Das Holocaust-Mahnmal im Park des Kunstmuseums Villa Zanders

Nur 50 Besucher waren bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht zugelassen, und auch inhaltlich spielte die Pandemie eine Rolle: Caritas-Chefin Raphaela Hänsch warnte vor der Vereinnahmung der Corona-Proteste durch das rechte Lager. Pfarrer Achim Dehmel rief dazu auf, dem Antisemitismus offen entgegen zu treten.

Sie sei immer wieder „überrascht, in welchem Gewand rechtes Gedankengut verkleidet daher kommt“, sagte Raphaela Hänsch, Vorstandssprecherin des Caritasverbands Rhein-Berg. Es gebe eine „unselige Vermischung zwischen gerechtfertigten Fragen, die man zu den Regeln zur Bewältigung der Pandemie stellen und diskutieren kann – und Verschwörungstheorien, die von Gruppen aus dem rechten Spektrum befördert werden.”

Dabei, so Hänsch, würden antisemitische Mythen zur Entstehung und Verbreitung des Virus gebildet. Gleichzeitig würden die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung mit der antisemitischen Politik des Nationalsozialismus verglichen: „Protestierende sehen sich selbst als die einzigen Kämpfende für die Grundrechte und gleichsam verfolgt wie die Jüdinnen und Juden während der Schoa. Welche Anmaßung!”

Das Ziel dieser rechten Gruppen sei es heute wie damals, „die Gesellschaft zu spalten und den eigenen Machtbereich zu erweitern, gleichgültig ob gerade die Flüchtlingspolitik oder wie jetzt die Gesundheitspolitik dafür herhalten muss.”

Pfarrer Achim Dehmel von der evangelischen Kirche zum Heilbrunnen, der die Gedenkveranstaltung für den Freundeskreis Ganey Tikva gemeinsam mit dem Fachdienst für Integration und Migration (FIM) der Caritas organisiert hatte, rief dazu auf, antisemitischen Parolen und den Lügen und Halbwahrheiten offen entgegenzutreten.

Konfirmanten lasen vor der Villa Zanders, mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal, Texte und Augenzeugenberichte von Opfern der Nazidiktatur vor.

Der FIM zeigte eine aktualisierte deutschlandweite Chronik antisemitischer Vorfälle und Straftaten, die von der Amadeu Antonio Stiftung zusammen getragen war und eine erschütternde Folge von judenfeindlichen Aussagen und Aktionen dokumentiert.

Hintergrund: Reichpogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei Juden von Schlägertrupps misshandelt, verjagt, ermordet, inhaftiert oder verschwanden einfach. Seitdem steht diese Nacht für zahlreiche Pogrome gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger in dieser Zeit.

„Während der Pogrome wurden im Gebiet des Deutschen Reiches 91 Menschen ermordet. Viele Menschen starben noch Tage und Wochen später an ihren schweren Verletzungen. In den darauffolgenden Tagen wurden über 30.000 jüdische Männer verhaftet und in Konzentra-tionslager verschleppt. Die materielle Bilanz der Gewalt waren 1.200 niedergebrannte Synagogen und Gebetshäuser und 7.500 zerstörte Geschäfte. Die Pogrome und die aufgeheizte antisemitische Stimmung im Land übten auch indirekt Gewalt auf die jüdische Bevölkerung aus: Die Zahl der Suizide jüdischer Bürger nahm in der Zeit nach der Pogromnacht stark zu.“ Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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8 Kommentare

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  1. Wer zum Gedenktag der antisemitischen Pogrome auch der verfolgten Homosexuellen gedenkt, gedenkt auch der homosexuellen Nazis von gestern und heute.
    “Flagge zeigen!”
    Das haben damals nicht viele Kirchenmänner getan, und heute oft an den falschen Stellen.
    Hier möchte ich dennoch an Die Linke NRW erinnern, die heute innerhalb Der Linken oft auf der falschen Seite steht. 1933 waren Linke die ersten Opfer. Aber das ist ein anderer Gedenktermin.

