Ziemlich genau 4000 Menschen hatten sich 2012 bei “Hits für Hospiz” auf dem Marktplatz versammelt. Aber wieviele Menschen leben insgesamt in der Stadt?

Die Einwohnerzahl ist für jede Stadt wichtig – denn sie bestimmt, wieviel Geld sie im Rahmen des Finanzausgleichs von Land und Bund erhält. Daher werden die Bürger gezählt, berechnet, bereinigt und geschätzt. Zuletzt mit dem groß angelegten Zensus 2011, der neuesten Variante der Volkszählung. Dass dabei keine exakten Ergebnisse herauskommen, war den Experten ohnehin klar. Doch jetzt stellt sich heraus, dass die Zensuszahlen noch viel weiter von der Realität abweichen, als angenommen.

Zunächst durfte sich Bergisch Gladbach als größter Zensus-Gewinner bundesweit kräfig freuen: die Einwohnerzahl lag demnach mit 108.878 genau 3188 Köpfe oder drei Prozent höher, als bislang angenommen. Rein rechnerisch, versteht sich.

Denn der Zensus 2011 war keine echte Zählung aller Bewohnung, sondern nur eine Stichprobe von zehn Prozent der Bevölkerung, die dann von den Statistikern hochgerechnet wurde. Bei diesem Verfahren gingen die Experten davon aus, dass es zu einem Schätzfehler kommt, der laut Gesetz aber bei höchstens 0,5 Prozent liegen sollte.

Bei einer Stadt mit gut 100.000 Einwohnern wie Bergisch Gladbach ergibt das immerhin eine Bandbreite von plus/minus 1000 Menschen. Damit würde das Ergebnis des Zensus 2011 für Bergisch Gladbach konkret und unpräzise lauten:

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent lag Bergisch Gladbachs Einwohnerzahl am Stichtag 9. Mai 2011 zwischen rund 108.000 und 110.000.

Der Datenjournalist Björn Schwentker fand jetzt jedoch für Spiegel Online heraus, dass der  Schätzfehler bei 62 Prozent aller Orte mit mehr als 10.000 Einwohnern größer als 0,5 Prozent ist und damit die gesetzlichen Qualitätsvorgaben nicht erfüllt. Wie die offiziellen Daten der Statistikbehörde Destatis zeigen, fällt der Schätzfehler im hessischen Hünstetten mit 1,23 Prozent am größten aus.

Und auch Bergisch Gladbach sowie anderen Städten des Bergischen Landes liegen die Abweichungen zum Teil deutlich über dem Richtwert:

  • Bergisch Gladbach: 0,57 Prozent
  • Wipperfürth: 0,90 Prozent
  • Odenthal: 0,82 Prozent
  • Overath: 0,73 Prozent
  • Burscheid: 0,67 Prozent
  • Kürten: 0,59 Prozent
  • Rösrath: 0,54 Prozent

Was heißt das Ganze nun?

Für Bergisch Gladbach wird es zunächst wohl kaum direkte Konsequenzen geben. Denn mit 0,57 Prozent ist der Schätzfehler nur geringfüggig höher, als zugelassen. Und die Behörden beeilen sich bereits zu bekräftigen, dass es sich dabei nur um eine Soll-Vorschrift handelt.

Aber bundesweit befeuern die neuen Zahlen nun die Zweifel am Zensus 2011 weiter. Diejenigen Gemeinden, die durch die Volkszählung kräftig an Einwohnern verloren hatten und ohnehin gegen die Ergebnisse klagen wollten, erhalten neue schlagkräftige Argumenten.

Sollten die Klagen irgendwann Erfolg haben, könnten auch die Schlüsselzuweisungen, die gerade neu berechnet werden, wieder neu berechnet werden. Das könnte für Bergisch Gladbach bedeuten, dass erhoffte Mehreinnahmen sich in Luft auflösen.

Wie viele Bürger die Stadt Bergisch Gladbach nun tatsächlich hat, wird aber weiterhin ein Geheimnis bleiben. Die Stadtverwaltung selbst führt ohnehin ihr eigenes Melderegister – und demnach ist Bergisch Gladbach größer, als alle Landes- und Bundesstatistiker errechnet haben: Demnach waren es Ende 2012 110 150  Einwohner.

