Symbolbild, mit Hilfe von KI erstellt.

Wir dokumentieren ein Gespräch zwischen einem entschiedenen Kämpfer für Demokratie und jemandem, den er Nazi genannt hat. Weil dieser rechtsradikale Symbole und rassistische Begriffe in einer öffentlichen Werbung verwendet hatte. Aber offenbar dennoch kein Rechtsradikaler ist.

*Hinweis der Redaktion: Die Bezeichnungen, um die es hier geht, sind herabwürdigend und rassistisch. Wir reproduzieren Sie daher nur, wo es zwingend ist, um die Auseinandersetzung nachvollziehbar zu machen. Die Abkürzungen stammen von der Redaktion, der Name des Gesprächspartners ist von uns verändert worden. Unten finden Sie Lesetipps zum Thema.

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Ein Beitrag von Hartmut Schneider

Vorgeschichte: Vor wenigen Tagen wurde ich auf ein Facebook-Posting aufmerksam, das die Einladung zu einem speziellen Menu darstellte. Es handelte sich u.a. um „Zigeunerschnitzel“* und „Negerkuss“* zum Preis von 8,88 €.

Ralf Meier*, der Wirt einer Gaststätte in einem Bergisch Gladbacher Wohnviertel, begründete dieses Angebot mit seinem Ärger darüber, dass ein Metzger aus Halle in Sachsen-Anhalt mit dem gleichen Angebot Ärger bekommen habe und als Nazi beschimpft worden sei. Nach eigener Darstellung unüberlegt machte Meier ein eigenes Angebot auf Facebook öffentlich.

Sofort entbrannte eine heftige Diskussion, die zu heftigen Vorwürfen, aber auch zur Unterstützung der Formulierungen führte.

Meine eigene Empörung beruhte darauf, dass Meier, nachdem mehrfach auf die Problematik  der verwendeten Nazisymbolik („88=Heil Hitler“) im Zusammenhang mit den rassistischen Z- und N-Wörtern hingewiesen worden war, trotzdem an seinem Angebot festhielt.

Daraufhin bezeichnete ich ihn als Nazi. Meier löschte die Kommentare, die ihm nicht gefielen.

Der Kommentar einer an der Diskussion beteiligten Frau versuchte einfühlsam, die Entwicklung des N-Wortes zum Schimpfwort zu erklären. Die Reaktion von Herrn Meier überraschte mich. Sie war durch Nachdenklichkeit und Verunsicherung bestimmt.

Zur Sache: Das N-Wort

Das im Wortursprung „schwarz“ bedeutende N-Wort wurde im Kolonialismus zu einer rassistischen Fremdbezeichnung für die Millionen unterdrückten und versklavten Afrikaner*innen. Obwohl das N-Wort für viele als gewöhnliche und angeblich neutrale Bezeichnung für Schwarze Menschen in den Sprachgebrauch einging, war und ist die abwertende Konnotation dem Begriff immer schon inhärent – davon zeugen viele Redewendungen und Sprichwörter oder Kinderbuchklassiker.

Durch größere Sicht- und Hörbarkeit der Anliegen Schwarzer Menschen ist es inzwischen allgemein bekannt, dass das N-Wort rassistisch ist und nicht verwendet werden soll. Um wie hier über das Wort sprechen zu können ohne es zu verwenden, hat sich die „N-Wort“-Bezeichnung etabliert.

Selbstbezeichnungen Schwarzer Menschen in Deutschland sind u.a. Schwarze Menschen (großgeschrieben, da es nicht um die Farbe geht, sondern um eine soziale Position), PoC oder BIPoC und Afrodeutsche.

Quelle: Arnd, Susan (2021): Neger_in. In: Arnd, Susan; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. 

Ich schrieb Meier persönlich an. Zu meiner Überraschung antwortete er. Seine Reaktion ermutigte mich, ihn um ein Gespräch zu bitten. Er sagte sofort zu und ich berichte hier jetzt darüber, weil es mir wichtig erscheint darzustellen, wie eine missverständliche Aktion als Nazipropaganda interpretiert wird und dann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Thematik führen kann.

