Friedrich Herweg

Sein ganzes Berufsleben hat Friedrich Herweg an der Städtischen Max Bruch Musikschule verbracht. Nun geht der langjährige Schulleiter in den Ruhestand. Zuvor erzählt der Gitarrist aber von Zeiten, als Rockmusik noch nicht salonfähig an Musikschulen war, oder was für den Musikunterricht der Zukunft wichtig ist. Und er gibt mit seinem Kollegen Josef Heiliger ein kleines, raffiniertes Abschiedsständchen.

Da capo al fine: ital. für „Vom Anfang bis zum Ende”, Vortragsbezeichnung in der Musik

Von Holger Crump (Text) und Thomas Merkenich (Fotos, Video)

„42 Jahre an einem Arbeitsplatz, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Friedrich Herweg ein wenig nachdenklich. Es scheint, als ob er die letzten Jahrzehnte vor seinem geistigen Auge Revue passieren lässt.

Tatsächlich startet er 1978 mit einer halben Stelle als Gitarrenlehrer der Max Bruch Musikschule. Zu einer Zeit, „als das Musikschulen-Wesen im Aufschwung war”. Hinzu kommt eine weitere halbe Stelle an der Bonner Musikschule, sowie ein studentischer Lehrauftrag an seiner Hochschule in Aachen.

Friedrich Herweg (r.) im Gespräch mit Holger Crump.

Erst Autodidakt, dann Student

Mit dem Gitarrenspiel beginnt er früh. Als Autodidakt übt er schon mit zehn Jahren auf dem Saiteninstrument. Nimmt ersten Unterricht an der Musikschule Leverkusen, wechselt dann an die Rheinische Musikschule in Köln: „Dort lernte ich auch meinen Hochschullehrer, Professor Tadashi Sasaki, kennen.“

Musiker entscheiden sich in der Ausbildung entweder für Bühne oder für die Schule. „Ich habe schon immer gerne unterrichtet, daher lag es nahe mich an Musikschulen zu halten”, sagt Herweg. Damit habe er zumindest zu Beginn Kreativität und Musikpädagogik unter einen Hut bringen können.

1988 wechselt in Vollzeit an die Städtische Max Bruch Musikschule und wird Leiter des Fachbereichs Gitarre. Sein Vorvorgänger Josef Frühlingsdorf habe ihn angerufen, schmunzelt Herweg. Es sei alles geklärt, der Stadtrat habe zugestimmt, Bonn lasse ihn ziehen, er könne starten, erklärt Frühlingsdorf höflich, aber mit Nachdruck. Ein Glücksfall für die junge Familie Herweg: Gerade ist das erste Kind unterwegs.

Und ein Glücksfall für die Musikschule der Stadt. Der Musikpädagoge, der gerne einmal auf Eric Claptons Blacky-Gitarre spielen würde – der Stradivari unter den Gitarren – macht seinen Job gut. So gut, dass er 2004 die stellvertretende Leitung und 2008 die Leitung der Max Bruch Musikschule übernimmt.

„Die Begeisterung für Musik ist nie geschwunden.“

Lebenslanges Lernen

Sein Arbeitsschwerpunkt an der Schule verschiebt sich damit in Richtung Organisation: Konzerte, Öffentlichkeitsarbeit, Budget, Personal. „Das waren spannende Themen für mich. Die neue Verantwortung ging natürlich zu Lasten der Musik. Aber: Die Begeisterung für Musik ist dadurch nie geschwunden, ich übe immer noch täglich“, erzählt Herweg.

Die Begeisterung scheint sich übertragen zu haben: „Die Schülerzahl an unserer Musikschule ist statistisch gesehen kontinuierlich nach oben gegangen, mit Ausnahme eines Knicks nach der Einführung von G8.“

Programmatisch habe sich einiges in seiner aktiven Zeit geändert, neue Inhalte seien hinzugekommen. Das Spektrum reiche mittlerweile von Angeboten für Kinder ab 18 Monaten bis zu Senioren. „Hier wird lebenslang gelernt”, freut sich Herweg. Und verweist auf die Konzerte der Musikschüler:innen oder auch Kooperationen mit Kitas.

