Sucht betrifft nie nur die Betroffenen selbst, sondern belastet auch Eltern, Geschwister und Großeltern. Eine neue Selbsthilfegruppe in Bergisch Gladbach will Angehörigen suchtkranker Kinder Halt, Orientierung und neue Perspektiven geben.

Sucht ist eine lebenslange chronische Erkrankung, die die gesamte Familie des Suchtkranken und den familiären Alltag belastet. Angehörige und Eltern suchtkranker Kinder stehen unter enormem Druck. Ständige Sorgen, Misstrauen, Schuldgefühle, Hilfslosigkeit, Überforderung, Verzweiflung, Scham, Angst vor Ausgrenzung bestimmen das Familienleben.

In dieser schwierigen Lebenssituation entlastet es, dass andere Betroffene zuhören und Verständnis zeigen. Es gibt Kraft und macht Mut, zu spüren, nicht alleine zu sein. Gemeinsam geht vieles leichter.

„Ich weiß, wie hilflos man sich als betroffene Mutter fühlen kann“, so die Initiatorin Tille-Woweries. „Ich möchte Betroffenen Mut machen, sich zu öffnen und gemeinsam Wege zu finden, ohne Vorurteile, ohne Scham.“

Die Gruppe profitiert von ihrer dreißigjährigen Erfahrung als Mutter eines suchtkranken Sohnes, ihrem Wissen und ihren Kontakten. Tille-Woweries kam der Liebe wegen nach Bergisch Gladbach und arbeitete zuvor aktiv in den Selbsthilfegruppen Solingen und Mettmann mit. Sie ist gut vernetzt und kooperiert mit verschiedenen Fachstellen wie beispielsweise arwed e. V. (Arbeitsgemeinschaft der Rheinisch-Westfälischen Elternkreise drogengefährdeter und abhängiger Menschen e. V. in NRW).

Gut informiert zu sein bedeutet, sich mit dem Drogenkonsum ihrer Kinder fachlich auseinanderzusetzen, unter anderem mit deren Motivation zum Drogenkonsum und damit, was helfen könnte, den Konsum zu minimieren bzw. zu beenden. Suchtkranke Kinder und Jugendliche brauchen informierte Eltern und Angehörige, die überlegt handeln und sich gezielt Hilfe holen.

„Früher besaß ich nicht die Kraft, eine Gruppe zu leiten. Jetzt, da mein Kind fachlich versorgt ist, habe ich dafür die nötige Energie“, meint die Gründerin. Der Angehörigenkreis Bergisch Gladbach: Kinder-Drogen-Doppeldiagnose-Angehörige (KIDDA) kooperiert eng mit der Psychosomatischen Klinik Bergisch Gladbach (PSK), die auf Doppeldiagnosen spezialisiert ist.

Drogensucht ist eine körperliche und eine psychische Erkrankung. Bei der Mehrzahl der Abhängigen kommen zur Drogensucht weitere psychische Erkrankungen hinzu. Solche Mehrfacherkrankungsbilder wie Psychose, Depression, Borderline, ADHS werden als Doppeldiagnose bezeichnet.

Hintergrund: Selbsthilfe in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Die Selbsthilfegruppe spricht bewusst Angehörige, Eltern, Geschwister, Großeltern von Süchtigen an, die doppelt diagnostiziert sind. Derzeit besuchen überwiegend Mütter, aber auch vereinzelt Väter die Gruppe. Es ist geplant, über Informationsabende gezielt weitere Betroffene anzusprechen.

Alle, die Hilfe im Umgang mit ihren suchtkranken Kindern suchen, sind in der Gruppe willkommen. In der Gruppe wird nicht nach Alter der Süchtigen, Suchtstoffen und -formen oder Familienstatus unterschieden. Der Wunsch nach Anonymität wird selbstverständlich respektiert.

Im Schatten der Sucht

Schlaflose Nächte mit der Geldbörse unter dem Kopfkissen, ständige Ängste, es könnte etwas passieren, oder die Furcht, von Nachbarn und Freunden stigmatisiert zu werden, stressen emotional und führen häufig bei den Eltern zu seelischer Erschöpfung, Rückzug und Isolation.