Weitere Informationen:

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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3 Kommentare

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  1. Die kommunalen Einwohnerregister haben nun mal immer “Karteileichen”, weil sich nicht alle Menschen in der Kommune abmelden. Dazu kommt noch, dass sich einige Menschen auch nicht anmelden. Das ganze wird noch komplizierter durch Hauptwohn- und Nebenwohnsitze. Von daher kann ein kommunales Einwohnerregister nie fehlerfei sein.
    Folglich sind die Angaben der Statistischen Landesämter auch nie fehlerfrei.

    Ein halbwegs fehlefreies Register wäre evtl. ein bundesweites Zentralregister. Allerdings wäre dies vermutlich auch nicht ganz fehlerfrei, weil die Bewegungen von und ins Ausland auch nicht immer ganz korrekt zu erfassen sind. Außerdem ist das politisch überhaupt nicht mehrheitsfähig.

    Zwar ist der Zensus 2011 eine Schätzung, aber nach SpiegelOnline (Stellungnahme des Statistischen Bundesamtes) scheinen selbst Vollzählungen nicht bessere Fehlerwerte als der beim Zenus 2011 angestrebte zu haben und Vergleiche mit der Qualität von Zensusergebnissen anderer Staaten (Kanada, UK) zeigen dort z.T. deutlich höhere Fehlerwerte.
    Daher ist es fraglich, ob eine Vollzählung (statt Schätzung) tatsächlich mehr gebracht hätte (außer dass sie deutlich teurer gewesen wäre).

  2. Ohne Kenntnis der Hintergründe in Bergisch-Gladbach, aber als ehemaliger Leiter des Stat. Amtes einer großen Stadt in NRW, eingebunden in die Zählung, aber jetzt im Ruhestand. Die Meldeämter “verwalten” die Einwohner, d. h. nehmen An- und Anmeldungen an, verzeichnen Geburten und Todesfälle. Das können sie nur, wenn der Bürger sich i. a. R. meldet. Manches Mal gibt es amtl. Abmeldungen, wenn bspw. jemand ohne Abmeldung “verschwunden” ist (z. B. ins Ausland). Alle diese Bevölkerungsbewegungen werden dem Stat. Landesamt mitgeteilt, aber nicht alle können dort (zeitnah) verarbeitet werden. Auch stellen sich in den kommunalen Einwohnermeldeämtern durchaus auch Fehler ein – menschlich, nur die Maschinen können die in der Statistik nicht mehr korrigieren . . . Manche Bürger sind auch doppelt gemeldet – warum auch immer.

    Ein Abzug aus dem Einwohnermelderegister ist deshalb immer nur annähernd richtig, eine Zählung auch nur, weil sich dort andere Fehler einschleichen können. Und vergleichen darf man das eine mit dem anderen nicht (auf der Ebene der einzelnen Datensätze), weil das BVerfGE 1983 es ausdrücklich verboten hat, statistische Daten an die Register rückzuübermitteln – aus gutem Grund!

    Die jetzige Zählung hat auf der Basis der Einwohnerregisterangaben eine Anzahl von Adressen in den einzelnen Städten überprüft, ob diese mit den Meldungen zum Stichtag übereinstimmen. Abweichungen wurden dann hochgerechnet und damit Zahl des Einwohnerregisters korrigiert. Diese Art von Stichprobe und ihre Verwertung war neu und es war festgelegt worden, dass es (jetzt wird es fachstatistisch) “nur zu einer Abweichung von +/- 0,5 % von der Grundgesamtheit kommen dürfe, bei einer Wahrscheinlichkeit von 95 %”. Offensichtlich sind die ex-post ermittelten Abweichungen in sehr vielen Fällen höher.

    Da auch mir bekannte leitende Mitarbeiter von Stat. Landesämtern die Stichprobenmethode weder verstehen, noch erst recht nicht erklären können, darf man gespannt sein, wie sich die Verwaltungsgerichte aus der Affäre ziehen werden.

    Ich hoffe, aus dieser kurzen Zusammenfassung wird klar, dass nicht die Meldeämter eine belastbare Statistik führen (können). Diese haben andere Aufgaben. Es ist die amtliche Statistik (Bund und Länder), die hier verantwortlich sind. Alles andere wäre allein schon wegen der finanziellen Zuweisungen schon fatal.

  3. Mir ist nicht klar, wieso die Statistik der städtischen Meldeämter Fehler aufweisen (müssen). Vielleicht können zu dieser Frage ja einmal Vertreter unserer Verwaltung Stellung nehmen. Oder sonst jemand, der es wissen kann oder muss und diese Onlinezeitung liest.
    Engelbert Manfred Müller