„Unsere Musikschule ist intensiv in der Stadtgesellschaft verwurzelt”. Die musikalische Bildung genieße in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert, Musik als Hobby sei den Eltern wichtig. „Ich bin froh, dass dies durch die öffentliche Hand gefördert wird, und wir mit der Villa Zanders oder dem Ratssaal in Bensberg ideale Auftrittsmöglichkeiten mit tollen Instrumenten vor Ort haben,“ sagt Herweg.

Sein Ziel: „Ich wollte und will das Interesse an Musik wecken.“ Das ihm dies gelingt zeigt diese Anekdote: Auf dem Parkplatz der Musikschule sei er auf einen ehemaligen Schüler getroffen, der gerade seine eigenen Kinder zur Musikschule brachte. Friedrich Herweg strahlt – die Saat, die er mit der musikalischen Bildung ausbringt, treibt Blüten.

Die Städtische Max Bruch Musikschule bietet Musikunterricht für alle Altersstufen, vom Eltern-Kind-Kursen ab 18 Monaten bis zu Senioren. 88 Lehrer:innen bieten den rund 2.000 Schüler:innen ein breites Angebot: Instrumental, Gesang, in Ensembles, Chören und Orchestern. Fortbildungen für Musiklehrer:innen oder die Vorbereitung auf ein Musikstudium runden das Angebot ab. Mehr Infos auf den städtischen Webseiten und im Bürgerportal.

Heraus aus dem Sparzwang

Dabei war es in seiner Laufbahn nicht immer einfach. 2013 gab es strenge Auflagen zur Haushaltssicherung, der Rotstift wurde angesetzt. Musikschulen seien für Kommunen nicht verpflichtend, der Betrieb eine freiwillige Leistung. Um die Kosten zu senken wurden u.a. nur noch Honorarkräfte eingestellt, was zu erheblicher Kritik führte.

Die Zeiten scheinen vorerst vorbei zu sein. Mit einem neuen Personalkonzept, abgesegnet per Ratsbeschluss, kann die Max Bruch Musikschule wieder auf fest angestellte Lehrkräfte setzen. Angestrebt sei ein Verhältnis von 70 zu 30 im Verhältnis von festen zu freien Mitarbeitern. Dies sei so gut wie umgesetzt.

Corona hat gezeigt: „Präsenzunterricht bleibt die zentrale Unterrichtsform an Musikschulen, auch in der Zukunft”

Prominente Lehrkräfte

Und die Lehrkräfte an der Musikschule können sich blicken lassen. Hier unterrichten teils hochkarätige Künstler, die zu den führenden Instrumentalisten in der Kulturszene gehören.

Ein Zufall? Nicht ganz. Die Schule genieße einen exzellenten Ruf, zudem profitiere sie von der Nähe zur Jazz-Metropole Köln, so Herweg. „Viele wollen hier unterrichten, sie wissen die Infrastruktur zu schätzen.“ Dazu gehört nicht zuletzt das Schulgebäude, das gerade renoviert wird. Das Kellergeschoss ist bereits fertig, EG und OG werden bis 2022 vollendet.

Gute Lehrkräfte haben ihren Preis. Aber: „Wir haben die Gebühren seit 2008 nicht mehr erhöht. Die Anpassung damals war eine Konsequenz aus den Sparmaßnahmen“, sagt Gitarrist Herweg. Seither befänden sich die Beiträge auf stabilem Niveau.

Um die Teilhabe auch in Härtefällen zu ermöglichen, biete der Förderverein seine Unterstützung an. Zudem ermögliche der Gruppenunterricht oder flexible Unterrichtsstunden mit 30 oder 45 Minuten Dauer gute Optionen für günstigeren Musikunterricht.

Herausforderung Digitalisierung

Friedrich Herweg hinterlässt ein wohl bestelltes Haus. Das Personalkonzept sichert nicht zuletzt eine kontinuierliche Ausbildung, die auch den Musiklehrer:innen Sicherheit gebe. Die Sanierung läuft.

„Nur mit Corona konnte keiner rechnen. Und dies wird nicht zuletzt eine der großen Herausforderungen für die Musikschule sein: Wie kann die Digitalisierung sinnvoll in die Musikausbildung integriert werden?“

In der Pandemie setzt man an der Max Bruch Musikschule auf Distanzunterricht. Das funktioniere, meint Herweg, zeige aber auch, wie wichtig der Präsenzunterricht sei.

