Foto: Thomas Merkenich

Rund 100 Bergisch Gladbacher:innen haben am Sonntag an einer Mahnwache des Ganey Tikva-Freundeskreises und des Beit Jala-Vereins auf dem Konrad-Adenauer-Platz teilgenommen. Die Sprecher:innen drückten ihr Mitgefühl für die Betroffenen des Nahostkonflikts auf beiden Seiten aus – und wandten sich gegen Antisemitismus und Rassismus in Deutschland. Bürgermeister Stein schrieb an seine Amtskolleg:innen in beiden Partnerstädten.

Mit den Städten Ganey Tikva und Beit Jala unterhält Bergisch Gladbach in Israel und Palästina Städtepartnerschaften, gemeinsam wollten der Ganey Tikva-Freundeskreis und der Beit Jala-Verein ein Zeichen setzen und organisierten sehr kurzfristig eine Mahnwache – unter Corona-Bedingungen auf dem Marktplatz und ohne große Ankündigung.

Anlass für die Mahnwache sind der eskalierende Konflikt in Nahost, aber eben auch die antisemitischen Vorfälle in einigen NRW-Städten:

„Wir möchten mit dieser Aktion ein Zeichen der Anteilnahme mit den Bürgern in unseren nahöstlichen Partnerstädten setzen und ihre Sehnsucht nach Sicherheit, Recht und Frieden unterstützen. Gleichzeitig verurteilen wir scharf alle Versuche hierzulande, den Nahostkonflikt für antisemitische Hetze gegen Mitmenschen jüdischen Glaubens zu missbrauchen. Wir hoffen, durch Bürgerbegegnungen auch künftig unseren Teil zur Verständigung beitragen zu können“, heißt es in einer Erklärung der Akteure.

Für den Ganey Tikva-Freundeskreis sprach Pfarrer Achim Dehmel, für den Beit Jala-Verein Jörg Bärschneider, der Vereinsvorsitzende Heinz-D. Haun trug zwei Texte aus israelischer und palästinensischer Feder vor (siehe Dokumentation unten).

Bürgermeister Frank Stein hielt eine sehr kurze Ansprache, in der er das Mitgefühl für beide Seiten des Konfliktes hervorhob. Zudem hatte er sich per Brief an seine Amtskolleg:innen in beiden Partnerstädten gewandt (siehe Dokumentation unten).

Der Ganey Tikva-Verein, der im Streit mit der Stadt und den anderen Vertretungen der Partnerstädte liegt, war mit einem Beobachter vor Ort.

Die Mahnwache fand unter Corona-Bedingungen unter freiem Himmel statt, alle Teilnehmer trugen Masken. Zudem wurden die alle Namen und Kontaktdaten erfasst.

Dokumentation (1)

Folgende Texte trug Heinz-D. Haun bei der Mahnwache vor.

Credo von Saul Tschernichowski,
hebräischer Dichter, 1875 in der Ukraine geboren und 1943 in Jerusalem gestorben

Lach nur über meine Träume!
Sie werden dennoch wahr!
Lache über meinen Glauben
An die Menschen und an Dich.

Ich vertraue auf die Zukunft,
sie mag noch fern sein, doch sie kommt,
Dann werden Nationen einander preisen
und Friede wird endlich die Erde erfüllen.

Anmerkung von Heinz-D. Haun: „Ein arabischer Knesset-Abgeordneter hatte vor einigen Jahren vorgeschlagen, das Gedicht als Text einer neuen Hymne zu übernehmen. Wenn dies unsere Hymne wäre, so argumentierte er, könnte jeder mitsingen, egal ob Jude oder Araber.“

Der Friede von Mahmoud Darwish,
berühmtester palästinensischer Schriftsteller (1941 in der Nähe von Akko, dem heutigen Nordisrael, geboren, 2008 in Houston, Texas, gestorben)

Friede ist das Selbstgespräch des Reisenden
zum Reisenden am anderen Ufer.

