Ausbildungsberufe rund um die Holzverarbeitung profitieren vom Trend zur Nachhaltigkeit. Foto: Kreishandwerkerschaft

Wer jetzt eine Ausbildung anstrebt, kann sich den Arbeitgeber aus einem sehr breiten Angebot aussuchen. Die Unternehmer brauchen dringend Nachwuchs für ihre Fachkräfte, aber die Zahl der Bewerberinnen sinkt. Das berichten Arbeitsagentur, IHK und Kreishandwerkerschaft bei einer Zwischenbilanz – und werben für ihre Berufe der Zukunft.

Die Corona-Pandemie hat auch den Ausbildungsmarkt durcheinander geschüttelt, aber die grundlegenden Trends nicht überlagert: Weil es weniger junge Menschen gibt und von ihnen sehr viele in die Unis drängen gibt es immer weniger Bewerber für die Ausbildung in den Betrieben. Aber weil immer mehr Fachkräfte der geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand gehen wird dauerhaft mehr Nachwuchs benötigt.

Diese Trends schlagen sich auch im Rheinisch-Bergischen Kreis nieder, die Schere geht weiter auseinander, berichteten Nicole Jordy, Chefin der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, Vera Lange, Leiterin des Prüfungswesen der IHK Köln und Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, bei der Vorstellung der Halbzeitbilanz zum Ausbildungsjahr 2022.

Erstmals mehr Lehrstellen als Bewerber:innen

Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es ingesamt mehr offene Stellen als Bewerber:innen: im gesamten Agentur-Bezirk (Rhein-Berg, Oberberg, Leverkusen) konkurrierten 2020 noch 115 Jugendliche um 100 Stellen so sind es jetzt nur noch 96. Eine echte Zeitenwende, konstatiert Jordy.

In Rhein-Berg sei die Zahl der Bewerber:innen für eine Lehrstelle, die sich bei der Arbeitsagentur gemeldet haben, innerhalb von zwei Jahren um 20 Prozent auf jetzt nur noch 909 gefallen, sagte Gordy. Die Zahl der gemeldeten Stellen sei im Kreis dagegen im gleichen Zeitraum von 784 auf 811 gestiegen. Damit gibt es im Kreis zwar noch einen Stellenüberschuss, aber der ist dramatisch geschrumpft.

515 dieser Stellen seien noch offen, 29 Prozent mehr als Ende März vor einem Jahr – und das in fast allen Bereichen, auch den besonders beliebten Berufen, erläutert Jordy. Die Arbeitsagentur geht davon aus, dass ihr etwas zwei Drittel aller Stellen und Bewerber:innen gemeldet werden, daher decken die Zahlen nicht den gesamten Ausbildungsmarkt ab.

Kontakte für Jugendliche und Eltern:
Agentur für Arbeit: Berufsberatung.151@arbeitsagentur.de
Ausbildungs-Website der IHK Köln
Ausbildungs-Website der Kreishandwerkerschaft

Jordy erwähnt sie einen weiteren Grund, warum es den Unternehmen hier vor Ort so schwer fällt, Azubis zu finden: 50,6 Prozent der Auszubildenden mit einem Wohnort im Kreis Rhein-Berg habe ihre Lehrstelle außerhalb des Kreises gefunden. Eine derart hohe Auspendlerquote gebe es in NRW nur in sehr wenigen Kreisen, die Einpendlerquote liegt dagegen bei nur 38 Prozent.

IHK: Noch viel Luft nach oben

IHK und Kreishandwerkerschaft betonen, dass es im Moment noch zu früh ist, das Ausbildungsjahr 2022, das am 1. August beginnt, zu beurteilen.

Bei den gewerblichen und technischen Berufen gebe es nach einem sehr schwachen Corona-Jahr im Moment immerhin eine positive Tendenz, aber noch viel Luft nach oben, sagte Vera Lange. Alleine die Ausbildungsbörse der IHK für den gesamten Kammerbezirk enthalte im Moment rund 1600 freie Ausbildungsplätze.

Handwerk: Klimawende schafft neue Chancen

Die Kreishandwerkerschaft sei vom allgemeinen Mangel an Auszubildenden stark betroffen, bestätigt Hauptgeschäftsführer Otto. Dabei sorgten die politischen Weichenstellungen beim Klimaschutz dafür, dass im Handwerk viele anspruchsvolle Tätigkeiten (zum Beispiel in der Heiz- und Klimatechnik) sehr stark nachgefragt werden – und alte Berufe wiederbelebt werden: vom Zweiradmechaniker bis zum Zimmerer.

In allen Gewerken seien noch Ausbildungsstellen frei, die Börse der Kreishandwerkerschaft weist zur Zeit 90 Angebote aus.

Berufsorientierung nach der Pandemie neu starten

IHK und Kreishandwerkerschaft bedauern sehr, dass die Aktionen zur Berufsorientierung und Berufsfelderkundung in der Pandemie so gut wie ganz ausgefallen sind. Damit fehlten den Schulabgänger:innen und ihren Eltern wichtige Informationen, was auf dem Ausbildungsmarkt alles geht.

Bei Institutionen werben bei den Schulabgängern dafür, jede Chance auf ein Praktikum zu nutzen, um sich klar zu machen, was man wolle und was nicht. Und hoffen, dass sich möglichst viele gegen die Universität und für die duale Ausbildung entscheiden.

Besonders viel Überzeugungsarbeit muss nach wie vor das Handwerk leisten: „Es ist unsere Aufgabe, den Jugendlichen zu vermitteln, dass die vielfältigen Karrieremöglichkeiten im Handwerk gesicherte Einkommen bieten und nicht hinter Industrie, Handel und Dienstleitungen zurückstehen müssen“, sagt Otto.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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