BürgerClub: Was Mehrgenerationenwohnen für die Stadtentwicklung leisten kann

Mehr-Menerationen-Häuser wecken das Interesse der Bergisch Gladbacher, der BürgerClub zum Thema war mit mehr als 50 Bürger:innen sehr gut besucht. Das Interesse hat vielfältige Ursachen: So waren Menschen gekommen, die sich über das Angebot in Bergisch Gladbach informieren wollten. Es gibt aber auch viele Interessierte am Thema Stadtentwicklung: sie wollen wissen, welchen Beitrag bunte Wohnformen zur Stadtplanung leisten können. 

Zum Auftakt der Debatte im BürgerClub des Bürgerportals ging Doro Corts (mitein-anders e.V.) in einem fachkundigen Vortrag (siehe Dokumentation) auf die Aspekte des Themas Mehrgenerationenwohnen ein. Zudem stellte die Architektin das weit fortgeschrittene Projekt in Refrath sowie die neu belebten Pläne für die Buchmühle in Gladbach vor.

Ein erster Entwurf der Architekten Franken und Kreft für ein Mehrgenerationen-Haus an der Buchmühle.

Diese Punkte wurden in der anschließenden Diskussion vertieft. Deutlich wurde, dass es in Bergisch Gladbach einen hohen Bedarf gibt und daher die bestehenden Initiativen unterstützt werden sollten. Sie können den ganzen BürgerClub im Video oben nachverfolgen.

Die anwesenden Ratsvertreter machten deutlich, dass die die Politik dies inzwischen auch einvernehmlich anerkennt. Andreas Ebert (SPD), Vorsitzender des Planungsausschusses bestätigte, dass das Mehrgenerationenprojekt an der Buchmühle zu den Planungsprojekten mit erster Priorität gehöre.

Dokumentation: Anders Wohnen in Bergisch Gladbach 

Impulsvortag von Doro Corts

Städte sind einem ständigen Wandel unterworfen und spiegeln die dort vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Städte bestehen aber eben nicht nur aus der Ware Boden, auf die Kästen gebaut werden mit denen man mehr oder weniger Rendite macht, sondern vor allem aus Menschen, die einen Ort, eine Region mit ihrem Leben und ihren Ideen füllen – wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, das Geld für die Miete aufzutreiben. 

Denn diese steigen rasant! Ebenso die Grundstückspreise und das Bauen selbst. Und das, nachdem viele Kommunen ihre Liegenschaften veräußert haben, die Preisbindungen für Sozialen Wohnraum auslaufen und Grundstücke für die eigene Infrastruktur fehlen. Ist es da nicht folgerichtig, dass Land und Stadt, Politik und Private neue Baugebiete ausweisen und schnell neu bauen wollen?

Denn das geschieht deutschlandweit: Jeden Tag wird eine Fläche von 80 Fußballfeldern (60 ha) neu versiegelt!

Laut Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sollten das seit 2020 nur noch 30 ha, also die Hälfte sein, Tendenz sinkend. Jährlich entstehen so 300 000 Wohnungen, bei stagnierenden Einwohnerzahlen. Und obwohl wir diese Anstrengungen seit Jahren machen, steigen die Preise und der Druck auf Grund und Boden explodiert. 

Aufmerksame Zuhörer im BürgerClub

Ja, es gibt Regionen, die sehr beliebt sind – wie die unsere. Doch zum Bauboom trägt auch unsere geänderte Vorstellung von gutem Wohnen bei: Noch 1960 betrug die durchschnittliche Wohnfläche/Kopf 19 m2, heute benötigen wir bereits 47 m2 pro Person – mehr als das doppelte.

Andere Lebensmodelle erzeugen eine Zunahme an Singlehaushalten – in großen Städten bereits mehr als 50%! Alle mit eigener Küche, Bad, Abstellraum, Flur, Balkon…. Ca. 4 Mio Menschen wohnen allein auf weit mehr als 80 m2 Wohnfläche, manche, vor allem Ältere, durchaus eher ungewollt. 

Aber unser Lebensglück liegt ganz offensichtlich im Einfamilienhaus – denn das wird mehrheitlich und seit vielen Jahrzehnten bei uns gebaut. Das Haus im Grünen mit Glücksgarantie! Gern am Stadtrand, gefördert mit Baukindergeld, günstigen Bankkrediten und Pendlerpauschalen, erschlossen mit kommunalen Straßen, Kanälen, Energie.

Doch: Was passiert bei Scheidung, Krankheit, Jobverlust, was wird im Alter, bei Verlust des Partners, der Freunde…. Bleibt dann alternativ nur abgeschoben im Heim, ausgegrenzt am Stadtrand oder überteuert in der Innenstadt ??? Müssen wir nicht endlich umdenken? Vielleicht einfach anders Wohnen – zumindest die, die das wollen??? 

Noch ein Fakt: Bauen ist ein Klimakiller. Während wir gerade hautnah erleben, wie wichtig unsere Wälder sind, die ausgedehnten Grünflächen, Flüsse und Talsperren. Wie sie Trost bieten und Erholung, gesund erhalten, Glücksgefühle erzeugen auch in schweren Zeiten. Nehmen wir die negativen Faktoren des Bauens ausreichend in den Fokus? 

Allein die Zementindustrie setzt weltweit mehr CO2 frei, als Flug- und Schiffverkehr zusammen. Und fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung tun das Übrige. Unsere Regierung investiert richtigerweise Milliarden in den Klimaschutz, denkt aber leider (noch) zu wenig über die Förderung anderer, nachhaltiger Wohnmodelle nach. Jeder Hausbau, auch ein Niedrigenergiehaus, vernichtet Grün und belastet das Klima. 

