Eins stellt Michael Zalfen gleich klar. Er hat zwar Steinbrücks 100-Tage-Programm mit zum Stammtisch gebracht, aber dem Vorbild des SPD-Spitzenkandidaten soweit zu folgen, für unseren Fotografen mit dem Stinkefinger zu posieren – das kommt für ihn nicht in Frage. Die große Pose und das spitze Wort sind nicht sein Ding, sondern das ruhige Argumentieren und Überzeugen.

Michael Zalfen mit Hannelore Kraft

Zalfen ist der Direktkandidat der SPD im Rheinisch-Bergischen Kreis, arbeitet tagsüber normal als Vertriebsleiter einer Baustofffirma und muss sich für Tage wie diesen, an dem ihm nachmittags NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei Kaffee und Waffeln Wahlkampfhilfe auf dem Marktplatz von Bergisch Gladbach leistet und er abends am Stammtisch des Bürgerportals Rede und Antwort steht, einen Tag Urlaub nehmen.

Seine Frau und zwei Kinder (6 und 8) sehen in derzeit nur selten, seine Siegeschance in der CDU-Hochburg Bergisch Gladbach ist minimal, aber dennoch gibt es für den Stadtrat, stellvertretenden ehrenamtlichen Bürgermeister der Stadt Bergisch Gladbach und Kandidaten Zalfen keinen Zweifel:

Ja, Politik macht mir Spaß, mehr denn je. Ich kann jedem nur empfehlen, einmal für den Bundestag zu kandidieren. Das macht echt Spaß.”

Unwillkürlich schaut man Zalfen an. Und tatsächlich, er meint, was er sagt.

Für den Stammtisch im Weißen Pferdchen hat er sich gut präpariert, neben Peers zehn Punkten hat er noch ein sehr zahlenlastiges Papier des SPD-Finanzexperten Joachim Poß mitgebracht. Denn Zalfen ahnt, was auf ihn zukommt.

Die SPD, die Partei der Steuererhöher? Will er den Steuerzahlern tatsächlich noch mehr zumuten?

„Mehr Geld rein in den Apparat“

Michael Zalfen

Aber klar doch. Obwohl die Steuereinnahmen sprudelten hätte es die schwarz-gelbe Bundesregierung zustande gebracht, den Schuldenstand Deutschlands um weitere 100 Mrd. Euro zu erhöhen. Was aber noch schlimmer sein, so Zalfen, sei der erbärmliche Zustand der Verkehrsinfrastruktur, die Ungerechtigkeit von Leiharbeit und unwürdigen Löhnen, das Fehlen einer Garantierente.

Zwar könne man langfristig die Prioritäten umsteuern und Finanzmittel umschichten, aber damit die SPD ihre Ziele rasch umsetzen könne, müsse einfach “mehr Geld rein in den Apparat”. Sprich: das Steueraufkommen muss steigen.

Allerdings, stellt Zalfen sofort klar, wolle die SPD dieses Geld nicht bei der Mittelschicht oder gar bei Niedrigverdienern einsammeln. Das im Wahlkampf auch zu verkaufen sei allerdings überhaupt kein Problem, denn wenn er die Klinken putzt, trifft er nie jemanden, den das betreffen würde:

Da müsste ich schon in ganz andere Viertel gehen, als in denen, in denen ich normalerweise unterwegs bin.”

So rechnet die SPD. Anklicken.

Die Steuererhöhungspläne der SPD, rechnet der Kandidat vor, würden nur fünf Prozent der Bevölkerung betreffen.

Als Alleinverdienender müsse man schon mehr als 64.000 Euro Einkommen haben, als Familie mit zwei Kindern gar mehr als 200.000 Euro, um unter einer SPD-Regierung draufzahlen zu müssen.

„Die Erben im Porsche Cayenne zur Kasse bitten“

Lediglich die “Erben, die ihr Leben lang nichts geleistet haben mit mit dem Porsche Cayenne durch die Gegend eiern”, die will Zalfen zur Kasse bitten. Und weiter:

0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung hält 22 Prozent des gesamten Vermögens – die sollen etwas abgeben.”

