Kinderärztin Dr. med Uta Römer. Foto: privat

Die Sommerferien rücken näher, und mit ihnen die Reisepläne. Wer vorhat, in tropische oder subtropische Länder zu reisen, hat vermutlich schon einmal das Stichwort „Dengue-Fieber” gehört. Seit 2023 gibt es in Deutschland einen neuen Impfstoff dagegen: Qdenga. Die Empfehlungen rund um diese Impfung sind allerdings komplex. Dr. med Uta Römer klärt die wichtigsten Fakten.

Warum ist Dengue für Kinder besonders gefährlich?

Dengue-Fieber wird durch das Dengue-Virus verursacht, das in vier Untergruppen vorkommt (Serotypen 1 bis 4). Übertragen wird es durch tagaktive Stechmücken der Gattung Aedes, darunter auch die Asiatische Tigermücke.

Endemisch ist Dengue in tropischen und subtropischen Regionen weltweit, also etwa in Südostasien, in der Karibi, in Mittel- und Südamerika. In Deutschland gibt es bisher keine vor Ort übertragenen Fälle, aber die Zahl der Erkrankungen bei Reiserückkehrern steigt jährlich.

Eine erste Dengue-Infektion verläuft oft mild bis moderat: hohes Fieber bis 40 °C, Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen, manchmal Hautausschlag und Übelkeit.

Gefährlich wird es vor allem bei einer Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp. Dann kann es zum hämorrhagischen Dengue-Fieber (DHF) oder zum Dengue-Schock-Syndrom (DSS) kommen, bei denen innere Blutungen und Kreislaufversagen drohen.

Kinder unter 15 Jahren entwickeln solche schweren Verläufe häufiger als Erwachsene, da ihre Blutgefäße empfindlicher reagieren. Mit guter intensivmedizinischer Versorgung liegt die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent, unbehandelt jedoch um ein Vielfaches höher.

Wie wirkt der neue Impfstoff Qdenga?

Qdenga (Wirkstoff TAK-003) ist ein Lebendimpfstoff, der seit Dezember 2022 in Europa zugelassen ist. Er enthält abgeschwächte Versionen aller vier Dengue-Serotypen, aufgebaut auf einem gemeinsamen DENV-2-Grundgerüst.

Weil alle vier Serotypen im Impfstoff vertreten sind, kann das Immunsystem Antikörper gegen jede der vier Untergruppen bilden. Antikörper sind Eiweißmoleküle, die das Virus direkt erkennen und unschädlich machen können.

Zusätzlich aktiviert Qdenga eine zelluläre Immunantwort, also spezialisierte Abwehrzellen, die bereits infizierte Körperzellen aufspüren und beseitigen. Diese zusätzliche Schutzschicht greift auch dann, wenn die Antikörperantwort allein nicht ausreicht, und trägt entscheidend zum Sicherheitsprofil der Impfung bei.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Qdenga für Personen ab 4 Jahren zur Vorbeugung gegen Dengue zugelassen, unabhängig davon, ob bereits eine Dengue-Infektion vorlag.

Geimpft wird in zwei Dosen unter die Haut, im Abstand von mindestens drei Monaten. Die Impfserie sollte vor Reiseantritt vollständig abgeschlossen sein. Planen Sie also mindestens vier bis sechs Monate Vorlaufzeit ein.

Was ist anders als beim alten Impfstoff?

Vor Qdenga gab es bereits einen Dengue-Impfstoff: Dengvaxia (Wirkstoff CYD-TDV). Er ist in Europa zugelassen, wird in Deutschland aber praktisch nicht eingesetzt. Hintergrund: Dengvaxia basiert auf einem Gelbfieber-Grundgerüst, das nur eine Antikörperreaktion auslöst, keine zelluläre Immunität.

Bei Personen ohne vorherige Dengue-Infektion traten nach der Impfung in einigen Studien gehäuft schwere Verläufe auf, Kinder waren besonders betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschränkte den Einsatz daraufhin auf Personen mit nachgewiesener vorheriger Infektion.

Qdenga unterscheidet sich davon konzeptionell deutlich, vor allem durch die zelluläre Immunantwort. In den großen Zulassungsstudien zeigte sich kein vergleichbares Sicherheitsproblem. Allerdings bleiben einige offene Fragen, zu denen wir gleich kommen.

Wie wirksam und wie verträglich ist die Impfung?

