Blick in eine der Zellfabriken bei Miltenyi. Foto: Miltenyi Biotec

Die Miltenyi-Gruppe hat sich vom Lieferanten und Forschungspartner zum eigenständigen Akteur der Biomedizin-Branche entwickelt. Mit den selbst entwickelten Anlagen produziert das Bergisch Gladbacher Unternehmen den Grundstoff für Zell- und Gentherapien, die in klinischen Studien erfolgreich gegen Leukämie und Autoimmunkrankheiten sind. Nun will Miltenyi diese „lebenden Medikamente“ kommerziell auf den Markt bringen – und baut einen neuen Standort in Köln-Mülheim auf.

Wer auf dem Campus der Miltenyi Biotec-Gruppe mit Mitarbeiter:innen spricht, stößt immer wieder auf die Vision von Gründer Stefan Miltenyi: Geräte, Verfahren und Medikamente entwickeln, die schwer kranke Menschen wieder gesund machen. Und diese so kostengünstig produzieren, dass viele davon profitieren, sagte Geschäftsführer Boris Stoffel jetzt bei einem Pressegespräch im Vorfeld der Nacht der Technik.

Von der lokalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist das Unternehmen mit Sitz in Moitzfeld diesem Ziel ein weiteres Stück näher gekommen. Mit den selbst entwickelten Geräten und Verfahren hat es „Cell Factories“ aufgebaut und optimiert, die einen wichtigen Baustein für die Zell- und Gentherapie produzieren – sogenannte CAR T-Zellen.

Bei der Bekämpfung von bestimmten Blut- und Lymphdrüsenkrebserkrankungen und komplexen Autoimmunkrankheiten haben sich diese genmanipulierten Zellen als hochwirksam erwiesen – bei Patient:innen, denen Chemotherapie und andere Verfahren nicht mehr geholfen hatten.

Zur Sache: Miltenyi Biotec B.V. & Co. KG

Der Physiker Stefan Miltenyi startete 1989 in Moitzfeld mit 5000 D-Mark Startkapital und einigen Ideen zur magnetischen Zellseparation aus seiner Diplomarbeit. 1990 ließ er sich die MACS-Technologie (Magnetic Activated Cell Sorting) patentieren: Geräte, die Zellen mit einem magnetischen Verfahren sortieren und analysieren. 2019 wurde die Miltenyi Biomedicine gegründet.

Die Miltenyi Gruppe ist heute das größte Privatunternehmen der Biotec-Branche in Deutschland, Stefan Miltenyi nach wie vor der alleinige Eigentümer. Neben dem Stammsitz unterhält es in Deutschland Niederlassungen u.a. in Teterow, Bielefeld und Köln-Mülheim – und ist darüber hinaus in 24 Ländern weltweit vertreten.

Zur Sache: Mehr Beschäftigte, weniger Umsatz

Nach eigenen Angaben beschäftigt Miltenyi in der gesamten Gruppe inzwischen rund 5000 Mitarbeiter:innen, davon 3500 in Deutschland und davon wiederum rund 2000 am Heimatstandort in Moitzfeld.

Der Umsatz der Gruppe war bis 2022 rasch auf 880 Millionen Euro angewachsen, damals hatte Stefan Miltenyi bereits die Marke von einer Milliarde Euro ins Auge gefasst – doch u.a. die schwache Konjunktur, globale Krisen und US-Handelspolitik kamen dazwischen. Das Unternehmen selbst macht keine Angaben, laut öffentlich zugänglichem Geschäftsbericht lag der Umsatz 2023 und 2024 bei jeweils 671,5 Millionen Euro, für 2025 war ein Umsatz von 714 Millionen Euro geplant.

Vor allem der Umsatz aus dem Verkauf von Geräten war deutlich zurückgegangen, dagegen hat der Umsatz mit medizinischen Präparaten (Reagenzien) kräftig zugelegt und liefert inzwischen den stärksten Anteil.

Miltenyi produziert zwar zu 95 Prozent im Inland, verkauft aber zu mehr als 90 Prozent im Ausland, davon alleine in Nordamerika 56 Prozent.

Der Jahresüberschuss für 2024 wird mit 33 Millionen Euro angegeben.