Ein kurzer Faktencheck: Tatsächlich sind es sogar 23 Prozent.

Zwar ist dieser Stammtisch im Weißen Pferdchen fast eine SPD-Ortsvereinssitzung, soviele Genossen sitzen mit am Tisch. Aber es gibt auch ein paar andere Stimmen. Zum Beispiel Martin Haase, Bundestagskandidat der AfD, der seine Zweifel anmeldet, ob denn “der Apparat” tatsächlich so viel effizienter arbeite, als es Private tun würden. Warum den Steuerbürgern mehr abnehmen, wenn es dann doch versickert.

Das lässt Zalfen nicht gelten. Im Gegensatz zu Privaten müsse der Staat keine Gewinne machen, und so schlecht seien die staatlichen Manager oft auch nicht. “Privat vor Staat, der Slogan ist überholt.” So hätten die Beamten doch gerade erst gezeigt, wie sie in der Krise verstaatlichte Banken wieder auf Kurs zu bringen sind.

Und auch vor Ort gibt es Beispiel, sekundiert ein Arzt am Tisch: nachdem die Krankenhäuser zunächst alles privatisiert hätten, würden sie nun zunehmen wieder selbst kochen und waschen. Günstiger und effizienter.

Rot-grün als Spaßbremse?

Der Stammtisch im Weißen Pferdchen

Oder die Stadtwerke, nimmt Zalfen den Ball auf: vor zehn Jahren privatisiert setze die Stadt Bergisch Gladbach nun alles dran, eigene Stadtwerke zu gründen, die Gewinne der Energiekonzerne in die eigene Kasse umzuleiten – und dabei auch noch mehr Einfluss auf eine umweltfreundliche und soziale Geschäftspolitik zu bekommen. Oder gleich beides, etwas durch Anreize, stromsparende neue Kühlschränke zu kaufen: “Viele Menschen sind einfach zu arm, um Strom zu sparen.”

Das ist das Stichwort für eine Frau am Stammtisch, die sich spätestens seit Schröder von der SPD abgewandt hat: “Wollen Sie uns etwa zwingen, sparsame Kühlschränke zu kaufen?”

Eine Haltung, mit der sich die SPD in diesem Wahlkampf häufiger auseinandersetzen muss. Rot-grün als Spaßbremse und Bevormunder der Bürger? Dem tritt Zalfen energisch entgegen:

Sie dürfen soviel Strom verschwenden, wie sie wollen. Aber wir wollen Anreize setzen, für moderne, klimafreundliche Geräte.”

Und vom Veggieday halten diese Genossen nicht viel – am Stammtisch gibt es keinen Salat, sondern Flönz. Und Zalfen selbst bestellt sich am Ende des Abends erleichtert noch ein Champignonrahmschnitzel.

„Wenn wir an die Macht kommen“

Zuvor muss er allerdings auch noch Vorwürfe abarbeiten, die SPD wolle denjenigen, die ihre Kinder großgezogen haben und nun aus dem Gröbsten heraus sind, durch die Abschaffung des Ehegattensplittings in die Tasche greifen. Zum einen, so Zalfen, würde es natürlich einen Bestandsschutz geben, also erst auf neu geschlossene Ehen angewandt werden. Und zweitens wolle die SPD es ja nicht abschaffen, sondern die Kinder in ein Familiensplitting einbeziehen.

Denn soviel sei klar: die Rahmenbedingungen für Kindert müssen verbessert werden. Aber, räumt der Kandidat ein, bei diesen Kehrtwenden der Politik könne man sich schon mal ärgern: So habe er für seine beiden Kinder brav die Kindergartenbeiträge gezahlt – und nun, wo sie in der Schule sind, werden sie abgeschafft. “Wenn wir an die Macht kommen,” schiebt er noch rasch nach.

27.000 würden in RheinBerg vom Mindestlohn profitieren

Geduldig setzt sich Zalfen mit den Vorbehalten auseinandern, zitiert Zahlen aus dem Kopf oder blättert sie in den Papieren auf dem Tisch nach. Und da stehen noch ein paar Punkte, die er unbedingt loswerden will. Weil sie ihm und der SPD wichtig sein.

