Eine heiße Tasse Kaffee und gute Gespräch verkürzen die Wartezeit bei der Impfaktion am Altenberger Dom. Fotos: Beatrice Tomasetti

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Mit seiner Idee hat Pfarrer Thomas Taxacher mitten ins Schwarze getroffen. Mehr als 500 Impfwillige standen am Sonntagmorgen rund um Haus Altenberg an, um sich auf Einladung der Kirchengemeinde impfen zu lassen. Eine ungewöhnliche Initiative, die für Gesprächsstoff sorgt. Über Corona, aber auch über die Kirche.

Als das Orgateam am frühen Nachmittag Raum Georg in Haus Altenberg wieder zu einem Sitzungszimmer herrichtet, haben Dr. Heribert Wiemer, Kreisvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung und niedergelassener Arzt in Odenthal, sowie seine drei Kollegen 540 Dosen Biontech verimpft.

350 davon hatte der Mediziner mitgebracht. Doch da sich früh morgens gegen 8.15 Uhr schon die ersten Interessenten angestellt hatten – fast zwei Stunden vor offiziellem Start der Impfaktion – und um 9 Uhr bereits eine lange Schlange von der Ludwig-Wolker-Straße bis hin zur Dhünnbrücke führte, war schnell absehbar, dass das für den Ansturm nicht reichen würde und ein Anruf bei der Kreisverwaltung für Nachschub sorgen muss. 

„Eine spannende Idee“, kommentiert Wiemer, der zur Altenberger Kirchengemeinde gehört, die Initiative von Pfarrer Thomas Taxacher. „Zunächst war ich bei seiner Anfrage skeptisch, weil wir solche Angebote ja auch schon an anderen Stellen im Kreis machen, aber wie man sieht, hat er ja doch den richtigen Riecher gehabt.“

Ärgerlich sei nur, schimpft der Allgemeinmediziner, dass die Politik wichtige Zeit habe verstreichen lassen und man nun der Entwicklung hinterherhinke. „Da hat die Regierung in den letzten Wochen viel verpennt. Auffrischungsimpfungen hätte man längst haben können. Politische Inkompetenz erschwert nun die Abläufe.“ 

Hochkonzentriert zieht Wiemer derweil eine Spritze nach der anderen auf. Sieben Dosen lassen sich aus einer Ampulle gewinnen. „Aber dabei sollte einem kein Fehler unterlaufen“, erklärt Dr. Ulrich Müller-Römer, der ebenfalls akribisch genau gemeinsam mit Angelika Schmitz-Hübsch.

Er präpariert mit der ehemaligen Krankenschwester vom Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße und wie Wiemer Gemeindemitglied in Altenberg, die Spritzen, um für möglichst reibungslose Abläufe zu sorgen. Vor allem damit in dem Raum, der vorübergehend zum Impfzentrum umgerüstet wurde, keine Staus mit Menschenansammlungen entstehen.

Viele Helfer für Impfaktion von Pfarrer Taxacher

Dass zudem alle Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, verdankt sich einem großen Helferteam, das trotz der vielen Menschen den Überblick behält; Freiwillige, die sich mühelos von Pfarrer Taxacher für diese Initiative gewinnen haben lassen, in Schichten eingeteilt wurden und an diesem Vormittag unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Da gibt es – analog zu den Gottesdiensten während der Pandemie – einen Willkommensdienst, der den Zugang reglementiert oder den in der Kälte Wartenden einen heißen Kaffee anbietet, was einfach für gute Laune und manch überraschtes Gesicht sorgt. Auch Stühle für die, die nicht lange stehen können, werden bereit gehalten. 

Freiwillige Helfer haben die Dokumentationsarbeit übernommen

Seelsorger unter den Impfinteressierten

Andere nehmen den für die Impfdokumentation notwendigen Personal- und Impfausweis entgegen, und wieder andere weisen den Ankommenden ihren Platz zu, an dem sie in Ruhe den Oberarm freimachen und sich den begehrten Pieks abholen können. Hier greift ein Rädchen ins andere; ist man erst einmal dran, geht alles ganz schnell und unkompliziert.