  2. Ein jüdischer Täter und der freundliche Scherge von der SS

    Einen weiteren Tiefpunkt in dem an Peinlichkeiten nicht eben armen Umgang mit dem Thema Antisemitismus in Bergisch Gladbach bot das offizielle „Gedenken“ an die Pogromnacht von 1938.

    Wer erwartet hatte, am 9. November werde der jüdischen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung gedacht, wurde gleich zu Beginn eines Anderen belehrt. Man müsse „Flagge zeigen“, forderte der Moderator, ein Kirchenmann, gleich zweimal. Ohne zu erwähnen, wofür oder wogegen.

    Den Grund jedoch erwähnte er ausdrücklich: Bergisch Gladbach sei im zurückliegenden Jahr durch einen aufgeflogenen Kinderschänderring in ein schlechtes Licht gerückt worden. Außerdem sei der Gesundheitsminister homophob bepöbelt worden. Was das mit der Reichspogromnacht zu tun habe, ließ er offen, aber er wiederholte, man müsse „Flagge zeigen“…

    Damit war der Ton immerhin ganz unumwunden gesetzt: Das vorgebliche Gedenken sollte zum Aufpolieren des lädierten Images der Stadt missbraucht werden.

    Gravierende Defizite offenbarten sich nicht nur, als die Verantwortlichen sogleich das Thema Antisemitismus mit Rassismus vermengten. Was nicht nur fachlich falsch ist, sondern zugleich eine weit verbreitete Relativierung darstellt. Die Teilnehmer wissen nach den offenbar unvorbereiteten Statements des Pastors jedenfalls jetzt nicht nur von seiner „dunkelhäutigen Mitarbeiterin“. Sie mussten darüber hinaus auch seinen Exkurs über „wissenschaftliche Untersuchungen“ über sich ergehen lassen, die die 98-prozentige genetische Identität aller Menschen ergeben hätten…

    Die Kritikwürdigkeit der sog. „Polenaktion“ der Nazis scheint in den Augen der Veranstalter vor allem darin bestanden zu haben, dass „die Polen sie (die Juden) nicht reingelassen haben.“

    Sie bot jedoch einen guten Aufhänger, einen Juden zu erwähnen. Als Täter. Der in Reaktion auf diese unangekündigte gewaltsame Abschiebung von 17.000 Juden aus dem Reichsgebiet einen NS-Funktionär erschossen hatte.

    Daraufhin orchestrierte die Naziführung einen vorgeblichen „Volkszorn“, der zur Ermordung hunderter Juden, zur Zerstörung tausender Synagogen, Geschäfte und Wohnungen und zur Verhaftung zigtausender Juden in Deutschland führte.

    Man hätte an dieser Stelle jüdische Opfer, Hinterbliebene oder Zeitzeugen zu Wort kommen lassen können. Nicht jedoch nach der „Logik“ der Veranstalter, die stattdessen aus den Erinnerungen einer Sintiza vorlesen ließen. Und zwar ausgerechnet eine Stelle, in der diese sich an den so freundlichen SS-Mann erinnert, der implizit sein Bedauern darüber zum Ausdruck brachte, eine so schöne junge Frau ihrer erwarteten Ermordung zuführen zu müssen…

    Anstelle einer etwaigen Schweigeminute gab der Moderator Kostproben seines Gitarrenspiels und gab dem Abend den Charakter eines Wärme spendenden Events am christlichen Lagerfeuer der Selbstvergewisserung. Lieblos, ahnungslos, würdelos.

    Ein jüdischer Teilnehmer verließ die Veranstaltung vorzeitig mit den Worten: „Es ist unerträglich“, eine andere, ebenfalls mit jüdischem Hintergrund, äußerte den Eindruck, „dass das Team von Günter Wallraff mal schauen wollte, was sie den Deutschen so alles als Gedenkveranstaltung unterjubeln können, ohne dass jemand das grotesk, unwürdig oder niveaulos findet…“

  3. Am 9.11.2021 werde ich eine Veranstaltung vom Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V. (GTV) besuchen. Das steht schon mal fest. Die machen es immer ganz ganz toll.