Wir verabredeten, das Gespräch in der Gaststätte zu führen und ich erhielt die Erlaubnis, es aufzuzeichnen. Auszüge daraus werde ich zitieren.

Ralf Meier: „Ich habe das ja so nicht erfunden.“

Hartmut Schneider: „Ich bin davon überzeugt, dass der Metzger eine Absicht dahinter hatte.“

RM:„ Es ist ja vieles da unten rechtsextrem. Kann natürlich auch möglich sein, dass ich mich da zu irgendwas hingerissen habe.“

Meier erklärt mehrfach, von irgendwelchen Zahlencodes oder anderen Symbolen noch nie gehört zu haben. Ich beschreibe ihm, dass es Helly Hansen (HH) und Lonsdale-Klamotten (NS) gibt, unzählige Zahlen- oder Buchstabenkombinationen (14, 88, HH, 18), die in der Naziszene dazu dienen, sich als Gleichgesinnte zu erkennen.

Hier eine Website mit Informationen über die verschiedenen Nazicodes.

RM erklärt immer wieder, von solchen Codes jetzt zum ersten Mal zu hören. Auf mich wirkt das glaubwürdig.

HS: „Das eine ist ja die Sache mit dem Nazisymbol, das andere ist die Sache mit den Z**** und den N****.“

RM: „Das habe ich immer noch nicht verstanden … . Ich dachte immer, das Schimpfwort wäre ‘Nigger.’“

HS: „Wenn sie N**** nicht für ein Schimpfwort halten, so ganz unbefangen benutzt man dieses Wort doch nicht, oder?“

RM: „Ich sage zu niemandem N****. Ich kenne halt nur den N****kuss und ich nenne den immer noch so. Deshalb ist das für mich kein Schimpfwort.“

HS: „Das Problem ist ja bei Schimpfwörtern oder Beleidigungen, wen betrifft es? Den, der es sagt oder den, der es hört.“ 

RM: „Den Empfänger natürlich.“

HS: „Ich glaube nicht, wenn hier ein Schwarzer hereinkäme, dass sie den N**** nennen würden.“

RM: „Nein … aber das sagt man ja auch nicht zu Menschen, das ist eine Süßigkeit für mich.“

An dieser Stelle wird mir etwas klar, was mir vorher nicht so klar war. RM verbindet die problematischen Worte mit Lebensmitteln, die immer schon so hießen und Menschen sind eine andere Kategorie, auf die er angeblich diese Begriffe nicht anwendet. Ich bin skeptisch und denke, dass hier eine Mischung aus Trotz und Gedankenlosigkeit sein Handeln bestimmen.

HS: „Sie haben ja – nachdem die Polizei bei ihnen war, etwas trotzig ihr Angebot verändert und gesagt, es kostet jetzt zwischen 7,99 und 9 € und es gibt Saucen dazu. Man kann daraus schließen, dass sie nichts dazugelernt haben. Mir ist nicht daran gelegen, dass sie jetzt, weil es geschäftsschädigend sein könnte, taktisch zurückziehen.“

RM: „Wollen wir mal sagen, ich habe wohl nicht gut genug darüber nachgedacht … Ich nehme das jetzt raus.“

Meier nimmt sein Handy, es sieht so aus, als löschte er gerade sein Schnitzelangebot.

Er spricht über seine karitativen Angebote. Meier bietet regelmäßig Aktionen für Kinder, Hilfsbedürftige, Altersheime, Obdachlose usw. an und bewirtet diese. Finanziert werden diese Aktionen durch das gesammelte Trinkgeld eines Jahres.

