Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Wenn ein Kind plötzlich erbricht, Durchfall bekommt und schlapp auf dem Sofa liegt, ist die Unsicherheit oft groß. Viele Eltern fragen sich dann: Soll ich etwas gegen die Übelkeit geben? Braucht mein Kind ein Medikament gegen den Durchfall? Muss ich sofort zum Arzt? Dr. med Uta Römer erklärt, was es jetzt zu beachten gilt.

Eine akute Gastroenteritis ist ein Magen-Darm-Infekt, meist ausgelöst durch Viren, seltener durch Bakterien. Typisch sind Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen und manchmal auch Fieber. Für ältere Kinder ist das meist vor allem unangenehm. Für Säuglinge und kleinere Kinder kann es schneller problematisch werden, weil sie in kurzer Zeit viel Flüssigkeit und Salze verlieren.

+ Anzeige +

Deshalb geht es bei der Behandlung vor allem darum, eine Austrocknung zu verhindern. Nicht der Durchfall oder das Erbrechen an sich sind meistens das größte Problem, sondern der Flüssigkeitsverlust.

Das Wichtigste ist Trinken

Die neue Leitlinie stellt die orale Rehydratation klar in den Mittelpunkt. Gemeint ist damit eine spezielle Trinklösung mit Zucker und Elektrolyten, also Salzen in genau abgestimmter Zusammensetzung. Diese Lösungen helfen dem Körper, verlorene Flüssigkeit besser wieder aufzunehmen als reines Wasser, Saft oder Cola.

Am besten kauft man fertige orale Rehydratationslösung (ORS) für Kinder in der Apotheke. Das sind Elektrolyt-Lösungen bzw. Pulver zum Anrühren mit Wasser.

Wichtig ist dabei nicht, dass ein Kind sofort viel auf einmal trinkt. Das klappt bei Übelkeit oft ohnehin nicht. Besser sind kleine Mengen, die regelmäßig angeboten werden, also zum Beispiel löffelweise oder in kleinen Schlucken.

Mittel gegen Übelkeit meist keine gute Lösung

Viele Eltern kennen Mittel wie Vomex und denken bei Erbrechen verständlicherweise zuerst an ein Medikament gegen Übelkeit. Genau hier setzt die neue Leitlinie aber einen klaren Punkt: Antihistaminika wie Dimenhydrinat oder Diphenhydramin sollen bei einer akuten Gastroenteritis nicht eingesetzt werden.

Der Grund ist einfach. Diese Mittel haben keinen außerordentlichen Nutzen, können aber relevante Nebenwirkungen haben. Dazu gehören vor allem Müdigkeit, Benommenheit, paradoxe Unruhe und andere unerwünschte Wirkungen.

Das Problem dabei: Ein müdes Kind trinkt oft schlechter. Genau das erschwert dann die wichtigste Therapie, nämlich die ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Bei Überdosierung, die bei Säuglingen leicht passieren kann, können Antihistaminika tödlich sein.

Gibt es Ausnahmen?

Ja, aber nur in bestimmten Situationen. Wenn ein Kind so stark erbricht, dass die orale Rehydratation sonst nicht gelingt, kann Ondansetron (kein Antihistaminikum wie Vomex) im Einzelfall helfen. Dieses Medikament kann das Erbrechen verringern und so ermöglichen, dass das Kind die Trinklösung überhaupt bei sich behält.

Das heißt aber nicht, dass Ondansetron ein Standardmittel für zu Hause ist. Es gehört in ärztliche Hand und ist nicht für jedes Kind mit Magen-Darm gedacht. Die Leitlinie sieht es als Ausnahme, nicht als Routine vor, und es ist bisher nur off-label im Rahmen einer Gastroenteritis einsetzbar.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Und was ist mit Medikamenten gegen Durchfall?

Auch hier bleibt die neue Leitlinie zurückhaltend. Racecadotril, ein Medikament, dass die Sekretion von Wasser in den Darm reduziert, aber nicht die Motilität beeinflusst, kann bei wässrigem Durchfall ergänzend eingesetzt werden.

Der Nutzen ist aber begrenzt. Die Beschwerden können etwas kürzer sein und die Zahl der Stühle kann etwas sinken. Einen großen Einfluss auf schwere Verläufe, Austrocknung oder Krankenhausaufenthalte gibt es jedoch nicht.

Helfen Probiotika?

