Zwischenstopp der bergischen Hilfskonvoi-Lastzüge auf der mehr als 30-stündigen Reise in die Ukraine. Foto: Guido Wagner

Bereits zum 16. Mal haben die Fahrerinnen und Fahrer der Humanitären Hilfe Bergisch Gladbach und Overath dringend benötigte Hilfsgüter in die Ukraine gebracht – und erlebten den Wiederaufbau und den Krieg aus erster Hand.

Wir veröffentlichen einen Beitrag der beiden Vereine der Humanitären Hilfe

Mehr als 54 Tonnen Hilfsgüter von Lebensmittelkonserven über Kaminöfen und warme Kleidung für den Winter bis hin zu Spielsachen und säckeweise Mehl, Zucker und Salz haben acht ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer der gemeinsamen Ukraine-Hilfe der Humanitären Hilfe Bergisch Gladbach e.V. und der Humanitären Hilfe Overath e.V. jetzt mit vier Lastzügen ins südukrainische Chmelnyzkyj gebracht – und dabei auch gespürt, wie sich das Land und die Menschen, die sie seit Frühjahr 2022 mit Hilfsgütern unterstützen, gerade in jüngster Zeit verändert haben. 

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Als sie an der polnisch-ukrainischen Grenze nach 16 Stunden Warten auf die Grenzabfertigung und Kontrollen auf der polnischen Seite endlich in den ukrainischen Teil der Grenzstation fahren dürfen, ist es bereits wieder Morgen. 9 Uhr. Und plötzlich steht alles still. Vier Zeitschläge ertönen aus den Lautsprechern der Grenzabfertigungsanlage, dann die ukrainische Nationalhymne. Ob Lkw-Fahrer oder Grenzpersonal – niemand spricht mehr, steht still da und schaut zur Fahne, die über dem Gelände weht. 

Fotos der Gefallenen allein aus der eigenen Stadt: In jeder ukrainischen Stadt ist der Krieg präsent – auch in der Fußgängerzone von Chmelnyzkyj. Foto: Guido Wagner

Am nächsten Morgen beim Frühstück in der Unterkunft die gleiche Situation: Alles verstummt, als die Taktschläge ertönen. Jeden Tag um 9 Uhr halten die Menschen mittlerweile in der Ukraine für einen „Moment der Stille“ inne, gedenken der Tausenden Toten, die der russische Angriffskrieg bereits gefordert hat. 

„Und jede Woche sind weitere Menschen auf der Flucht“, sagt Oleksander Khalsyim, der Leiter des Traumazentrums in Chmelnyzkyj, das die Ukraine-Hilfe der beiden bergischen Hilfsorganisationen seit dem Aufbau unterstützt. Khalsyim wurde selbst an der Front verwundet, bevor er eine Ausbildung zum Traumatherapeuten während seiner Behandlung in Deutschland absolvierte, um nun den Familien zu helfen, deren Väter, Männer oder Brüder mit schweren seelischen Verletzungen oder gar nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren. 

Abladen des ersten von vier Sattelzügen am Zentrum für traumatiserte Soldaten und ihre Familien im südwestukrainischen Chemlnytzkyj. Foto: Guido Wagner

Während die Hilfstransporteurinnen und -transporteure die Hilfsgüter mit Hilfe zahlreicher engagierter Helferinnen und Helfer der katholischen Kirchengemeinde vor Ort abladen, erleben sie auch, wie im Traumazentrum gearbeitet wird. „Selbst wenn morgen der Krieg zu Ende wäre, hätten wir noch mindestens auf drei Generationen mit den psychischen Folgen des Krieges zu tun“, ist Khalsyim überzeugt.

Seine Kollegin Olena Lebedieva, die mit ihren beiden Kindern nach dem russischen Angriff auf ihre Heimatstadt im Nordosten des Landes nach Deutschland geflüchtet war, vor zwei Monaten aber zurückgekehrt ist, um ihren Landsleuten als Psychologin zu helfen, begleitet gerade einen Kurs von Frauen, die ihre Männer an der Front verloren haben. 

Viele Hilfsgüter wie hier Spielsachen werden umgehend an Bedürftige weiterverteilt. Dabei hilft auch die örtliche Polizei mit einem Sozialprojekt. Foto: Olena Kirilkova

„Für sie alle ist eine Welt zusammengebrochen, viele haben sich ganz zurückgezogen, jeden Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Es ist nicht leicht an sie heranzukommen“, sagt die Psychologin. Als eine der Frauen am Ende des fünftägigen Seminars im Traumazentrum vorschlägt, doch ein gemeinsames Abschiedsfoto zu machen, ist das schon ein riesiger Fortschritt, weiß Olena Lebedieva. 

„Hier sieht man, dass auch unsere Hilfe wirklich ankommt“, sagt Hilfskonvoifahrer Stefan Malczewski, als die Konservendosen, Mehl-, Salz- und Zuckersäcke, Kaminöfen und Winterkleidung, die vom Traumazentrum auch an zahlreiche innerhalb der Ukraine vor der näherrückenden Front geflüchtete Familien verteilt werden, abgeladen sind. 

Schon wenige Stunden später senden die Partner des katholischen Bistums, das das Traumazentrum und weitere Hilfsprojekte vor Ort betreibt, Fotos von der Übergabe erster Hilfsgüter auch mit Unterstützung der örtlichen Polizei an Bedürftige.

„Da lohnt sich auch die weite Fahrt hierhin“, sagt Astrid Vogel, die seit Jahrzehnten bei der Humanitären Hilfe aktiv ist, diesmal allerdings zum ersten Mal einen der 40-Tonner mit in die Ukraine gesteuert hat. „Das war bestimmt nicht das letzte Mal“, sagt sie. 

Palettenweise Lebensmittel brachte das Team ehrenamtlicher Fahrerinnen und Fahrer, hier mit Vertretern der lokalen Partner in Chmelnyzkyj. Foto: Paul Sowa

Bereits im November soll der nächste, dann 17. Hilfstransport von Humanitärer Hilfe Bergisch Gladbach und Humanitärer Hilfe Overath unter anderem mit einem Krankenwagen in die Ukraine starten. Wer die Ukraine-Hilfe unterstützen möchte, findet Infos im Internet und erreicht die Vorsitzenden der beiden Vereine unter 0170-350 30 40 (Norbert Kuhl, Overath) und 0179-458 2444 (Ulrich Gürster, Bergisch Gladbach). 

Seit 1994 engagieren wir uns in Litauen und Weißrussland bzw. Belarus. Diese Zeit ist nicht nur geprägt von materieller Hilfe, sondern auch von Freundschaft, Nächstenliebe und Solidarität mit den Menschen jenseits der auch heute zum Teil noch wenig durchlässigen Grenzen. Um auch zukünftig die...

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