Seit über 50 Jahren gibt es die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach, kurz EFL. Der aktuelle Jahresbericht zeigt: Weder Pandemie noch Kirchenskandale haben die Nachfrage nach Beratung beeinträchtigt. Warum dies so ist, und warum sie sich für die Beratung aller Menschen – auch queerer – stark macht, erläutert die neue Leiterin der EFL, Franziska Hock.

526 Menschen suchten im Jahr 2021 die Beratung in der Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Dabei kamen 2.150 Beratungsstunden zusammen.

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Franziska Hock blickt zufrieden auf den Jahresbericht 2021, den sie mit ihrem Team gerade vorgelegt hat. Es ist ihr erster Bericht. Sie leitet die EFL seit Sommer letzten Jahres und sagt: „Die Zahlen bewegen sich auf dem Niveau der Vorjahre, der Bedarf an Beratung ist konstant.“

Franziska Hock leitet seit Juli 2021 die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie in „Soziale Arbeit“ und schloss einen Master of Counseling in Ehe-, Familien- und Lebensberatung ab. Eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin ergänzt ihr Know-how als Beraterin.

Die Paar- und Einzelberatung wird unter ihrer Leitung schwerpunktmäßig fortgeführt. Weitere Akzente will Franziska Hock in der Beratung vielfältiger Lebensformen sowie im Ausbau der Digitalberatung setzen.

Gleiche Zahlen, höherer Leidensdruck

Dabei liegt die Vermutung nahe, dass gerade die Corona-Pandemie zu einem Anstieg der professionellen Unterstützung geführt haben könnte.

„In Summe gibt es mit 526 Klient:innen in 2021 keine großen Veränderungen”, bilanziert Hock. „Der individuelle Leidensdruck unserer Klient:innen war jedoch ausgeprägter als in den Jahren zuvor.”

Den Grund vermutet die Familientherapeuthin unter anderem im engen Zusammenleben der Familien durch Home Office und Home Schooling. „Der komplette Alltag zwischen Mann und Frau spielte sich zuhause ab, inklusive Kinderbetreuung. All dies ohne Rückzugsmöglichkeiten – das ging nicht spurlos an den Menschen vorbei.”

Quelle: Broschüre “50 Jahre Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach”, 2021 fanden 521 Klient:innen den Weg in die Beratung

Viele Klient:innen mittleren Alters

Erstaunlich: Mit 57 Prozent Frauen und 43 Prozent Männern holt das vermeintlich „starke” Geschlecht beim Anteil an den Beratungen auf. Hock: „Wir beobachten seit Gründung der EFL hier vor Ort im Jahre 1970 eine kontinuierliche Zunahme der Beratungszahlen bei den Männern.”

Sie finde die Entwicklung gut. Das Klischee vom Mann, der keine Beratung in Anspruch nehme, das ändere sich.

Quelle: Broschüre “50 Jahre Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach”, 2021 lag der Anteil der Männer bei 43 Prozent

Auffällig im Jahresbericht ist, dass Menschen bis 30 und ab 60 Jahre unterrepräsentiert sind. „Das Phänomen zeigt sich auch in anderen Beratungsstellen”, ordnet Hock ein. Was nicht heiße, dass es in diesen Altersgruppen keinen Bedarf an Beratung gebe.

Daher hat man im November 2021 einen Instagram-Kanal gestartet, „damit wollen wir zumindest jüngere Menschen erreichen.” Ob dies gelinge wolle man im Herbst prüfen und ein Zwischenfazit ziehen.

Quelle: Jahresbericht der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach

Zugenommen hatte zwischenzeitlich die Online-Beratung: „Wir setzen ohnehin auf das sogenannte blended counseling, also die kombinierte Beratung durch Präsenz, Telefon und Video.”

Während der Hochphase von Corona überwog jedoch die Videoberatung, macht Hock deutlich. Aktuell liege der Schwerpunkt wieder bei der Präsenz

Noch kein Bedarf bei Flüchtlingen

Beratung zu Ehe, Familie, kritischen Lebenslagen: Da vermutet man auch Flüchtlinge unter den Klient:innen. Aber wieder weit gefehlt. „Wir haben Willkommenstreffen mit organisiert und dabei auch das Angebot der EFL vorgestellt”, so Hock.

Aber: „Primär stehen derzeit wohl die Lebensfähigkeit, Sprache und Grundversorgung im Fokus der Flüchtlinge. Ängste und Unruhen spielen noch keine Rolle.”

Denkanstoß in den Beratungsräumen der EFL Bergisch Gladbach, Foto: Holger Crump

Sie sei gespannt, ob sich die Nachfrage noch entwickle. Die Sprachbarriere werde sicher ein Thema sein. Aber man wolle sich dann mit Englisch behelfen, sprachkundige Berater:innen aus anderen Eheberatungsstellen hinzuziehen oder zurnot auf Dolmetscher setzen.

Klar sei aber auch, dass die Sprachbarriere eine intensivere Beratung vonnöten mache.

Die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach (EFL) bietet seit 1970 vor allem psychologisch fundierte Einzel- und Paarberatung für erwachsene Menschen in Krisenzeiten. Im Fokus stehen Veränderungsprozesse im Leben, sei es durch Änderungen im Lebenslauf, durch erzwungene oder selbst gewählte Umbrüche.

Im Unterschied zu psychotherapeutischen Behandlungen stellt die EFL keine Diagnosen und behandelt keine Erkrankungen, sondern gibt Lösungsansätze für diverse Lebenslagen.

Die EFL Bergisch Gladbach betreut ihre Klient:innen mit vier festen Kräften (davon drei Beraterinnen), drei Honorarkräften und zwei Student:innen. Bei rechtlichen Fragestellungen kooperiert die EFL mit einer Juristin.

