend fortgebildet. 
  • Die räumlichen Voraussetzungen der Schule ermöglichen gemeinsames Lernen.

Sieben „Schulen des gemeinsamen Lernens”

Schulen, die diese Kriterien erfüllen, werden zu Schulen des Gemeinsamen Lernens bestimmt und müssen pro Klasse drei Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung aufnehmen. Dabei soll die Klassenstärke allmählich auf insgesamt 25 abgesenkt werden.

Viele Vorausssetzungen, die die meisten Schulen in Bergisch Gladbach nicht erfüllen. Und dennoch hat die Bezirksregierung (bzw. das Kreis-Schulamt) beide Gesamtschulen, alle vier Realschulen und die letzte Hauptschule zu Schulen des Gemeinsamen Lernens erklärt.

Inklusion aus der Sicht einer betroffenen Familie

Gegen heftigen Widerstand der Stadt. Martmann, Schuldezernent Dettlef Rockenberg und Bürgermeister Urbach fuhren drei Mal nach Köln, und liefen gegen die Wand.

Und gegen einen mutigen Akt der IGP-Direktorin, die der Bezirksregierung gegenüber formal erklärt hat, dass sie die Verantwortung für diese Schüler nicht übernehmen könne.

Kein Geld für Aus- und Umbau

Bewirkt hat das alles nichts. Wollny wurde zur Aufnahme gezwungen. Die Bezirksregierung, so Martmann, zaubere Räume herbei, die es nicht gebe. Egal ob es um die Schulmensen, um die OGS oder jetzt die Inklusion gehe – immer wieder drücke das Land den Kommunen Dinge auf, die sie nicht leisten können: „Die Anforderungen werden von oben nach unten durchgedrückt – und hier unten herrscht das Chaos.”

Viel tun, um die Defizite zu beheben, kann die Stadt nicht. Sie erhält zwar eine Belastungs- und eine Inklusionszulage in Höhe von rund 260.000 Euro. Doch das reiche für eine entsprechende Sanierung, den Neubau oder die Umgestaltung von Räumen oder zusätzliche Ausstattung bei weitem nicht aus.

Die IGP, so Wollny, müsste eigentlich komplett aus- und umgebaut werden. Angesichts der laufenden Schulsanierungen ein Wunschtraum.

Eine Stelle siebenmal ausgeschrieben – ohne Erfolg

Unabhängig von den Finanzen sind die Sonderpädagogen das größte Problem. Sie habe zwar Stellen bewilligt bekommen, berichtete IGP-Direktorin Wollny. Aber sie kann sie nicht besetzen, weil der Markt leergefegt ist. Eine Stelle habe sie gerade zum 7. Mal ausgeschrieben, ohne Erfolg.

Selbst Dinge, die die pädagogische Arbeit eigentlich erleichtern sollen, wirken kontraproduktiv, erläutert Wollny. Weil die Klassenstärke leicht sinkt, „verschlechtert” sich die Schüler/Lehrerrelation – und prompt werden normale Lehrerstellen gestrichen.

Das Ergebnis: In der IGP sitzen Schüler mit den unterschiedlichsten Förderbedarfen (Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung, Hören und Kommunikation, Sehen, Geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung) in überfüllten Klassen vor überforderten und zunehmend frustrierten Lehrern, die dafür nicht ausgebildet sind.

Angelika Wollny: „Wir werden den Anforderungen nicht gerecht. Die Kollegen können das kaum noch ertragen.”

Bestandsaufnahme machen, Druck aufbauen

Und nun? Eine Klage gegen die Bezirksregierung sei nicht zielführend, sagt Martmann. Auf Einsicht in der Bezirksregierung ist offenbar auch nicht zu hoffen. In einer „Handreichung zur Inklusion”, aus der Bertenrath zitiert, gesteht die Bezirksregierung Defizite zwar indirekt ein, fordert aber nur Flexibilität und Kompromisse vor Ort ein. Im Klartext: Seht zu, wie ihr damit zurecht kommt.

Genau das machen die Schulen ohnehin. „Es ist doch klar, dass wir die Kinder aufnehmen und unser Möglichstes tun”, sagt Wollny.

Bei den Kommunalpolitikern stießen die Ausführungen auf Entsetzen und Ratlosigkeit. Der Vertreter von Mitterechts appelliert an die Parteien, die im Landtag vertreten sind, dort ihren Einfluss geltend zu machen.

Martmann schlägt vor, jetzt bei jeder einzelnen Schule abzufragen, wieviel Pädagogen und wieviel Räume fehlen. Dann haben man immerhin ein klares Bild des Desasters. Ein Vorschlag, der einstimmig angenommen wird. In der Hoffnung, dass in der Öffentlichkeit Druck aufgebaut wird.

Allerdings: eine Sache könnte die Stadt durchaus unternehmen, berichtete Bertenrath (und das nicht zum ersten Mal in diesem Ausschuss): Sie könnte die Klassenstärke zum Beispiel auf maximal 28 Schüler herabsetzen. Das hatten die Realschulen bei der Schulverwaltung beantragt, ohne Erfolg.

Dokumentation:

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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