Friede ist des Waffenstarken Bitte
an den Schwachen, doch Gefassteren: Vergib

Friede – zwei Fremde, sie teilen das Gurren ihrer Tauben
am Rande des Abgrunds.

Friede ist ein vertrauter Morgen, ein freundlicher,
leichtfüßiger, fern jeder Feindschaft

Friede heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

Friede heißt einen jungen Mann beweinen, dem ein Frauenblick
das Herz durchbohrte
Keine Kugel, keine Granate

Dokumentation (2)

Bürgermeister Frank Stein hat sich per E-Mail der israelischen Bürgermeisterin Lizy Delaricha in Ganey Tikva sowie an den Bürgermeister in Beit Jala in Palästina Elie Shehadeh geschrieben. Wir dokumentieren den Wortlaut:

„Fassungslos und erschüttert stehen wir in Bergisch Gladbach vor der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten.

Es schmerzt mich umso mehr als es tiefe und langjährige Beziehungen und Freundschaften zwischen den Menschen unserer Stadt und den Menschen unseren beiden Partnerstädte Beit Jala und Ganey Tikva gibt. Wir fühlen uns mit beiden Städten eng verbunden.

Papst Franziskus hat alle dazu aufgerufen, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Heilige Stadt Jerusalem ein Ort der Begegnung und nicht der gewaltsamen Auseinandersetzungen wird, ein Ort des Gebets und des Friedens. Jeder auch noch so kleine Beitrag ist wertvoll. Ich hoffe, dass die aktuellen Bemühungen der Weltgemeinschaft schnell zu einem Ende der Gewalt auf beiden Seiten führen. Dafür bete auch ich persönlich.

Wir in Deutschland dulden Ausbrüche von Antisemitismus, die in den letzten Tagen zu sehen waren, nicht. Wir wollen und müssen diesen entschieden entgegentreten. 

Die Bekämpfung des Antisemitismus und das Eintreten für das Recht des Staates Israel auf friedliche Existenz sind für unser Land unverhandelbare Grundsätze.

Ich sehe aber auch, dass lang bestehende und tiefe Konflikte um Rechte und um gute Lebensbedingungen noch lange nicht gelöst sind. Hier muss es stärkere Bemühungen geben – auch mit Hilfe der Völkergemeinschaft – damit es zu völkerrechtskonformen Lösungen und Perspektiven für Israel und Palästina kommt.

Erfreulicherweise haben der „Freundeskreis Ganey Tikva an der Kirche zum Heilsbrunnen“ und der Verein „Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach -Beit Jala e.V.“ in Bergisch Gladbach gestern gemeinsam zu einer Mahnwache für Versöhnung und Frieden eingeladen. Viele Menschen haben teilgenommen und auch ich bin dem Aufruf gerne gefolgt.

Ich wünsche mir sehr, dass es auch in Beit Jala und in Ganey Tikva ermutigende Zeichen des gegenseitigen Verständnisses und der versöhnenden Vermittlung geben kann. Ich weiß: Auf beiden Seiten sind Wunden neu entstanden. Die Heilung braucht Zeit und sie gelingt nur, wenn eine neue vertrauensvolle Basis erarbeitet wird. Viele Gespräche und auch Kompromisse sind notwendig.

Ich wünsche Ihnen Kraft für Ihr schweres Amt in diesen Zeiten und natürlich zu allererst, dass die Auseinandersetzungen mit Kriegswaffen schnell beendet werden und ein neuer Friede gefunden werden kann.

In Verbundenheit mit Ihnen und mit herzlichen Grüßen

Ihr Frank Stein“

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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5 Kommentare

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  1. Es ist sehr ratsam, sich mit der Geschichte und insbesondere allen Voraussetzungen der israelisch-arabischen Kriege zu beschäftigen, besonders von 1948/49 und 1967, und dabei die Fakten nicht selektiv zu betrachten – allein dadurch werden sich viele noch kursierende Märchen und Geschichtsverzerrungen zerstreuen.
    Aber da es hier im Aktikel um eine Aktion der rein auf kommunaler Ebene zu agieren befugten Vereine geht, ist es kein passendes Format für Diskussionen im Bereich der Weltpolitik.