RM: „Ich finde gut, dass sie gekommen sind, dass man persönlich spricht.“

HS: „Übrigens, das wissen sie nicht, ich bin es, der ihnen die Polizei auf den Hals geschickt hat.“

RM: „Das waren sie, jo. Im Nachhinein kann ich das verstehen. Ich bin ihnen auch nicht böse. Ist ja gut, dass diese Diskussion jetzt aufgekommen ist.“

HS: „Ich finde gut, dass wir geredet haben und mein Bild ein anderes ist als gestern.“ 

Fazit: Ein Rechtsextremist oder gar Nazi ist Ralf Meier nach meiner Überzeugung nicht. Dass unser Gespräch dazu führt, dass er Z- und N-Wörter nicht mehr benutzt, glaube ich nicht. Ich meine aber trotzdem, dass eine Sensibilisierung stattgefunden hat und die Bereitschaft, sich Kritik zu stellen und eigenes Verhalten zu reflektieren, verstärkt wurde. 


Weiterführende Lesehinweise:

“Wir bedienen rassistische Denkmuster und Sprechweisen”, MDR

Erläuterungen zum Begriff „Zigeuner“, Zentralrat der Sinti und Roma

Wenn Rassismus aus Worten spricht, Tagungsbericht des Kompetenzzentrums für antisemitismuskritische Bildung und Forschung

Wieso das N-Wort nie die richtige Bezeichnung für Schwarze Menschen ist, Verfassungsblog

Hartmut Schneider, geb. 1946. Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land. Gearbeitet, studiert und gelebt in Köln. Seit 1983 wohne ich in Bergisch Gladbach. Fotografiebegeistert seit dem 10. Lebensjahr, als eine Agfa Box auf dem weihnachtlichen Gabentisch lag. Als Lehrer und Stellv. Schulleiter habe...

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  1. Man braucht sich lediglich in andere mal hineinversetzen können, dann kommt manch einer selbst auf den Gedanken, dass manche Äußerungen, wenn auch nicht rechtsradikal dann doch zumindest respektlos sind.

    Man möchte schließlich im Ausland (ob als Urlauber oder Auswanderer) auch nicht ständig mit den WIRKLICH nicht ruhmreichen Taten der deutschen Großväter konfrontiert werden.

    Man stelle sich vor, man würde im Ausland als Deutsche, zwar nicht aus (dämlichen) optischen Gründen sondern wegen tatsächlich erfahrenem Leid in der eigenen Familie, dauernd mit dem Wort “Nazi” bezeichnet.

    “Wir vermieten auch an NAZIS” oder “”Wir vermieten nicht an NAZIS”
    “Heute Tagesmenü: Nazi-Sauerkraut mit Schweinefleisch”
    usw.

  2. @Hartmut Schneider: Danke für Ihr Engagement gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Demokratie. Worte und Symbole sind so mächtig.

  3. Gut, dass gesprochen wurde.
    Aber muss man damit wirklich die Ordnungsbehörden belasten?
    Wo wäre der Straftatbestand?

    Und bzgl. Lonsdale bitte korrigieren. Bei geöffneter Jacke sieht man NSDA, Anspielung auf die NSDAP.

    1. “Aber muss man damit wirklich die Ordnungsbehörden belasten?”
      Das gleiche habe ich gedacht, als ich am 11.Mai fast 1 Stunde an der Grenze Niederlande – Deutschland warten musste.
      Und mit welchem Recht kontrolliert man dort insbesondere Menschen mit dunkler – schwarzer Hautfarbe? Das sind schließlich oftmals auch EU-Bürger oder andere Menschen die sich legal innerhalb der EU bewegen.

      Bin gespannt auf eine Kosten – Nutzen -Analyse zu dieser Aktion. Oder gibt es hierzu bereits etwas?

      1. Ein Wort oder eine Zahl haben noch niemanden umgebracht. Illegal Eingereiste aber schon.

      2. Seit Generationen hier einheimische ebenfalls, und nun?

        Das war selbst für einen Samurai schon weit unter Niveau.

      3. Sie glauben nicht ernsthaft, dass auch nur ein Mensch gerettet wird durch diese aufwendige Aktion?
        Und das hier wieder viel Geld verschwendet wird für NICHTS, bringt mich zwar nicht um, aber wir brauchen es dringend an anderer Stelle.

      4. „Ein Wort oder eine Zahl haben noch niemanden umgebracht.“ Aber sie fördern die Bereitschaft, das Gedankengut und die Ideologie

        „Illegal Eingereiste aber schon.“ und Einheimische… und Tiere…. Und Autos… Schwachsinnsargument!