Noch einen anderen Aspekt möchte ich aufzeigen. Der demografische Wandel aber auch der Wandel unserer Lebensentwürfe hat zu einer starken Vereinzelung der Menschen und Egoismen in unserer Gesellschaft geführt. Die Einsamkeit – als Pandmieabwehr unabdingbar – führt aktuell bei alten Menschen aber auch bei Jugendlichen zunehmend zu Depression und Suizid. Die Belastungen der Familien – alleingelassen mit homeoffice, homeschooling, drohendem Arbeitsplatzverlust oder Insolvenz ist enorm.

Unterstützende Familienstrukturen wie früher sind nicht mehr vorhanden, Kirchen, Vereine, caritative Organisationen verlieren Mitglieder. Gleichzeitig zeigt Corona auf, wie wichtig – ja lebensrettend die helfende Hand, das funktionierende Netzwerk, ein intaktes Gemeinwesen ist! 

All diese geschilderten Dinge haben bereits vielerorts dazu geführt, dass sich Menschen aufmachen, neue Wege zu gehen. Engagierte ArchitektInnen und StadtplanerInnen, innovative Gruppen und kreative Einzelkämpfer setzen sich ein für andere Lebens- und Arbeitsmodelle, für gemeinwohlorientierte Projekte und ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt.

Deutschlandweit sind inzwischen mehr als 1000 gemeinschaftliche Wohnprojekte entstanden und aktuell sind weitere 500 im Bau! Hier setzt man bewusst auf Dialog statt Anonymität, wohnt unabhängig, aber nicht allein, nutzt gemeinsam Räume, teilt sich Autos und Werkzeuge sogar den Hund, unterstützt die individuellen Fähigkeiten zum Vorteil für alle. 

Auch wir hatten diesen Wunsch, als wir im Jahr 2013 den Verein mitein-anders gründeten. Wir haben nicht verstanden, warum es in unserer Stadt bisher kein Mehrgenerationenwohnprojekt gab und sahen auch keinerlei Ambitionen in diese Richtung. Das wollten wir ändern. Mit viel ehrenamtlichem Enthusiasmus und mehr als 100 Mitgliedern haben wir Infoveranstaltungen durchgeführt, andere Projekte besucht, dortige Aktive zu uns eingeladen.

Wir haben auf Politik und Verwaltung eingewirkt, Bürgeranträge formuliert, Planungsvorschläge unterbreitet und vieles mehr. Und zumindest erreicht, dass nach diesem langen Engagement nun endlich ein erstes Projekt umgesetzt wird: An der Wallburg, auf einer ehemals städtischen Fläche in Refrath, die als Friedhofserweiterung gedacht aber nicht mehr benötigt wurde.

So soll das Mehrgenerationen An der Wallburg in Refrath aussehen. Ein Entwurf der Architekten Franken und Kreft

Dort wird nach Plänen der Architekten Franken und Kreft ein Wohnhaus mit 30 unterschiedlichen Wohnungen sowie eine Pflegewohngemeinschaft für 9 Jugendliche mit Beeinträchtigungen entstehen.

Wir hatten das große Glück, die Rheinisch Bergische Siedlungsgesellschaft für diesen Plan gewinnen zu können, die das Grundstück angekauft hat, das Gebäude erstellen und an unsere Bewohnergruppe vermieten wird. Ein langer und mühsamer Weg für uns mit einem – wie ich finde – großartigen Ergebnis! An dieser Stelle ein Dankeschön an die vielen städtischen Unterstützer und die RBS!!! 

Ein weiteres Projekt liegt uns aber noch stark am Herzen: Eine Bebauung des Schotterparkplatzes in der Buchmühle, direkt neben der VHS. Auch für dieses Grundstück haben die Architekten Franken und Kreft einen Bebauungsvorschlag gemacht, der wunderbar die dort vor Kurzem entstandene Grünfläche mit plätschernder Strunde abrundet.

Hier, mitten in der Stadt, fußläufig zu Markt, Bus und Bahn, Kultur, Ärzten, Schulen soll ein Haus für alle Generationen und soziale Schichten entstehen. Eine bunte Mischung, ein kommunikatives Miteinander, ein Motor und Mehrwert für die gesamte Obere Hauptstraße und das LaurentiusViertel.

Leider muss dazu vorab der noch geltende Bebauungsplan geändert werden, wir sind mit allen Entscheidern im Gespräch und hoffen auf eine diesbezügliche Entwicklung, trotz geringer Personaldecke in der Stadtplanung… 

Als Resummee fordere ich im Namen unserer zivilgesellschaftlichen Initiative und vieler interessierter Bürgerinnen und Bürger eine aktive Kommunalpolitik sowie ein starkes Kommunalrecht zur Entwicklung neuer Zukunftsbilder auch für Bergisch Gladbach. Wir stellen uns vor, dass in jedem Stadtteil ein gemeinsames Wohnprojekt entstehen sollte – zur Selbstversorgung, Attraktivität und Lebendigkeit des jeweiligen Quartiers. 

Zusätzlich fordern wir kommunale Unterstützung für neue Wohnformen und Mischnutzungen. Wo Menschen Visionen haben und Kommunen Kooperationswillen, kann man viel erreichen.

Auch eine baldige B-PLan-Änderung in der Buchmühle. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf Ihre Fragen!

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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1 Kommentar

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  1. In dem Dialog wird berichtet, dass gerade Ältere in zu großen Wohnungen wohnen. Wie ist denn hier der Plan zur Verkleinerung des Wohnbedarfes? Gibt es in dem Projekt mehr Gemeinschaftsräume (Küche, Gästezimmer, ua.)? Das Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich macht es vor, hier beträgt der Wohnanteil unter 35 qm für eine Einzelperson. Das wäre dann auch eher bezahlbar für Menschen mit einem kleinerem Einkommen.