Wenn Angst kein Schutzmechanismus mehr ist, sondern zu einer Erkrankung oder Phobie wird, hat das gravierende Auswirkungen auf die Betroffenen. In einer Selbsthilfegruppe in Bergisch Gladbach werden sie aufgefangen und lernen, ihre Ängste zu bewältigen. Mit diesem Beitrag setzen wir die Serie über Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg fort.

Angst ist eine normale und gesunde Reaktion, sobald sich Menschen bedroht fühlen. Es ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der in und vor Gefahr warnt. Anders verhält es sich bei Angsterkrankten bzw. an Phobien leidenden Menschen. Hier dominiert die Angst den Alltag der Erkrankten. Angst die Wohnung zu verlassen, Angst Auto zu fahren, Angst vor großen Menschenmengen, Platzangst führen unter anderem dazu, dass sich Betroffene zurückziehen, einschränken und sich die Lebensqualität erheblich minimiert.

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Diese Angstzustände können auch zu Arbeitsunfähigkeit und körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schwindel, Erröten, Brustbeklemmungen und Übelkeit führen.  Die „Selbsthilfegruppe gegen Angsterkrankungen“ bietet den Betroffenen einen sicheren Raum, um Erfahrungen zu teilen, Unterstützung zu finden und gemeinsam Wege zur Bewältigung von Angstzuständen zu entwickeln.

Vor einer Weile war ich in dieser Gruppe zu Gast und wurde ganz selbstverständlich ins Geschehen eingebunden, so als sei ich schon immer mit dabei. „Wie schön, dass Du heute da bist“. Ähnlich ergeht es auch einem neuen Teilnehmer, dem sich alle in der Gruppe sehr empathisch zuwenden und ihm zuhören.

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Es fällt auf, dass sich die Betroffenen in der Vorstellungsrunde als Angstkrank oder an einer Phobie leidend vorstellen und nicht als Menschen mit einer Angststörung. Als „gestört“ bezeichnet sich hier niemand.

Eine Angsterkrankung ist eine Krankheit wie jede andere auch. „Es gibt nichts, worüber ich mich schämen müsste. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Es gehört zu mir,“ erklärt Markus Winterscheidt, der die Gruppe leitet und 2016 gründete. Er sieht die Selbsthilfegruppe als eine Möglichkeit sich selbst und anderen zu helfen.

Diese Angsterlebnisse treten immer wieder auf und die Erkrankten versuchen dann oft diese angstauslösenden Situationen oder Orte zu meiden. Das kann dazu führen, dass jemand plötzlich eine Teambesprechung abbricht, weil die Angst ihn überkommt. Die Angst kann sich bis zur Panikattacke steigern, Depressionen auslösen, soziale Kontaktprobleme verursachen und die gesamte Tagesstruktur beherrschen.

Dauerangst ist wie eine Mauer, die einen umgibt

„Ich habe Probleme mit Leuten und auch Probleme ohne Leute“, beschreibt ein Erkrankter seine Kontaktschwierigkeit. Da ist jemand, dem es Mühe macht, morgens aufzustehen oder eine andere, die nach langer Zeit mal wieder mit Freunden eine Party besucht, diese aber schnell wieder verlässt, weil sie es nicht mehr aushält. Die Angst wird dann zum Selbstläufer. 

Ihre Ängste verursachen den Erkrankten extrem viel Stress, privat wie beruflich. Hier in der Gruppe lernen sie wie solche Stresssituationen oder das Gereizt Sein reduziert werden können und welche Verhaltensweisen es alternativ zu diesenKampf -und Flucht-Reaktionen gibt. Es ist heilsam, solche Belastungssituationen und Auslöser von Ängsten zu erkennen und in diesem Zusammenhang beispielsweise Entspannungsmethoden (Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung) auszuprobieren. 

Die emotionalen Grenzen fühlen sich für viele wie eine dicke, schwere Mauer an, die einen umgibt. Ist es möglich, diese Mauer zu überwinden, beispielsweise den Mitmenschen ohne viel zu erklären zu zeigen, dass man jetzt gerade nicht in der Gruppe sein möchte? Ohne Angst die Anderen könnten jetzt über einen reden. Wer möchte schon auf der Arbeit als Außenseiter oder als absonderlich gelten?

Dabei ist es wichtig, sich zu akzeptieren und den Anderen zu vertrauen. Viele erleben dennoch, dass Freunde, Kollegen oder Partner sie in ihren Ängsten nicht verstehen und den Kontakt abbrechen. Das tut weh, sehr weh.

„Mut ist nicht Freisein von Angst, sondern deren Überwindung“ so heißt es auf der Webseite der Selbsthilfegruppe. „Lerne Deine Ängste zu verstehen, sie zu akzeptieren, mit ihnen zu leben und darüber zu reden“ fasst ein weiterer Mutmacher die Ziele der Gruppe zusammen. 

Selbsthilfegruppe gegen Angsterkrankungen
Treffen alle zwei Wochen, jeden 2. und 4. Mi im Monat
18:30 Uhr bis 20 Uhr
Progymnasium Bensberg
Schlossstraße 84, 51429 Bergisch Gladbach
kontakt@shg-gegen-angst.de
Ansprechpartner:
Markus Winterscheidt und Lucienne Bogun

Diese Selbsthilfegruppe trägt mit dazu bei die Angstsymptome der Betroffenen abzubauen. Die unter Angst Leidenden werden hier unterstützt, ihre Selbsthilfekräfte zu stärken, das Vertrauen in ihre Ressourcen zu intensivieren, Wege zu finden wie besonders in Krisenzeiten diese krankhafte Angst überwunden werden kann und somit ihren Leidensdruck zu minimieren.

