Neben den privaten Parzellen gibt es am Herkenfelder Weg sehr viele öffentlich zugängliche Gemeinschaftsflächen. Foto: Annette Voigt

Die Kleingartenanlage zwischen Paffrath und Katterbach bietet den Pächtern seit 40 Jahren eine sehr individuelle eigene Welt in einer gut funktionierenden Gemeinschaft. Sie ist aber auch ein öffentlich zugängliches Naherholungsgebiet – mit Spielplatz, Obsthain, Lehrpfad und offenem Garten. Mit einem Besuch am Herkenfelder Weg setzen wir unsere Serie MehrGrün fort. 

In Nähe des Paffrather Kombibads versteckt sich inmitten ursprünglicher Landschaft im Wasserschutzgebiet die Gartenanlage des Kleingartenvereins Herkenfelder Weg. Die 63 liebevoll bewirtschafteten Parzellen sind ein Augenschmaus. Leuchtende üppig blühende Pfingstrosen in sattem Grün trotzen selbst starken Regen und lassen keineswegs ihre Köpfe hängen.

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„Wie sähe dieses grüne Areal ohne die intensive Pflege von uns Kleingärtnern aus?“, fragt Uwe Rieckhoff, Vereinsvorsitzende. „Wir bringen zwar nicht mehr Grün in die Stadt, doch wir bewahren und gestalten einen Naturraum am Stadtrand von Bergisch Gladbach. Im Bewahren, also in der Pflege, steckt auch das Erneuern. Insofern leisten wir unseren Beitrag für mehr Grün“, erklärt er.  „Wir erhalten Grün, das Stadtgrün, jeden Tag, 365 Tage lang“ ergänzt Frau Rieckhoff. 

Die 21.854 qm große Gartenfläche bietet für alle Bürger:innen viel öffentliches Grün. Überall in den Pachtgärten begegnen den Spaziergängern Bänke mitten in den gemeinschaftlich genutzten und öffentlich zugänglichen Grünflächen. Naturliebende finden hier Ruhe und Erholung. Während sich die Kinder auf dem in Eigenregie gebauten und vom TÜV geprüften Spielplatz austoben, genießen die Erwachsenen dieses Stadtpark-ähnliche Naherholungsgebiet.

Von den Kräutern der begehbaren Kräuterspirale sowie den Äpfeln, Birnen, Pflaumen und Johannisbeeren im Obsthain darf gekostet werden. Überall gibt es etwas zu entdecken, beispielsweise ein alter Wasserkessel inmitten eines Zierbeetes, ein großes Insektenhaus als „Zuhause“ für Wildbienen oder zwei Bienenstöcke im Garten eines Imkers. 

Hintergrund: Mit der Serie „Mehr Grün für die Stadt“ …

… will unsere Autorin Annette Voigt auf Musterbeispiele für grünes Engagement in Bergisch Gladbach und im Rheinisch-Bergischen Kreis aufmerksam machen. 

Angesichts der zunehmenden Negativauswirkungen des Klimawandels wie Hitze -und Trockenperioden, Starkregen und Hochwasser ist der Erhalt von Grünflächen und die Neuanpflanzung klimaresistenter und schattenspendender Pflanzen, Bäume und Gehölze notwendiger denn je. In Zeiten knapper werdenden Wasserressourcen gilt es auch hier umzudenken und einzusparen, z. B. indem Rasenflächen zu blühenden Blumenwiesen umgewandelt werden. Möglichst viel Grün gehört in die Stadt, denn das sind die grünen Lungen der Bergisch Gladbacher Bevölkerung, unsere Sauerstoffproduzenten.

Doch statt dessen ersetzen Schottergärten und durchgeflieste Flächen ehemals grüne Vorgärten. Sie wirken der Biodiversität entgegen und berauben den Insekten und Kleingetier ihren Lebensraum. Da es von der Stadt keine Verfügungen gibt, die diese grauen „Steinwüsten“ verbieten oder zumindest reglementieren, können diese Beispiele dazu beitragen, an die grüne Vernunft zu appellieren.

