Foto: Symbolbild KI

Das Versenden von Nacktbildern oder pornografischen Inhalten kommt auch an Bergisch Gladbacher Schulen immer wieder vor. Die sozialen Netzwerke bergen für Kinder und Jugendliche die Gefahr, sexualisierte Gewalt zu erleben. Die Fachberatungsstelle „MehrBlick“ will neben Eltern auch Lehrkräfte für das Thema sensibilisieren. Der Beratungsbedarf ist groß.

Digitale Medien sind ein fester Bestandteil im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Spätestens ab der weiterführenden Schule besitzt ein Großteil von ihnen ein Smartphone. Sie verbringen täglich mehrere Stunden im Internet und in den sozialen Medien. Bei allen Chancen und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, bringt die Nutzung der digitalen Medien auch Risiken und Gefahren mit sich.

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Sexualisierte Gewalt ist eine dieser potenziellen Gefahren: Täter:innen kontaktieren Kinder und Jugendliche über die sozialen Medien, schicken ihnen pornografische Fotos oder Videos oder bitten sie, Nacktfotos von sich aufzunehmen. Jugendliche posten intime Bilder von Mitschüler:innen im Klassenchat oder verschicken ungefragt Pornos. 

Lehrkräfte haben großen Beratungsbedarf

Um Lehrer und pädagogische Fachkräfte für dieses Thema zu sensibilisieren und im Umgang damit zu schulen, hat die Beratungsstelle „MehrBlick“ einen Fachtag zum Thema „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im digitalen Kontext“ veranstaltet. Daran nahmen 65 Lehrer, Schulsozialarbeiter und pädagogische Fachkräfte aus Bergisch Gladbach und dem Kreisgebiet teil.

„Die Veranstaltung war nach kurzer Zeit ausgebucht. Wir hatten noch über 50 Personen auf der Warteliste. Das zeigt, wie aktuell das Thema ist und wie groß der Bedarf ist, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Christoph Sonntag, der als Fachberater für das Thema bei „MehrBlick“ zuständig ist. 

„MehrBlick“ ist eine Kooperation der Katholischen Erziehungsberatung und dem Kinderschutzbund Rheinisch-Bergischer Kreis. Die Mitarbeiter beraten Betroffene von sexualisierter Gewalt, deren Bezugspersonen sowie pädagogische Fachkräfte und bietet Workshops und Fortbildungen zu dem Thema an. Die Angebote sind vertraulich und kostenfrei. Mehr Infos unter mehrblick-rheinberg.de

Zum Fachtag haben sich auch mehrere Pädagogen von Grundschulen angemeldet: „Das Thema betrifft zunehmend auch schon jüngere Kinder“, sagt Sonntag. Eltern und pädagogischen Fachkräfte seien oft verunsichert, wie sie mit Kindern und Jugendlichen über das Thema sprechen und wie sie sie schützen können. 

Nacktfotos werden in Chatgruppen verschickt

Ein Teilnehmer des Fachtags arbeitet an einer Förderschule für Kinder mit Lernbehinderungen. „Das Versenden von freizügigen Fotos in WhatsApp-Gruppen ist leider Alltag“, berichtet er. „Für viele unserer Schüler ist das Wahrnehmen von Grenzen Anderer ohnehin eine Herausforderung, die durch die digitalen Medien noch eine neue Dimension erhält.“ An der Förderschule gebe es inzwischen ein komplettes Handyverbot. 

Doch allein mit Verboten werde man dem Thema nicht gerecht, glaubt Christoph Sonntag: „Es reicht nicht, den Jugendlichen zu verbieten, intime Bilder zu verschicken. Die machen das oft trotzdem.“ Ein Verbot führe seiner Ansicht nach dazu, dass sich die Jugendlichen im Fall der Fälle den Eltern aus Sorge vor Ärger nicht anvertrauen. Darum sei es so wichtig, über das Thema sexualisierte Gewalt im Netz zu reden und über die Gefahren im Gespräch zu bleiben. Und darüber aufzuklären, welche traumatischen Folgen es für die Betroffenen haben kann.

Schulsozialarbeiter als Vertrauensperson

Dabei kommt den Schulen eine entscheidende Rolle zu. „Wenn Jugendliche erleben, dass Nacktfotos von ihnen verschickt wurden oder sie sexuell belästigt werden, empfinden sie große Scham und wollen darüber nicht immer mit ihren Eltern reden“, sagt Regina Kurth. Sie arbeitet seit zehn Jahren als Schulsozialarbeiterin an der Integrierten Gesamtschule Paffrath (IGP). 

„Für die Kinder sind wir Sozialarbeiter Vertrauenspersonen, auch weil wir eine Schweigepflicht haben“, sagt Kurth. Das Thema sexualisierte Gewalt in den digitalen Medien sei an allen Schulen und Schulformen Thema – und das schon seit mehreren Jahren. Die IGP veranstalte daher bereits seit längerem Präventionsprojekte. Dazu gehöre etwa die jährliche Aufklärung in der 6. Jahrgangsstufe. „Wir sensibilisieren die Kinder für den Umgang mit ihren eigenen Daten und den Daten Anderer.“ 

Das allein reiche aber nicht aus: „Viele Kinder wissen in der Theorie viel über das Thema und auch darüber, wie sie sich schützen. Dennoch werden manche Opfer von sexualisierter Gewalt, weil sie noch labiler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung sind“, sagt Kurth. Die Schule muss der Sozialarbeiterin zufolge dabei ihren Beitrag bei der Prävention leisten – durch das Sprechen über Sexualität als etwas Natürlichem: „Nur wenn ich offen über Sexualität sprechen kann, kann ich mich auch jemandem anvertrauen.“

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Das immer bedeutsamer werdende Thema Deep-Fake-Pornographie sollte auch in den Themenkatalog aufgenommen werden.

    Ein Handyverbot an Schulen ist sinnvoll, auch aus anderen Gründen.

  2. Sehr wichtige Aktion, danke für den Artikel!
    Leider gehen Schulen und Vereine noch immer zu sorglos und idealistisch mit den digitalen Medien um. Das beginnt oft schon mit Whatsapp-Gruppen mit Kindern in der Grundschule oder der Sportgruppe, die bereits aus Gründen des Datenschutzes problematisch ist.

  3. Sehr wichtiger Artikel vom Bürgerportal
    Ein Handyverbot ist dennoch nicht sinnvoll. Man sollte eher daran Arbeiten, dass Man den verantwortungsvollen und Rechten Umgang mit den Medien vermittelt.

    Das gilt übringens für alle. Auch für Erwachsene und Senioren. Von Jung bis Alt