Im Zentrum der Arbeit stehen demnach die Betroffenen mit ihren individuellen Ressourcen und Fähigkeiten, mit ihren Stärken, die trotz ihrer Angsterkrankung vorhanden sind. Selbsthilfe lebt davon, eigene Probleme aus eigener Kraft gemeinsam mit anderen zu bearbeiten und dabei auf, „Expertenurteile“ oder „subjektiv richtige Lebensentwürfe“ zu verzichten.

„Stehe zu Dir und Deinen Ängsten“. „Du bist okay so wie Du bist“. „Mute Dich den Anderen zu“. „Sei liebevoll zu Dir selbst und akzeptiere Dich“, so lauten die Botschaften, die innerhalb der Gruppe vermittelt werden. 

Offene Gespräche und Erfahrungen teilen

Mut machen und Zuversicht geben, das funktioniert recht gut beim gemeinsamen Austausch. An diesem Abend gibt es keine Tipps oder Ratschläge. Stattdessen versuchen alle ihren Standpunkt an Hand von Argumenten zu beschreiben und reden offen über ihre Probleme, aber auch Erfolge.

Alle sind selbst von Angststörungen betroffen und wissen daher genau, wovon der Einzelne spricht. Somit entsteht ein tiefgreifendes Verständnis für die jeweilige Situation der Anderen. Alle teilen ihre Erfahrungen in dieser wohlwollenden, einladenden und vertraulichen Gesprächsatmosphäre.

Die Ehrlichkeit der Betroffenen in diesem geschützten Raum ist frappierend.  In diesem persönlichen Ambiente fühlt sich niemand genötigt, irgendetwas zu tun, was er oder sie nicht möchte. 

Hier werden in wechselseitiger Gesprächsrunde Fragen erörtert wie beispielsweise, ob es ratsam sei einem Arbeitgeber von der Angsterkrankung zu berichten und dies sogar beim Bewerbungsgespräch. Da werden Nach- und Vorteile miteinander abgewogen.

Ist es nicht Privatsache, welche Krankheit man habe? Kostet es nicht viel zu viel Kraft, die Angstzustände zu verbergen? Ist es nicht wichtig im Erstgespräch offen und ehrlich zu sein und somit zu sich selbst zu stehen? Ist es nicht erstrebenswert, einen Arbeitgeber zu finden, der einen versteht und zu einem hält? Merken die Kollegen nicht ohnehin, wenn jemand vor lauter Angst schwitzt und einen roten Kopf bekommt?

„Ich fühle mich wohler, wenn die Menschen um mich herum über mich Bescheid wissen“, meint dazu ein Betroffener. „Ich bin hier in der Gruppe, um ehrlich sein zu können“, verrät ein Anderer. Es gibt kein Patentrezept, denn letztendlich geht jeder anders mit dieser Situation um.

Manche in der Gruppe halten sich während des Gesprächs eher zurück, werden vom Gruppenleiter sanft, aber gezielt angesprochen und somit in das Gruppengespräch einbezogen. Ein Betroffener hat dann auch gleich eine Frage. Er möchte wissen wie er mit seinen Medikamenten umgehen soll. Und schon entwickelt sich ein weiterer Austausch. „Die Medikamente machen oft müde und dabei ist es wichtig, sich eine Tagesstruktur zu geben“, rät ein Erkrankter.

Eine sehr gute Gesprächsatmosphäre

In das lebendige Gespräch greift der Gruppenleiter nur selten ein und dann behutsam und liebevoll, beispielsweise bei einem Zweiergespräch, das mitten in der Gruppendiskussion entsteht oder bei jemanden, der während der Blitzlichtrunde zu lange von sich redet oder als das Handy eines Teilnehmers klingelt.

Es ist wirklich beeindruckend wie positiv hier alle miteinander umgehen. Da bedankt sich jemand bei einem Anderen, der sein schnelles Sprechen beanstandet.  Der Kritisierte erklärt, dass er so schnell aus Sorge spreche, unterbrochen zu werden.

Dabei lässt hier jeder jeden zu Wort kommen und hört aufmerksam zu. Es ist zu spüren, dass hier viele Therapierfahren sind und ihnen Gruppengespräche aus der Reha oder einer psychosomatischen Klinik vertraut sind. „Das Beste waren die Gespräche mit Gleichgesinnten, die sich außerhalb der regulären Behandlung spontan ergaben“, erinnert sich ein Betroffener an seine stationäre Reha. 

In der Abschlussrunde erleben alle den Gruppenabend als inspirierend und produktiv. „Ich komme gerne wieder und habe Euch noch viel zu erzählen“, resümiert derjenige, der heute zum ersten Mal teilnimmt. 

Runter vom Gedankenkarussell

Mut macht der Song von Markus Winterscheidt, den er komponiert hat und den er, von KI gesungen, den anderen an diesem Abend zum ersten Mal präsentierte. Der Song besingt etwas, das viele Menschen mit Angsterkrankungen tagtäglich beschäftigt; nämlich die sich ständig im Kreis drehenden Gedanken. „Gedankenkarussell“, so der Titel.

Die Botschaft des Songs soll Mut machen, laut und deutlich NEIN zu diesen negativen Gedanken zu sagen und aus der Gedankenspirale auszubrechen. 

Abschließend wendet sich die Gruppe an die Leser: innen des Bürgerportals. Sie empfehlen, nett zu sich selbst zu sein, keine Angst vor der Angst zu haben und stets daran zu denken, sich selbst wichtig zu nehmen.

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