„Das Familienleben gerät komplett durcheinander“, meint Tille-Woweries. Die seit Oktober 2025 bestehende Selbsthilfegruppe bietet die Möglichkeit, sich im geschützten Raum alles von der Seele zu reden, was belastet und quält. Es dauert lange, zu erkennen, dass die Eltern nicht schuld an der Sucht ihres Kindes sind und Sucht kein Erziehungsfehler darstellt.

Helfen, das ist für Eltern das Natürlichste der Welt. Eltern wollen ihre Kinder schützen, unterstützen, sie auf den richtigen Weg bringen. Es ist schwer, sich eingestehen zu müssen, dass ihre Hilfe und Elternliebe nicht ausreichen. Ein Rückfall ist Teil der Abhängigkeit und nicht ihr persönliches Versagen.

Zunächst versuchen die betroffenen Eltern, „die Fassade zu wahren“. Niemand darf davon wissen. Irgendwann beginnt diese Fassade zu bröckeln. Es fehlt ihnen jetzt Kraft und Energie, so wie bisher weiterzumachen. Dies ist der Zeitpunkt, an dem die meisten eine Gruppe aufsuchen.

Die Gruppe trifft sich jeden 1. Dienstag im Monat, 19 Uhr, in der Institutsambulanz der Psychosomatischen Klinik, Schlodderdicher Weg 23a, 51469 Bergisch Gladbach.
Interessierte wenden sich bitte zunächst telefonisch an Anja Tille-Woweries, 0176 2424 0801 oder kidda-rbk@outlook.de.

Dies ist zumindest bei den 6 bis 8 Betroffenen so, die derzeit die Gruppe besuchen. Eine Balance zwischen Unterstützung und Abgrenzung zu finden, ist für sie eine der größten Herausforderungen. Zuzusehen, wenn das eigene Kind strauchelt. Zu akzeptieren, wenn sich gerade nichts bewegt. Den eigenen Impuls zu unterdrücken, die Dinge „wieder in Ordnung zu bringen“. Damit haben sie zu kämpfen.

Es dreht sich die meiste Zeit in der Familie alles um das süchtige Kind. Die Geschwister kommen dabei oft zu kurz. Sie werden als Schattenkinder bezeichnet. Die Selbsthilfegruppe in Bergisch Gladbach möchte, dass auch die Schattenkinder mehr beachtet werden. Vordergründig geht es allerdings in der Gruppe um die eigene Befindlichkeit der betroffenen Familienmitglieder.

Mein Kind ist mehr als seine Sucht

Das eigene Kind angesichts seiner Problematik weiterhin zu lieben und zu schätzen, ist nicht leicht. Negative Gefühle wie Wut, Aggression, Trauer überwiegen und erschweren positive Gefühle. „Wir trauern um unser gesundes Kind, wie es früher war“, beschreibt Tille-Woweries diese Trauer. Die Sucht verändert die Persönlichkeit eines Suchtkranken massiv. „Wir haben unser Kind an die Sucht verloren. Wir lösen uns peu à peu von unseren Kindern, um uns selbst nicht zu verlieren.“

Bei diesem Prozess sind Gleichgesinnte hilfreich. Für das eigene seelische Gleichgewicht ist es jedoch wichtig, sich den eigenen süchtigen Kindern trotz alledem weiterhin zuzuwenden und ihre Stärken und Liebenswürdigkeiten wahrzunehmen, meinen die Betroffenen.

Wege aus der Krise

Selbsthilfe bedeutet, Wissen weiterzugeben und miteinander Lösungen aus der Krise zu finden, statt allein zu agieren. In der Gruppe lernen alle gemeinsam voneinander, nehmen unterschiedliche Perspektiven ein und vertiefen ihr Verständnis für Suchterkrankungen. Begegnungen mit Fachkräften und mit anderen mit eigener Suchterfahrung sind dabei von großem Nutzen.