Kontakt per Telefon 02202 349 18 oder über die Homepage

Thema Kirche

Die EFL in Bergisch Gladbach gehört zum Erzbistum Köln und ist eine von zwölf Beratungsstellen, die sich von Ratingen bis Euskirchen, von Bergheim bis Wuppertal ausbreiten.

„So ist man nah an den Menschen, und sie müssen keine langen Wege für die Anfahrt in Kauf nehmen.” Die Beratung sei kostenlos, wer mag könne eine Spende geben. “Damit ermöglichen wir die Teilhabe an der Beratung für alle Menschen in der Gesellschaft.”

Zum Download
Jahresbericht 2021 der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach
Broschüre zum 50-jährigen Jubiläum der Beratungsstelle

Kirche – das ist nach wie vor ein Reizthema in der Gesellschaft. Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und deren unprofessionelle Aufklärung sorgen für Kirchenaustritte en masse, auch in Bergisch Gladbach. Hat dies einen Einfluss auf eine katholische Beratungsstelle?

„Nein, wir spüren dies nicht beim Beratungsaufkommen, und es ist auch kein Thema in den Beratungen. Die Menschen kommen vielmehr mit ihren persönlichen Themen, sie können differenzieren zwischen den Skandalen einerseits und den Hilfsangeboten der Kirche andererseits.”

Sie halte es gleichwohl für wichtig, dass beides offen angesprochen werde und keine Seite der Medaille, weder die positive noch die negative, unter den Tisch falle.

Die Beratungsräume der EFL Bergisch Gladbach in der Innenstadt nahe der Buchmühle

Bekenntnis zu queeren Menschen

Offenheit, Themen ansprechen – dazu gehört für Franziska Hock auch das glasklare Bekenntnis zur #outinchurch Bewegung. Das sind Mitarbeiter:innen der Kirche, die sich offen als lesbisch, schwul, bi, trans, inter, queer und non-binär identifzieren und für eine „Kirche ohne Angst” bei diesem Thema eintreten.

Im Jahresbericht 2021 der EFL findet sich dazu eine Stellungnahme des Bundesverbandes der Ehe- und Familienberatungsstellen. Tenor: Die Diskriminierung von queeren Menschen in der Kirche müsse aufhören!

Queer bezeichnet Menschen, die ihre sexuelle Identität abseits der Heterosexualität oder des strikten Schemas von Männlich-Weiblich leben. Mehr online bei Wikipedia.

„Diese Lebensvielfalt ist in unseren Beratungsstellen präsent, auch queere Menschen kommen zu uns.” Man kenne deren Ängste und Leiden, „wir sind für alle Menschen da, unabhängig von deren sexueller Orientierung” betont Hock.

Klar sei aber auch, dass sich die Kirche diesbezüglich „auf den Weg machen müsse”, und sie tue dies , findet die Leiterin der EFL.

Sie verweist auf eine Stellungnahme des Erzbistums Köln von Januar 2022, worin der „Respekt vor Menschen, die sich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen” die Rede ist. Und von konstruktiven Impulsen beim kirchlichen Arbeitsrecht.

Offenheit, Themen ansprechen – dazu gehört für Franziska Hock auch das glasklare Bekenntnis zur #outinchurch Bewegung, Foto: Holger Crump

Klientin Kirche?

„Da gibt es Reibung”, sagt Hock, „und dies ist auch notwendig, damit sich etwas bewegt.” In ihrem Vorwort zum Jahresbericht 2021 zieht sie Parallelen: Zwischen ihren Klient:innen in der Krise. Und der christlichen Kirche, die sich im Umbruch befindet. Die mit der eigenen Lehre und ihrer Sicht auf die Lebensvielfalt der Menschen ringt.

Braucht gar die Kirche eine Beratung, so wie sie die EFL den Menschen bietet?

Franziska Hock hält inne: „Eine Beratung, die braucht man nicht, die gönnt man sich. Warum soll sich nicht auch die Kirche mal etwas Gutes tun?”

war bis Anfang 2024 Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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  1. Gut, dass diese Beratung mit steigendem Zusptuch existiert. Hoffentlich grätscht nicht irgendwann ein Kirchenfürst rein, weil da ja Menschen mit allen sexuellen Orientierungen beraten werden. Das wird Woelki auf der Seele brennen, wenn nicht der liebe Gott seine derzeitige Corona-Erkrankung nutzt.

    Die Katholische Kirche braucht unbedingt Beratung sogar oktruiert, weil sie sich die nicht “gönnen” will. Sie ist im Gegenteil derart beratungsresistent, dass Zehtausende Katholiken ihr lieber den Rücken kehren als den Lügen und falschen Angaben weiter folgen zu müssen. Woelki und Konsorten haben bis heute nicht geblickt, dass die Misere ihrer Kirche zum größten Teil sexuellen Ursprungs ist. Wie kann ein Mann, dem wie allen anderen Menschen der Sexual- und damit Spezies-Erhaltungstrieb inne ist, diesen per Befehl unterdrücken. Gott hat den Menschen gemacht, sagen die Katholiken. Dann hat er ihn ganz gemacht mit allen Dingen, die die kath. Kirche heute bemängelt. Insofern ist sie, die kath. Kirche des neuen Testaments bzw. deren Verwalter, besser Verteidiger, keineswegs als Folgeorganisation der 12 Aposteln zu sehen. Sie ist lediglich, was alte Männer aus ihr in 2000 Jahren machten: Ein Sündenpfuhl ohnegleichen mit Tendenz zum Aussterben.