  2. Ich finde es Richtig und Wichtig das Bergisch Gladbach mit beiden Seiten das Gespräch sucht.
    Denn sowohl die Palästinenser haben unfassbares Leid zu beklagen als auch die Israelischen Bürger und Bewohner. Auf beiden Seiten gibt es Menschen die Frieden wollen und sich danach sehnen.

    Leider lassen Beide Seiten die Waffen sprechen und somit den Frieden leider -schweigen-.
    Ganz wie es heißt: ,,Wer mit Waffen Frieden schaffen möchte der kann ebenso gut mit Benzin einen Waldbrand löschen.´´
    Auf beiden Seiten töten Soldaten Menschen die sie gar nicht persönlich kennen.
    Weil sie auf Machthaber hören die sie auch nicht persönlich kennen.

    Kein Konflikt ist groß genug das man ihn nicht auch Klären könnte. Immerhin hat Deutschland ja auch mit Frankreich Frieden geschlossen.

    Aber dafür braucht es Mut auf beiden Seiten. Auch hier in Deutschland ist der Konflikt angekommen und die Menschen sind sofort auf einer Seite -Pro Israel- oder eben nicht.
    Aber wir sollten nicht auf Seiten einer militärischen Macht sein sondern einzig und Allein auf Seiten den Friedens.

    Schließlich sind wir alle Menschen.
    Ob Jude, Muslim oder Christ
    Ob Israeli oder Palästinenser

  3. Herr Salyutov, Ihre übliche Schwarz-Weiß-Denke ist genau Teil des leider gängigen Verständnisproblems, wenn es um Israel und die Palästinenser geht: Zitieren Sie doch gerne die ganze Balfour-Deklaration von 1917. Darin ist klar vom notwendigen Fortbestand der „bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina“ die Rede.
    Nicht zu vergessen, der britische Außenminister Balfour war ein typischer Vertreter kolonialer Selbstherrlichkeit, das Land anderer Leute großzügig zu verschenken und willkürlich Grenzen zu ziehen. Die schlimmen Ergebnisse im Nahen Osten und in Afrika sehen wir noch heute. Auch beim Teilungsplan der UNO 1947 spielte das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser nicht die geringste Rolle. Trump und Co. haben das böse Spiel mit ihrem genialen „Jahrhundertdeal“ mal eben fortgesetzt. Es stimmt, das alles konnte der vielleicht etwas naive Tschernichowski nicht ahnen.

  4. Es steht mir nicht an zu sagen, welche Hymne die Menschen in Israel singen sollen oder dürfen. Aus meiner Sicht hat „HaTikva“ jedoch einen deutlichen Makel: Etwa 20 % der israelischen Bevölkerung können sie nicht mitsingen, da „in ihren Herzen [k]eine jüdische Seele wohnt“. – Tja, so ist das mit dem „jüdischen Charakter von Israel“…

  5. Kleine Anmerkung zum vorgelesenen Text des Saul Tschernichowski:
    In der schicksalahaften Balfour-Deklaration, die einer der wichtigsten Grundsteinen der zionistischen Bewegung war, wird klar und deutlich von der nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes gesprochen, auf dem Land seiner Vorväter. Insofern ist die jetzige israelische Nationalhymne „HaTikva“ – „Die Hoffnung“ der logische Ausdruck des historisch bedingten Charakters des Jüdischen Staates – die Hoffnung, die jüdische Staatlichkeit nach tausenden Jahren Exil wieder zu errichten, was dann glücklicherweise zustande gekommen ist. Insofern wäre der Text, so gut er an sich sein mag, als Hymne nicht angebracht und hätte nur zur Verwässerung des jüdischen Charakters von Israel beigetragen. Die Araber hatten 1947 / 48 die gleiche Möglichkeit bekommen, ihren Staat dort aufzubauen – mit der eigenen Hymne usw.