Eine Reihe von Gartenprojekten haben wir bereits vorgestellt; Sie finden sie unter diesem Artikel.

Kennen Sie weitere Projekte dieser Art? Melden Sie sich gerne bei der Autorin.

Das Besondere an dieser Kleingartenanlage ist es, dass es hier Gemeinschaftsbeete und den Obsthain gibt, die öffentlich zugänglich sind, die jeder besuchen kann. Dazu zählen auch die Wege, die an den Kleingärten vorbeiführen und viele Einblicke in ihr malerisches Ambiente gewähren sowie zahlreiche gemütliche Sitzgruppen.

Die Kombination aus Nutz- und Ziergärten der privat genutzten Gärten erfreut das Auge eines jeden Besuchers, übrigens auch bei Regenwetter. Man glaubt, in einer Gartenstadt mit liebevoll gestalteten Vorgärten zu sein. Fast alle dieser Gartenlauben besitzen eine gemütliche Terrasse mit wohnlichem Charakter. Wird es wieder wärmer, zieht es alle raus ins Grüne. Ob zum Frühstück auf der Terrasse oder zum Abendessen in gemütlicher Runde, der Garten wird eine Ergänzung zum Wohnzimmer daheim.

Die Anlage am Herkenfelder Weg ist eine von rund 1.600 Kleingartenanlagen in Nordrhein-Westfalen, also 120.000 Kleingärten mit einer Größe von mehr als 5.500 Hektar. Am 28. Juni feiert der Kleingartenverein Herkenfelder Weg e. V. sein 40-jähriges Jubiläum. Was wäre damals aus diesem Grundstück geworden, wenn der Verein diese Fläche in exponierter Lage nicht von der Stadt Bergisch Gladbach gepachtet hätte?  Ein Parkplatz oder eine Wohnanlage?

Grüne Oasen für alle

Seit Jahrzehnten sind hier Gartenfreunde am Werk. Von den 143 Vereinsmitgliedern gibt es noch Kleingärtner: innen der ersten Stunde, wenn auch wenige. Die meisten von ihnen sind über 80 Jahre alt, der Älteste 93 Jahre alt, der immer noch regelmäßig in seiner liebgewordenen „Scholle“ arbeitet. Gartenarbeit scheint jung und fit zu halten. 

Kleingärten sind allgemein beliebt und alle ca. 300qm große Parzellen am Herkenfelder Weg sind derzeit belegt. Voraussetzung eine Parzelle zu pachten, ist die Mitgliedschaft im Verein sowie ein Vorgespräch. Ein Anfrageformular findet sich auf der Homepage des Vereins. Ansonsten ist alles, was auf einer Parzelle steht, dekoriert oder gepflanzt wird, Eigentum und Privatsache der jeweiligen Parzellenbesitzer, die in Eigenregie ihr grünes Stück Land bewirtschaftet.  

Eine lebendige Gemeinschaft

Gemeinschaft wird in dieser Gartenanlage praktiziert und gefördert. Mehrfach im Jahr treffen sich die Kleingärtner:innen zu „Gemeinschaftsarbeiten“. Im Fokus steht dabei die Pflege der Gemeinschaftsflächen. Ebenfalls einen Beitrag zur Gemeinschaft leistet das Festkomitee, das das diesjährige Sommer- und Jubiläumsfest organisiert. Auch im Winter fällt Gartenarbeit an und nach getaner Arbeit trifft man sich schon mal zu einem Glühweinabend und Grillen im Schnee.                                                                              

Unter den Mitgliedern ist eine Garten-Fachberaterin, die bei Bedarf individuell zur Garten- und Pflanzenkunde berät. Klimagerechtes Gärtnern ist oft Thema. Gruppenangebote sind schwer machbar, da ein Versammlungshaus fehlt. Bei schönem Wetter trifft man sich draußen beispielsweise auf der gemeinsamen Blumenwiese in Nähe des Spielplatzes oder jemand stellt seine Laube zur Verfügung. Man rückt dann zusammen.  