Von der Sortierung zur Manipulation der Zellen

In einem der modernen Gebäude auf dem Campus in Moitzfeld stehen in sterilen Reinräumen Reihen von Geräten mit vielen Schläuchen und einer kleinen Zentrifuge unter einer Glashaube. Diese bis ins letzte Bauteil selbst entwickelten und hergestellten Geräte tragen die Bezeichnung CliniMACS Prodigy – wobei MACS für „magnetische Zellsortierung“ steht, die Basiserfindung von Stefan Miltenyi und Grundstock des Unternehmens.

„Prodigy“ ist der englische Begriff für „Wunderkind“.

Blick in eine „Cell Factory“ bei Miltenyi Biotec. Foto: Miltenyi Biotec

Vom Showroom zur Fabrik

Schon 2017 sei eine erste dieser Zellfabriken aufgebaut worden, erläutert Daniel Jakobs, der für diesen Bereich verantwortlich ist. Zunächst nur als Showroom, in dem Kunden demonstriert wurde, was Miltenyis Geräte und Verfahren leisten können. Doch rasch sei die Idee aufgekommen, hier selbst zu produzieren.

Hergestellt werden CAR T-Zellen, die auch als „lebende Medikamente“ bezeichnet werden. Dafür spenden die Patienten zunächst Blut, erläutert Jakobs den Prozess. Im Prodigy werden in einem ersten Schritt die T-Zellen (eine Art der weißen Blutkörperchen) isoliert und dann gentechnisch so manipuliert, dass sie Krebszellen aufspüren und gezielt zerstören können.

Diese „Killer-Zellen“ werden vermehrt, analysiert und für die einzelnen Patienten in einem Präparat individuell dosiert. Alles im Prodigy in einem weitgehend automatisierten, geschlossenen Prozess. Von der Blutabnahme bis zur Re-Infusion vergehen nur 12 bis 16 Tage, auf ein Einfrieren könne daher in der Regel verzichtet werden.

Hinter die Kulissen schauen – bei der Nacht der Technik am 3.7.

Miltenyi Biotec beteiligt sich am 3 Juli ab 18 Uhr an der „Nacht der Technik“ und bietet dabei auch einen Rundgang durch die Zellfabrik an. Für junge Besucher:innen gibt es ein kompaktes „Hands-on-Programm“: An Mitmachstationen zeigen Azubis aus Labor, Elektronik, und Mechatronik ihren Berufsalltag. Außerdem informiert das Ausbildungsteam über weitere Ausbildungswege für Industriekaufleute, Lagerlogistik, IT und Mediengestaltung.

Die Teilnahme an der „Nacht der Technik“ bei der acht Bergisch Gladbacher Unternehmen beteiligt sind, ist für Schüler:innen, Studierende und Azubis kostenlos. Alle Infos zur Nacht der Technik finden Sie in diesem Beitrag.

Die manipulierten Zellen werden wieder den Patienten übertragen – und zeigten in den frühen klinischen Studien in vielen Fällen erstaunliche Erfolge, berichten Jakobs und Geschäftsführer Stoffel. Bei Blutkrebs verschwinde bereits in den ersten sechs Wochen die Hälfte der Tumormasse, nach zwölf Wochen seien die Patienten tumorfrei, und das so gut wie ohne Nebenwirkung, sagt Stoffel.

Von Blutkrebs zu Autoimmun-Krankheiten

Dieses Verfahren werde aber nicht nur bei Leukämie, sondern nun auch gegen komplexe Autoimmunerkrankungen eingesetzt wie systematischem Lupus, der vor allem junge Frauen schwer trifft. Die Erkrankten würden mit den CAR T-Zellen zwar nicht geheilt, könnten aber wieder am täglichen Leben teilnehmen, berichten Jakobs und Stoffel mit Bezug auf Studien an der Uniklinik in Erlangen.