  4. Zur Ergänzung meines Artikels:

    Der Gastwirt hatte sich in unserem Gespräch ausdrücklich auf einen Metzger in Halle bezogen, der “Zigeunerschnitzel” und “Negerküsse” zum Preis von 8,88 € angeboten habe. Erst heute erfuhr ich, dass BILD über den Fall berichtet hatte. Allerdings bot er lediglich “Schnitzel, Spiegelei und Bratkartoffel” für 8,88 € an. Über einen Skandal mit den Bezeichnungen Z…schnitzel und dem N…kuss eines Rügener Lokals berichtete der NDR vor einem knappen Jahr. Dort ging es nur um die Begriffe, aber keinen Preis. Dass es einen weiteren Metzger in Halle geben sollte, der sowohl mit denselben Wörtern als auch dem identischen Preis geworben hat, halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

    Es scheint so, als hätte mich unser Gladbacher Wirt belogen, indem er beide Fälle kombiniert hat, um sowohl die Tabuworte als auch die 8,80 € nur als Kopie und nicht als eigene Schöpfung erscheinen zu lassen.

    Der Gastwirt erscheint vor diesem Hintergrund als jemand, der sich aus verschiedenen Versatzstücken eine Provokation bastelt, die weit über das hinaus geht, was die Vorbilder sich geleistet haben. So ist er auch bis heute eine Erklärung zur Wahl des Datums 18.6. schuldig geblieben.
    Inzwischen habe ich erhebliche Zweifel an meinem Urteil. Das lautete “Rechtsextremist oder gar Nazi ist Ralf Meier nach meiner Überzeugung nicht” und beruhte darauf, dass er immer wieder (glaubhaft) beteuerte, von der Nazi-Zahlensymbolik nichts gewusst zu haben. Das ist eindeutig widerlegt.

    Trotzdem bereue ich nicht, das Gespräch mit ihm gesucht zu haben. Allerdings wäre das Gespräch deutlich anders verlaufen und mein Fazit wäre anders ausgefallen, wenn ich vorher gewusst hätte, was ich jetzt weiß.

    1. 18.6. ist schwierig

      18: Während die „1“ für ersten (A) und die „8“ für achten (H) Buchstaben im Alphabet stehen, bildet die Kombination aus beiden die Initialen

      168:1: Ist zurückzuführen auf dem amerikanischen Rechtsterroristen Timothy McVeigh, der 1995 in den USA 168 Menschen tötete und 2001 hingerichtet wurde. Dieser Code wird vor allem zur Unterstützung von Gewalt verwendet.

      Quelle: https://www.kas.de/de/web/extremismus/rechtsextremismus/rechtsextreme-codes

  5. Was ja eigentlich stattfindet, ist ein Kulturkampf. Menschen unterschiedlicher Generationen wachsen in unterschiedlichen Kulturen auf. Jeder Generationswechsel bringt Veränderungen mit sich, Frisuren (Beatles!), Musik, aber auch Sprache und Denkweisen. Das alles sollten wir als gesunde menschliche Natur begreifen – ebenso die Konflikte, die sich zwangsläufig daraus ergeben. Das muss in Demokratien so sein! Stellt sich jetzt nur noch die Frage, wie Konfliktbewältigung aussehen könnte.

    Genau so, wie sie oben beschrieben wurde. Toller Beitrag!

    Mein Filmtipp: “Contra”
    https://constantin.film/kino/contra/

    Selbst eingefleischte Nichtrassisten können möglicherweise die eigene Orientierung noch etwas vertiefen. Am Rande: inhaltlich gab es ein einzigartiges Pladoyer für Religionsfreiheit am Beispiel des Islam.

  6. Ich finde es sehr mutig und offen beiderseits, sich diesem Gespräch zu stellen. Das war wohl ein Idealszenario, wie ich es mir wünsche im Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Unterschiedliche Blickwinkel im Aufeinander Zugehen auszutauschen, offen bleiben und zuhören – allemal konstruktiver als das Brüllen von Parolen.