Vor allem aber ist die Stimmung gut. Der eine oder andere spricht aus, was die meisten denken: dass es der Kirche gut tut, sich beim Thema „Impfen“ mit einem solchen Angebot zu profilieren. Je früher man sich mit einer Boosterimpfung schützen könne, desto besser, sagen viele. Auch darin ist man sich einig.

Unter den ersten, die sich die Spritze gegen die gefährliche Infektion in Haus Altenberg abholen, sind auch die am Ort ansässigen Seelsorger. „Ich nutze einfach die Gelegenheit vor meiner Haustür“, argumentiert Pfarrer Tobias Schwaderlapp, Rektor von Haus Altenberg. Er hat von der Aktion über Facebook erfahren und lässt sich bereits zum dritten Mal impfen.

Für die, die bis heute noch nicht zum ersten Mal geimpft sind, hat der Diözesanjugendseelsorger wenig Verständnis. „Ich sehe keinen Grund, warum man eine Maßnahme, die erhöhten Schutz vor diesem Virus für die Bevölkerung in Gänze und mich persönlich verspricht, nicht in Anspruch nimmt, und kann die Grundsatzdebatte darüber nicht nachvollziehen. Das finde ich absolut unverständlich, auch wenn ich respektiere, dass sich Menschen Sorgen machen.“

Besser als jeder Weihnachtsmarkt

„Als Seelsorger bekommt man mit, dass die wieder aktuell mit Corona verbundenen Einschränkungen den Menschen Angst machen. Da ist doch gerade der Beginn der Adventszeit der perfekte Zeitpunkt für eine solche Aktion; am ersten Adventssonntag erreicht man einfach viele“, begründet Pfarrer Taxacher seine Motivation, ein für Kirche eher ungewöhnliches Projekt aus der Taufe zu heben.

Ausgerechnet zu diesem Termin ein zusätzliches Impfangebot seitens der Kirche zu machen, um immer mehr Menschen vor einer schweren Erkrankung zu schützen und damit außerdem einen konkreten Beitrag zu der allgemeinen Diskussion zu leisten, ist ihm wichtig.

„Wer kommt, soll sich wohlfühlen und eine gute Erfahrung machen“, spielt er auch auf die heiße Tasse Kaffee an. „Das ist doch besser als jeder Weihnachtsmarkt“, lacht Taxacher und freut sich, dass er bei seiner Planung so viel Unterstützung aus den eigenen Reihen erfahren hat.

„Da machen viele aus ganz unterschiedlichen Kreisen der Pfarrei mit; selbst solche, die sich schon lange nicht mehr bei Gemeindeaktionen engagiert haben“, beobachtet er und macht diese Bereitschaft an dem großen Konsens, der bei diesem Thema herrsche, wie er meint, fest. 

Auch die Resonanz, die ihm an diesem Morgen aus der Warteschlange entgegenschlägt, zeigt, dass er mit seiner Idee genau richtig gelegen hat. „Da kommt endlich mal etwas Gutes von Kirche. Toll, dass die Kirche so etwas anbietet.“ Sätze wie diese, sagt er, habe er immer wieder gehört.

„Das ist genau der richtige Weg“, unterstreicht der Altenberger Domseelsorger sichtlich froh angesichts solcher Rückmeldungen. „Die Menschen wollen sich doch zu Weihnachten treffen; da bedarf es eben jetzt einer großen Achtsamkeit füreinander“, betont er, nicht ohne zu verschweigen, dass er sich über jeden, der sich nicht impfen lässt, persönlich ärgere.

Alle Infos zum Impfaufruf des Bürgerportals

Aus Angst vor einer Erkrankung

Das Für und Wider wird auch unter den Teilnehmern der Impfaktion lebhaft diskutiert. Manche tauschen sich angeregt, aber auch wütend über erklärte Impfgegner aus, die sie für die dramatische Situation auf den Intensivstationen und die daraus resultierenden politischen Maßnahmen verantwortlich machen.

Unmissverständlich beziehen sie Stellung. „Da fällt einem doch nichts mehr ein, und verständigen kann man sich mit denen auch nicht. Die reden Dich tot und zitieren Statistiken, die niemand nachprüfen kann“, empört sich eine Mittvierzigerin, die ihre Mutter im Rollstuhl fährt.