Zur Sache: Studie zur Erlanger Zelltherapie

An der Erlanger Uniklinik werden die Zellen mit der Technologie von Miltenyi produziert und bei der nach eigenen Angeben weltweit größten Studie zur Wirksamkeit von CAR-T-Zellen bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Das Ergebnis: „eine einmalige Infusion von CD19 CAR-T-Zellen kann diese Autoimmunerkrankungen stoppen, ohne dass eine weitere Medikamententherapie notwendig ist.“

Weiter heißt es in einer Erklärung der Uniklinik: „Die CAR T-Zelltherapie eröffnet erstmals die Perspektive, das Immunsystem bei schweren Autoimmunerkrankungen gezielt neu auszurichten – mit der Chance auf tatsächliche Heilung dieser schwer verlaufenden Erkrankungen. Für viele Betroffene bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: neue Hoffnung – auf mehr Energie im Alltag, weniger Medikamente und eine bessere Lebensqualität.“ Quelle und Link zur kompletten Studie

Weltweit gebe es nur acht zugelassene Verfahren für diese Pharmazeutika, sagt Stoffel – und sie alle basierten auf Produkten von Miltenyi. Es gibt zwar einige Geräte, die mit dem CliniMACS Prodigy vergleichbar sind – bei der präzisen Vor-Sortierung der Zellen gilt die Zellfabrik vom Miltenyi jedoch als Goldstandard.

Der Zugang zu den Therapien auf Basis von CAR T-Zellen aus der Miltenyi-Produktion führt bislang nur über klinische Studien. Die Kliniken – wie zum Beispiel die Uniklinik Erlangen – behandeln die Patient:innen, erforschen dabei die Heilungsmethoden und arbeiten sehr eng mit Miltenyi zusammen.

Einige wenige der Kliniken haben ein eigene Herstellerlaubnis für CAR T-Zellen und arbeiten „nur“ mit der Technologie und dem Know-how von Miltenyi, andere werden aus der Zellfabrik in Moitzfeld (bzw. Standorten in den USA oder China) beliefert.

Ausbau am neuen Standort Köln – und in Moitzfeld

Den nächsten Schritt will Miltenyi schon sehr bald gehen. Immer mit der Vision im Kopf, die lebensrettenden Therapien möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Zum einen hat Miltenyi das Areal der ehemaligen Troponwerke in Köln-Mülheim gekauft und baut die alten Gebäude zu einem modernen Produktionsstandort mit 12.000 Quadratmeter Nutzfläche aus. Mehr als 100 Millionen Euro seien bereits in die Cologne Clinical Products Miltenyi Biotec (CPMB) investiert worden, sagt Stoffel.

In einem ersten Schritt wurden große Teile der Gerätefertigung nach Köln verlagert, womit in Moitzfeld mehr Raum für Forschung und Entwicklung ist. In Köln sollen aber auch die neuen Zellfabriken eingerichtet werden. Damit, so Stoffel, könne die Produktion der Pharmazeutika um den Faktor 20 erhöht werden.

Auch in Moitzfeld läuft der Ausbau der Gebäude weiter, Gebäude 7 mit vier Riegeln und einer Fläche von 18.500 Quadratmetern ist zum Teil fertig. Dort ist auch eine eigene Fertigung von Microchips untergebracht, die das Unternehmen von Lieferproblemen auf dem Weltmarkt weiter unabhängig macht.

Der Campus von Miltenyi in Moitzfeld wächst weiter – auch in die Tiefe. Foto: Miltenyi Biotec

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Gleichzeitig betreibt Miltenyi die Zulassung der CAR T-Zellen als Medikament für die Leukämie-Behandlung unter dem Namen „Zamto-cel“. Er rechne mit einer Zulassung Mitte 2027 in Europa, USA und Japan, sagt Stoffel – dann könne der kommerzielle Verkauf starten. Mit „Zorpo-cel“ ist ein weiteres Präparat zur Bekämpfung der Autoimmunkrankheiten in Arbeit.

Um auch Länder in Südostasien und Afrika versorgen zu können, sollen kostengünstige Produktionen dort vor Ort aufgebaut werden. Bereits jetzt unterhält Miltenyi Zellfabriken in eignene Standorten in den USA und China.

Parallel dazu wird in Moitzfeld weiter geforscht und entwickelt. Ziel sei es, die Zell-Therapie für weitere Anwendungsbereiche anzubieten. Möglichst für alle Krankheiten, bei denen das Immunsystem aus dem Lot sei, sagt Stoffel.

Quellen in der Fachliteratur:


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Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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