Neue Impulse bringen neue Perspektiven. „Von außen bekommen wir oft Anregungen und neue Gedankenanstöße. Diese Impulse helfen uns, eingefahrene Muster zu erkennen und zu durchbrechen. So gehen wir neue Wege, die uns und unserem Kind helfen“, meinen die betroffenen Angehörigen. „Es ist wichtig zu verstehen, dass ich als Mutter keine Macht über diese Krankheit habe.“ „Ich kann lieben, unterstützen, da sein, aber ich kann sie nicht heilen.“

„Die Gruppe hilft mir, zu verstehen, dass mein Kind nicht absichtlich handelt und sein Verhalten sich nicht gegen mich richtet, sondern gegen sich selbst.“ „Eine Therapie zu erzwingen, hat überhaupt nichts gebracht.“ „Es nutzt nichts, andauernd an seinen starken Willen zu appellieren.“ „Kontrolle funktioniert nicht“, so die Erfahrungen von Betroffenen im Forum der Selbsthilfegruppe Mettmann und im Blog von Tille-Woweries (www.bittere-traenen.de).

Hilfe zur Selbsthilfe wirkt

Betroffene helfen Betroffenen. Der Besuch des Gesprächskreises entlastet und stärkt. Er bietet aber auch die Chance, neuen Mut und neue Kraft zum Leben zu gewinnen, die eigenen Bedürfnisse wieder stärker zu berücksichtigen, die betreffende Situation als Chance für sich selbst zu nutzen und Krisen als Wendepunkte im eigenen Leben anzunehmen.

Bei den Versuchen, mit der Situation klarzukommen und das süchtige Kind adäquat zu unterstützen, gerät die eigene Selbstfürsorge meistens in den Hintergrund. Immer wieder quälen die betroffenen Familienmitglieder Zweifel, ob es sein darf, für sich selbst etwas Gutes zu tun, während die Süchtigen leiden. Kann es denn Hilfe sein, abzuwarten, bis ihr Kind sie um aktive Unterstützung bittet?

Immer wieder kreisen ihre Gedanken um ihr süchtiges Kind. Daher liegt der Fokus in dieser Selbsthilfegruppe bei den Eltern selbst. Die Moderatorin führt sie liebevoll immer wieder zurück zu sich selbst. Alle Gefühle finden hier Raum. „Eine gewisse Distanz zu den eigenen Gefühlen ist dabei jedoch oft hilfreich, um klar sehen zu können“, meint die Gruppenleiterin. Dann bringt einen die Frage „Was würdest Du Deiner Freundin in derselben Situation mitteilen?“ weiter.

Im Austausch werden keine Ratschläge erteilt, sondern gemeinsam Lösungsansätze entwickelt. Tille-Woweries nennt dies „Schwarmwissen“, ein Wissen, das Eltern aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen zusammentragen. „Es ist ein zentrales Ziel, den Glauben an das Gute zu bewahren“, resümiert Tille. „Es lohnt sich trotz alledem zu leben, zu lieben und zu lachen.“ Dies ist das Motto des Angehörigenkreises in Bergisch Gladbach.

Regelmäßig veranstaltet der arwed-Landesverband „Besinnungs-Wochenenden“ für alle Selbsthilfegruppen in NRW. „Die kranken Kinder bleiben zu Hause, und die betroffenen Eltern üben sich in Resilienz“, erklärt Tille. Sich ein ganzes Wochenende lang auf sich selbst zu besinnen, das tut gut. In der Selbsthilfegruppe in Bergisch Gladbach sollen sich alle wohlfühlen, ihre Sorgen loslassen und entspannen. Eine ansprechende Dekoration des Gruppenraums trägt mit dazu bei und sorgt für eine gemütliche Atmosphäre. Die Gruppe trägt, fühlt mit und nimmt alle an.

„Zu erkennen, dass dieser Schicksalsschlag einen stark macht, ist nur möglich, wenn diese erschwerte Situation als Chance betrachtet wird und die Hoffnung weiterhin besteht“, meint Tille-Woweries und möchte alle betroffenen Eltern somit ermutigen, nicht zu resignieren.

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