Einige Probiotika können die Krankheitsdauer geringfügig verkürzen. Der Effekt ist jedoch eher klein und nicht für alle Präparate gleich gut belegt. Deshalb werden sie nicht als Routinebehandlung empfohlen.

Braucht mein Kind Antibiotika?

In den meisten Fällen nicht. Viele Magen-Darm-Infekte werden durch Viren ausgelöst, und gegen Viren helfen Antibiotika nicht. Selbst bei bakteriellen Infektionen sind sie nicht automatisch nötig.

Sie kommen nur in bestimmten Situationen infrage, zum Beispiel bei schweren Verläufen, sehr jungen Säuglingen, Immunschwäche oder einzelnen Erregern mit klarer Indikation.

Wann sollten Eltern ärztliche Hilfe suchen?

Wichtig wird eine ärztliche Abklärung immer dann, wenn ein Kind kaum trinken kann oder Zeichen einer Austrocknung zeigt. Dazu gehören zum Beispiel ein trockener Mund, deutlich weniger Urin, eingesunkene Augen, starke Schlappheit oder Teilnahmslosigkeit.

Auch anhaltendes Erbrechen, Blut im Stuhl, hohes Fieber, starke Schmerzen oder ein sehr junges Alter sprechen dafür, rasch ärztlichen Rat einzuholen.

Fazit

Die neue Leitlinie bringt eine entlastende Botschaft: Bei einem Magen-Darm-Infekt braucht es meist keine lange Liste an Medikamenten. Entscheidend ist vor allem, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

Die orale Rehydratation ist die wichtigste Behandlung. Vomex sollte nicht gegeben werden. Andere Medikamente haben, wenn überhaupt, nur einen begrenzten Platz. Oft ist das Beste deshalb auch das Einfachste: Ruhe bewahren, kleine Mengen trinken lassen, das Kind gut beobachten und bei Warnzeichen ärztliche Hilfe holen.

Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Refrath.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Auch interessant

Konflikte mit den Großeltern auflösen

Großeltern spielen im Alltag vieler Familien eine wichtige Rolle. Nicht selten knallt es aber auch mal, wenn unterschiedliche Generationen mit unterschiedlichen Vorstellungen aufeinanderprallen. Vera Gunawan von der Evangelischen Beratungsstelle beschreibt konkret an einem Beispiel, wie sich solche Konflikte lösen lassen – und wie alle Seiten davon profitieren.

„Deep Talk“ für Eltern

Arbeit, Haushalt, Kinder – Familienalltag ist häufig eine logistische Meisterleistung, die kaum Zeit für Gespräche lässt. Dabei sind gerade tiefe Gespräche für Paare wichtig, um sich selbst und einander zu verstehen. Nina Tackenberg, Co-Leiterin der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung, schreibt, warum – und wie man es schafft, sie in den Alltag zu intergrieren.

Sprechstunde: Omega-3 fürs Gehirn

Das Gehirn von Kindern entwickelt sich über viele Jahre hinweg – von der Schwangerschaft bis ins junge Erwachsenenalter. Neben genetischen Faktoren spielt die Ernährung dabei eine wichtige Rolle. Besonders Omega-3-Fettsäuren sind für den Aufbau und die Funktion des Gehirns von Bedeutung. Dr. med Uta Römer beantwortet typische Eltern-Fragen: Braucht mein Kind Omega-3 zusätzlich? In welcher…

Sprechstunde: Apps auf Rezept

Viele Eltern haben inzwischen von „Apps auf Rezept“ gehört, den so genannten digitalen Gesundheitsanwendungen. Gibt es diese auch für Kinder und Jugendliche? Wenn ja, welche – und was sind ihre Chancen und Grenzen? Dr. med Uta Römer erklärt die Details.

Sprechstunde: Neue Meningokokken-Impfung

Meningokokken-Erkrankungen sind selten – können aber innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich verlaufen. Die STIKO empfiehlt deshalb seit Ende 2025 eine neue Impfung für Jugendliche. Dr. med Uta Römer erklärt die Details.

Süßer die Wünsche nie klingen

Wie sieht das perfekte Weihnachten aus? Davon hat wohl jede:r bestimmte Vorstellung. Und häufig kollidieren diese inneren Wunschbilder, wenn mehrere Personen zusammen feiern. Franziska Hock von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung empfiehlt, über Erwartungen zu sprechen, und gibt dafür eine ganze Reihe hilfreicher Fragen an die Hand.

Something went wrong. Please refresh the page and/or try again.

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.