Auf dem Brachland an der Odenthaler Straße, zwischen Trattoria und Bäckerei, liegt das Grundstück der geplanten Kita. (Archivfoto: Redaktion)

Im Dezember 2021 hatte der Stadtrat die Pläne für eine neue Kita mit einem Kompetenzzentrum beschlossen. Neben Betreuungsplätzen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung sollte an der Odenthaler Straße auch ein Ort für Schulungen und Weiterbildungen geschaffen werden. Nun will die Stadtverwaltung das Projekt kippen.

Die Stadt verabschiedet sich von der Idee einer Kindertagesstätte mit angegliedertem Autismus-Kompetenzzentrum. Sie hält die geplante Umsetzung des Projekts nicht mehr für notwendig, wie aus einer Beschlussvorlage hervorgeht. Erhebliche Verzögerungen hätten dazu geführt, dass „die Zeit den ursprünglichen Gedanken überholt hat“.

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Demnach soll der Maßnahmenbeschluss aus dem Jahr 2021 zurückgenommen, die Verwaltung mit der Rückabwicklung des Projekts an der Odenthaler Straße beauftragt werden.

Der Rat hatte das Neubauprojekt im Dezember 2021 beschlossen. Geplant war eine viergruppige Kita mit 66 Plätzen unter der Trägerschaft der „Awo Sommerberg GmbH“, einem Tochterunternehmen der Awo Mittelrhein. 15 Plätze sollten für Kinder mit (Verdacht auf) Autismus-Spektrum-Störung (ASS) vorbehalten sein, da diese oft keinen Kita-Platz in einer regulären Einrichtung bekommen – so zumindest die damalige Sichtweise.

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Kita-Plätze sind in vielen Stadtteilen knapp, aber nicht in Hebborn. Hier gibt es derzeit sogar ein Überangebot. Dennoch will die Stadt hier eine weitere Kita errichten lassen, auf einer Brachfläche an der Odenthaler Straße. Nicht weil sie es muss. Sondern weil sie es kann. Als Kompetenzzentrum für Kinder mit einer Autismus-Störung.

Kinder ohne Kita-Platz

Noch im Mai 2025 hatte die Verwaltung für das Festhalten an der geplanten Kita argumentiert: „In Bergisch Gladbach gelingt es weiterhin nicht, allen Kindern mit einer (drohenden) Behinderung einen Platz in einer Kita anzubieten. Es gibt immer wieder Kinder, die in die Schule gehen, ohne je in einer Kita betreut worden zu sein und damit an deren Bildungsangebot partizipiert zu haben.“ 

Der Einstieg in die Schule würden diesen Kindern erschwert, in vielen Fällen seien spätere Schulbegleitungen notwendig, die sich auf den städtischen Haushalt auswirkten. „Auch dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz wird damit faktisch nicht nachgekommen“, heißt es in der Vorlage (siehe Dokumentation am Ende des Textes).

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Veränderter Bedarf

Doch inzwischen kommt die Verwaltung zu dem Schluss, dass das ursprünglich geplante Kompetenzzentrum in der Form nicht mehr dem momentanen Bedarf entspricht, wie sie auf Nachfrage mitteilt. Sie begründet das unter anderem mit den erheblichen Verzögerungen, aber auch mit veränderten Rahmenbedingungen. 

Zwar benötigten Kinder „mit besonderen Bedarfen“ auch weiterhin individuell und unterstützende Angebote. Die inklusive Arbeit der Kitas habe sich in der Zwischenzeit jedoch verändert, inklusive Angebote seien weiterentwickelt worden. Einige Träger (etwa die Awo, Fröbel oder der Evangelische Kitaverband Köln rechtsrheinisch) hätten inzwischen eigene Fachberatungen für Inklusion, womit sich der Bedarf an Beratung der Einrichtungen reduziert habe.

Als das Projekt beschlossen wurde, war man davon ausgegangen, dass der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Finanzierung der heilpädagogischen Gruppe in Bergisch Gladbach (in der Caritas-Kita Ferrenberg) einstellt und diese geschlossen werden müsse. Dazu ist es allerdings nicht gekommen. 

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Die geplante Rückabwicklung des Projekts begründet die Verwaltung auch mit einem rückläufigen Anmeldeaufkommen in den Kitas. Laut „Bedarfsliste Dezember 2025“ sind drei Kinder mit Verdacht auf ASS sowie ein Kind mit ASS-Diagnose nicht mit einem Kitaplatz versorgt, wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt. Das war laut Verwaltung in der Vergangenheit anders, insbesondere zwischen 2021 und 2023, als Plätze für Kinder mit Verdacht oder der Diagnose ASS „sehr knapp waren“.

Nach einer neuen Gegenüberstellung von Bedarfs- und Kosten-Nutzen-Situation bewertet die Verwaltung die Umsetzung des Kompetenzzentrums daher als „nicht mehr zielführend“.

Rückblick auf das Projekt

Fertigstellung und Eröffnung von Kita und Kompetenzzentrum war ursprünglich für das Kindergartenjahr 2023/24 geplant. Errichtet werden sollte die Einrichtung auf einer Brachfläche an der Odenthaler Straße, gegenüber von Tankstelle und Grundschule. 

Die Idee von Kita und Autismus-Kompetenzzentrum
Die Ausgangslage

Im Jahr 2021 war es für Familien mit Kindern, die den Verdacht oder die Diagnose ASS haben, sehr schwer einen Betreuungsplatz zu finden. Die Kita mit integriertem Kompetenzzentrum sollte diese Kinder individuell betreuen und die Familien entlasten sowie intensiv beraten und begleiten. 