„Dieser ist essentiell für das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Nur im direkten Kontakt kann ich einwirken, korrigieren, etwas vorspielen, Fingersätze demonstrieren. Und all dies mit Originalklängen des Instruments, die per Internet nicht übertragbar sind“, schildert der Musikschulleiter.

Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen

Für eine Musikschule der Zukunft müsse daher eine Plattform entwickelt werden, die vor allem den Klang transportiere. Nur so könne Distanzunterricht gelingen. Aber, so ist sich Herweg sicher, vor allem als ergänzendes Angebot. „Der Präsenzunterricht wird in der musikalischen Ausbildung nicht ersetzt werden können”, zeigt er sich sicher.

Hinzu kämen künftig sicher neue Angebote wie z.B. DJ-Mixing mit dem Mischpult, was eine eigenständige musikalische Ausdrucksform sei. Diese Offenheit war nicht immer vorhanden, ganz im Gegenteil.

Eigens für das Interview mit dem Bürgerportal hat Friedrich Herweg eine kleine Jazz-Komposition verfasst. Sie ist hier als Premiere im Gitarren-Duo mit Josef Heiliger zu hören. Heiliger ist stellvertretender Musikschulleiter und Fachleiter für Gitarre. Musik: Friedrich Herweg, 2021

Rockmusik war verpönt

„Als ich an der Musikschule begann diskutierte man die Frage, ob man Rockmusik in das Angebot integrieren könne!” Mittlerweile sei selbst Popmusik ein akademisches Fach geworden. Das Repertoire an der Musikschule habe sich weiterentwickelt, und man gehe auf die Wünsche der Schüler:innen ein.

„Auf allen Instrumenten kann die Titelmelodie von „Fluch der Karibik“ gespielt werden“, grinst Herweg. Wenn er auf diesem Weg das musikalische Interesse der Eleven weckt, dann ist ihm das nur recht. Es müsse nicht ausschließlich Bach oder Beethoven sein.

Wichtig ist ihm vor allem eines: „Unsere Schüler:innen sollten Musik nach ihrer Ausbildung stilistisch und vor allem qualitativ einordnen können.“ Dann habe man viel gewonnen.

Damit fährt die Max Bruch Musikschule sehr gut. Rund 20 bis 25 Musikschüler:innen nehmen regelmäßig an den jährlich stattfindenden Wettbewerben von „Jugend musiziert” teil, auch unter Corona-Bedingungen. Einige wechseln zum Musikstudium ans Konservatorium.

Damit trage die Musikschule deutlich zum Kulturleben in der Stadt bei, das nicht zuletzt durch Chöre oder das Sinfonieorchester äußerst rege sei. Gerade im Bereich der Laien-Musiker sei viel Aufbauarbeit auf einigen Ebenen geleistet worden, erkennt Herweg lobend an.

Auch die Stadt beteilige sich mit den Galerie-Konzerten am Musikbetrieb. Aber da sei Luft nach oben: „Leider sind einige Projekte dem Rotstift zum Opfer gefallen”, so die Bilanz.

„Fluch der Karibik kann auf vielen Instrumenten gespielt werden”

Neue Projekte für den Ruhestand

Friedrich Herweg blickt zufrieden auf ein bewegtes Berufsleben als Musiker und Leiter der Max Bruch Musikschule zurück. Dankbar ist er der Stadtverwaltung, vor allem dem Fachbereichsleiter für Bildung, Schule, Kultur und Sport, Dettlef Rockenberg. Und natürlich dem Förderverein der Musikschule mit der Vorsitzenden Birgit Bischoff. Die Institutionen hätten maßgeblich dazu beigetragen die Musikschule zu dem zu machen, was sie heute ist, betont er.

Friedrich Herweg freut sich auf den Ruhestand. Natürlich bleibe die Familie in Bergisch Gladbach wohnen. Er plane einen Kochkurs zu belegen und wolle seine Kenntnisse in der Fotografie deutlich ausbauen. Zudem wird er zum ersten Mal Großvater: Pünktlich zum Beginn des Ruhestands wird das erste Enkelkind das Licht der Welt erblicken.

Und wie könnte es anders sein: Als Musiklehrer wird er sich natürlich der Musik widmen. Schwerpunkt wird vor allem der Jazz. Herweg stellt schon die Weichen für neue Projekte. Die Bergisch Gladbacher werden von ihm hören.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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