Die wichtigsten Daten stammen aus der TIDES-Studie mit über 20.000 Kindern in Endemiegebieten, mit einer Beobachtungsdauer von inzwischen bis zu sieben Jahren:

  • Schutz vor einer Dengue-Erkrankung: nach 4,5 Jahren etwa 61 %
  • Schutz vor stationär behandlungsbedürftigem Dengue: ca. 84 %
  • Die Wirksamkeit unterscheidet sich je nach Serotyp, am besten gegen DENV-2, schwächer gegen DENV-3 und DENV-4

Wichtig: Bei Kindern, die bisher keinen Kontakt mit Dengue hatten (sogenannte Dengue-Naive oder Seronegative), zeigte die Studie für DENV-1 und DENV-2 noch guten Schutz. Für DENV-3 ließ sich keine Wirksamkeit nachweisen, für DENV-4 reichten die Daten nicht aus. Genau diese Datenlücke ist es, die zur vorsichtigen Empfehlung der STIKO geführt hat (siehe nächster Abschnitt).

Nebenwirkungen sind meist mild bis moderat, treten in den ersten ein bis drei Tagen nach der Impfung auf und sind nach der zweiten Dosis seltener als nach der ersten. Bei Kindern werden besonders häufig berichtet:

  • Schmerz an der Einstichstelle
  • Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen
  • Müdigkeit, allgemeines Unwohlsein
  • Fieber bei etwa 11 % (bei Erwachsenen nur in rund 3 % der Fälle)

Schwere Nebenwirkungen waren in den Studien nicht häufiger als unter Placebo.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Was empfiehlt die STIKO?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Qdenga ab 4 Jahren in zwei Situationen:

  1. für Personen, die bereits eine laborbestätigte Dengue-Infektion durchgemacht haben
  2. als Reiseimpfung bei erhöhtem Ansteckungsrisiko, also bei längeren Aufenthalten in Endemiegebieten, Reisen in aktive Ausbruchsregionen oder beruflicher Exposition (z. B. Forschung, Labor)

Eine allgemeine Empfehlung als Reiseimpfung für jede Tropenreise spricht die STIKO ausdrücklich nicht aus. Die Begründung: Bei Personen, die bisher noch kein Dengue durchgemacht haben, lasse sich nach derzeitigem Studienstand nicht sicher ausschließen, dass eine spätere Erstinfektion schwerer verlaufen könnte, insbesondere wegen der unklaren Datenlage zu den Serotypen DENV-3 und DENV-4.

Die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR) sieht das etwas weniger zurückhaltend: Sie empfiehlt die Impfung allen gefährdeten Reisenden ab 4 Jahren, da neuere Daten ein erhöhtes Risiko nach Impfung als unwahrscheinlich einstufen lassen.

Im Alltag bedeutet das: Verschiedene Fachleute können bei derselben Reise zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen. Eine sorgfältige individuelle Beratung ist deshalb umso wichtiger.

Kontraindikationen sind Schwangerschaft, Stillzeit, angeborene oder erworbene Immunschwäche und eine symptomatische HIV-Infektion. Da Qdenga ein Lebendimpfstoff ist, sollte zu anderen Lebendimpfungen wie MMR oder Varizellen ein Abstand von mindestens vier Wochen eingehalten oder sie sollten am gleichen Tag verabreicht werden.

Für welche Kinder kommt die Impfung in Frage?

Sinnvoll kann Qdenga insbesondere sein bei:

  • Kindern und Jugendlichen mit nachgewiesener früherer Dengue-Infektion. Hier ist die Impfung am besten begründet und wird auch von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen.
  • Familien, die längere Zeit in einer Dengue-Region leben (mehrere Monate, beruflich oder im Rahmen eines Auslandsaufenthalts).
  • Reisen in akute Ausbruchsregionen

Bei einer normalen zweiwöchigen Familienreise, etwa nach Thailand, in die Dominikanische Republik oder nach Bali, ist die Impfung nach STIKO nicht routinemäßig vorgesehen.

Ob sie sich im Einzelfall lohnt, hängt vom konkreten Reiseprofil, vom Alter des Kindes, vom geplanten Aufenthaltsort und von Vorerkrankungen ab. Lassen Sie sich dazu rechtzeitig in Ihrer Kinder- und Jugendarztpraxis oder einer reisemedizinischen Sprechstunde beraten.