Fortbildungen und Schulungen

Darüber hinaus sollten im Kompetenzzentrum Weiterbildungen und Schulungen rund um das Thema Autismus für Erzieher:innen, Kindertagespflegepersonen und OGS-Mitarbeiter:innen angeboten werden. Andere Kitas sollten so besser in die Lage versetzt werden, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung aufzunehmen.

Austausch und Vernetzung

Das Kompetenzzentrum sollte bei Fragen rund um die Themen Inklusion und Fördermöglichkeiten Anlaufstelle für Mitarbeitende aus Tagespflege, Kita oder OGS sein. Geplant war auch, ein Netzwerk aufzubauen mit anderen Institutionen (Schulen, Frühförderstellen, Therapiezentren) und Unterstützungsangeboten.

Es kam jedoch zu erheblichen Verzögerungen – und dadurch zu Kostensteigerungen. 

Im Mai 2025 legte die Verwaltung einen Folgebeschluss vor: Gegenüber dem ersten Beschluss aus dem Jahr 2021 sollten die Kosten rund 2,2 Millionen Euro höher ausfallen. Mit dem Träger sollte ein Vertrag über eine Laufzeit von 20 Jahren abgeschlossen werden. 

 Obwohl die Verwaltung auf den hohen Zeitdruck hinwies (inzwischen war die Eröffnung der Kita für das Ende 2027 geplant), wurde die Entscheidung in die neue Ratsperiode vertagt, weil einige Ausschussmitglieder wegen der Kostensteigerung und der langen Vertragslaufzeit Bedenken äußerten und weitere Informationen zur Entscheidungsfindung wünschten.

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Schon zum Zeitpunkt des Maßnahmenbeschlusses hatte es in Hebborn ein statistisches Überangebot an Kita-Plätzen gegeben. Weil durch die geplanten „Sofort-Kitas“ in der Nähe (Schulstraße in Sand und Jakobstraße in der Innenstadt) dieses Überangebot künftig anwachsen könnte, hatte die Verwaltung in Absprache mit dem Träger die ursprünglich geplante Größe der Einrichtung reduziert – auf 63 Plätze und 3,5 Gruppen. 

So geht es weiter

Nun rudert die Verwaltung also komplett zurück. Anfang November informierte sie den Träger über die geplante Rückabwicklung (unter Vorbehalt der politischen Entscheidung). Man bemühe sich um eine „für beide Seiten tragbare Einigung“ zu erzielen, heißt es seitens der Verwaltung. Die Awo Sommerberg GmbH teilt auf Nachfrage mit, dass sie sich erst nach der politischen Entscheidung dazu äußern werde.

In der Sitzung des Jugendhilfeausschusses am Mittwoch soll darüber beraten werden, entscheiden soll der Stadtrat am 16. Dezember. 

Wie viel die Stadt das Projekt bisher gekostet hat, kann die Verwaltung nach eigenen Angaben erst mitteilen, wenn der Träger die entstandenen Kosten eingereicht hat. 

Dokumentation

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Sehr bedauerlich. Als Sonderpädagogin und Mutter weiß ich, dass die Anzahl an Kindern im Autismus- Spektrum steigt weiterhin an, der Bedarf an Weiterbildung und Schulungen für Erzieher*innen, Lehrer*innen, Eltern, Ärzt*innen etc. ist groß.

    Inklusive Kitabetreuung und Beschulung kommt regelmäßig an ihre Grenzen.

    Und es gibt weiterhin autistische Kinder, die zwar einen Kitaplatz haben, diesen jedoch monatelang nicht in Anspruch nehmen können, da die Einrichtungen mit ihrer Betreuung überfordert sind und Kitabegleitungen fehlen.

    Daher wäre die Kita mit Kompetenzzentrum ein wichtiger Schritt gewesen und sicher auch ein Projekt, mit dem die Stadt sich im Bereich Inklusion hätte hervorheben können. Sehr schade!

  2. Das die Stadt (auch andere Kommunen, das Land und der Staat) immer mal wieder ihre Bedarfsplanungen für Kita- und Schulplätze (und vieles anderes mehr) so anpasst, dass man wie so oft im Leben, hinterher schlauer ist, ist keine exklusive Problematik.

    Interessant finde ich einen Aspekt zum Grundstück auf dem Foto aus ganz anderer Sicht, Kenntnis bzw. Erinnerung. Ich meine, die Stadt hätte das Grundstück erworben, nachdem die ehemals dort befindliche Waschstraße schon länger nicht mehr in Betrieb war. Und in den Unterlagen zum FNP 2035 steht, dass die Fläche He12 – Schützenberg nur an die B506 angebunden werden kann. Weiter heißt es „Im Bebauungsplan sind Lösungen zur Überwindung des Höhenunterschiedes (zur Odenthaler Straße) zu finden“ (siehe auch in-gl.de — https://in-gl.de/2018/01/09/fnp-kompass-flaeche-raus-flaeche-drin/) Dafür wurde nach meiner Erinnerung das Grundstück erworben … oder ist das falsch oder geändert worden?

    Gibt es noch mehr Neuausrichtungen, die teils Relevanz im Zusammenhang mit dem FNP 2035 hatten und entfallen sind? Eine Übersicht hierzu? Oder ist mit Kauf des Zanders-Geländes und der Flächen von der Familie von Siemens den FNP 2035 nur ein großer Zeit- und Kostenaufwand gewesen?