In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Kleingärtner: innen regelmäßig aus. Wie gut, dass es diese Plattform gibt. Als hier 2022 mehrfach eingebrochen wurde, konnten sich alle kurzfristig besprechen. Seitdem wird jede Parzelle videoüberwacht. „Wenn wir alle ansprechen, dann sind sie da. Darauf ist Verlass“, meint Detlef Zielke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

Man kennt sich und man hilft sich. „Es gibt Gießbeauftragte“, schmunzeln Herr Rieckhoff und Herr Zielke. Diese Freizeitgärtner:innen sind immer zur Stelle, wenn sie gebraucht werden, beispielsweise um die Gemeinschaftsflächen bei Trockenheit zu gießen. Andere wiederum drehen eine Runde und schauen in der Anlage nach dem Rechten. Dabei ergibt sich mancher Plausch unter Gartenfreunden.

Gartenfürsorge und Gartenliebe

Der Garten ist eine eigene Welt für sich, die die Freizeitgärtner:innen mögen. Es ist die Freundschaft mit der Natur, das sich in den Garten vertiefen, der Stolz auf ein paar grüne Quadratmeter.

„Unser Garten ist ein kleines grünes Paradies und wie ein permanenter Urlaub zu jeder Jahreszeit. Auf der Terrasse bei einem warmen Sommerregen zu sitzen, es ist wunderschön“, schwärmt Frau Rieckhoff. Der kleine Teich in Herrn Zielkes Garten lässt ein Urlaubsfeeling aufkommen. Und manches Gartenhaus erinnert ausstattungsmäßig vielmehr an ein Ferienstudio als an eine Gartenlaube.

„In den Medien ist überwiegend von Gewalt und Negativem die Rede. Hier in meinem Garten ist es dagegen friedlich, eine ganz andere Welt für sich, die meiner Seele guttut“, meint Herr Rieckhoff. Herr Zielke bestätigt „Mein Garten ist ein wohltuender Ausgleich zum Job und bringt mir sehr viel“.

Ein Gärtner entdeckt seine Grünfläche immer wieder aufs Neue, denn der Garten ist das ganze Jahr ein immerwährendes Schauspiel. Gärten geben immer etwas zurück wie etwa das Gefühl von Zufriedenheit. „Es ist so schön, wenn ich Gemüse ernten kann, den Lohn für meine Gartenarbeit“, sagt Frau Rieckhoff. 

Hier begegnen sich Menschen mit Idealismus und Verständnis für Regeln des Miteinanders. Es sind Menschen, die die Grundregeln des Bundeskleingartengesetzes respektieren. Diese Regeln sehen unter anderem folgende Aufteilung vor: mind. 1/3 des Kleingartens für Obst -und Gemüseanbau, maximal 1/3 versiegelte Flächen mit Gartenhaus und Terrasse und 1/3 für die freie, grüne Gestaltung.

„Wer einen Garten übernimmt, übernimmt Verantwortung für seinen Garten im Sinne der Gemeinschaft und dem Prinzip der kleingärtnerischen Nutzung. Kleingartenarbeit ist Arbeit, die zwar entspannt und Freude bereitet, die aber auch mit regelmäßiger Pflege einhergeht“, beschreibt Herr Rieckhoff, „das Typische an einer Kleingartenkolonie“.

Offene Gartenbereiche und Gemeinschaftsgärten

Im Eingangsbereich befindet sich ein etwa 420 qm großer parkähnlich angelegter „offener Garten“ mit Blumenwiese, kleinen blühenden grünen Inseln sowie einer begehbaren Kräuterspirale, aufgebaut aus Bergischer Grauwacke ohne jeden Mörtel als Trockenmauer errichtet. Nicht nur verschiedenste Kräuter wachsen hier, sondern auch unterschiedliche Steingartenpflanzen fanden in den Fugen ihren Platz.                                          

Kleingärtner:innen werden allzu oft als spießig betrachtet. Mit einem Spießer wird allgemein jemand bezeichnet, der unter anderem Tradition, Regeln und Ordnung liebt und Neuerungen ablehnt. In einem Garten, der sich naturgemäß stets verändert, müssen sich Gärtner jedoch stets auf Neues einstellen wie beispielsweise klimafreundlich zu pflanzen und anzubauen. 