Was Eltern außerdem wissen sollten

  • Mückenschutz bleibt zentral. Auch eine vollständig geimpfte Familie sollte konsequent Repellents verwenden, lange helle Kleidung tragen, Moskitonetze nutzen und stehendes Wasser an der Unterkunft meiden. Die Impfung schützt nicht zu 100 % und auch nur gegen Dengue, nicht gegen andere von Tigermücken übertragene Viren wie Chikungunya oder Zika.
  • Verfügbarkeit: Qdenga wird vor allem in tropenmedizinischen Zentren und reisemedizinischen Schwerpunktpraxen angeboten, nicht überall. Sprechen Sie uns rechtzeitig an, dann planen wir gemeinsam.
  • Kosten: Bei STIKO-konformer Indikation übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten. Für reine Privatreisen sind ca. 180–210 € für die zwei Dosen plus Beratung selbst zu tragen. Einige Krankenkassen erstatten Reiseimpfungen über separate Budgets (z. B. „Reiseimpfungen Plus”), ein Anruf bei Ihrer Kasse lohnt sich.

Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie einen schönen, gesunden Sommer, ob in der Nähe oder weit weg!

Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Weiterführende Informationen: Robert Koch-Institut (RKI), Ständige Impfkommission (STIKO), Paul-Ehrlich-Institut (PEI), Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin (DTG), Centrum für Reisemedizin (CRM) und ECDC. Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizinin Refrath.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Auch interessant

Wie wir in Konflikten wieder „runterkommen“

Angriff, Flucht oder Erstarrung: Was tun, wenn unser Körper mit einem Überlebensprogramm reagiert, obwohl es eigentlich nur darum geht, dass der Partner mal wieder den Müll nicht rausgebracht hat? Susanne Hucklenbroich-Ley von der Evangelischen Beratungsstelle Bensberg erklärt ganz konkret, was in Konfliktsituationen in uns passiert – und wie wir wieder ins Denken und Handeln kommen…

Sprechstunde: Wie Kinder im Sommer sicher Sport treiben

Seit Wochen sind die Temperaturen hoch, teilweise über 30 Grad. Viele Eltern fragen sich: Sollte mein Kind bei dieser Hitze draußen Sport machen, oder ist das gefährlich? Die gute Nachricht vorweg: Bewegung im Sommer ist möglich und gesund, wenn ein paar einfache Regeln beachtet werden. Welche das sind, erklärt Kinder- und Jugendärztin Dr. med Uta…

Sprechstunde: Schlüsselnährstoff Vitamin B12

Vitamin B12 gilt oft als reines „Veganer-Thema“. Tatsächlich kann ein Mangel aber auch Kinder betreffen, die grundsätzlich Fisch, Milchprodukte, Eier oder Fleisch essen. Wie entsteht ein Mangel, woran erkennt man ihn, und wann ist eine Ergänzung sinnvoll? Dr. Uta Römer klärt die wichtigsten Fragen.

Die drei Ebenen einer Partnerschaft

Was trägt eine Partnerschaft langfristig – auch über die erste Verliebtheit hinaus? Ein Modell von Holger Kuntze beschreibt drei Ebenen für eine gelingende Beziehung: Leidenschaft, Gemeinschaft und Freundschaft. Franziska Hock von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung erklärt, welche Ebene häufig vernachlässigt wird – und wie man ihr mehr Raum geben kann.

Sprechstunde: Magen-Darm bei Kindern

Wenn ein Kind plötzlich erbricht, Durchfall bekommt und schlapp auf dem Sofa liegt, ist die Unsicherheit oft groß. Viele Eltern fragen sich dann: Soll ich etwas gegen die Übelkeit geben? Braucht mein Kind ein Medikament gegen den Durchfall? Muss ich sofort zum Arzt? Dr. med Uta Römer erklärt, was es jetzt zu beachten gilt.

Konflikte mit den Großeltern auflösen

Großeltern spielen im Alltag vieler Familien eine wichtige Rolle. Nicht selten knallt es aber auch mal, wenn unterschiedliche Generationen mit unterschiedlichen Vorstellungen aufeinanderprallen. Vera Gunawan von der Evangelischen Beratungsstelle beschreibt konkret an einem Beispiel, wie sich solche Konflikte lösen lassen – und wie alle Seiten davon profitieren.

Something went wrong. Please refresh the page and/or try again.

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.