  4. Es wurde in einem Nebensatz (!) während der Moderation sinngemäß erwähnt, dass die genetischen Unterschiede der Menschen lediglich 2% betragen, so dass man nicht von “Rassen” sprechen kann. Die gibt es eben nicht.

    Ansonsten hatten die Beiträge (alles Zitate) zu tun mit den Ereignissen am 09.11.1938, dem Antisemitismus im NS-Reich, dem Holocaust (der auch Sinti und Roma betraf, z.B. die zitierte Philomena Franz) und dem Antisemitismus heute (Projektionen aktueller Vorfälle).

  5. Es war sehr gut und interessant. Ich war mit meiner Tochter da. Sie sagt über
    genetische Unterschiede wurde doch gesprochen.

  6. Ich bin sehr enttäuscht.

    Gedenken an Opfer der Reichspogromnacht… An dem Tag geht es mir darum, was am 9. November 1938 in Deutschland geschah und wie und warum usw. Mir geht es auch darum dass so etwas niemals mehr passieren darf. In erster Linie in Deutschland, aber woanders auch nicht.
    Ich kann es nicht nachvollziehen warum “man” an dem Tag im Jahre 2020 in Bergisch Gladbach sehr gerne über die Dinge spricht die damit nicht zu tun haben. Warum spricht man über Sinti und Roma? Warum spricht man über die aktuellen Themen die mit der Pandemie zu tun haben?? Warum überhaupt spricht man die genetischen Unterschiede??? “Verschiedene Rasen sind zu 2% unterschiedlich…” was soll das?????

    Warum spricht man NICHT über den Antisemitismus heute?????

    Bergisch Gladbach 2020

  7. Auch ich war am Montag bei der Gedenkveranstaltung zur Reichsprogromnacht und fand diese sehr gelungen und dem Anlass entsprechend.

    Besonders bewegt haben mich die Vorlesungen der Schulkinder und die damit verbundene Erinnerungskultur und Bewusstseinsbildung.

    Solange es junge Menschen gibt die sich diese schrecklichen Taten in Erinnerung bringen solange habe ich keine Angst vor Wiederholung.

    Was mich enttäuscht hat war der Versuch alles aktuell kritische in ein Antisemitisches Gewand zu packen.

    Menschen, welche die Coronamaßnahmen kritisieren sind pauschal keine Antisemiten.
    Wähler in den USA die Trump gewählt haben sind pauschal keine Antisemiten.
    Menschen die Herrn Spahn in Bergisch Gladbach nicht feiern sind keine Antisemiten.

    Rechtsextreme Idioten die Massenvernichtungslager zur NS Zeit leugnen sind Antisemiten.
    Linksextreme Idioten die Israel als Staat nicht anerkennen wollen und alle Israelis schlecht machen sind Antisemiten.
    Islamistische Idioten die Juden als Schweine bezeichnen und Israelflaggen verbrennen sind Antisemiten.

    Und all diese haben eines gemeinsam.

    Es sind Idioten. Und das sollte uns allen bewusst sein

    Solange es mehr Vernünftige gibt als Idioten solange kann und wird etwas wie die Reichsprogromnacht und alles damit verbundene nie wieder geschehen.

    Gott sei Dank.

    Und dafür müssen wir mit Veranstaltungen wie dieser und klaren Taten gegen Antisemitismus Sorgen.

    Schalom Israel.

  8. Frau Raphaela Hänsch und Herrn Achim Dehmel sei grosser Dank, dass sie in unser (fast) aller Namen so klare Worte und Ansagen gemacht haben.
    Weiter so
    Gene auch ein Echo der Politik und uns Bürgern