Auf 200 qm befindet sich eine Obstwiese mit einer Sitzecke. Umgeben von Rosensträuchern wachsen hier verschiedene Apfel-, Birnen- und Pflaumensorten. Schautafeln an jedem Baum informieren über Herkunft, Pflege und Nutzung.

Auf diesem Obstlehrpfad sind viele alte Apfelsorten zu entdecken, besonders interessant für Allergiker. „Von den süßen Früchten darf in Maßen genascht werden, denn es soll noch für Andere etwas übrigbleiben“, betonen die Herren vom Vorstand. 

In der Nähe der Johannisbeersträucher steht ein Wildbienenhaus für die „fleißigen kleinen Gartenhelfer“ bereit. Direkt an der Johannisbeerenecke befindet sich eine weitere Sitzecke, ideal zum Skatspielen, zum Ausruhen und stillen Genießen von Fauna und Flora. Eine Bank unter einem Baum kann ein wunderbarer Rückzugsort sein. Diese ist dabei mehr als nur eine Sitzgelegenheit. Sie bietet Gemütlichkeit. 

Spießig oder modern?

Gärtnern in einer Kleingartenanlage ist ein Gärtnern in Gemeinschaft, das auf Regeln und Strukturierung des Gemeinschaftslebens basiert. Wie übrigens jeder Gemeinschaftsgarten oder gemeinschaftlich genutzter Stadtgarten im öffentlichen Raum. Ähnliche, ebenfalls auf Gemeinschaft basierende Gartenbewegungen, sind das Urban Gardening, das Gardensharing (Landsharing) oder das mobile Gemeinschaftsgärtnern. Urban Gardening wirbt für mehr innerstädtisches Grün, eine klimagerechte, bunt-grüne Gestaltung des Stadtraums und initiiert die Selbstversorgung mit Gemüse -und Obstanbau.

Beim Gardensharing verpachtet beispielsweise ein Landwirt ein Stück seines Ackers an Privatpersonen oder an Gruppen zum Anbau von Nahrungsmitteln. Dazu wird in der Regel ein Vertrag geschlossen.  Auch diejenigen, die eine kleine Parzelle auf einem gemeinschaftlich genutzten Acker bewirtschaften, gärtnern also nach bestimmten Regeln. Ebenfalls in strukturiertem Rahmen sind in vielen Städten mobile Gemeinschaftsgärten anzutreffen. Charakteristisch dafür sind Bepflanzungen in Hochbeeten oder Paletten.                                                                                                          

All diese Konzepte inklusive der Kleingartenanlagen setzen auf Gemeinschaft und Vielfalt, verändern Orte durch ihr Gärtnern und forcieren die Begegnung von Menschen. Niemand würde Urban Gardening, Gardensharing oder mobile Gemeinschaftsgärten als spießig bezeichnen, wohl eher als modernes Gärtnern. 

Weitere Informationen zum KGV Herkenfelderweg e.V.: Uwe Rieckhoff, info@kgv-herkenfelderweg.de

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  1. Stellt sich nur noch die Frage: “Wie kommt es, dass “spießige” Schrebergärten in ihrer ökologischen Ausgestaltung so viel naturnaher und damit klima- und zukunftsorientiert sind, als die unzähligen (nicht Alle!) Reihenhausgärten, die sich in ihrer rasenseligen Langeweile gleichen, wie ein Ei dem anderen?”. Dieter Richter , Bergisch Gladbach

    1. Mehr noch. Wie kommt es, dass wir hier einerseits diese Harmonie mit der Natur – Bewegung haben und andererseits einige (Vor)Gärten mittlerweile mit Kies oder Schotter platt gewalzt werden und komplett ökologisch tot sind?

      1. Wenn Sie so etwas sehen, melden Sie es dem Bauamt. Das ist wegen des Begrünungsgebots baurechtlich nicht zulässig. Das Amt selbst wird wohl nicht die personellen Ressourcen haben, von sich aus im gesamten Stadtgebiet Kontrollgänge durchzuführen.