Es sei doch ein Geschenk, in einem solchen Land zu leben, in dem man ein funktionierendes Gesundheitssystem habe und der Expertenmeinung Glauben schenken könne.

Katholische Bischöfe rufen zur Impfung auf: Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz ruft alle Menschen in Deutschland zur Impfung gegen das Coronavirus auf. „Impfen ist in dieser Pandemie eine Verpflichtung aus Gerechtigkeit, Solidarität und Nächstenliebe.

Aus ethischer Sicht ist es eine moralische Pflicht“, heißt es in einer Mitteilung der Bischöfe. Die Impfung sei das wirksamste Mittel, sich selbst und andere zu schützen: „Wir alle wünschen uns die Freiheiten im alltäglichen Leben wie in den Zeiten vor Corona zurück. Dazu müssen wir uns aber gemeinsam – und zwar jede und jeder in diesem Land – einsetzen.“

„Ganz toll“ findet Anita Held, die sich zum zweiten Mal impfen lässt, das Altenberger Angebot. „Ich hatte bereits Corona – mit allen Symptomen: Husten, Atemnot, Druck auf der Brust und Abgeschlagenheit.“ Kurze Zeit vorher habe sie ihren Mann verloren. Nun wolle sie alles tun, um sich, ihre Liebsten und ihr Umfeld zu schützen.

Eine Booster-Impfung sei ihr erst im Januar angeboten worden. „In meiner Situation zu spät“, findet die Erzieherin aus Gronau, die sich nachweislich in ihrer eigenen Kita angesteckt hatte. Da komme ihr diese Gelegenheit gerade recht.

Genauso sieht das Christiane Schmidt. „Die Inzidenz steigt so besorgniserregend, dass ich so schnell wie möglich geimpft werden will. Für mich ist das selbstverständlich. Vor einer Erkrankung habe ich viel zu viel Angst.“

Impfangebot wie sechs Richtige im Lotto

Auch Elke und Rainer Koch wollen nicht bis Anfang des Jahres warten. Erst dann hat ihnen ihr Hausarzt eine Booster-Impfung in Aussicht gestellt. „Unsere Tochter ist schwanger, wir haben zwei Enkelkinder. Jetzt kommt auch noch die nächste Variante. Da wollen wir uns so schnell wie möglich schützen und kein Risiko eingehen“, betonen sie. Welchen Impfstoff sie bekämen, sei für sie nebensächlich. Nur dass der Impfschutz aus dem Sommer mittlerweile nachlasse, mache sie unruhig. „Für dieses Angebot heute in Altenberg sind wir sehr, sehr dankbar“, unterstreicht Elke Koch. „Das ist wie sechs Richtige im Lotto.“ 

Wer an diesem Vormittag Raum Georg verlässt und sich an der langen Warteschlange vorbei auf den Heimweg macht, tut das meist mit einem Lächeln. Jedem ist die Erleichterung, einen der begehrten Impftermine ergattert zu haben, geradezu ins Gesicht geschrieben. Nur eines konnte diese erfolgreiche Impfaktion am Altenberger Dom bedauerlicherweise nicht: Bisherige Impfskeptiker zu einer Erstimpfung motivieren.

Beatrice Tomasetti

ist freie Journalistin und ehrenamtlich für die Pfarreiengemeinschaft St. Nikolaus und St. Joseph tätig.

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1 Kommentar

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  1. Ein Gedanke, den ich schon mehrfach ausgesprochen habe, wurde umgesetzt. In kirchlichen Räumen / Pfarrzentren zu impfen. Herzlichen Dank.
    Noch eine kleine Idee für solche Aktionen: um Warteschlangen zu vermeiden, könnte den Impfwilligen eine Wartenummer ausgegeben werden. So könnte man sich etwas abseits hinstellen (evtl auch etwas herumgehen oder ins Auto setzen, insbesondere die älteren Personen) und dann wieder einreihen.

    Ich werde morgen geimpft, eine Aktion von einem Sportverein in Bergisch Gladbach. Auch dafür vorab schonmal herzlichen Dank.