Ganz oben steht für ihn der gesetzliche Mindestlohn, der einfach zwingend sei. Warum, das erläutert er anhand von Zahlen, die die Gewerkschaft Verdi u.a. für den Rheinisch-Bergischen Kreis ausgerechnet hat. Demnach arbeiten hier

  • 9.480 Menschen in Vollzeit für durchschnittlich 5,24 Euro/Stunde
  • 17.680 Menschen in Teilzeit für durchschnittlich 5,93 Euro/Stunde

Für diese insgesamt 27.000 Menschen allein im RBK, aber auch für alle in Deutschland, müsse der gesetzliche Lohn auf mindestens 8,50 Euro pro Stunde erhöht werden. Was nebenbei auch die Kaufkraft ordentlich anschieben würde:

Machen wir uns nichts vor, es geht bei dieser Bundestagswahl tatsächlich um viel, um sehr viel Geld.”

Aber eben auch um Inhalte. Von der Bekämpfung der Leiharbeit, über gleichen Lohn für Frauen, die Garantierente, bezahlbares Wohnen, Subventionsabbau bis hin zur Instandsetzung der Schleusen und dem Ausbau des Breitbandnetzes, rattert der Kandidat in aller Eile herunter (keine Gewähr für Vollständigkeit).

Was für die SPD hinter all diesen Details steht, bringt Zalfen so auf den Punkt: “Wir orientieren uns seit 150 Jahren an Werten, selbst wenn wir unsere eigenen Interessen dabei manchmal vergessen. Aber wir wollen gesichert wissen, dass die Menschen in Würde leben können. Die CDU setzt statt dessen zu sehr auf die Caritas.”

Lesen Sie (noch) mehr:
+ Alle Beiträge zur Bundestagswahl
+ Alle Kandidaten im Überblick 
+ 26 Fragen an Michael Zalfen
+ alle Beiträge über Michael Zalfen
+ Zalfens Website - Abgeordnetenwatch - Facebook - Twitter

Auch deshalb wäre eine große Koalition mit der CDU nach der Bundestagswahl nicht nach Zalfens Geschmack. Trotz aller Kritik, die er zum Beispiel an der Verkehrspolitik der Grünen in Bergisch Gladbach (Stichwort: Bahndammtrasse, für die Zalfen mit Verve kämpft)  oder am Schutz der Gelbbauunke äußert – Rot-grün ist und bleibt seine Wunschkoalition.

Den Einwand, dass es dafür auf Basis der Meinungsumfragen keine Chance gebe, lässt Zalfen nicht gelten. Rund ein Drittel der Wähler  entscheide sich erst in den allerletzten 72 Stunden. Und um die werde er kämpfen.

Und dann, am 23. September ist erst einmal Schluss mit der Politik? Na ja, die Hecke in seinem Garten müsse schon längst mal wieder geschnitten werden, darauf freue er sich schon, räumt Zalfen ein. Aber für den 28. September habe er schon einen Termin im Bensberger Zak vereinbart.

Und da werde er an dem Samstag auch hingehen – weil seine “erste Berliner Arbeitswoche” dann ja schon vorbei sei. Schmunzelt der Mann, dessen Partei bei der letzten Bundestagswahl 26,7 Prozent der Erststimmen im Rheinisch-Bergischen Kreis geholt hat. Dann schneidet er sein Rahmschnitzel voller Vorfreude an.

Die nächsten Stammtisch-Termine

  • Martin Haase (AfD): Was geht mich der Euro an
    Montag, 16. September, 19 Uhr, Gronauer Wirtshaus, Hauptstraße 20
    Anmeldung bei Facebook
  • Peter Ludemann (FDP)/ Maik Außendorf (Grüne): Energiepolitik
    Mittwoch, 18. September, 20 Uhr, Gaststätte Schwäke, Sand
    Anmeldung bei Facebook
  • Grischa Bischoff (Linke)
    noch offen
  • Wolfgang Bosbach (CDU)
    aus Termingründen nicht zustande gekommen

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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