    Danke dass wir daran teilhaben und uns ein Beispiel daran nehmen dürfen.

  7. Gut, dass Hartmut Schneider dieses klärende Gespräch geführt und dokumentiert hat. Eine Chance auch für uns, über unseren täglichen Sprachgebrauch nachzudenken.

    Alter „Wortschatz“?

    Menschen verdienen es, so angesprochen zu werden, wie sie sich selbst bezeichnen: “Sinti und Roma“. Roma ist das Wort für „Mensch“. Begriffe wie „Zigeuner” und „Negerkuss“ sind in einer Zeit entstanden, in dem Rassismus und scheinbare Überlegenheit zur Selbsterhöhung über andere Völker eine große Rolle spielten. Wenn jemand sie heute bewusst als Provokation einsetzt, muss er es sich gefallen lassen, als rassistisch oder „Nazi“ kritisiert zu werden. (Andere Gastwirte bieten die Schnitzel als „Puszta-Schnitzel” an.)

    Unbekannte Nazi-Kürzel?

    Die diskriminierenden veralteten Begriffe müssen deutlich getrennt werden von den in der ultrarechten Szene benutzten Kürzel wie „88“, „HH” und „18“ etc. Dass jemand diese Kürzel nicht kennt, verwundert mich. Diese Kürzel dienen der Kommunikation den Neonazis untereinander und sind Bekenntnisse zu einem verbrecherischen System, mit dem wir Deutschen ungeheure Schuld auf uns geladen haben: Länder verwüstet, über 60 Millionen Menschen haben ihr Leben verloren.

    Rassistisch ist immer respektlos.

    Ein prominentes Beispiel: Wenn der Comedian Nuhr in einem Reisebuch über den Hausbau von Ureinwohnern im Westen der USA schreibt, dass die „Anasazi-Indianer … gern unter der Erde (bauen). Warum nicht? Auch Regenwürmer und Maulwürfe haben sich auf diese Weise evolutionär durchgesetzt“, dann ist das rassistisch. Rassist wird er nicht sein, aber respektlos. Er missachtet die architektonische Leistung des indigenen Stammes, er missachtet die Menschen. Und das nur für einen billigen Gag in einem Buch mit dem Titel „Gibt es intelligentes Leben?“, in dem es von Flachwitzen wimmelt.

    1. „Menschen verdienen es, so angesprochen zu werden, wie sie sich selbst bezeichnen: ,Sinti und Roma‘.“ – Dem ersten Teil Ihres Satzes kann ich einigermaßen zustimmen, auch wenn das meiner Ansicht nach nicht so universell gelten kann, wie es in identitätsideologischen Kreisen gesehen wird.

      Die Verkürzung auf „Sinti und Roma“ hat allerdings ihre eigene Problematik. Dass einige Roma das Wort „Zigeuner“ noch als Selbstbezeichnung verwenden, mag sich mit der Zeit erledigen. Nicht aber, dass damit ganze Volksgruppen ausgeschlossen werden, wie etwas das jenische Volk und einige kleinere Gruppen. Die Jenischen wurden ebenfalls unter den Begriff der „Zigeuner“ subsummiert (verwendeten ihn auch als Selbstbezeichnung) und ebenfalls diskriminiert und verfolgt, aber außen vor gelassen, als der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma verstärkt nach dem Amtsantritt von Romani Rose als Vorsitzendem aktiv die Ersetzung des „Zigeuner“-Begriffs im öffentlichen Diskurs betrieb. Das ist aller Ehren wert, aber dabei eine komplette Volksgruppe vor der Tür zu lassen, ist ein Ausdruck von Partikularinteressen. Deshalb halte ich es für keine wirklich gute Lösung, jetzt ausschließlich von „Sinti und Roma“ zu sprechen, wenn man auch Volksgruppen meint, die weder Sinti noch Roma sind.

      Und es wirft auch ein Licht auf Aspekte von Selbstbezeichnungen, die zumindest mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden sollten.