Aus dieser Chance, Bergisch Gladbachs Stadtkasse über viele Jahre hinweg kräftig aufzufüllen, will Lutz Urbach das Optimum herausholen. Ende 2014 laufen die lukrativen Versorgungsverträge mit dem lokalen Marktführer Belkaw ab – und danach sollen die satten Gewinne, die das Unternehmen bislang “eins zu eins an den Parkgürtel in Köln überweist” weitgehend in Bergisch Gladbach bleiben.

Daher verhandeln der Bürgermeister und sein Berater Roman Schneider bei der Neuausschreibung der Strom-, Gas- und Wasserversorgung für die kommenden 20 Jahre mit harten Bandagen: die Angebote interessierter Unternehmen werden gegeneinander ins Rennen geschickt, alle Details geheim gehalten – um am Ende das beste Ergebnis zu erzielen. Finanziell und politisch.

Das müssen Sie wissen:
+ Lenkungsgruppe und Urbach wollen Gespräch mit Rheinenergie einfrieren +
SPD-Antrag auf Absage an Belkaw vom Tisch + Vorrang für Verhandlungen mit 
strategischem Investor + bislang nur ein konkretes Angebot aus Schwäbisch 
Hall + Vertrag soll bis Oktober entscheidungsreif sein +

Bislang hatte die Stadt mit der Rheinenergie (Anschrift: Köln, Parkgürtel 24) verhandelt, der die Belkaw gehört – und die bis Ende 2014 die Konzession für Bergisch Gladbach hält.

Foto: FC Fanshop

Dafür zahlt sie hohe Konzessionsabgaben an die Stadt, doch blieben am Jahresende noch 12 Millionen Euro Gewinn, die nach Köln überwiesen werden konnten. Diesen lukrativen Vertrag will die Rheinenergie gerne verlängern und hat ihr Angebot noch einmal nachgebessert, berichtete Urbach am Donnerstag im Rathaus.

Allerdings: Auf die beiden zentralen Forderungen des Stadtrates, Bergisch Gladbach die Mehrheit an der Belkaw zu verkaufen und das Versorgungsgebiet auf die Stadt zu begrenzen, “bietet die Rheinenergie bisher nicht an”, erklärt Urbach. Daher sei das Angebot der Rheinenergie insgesamt:

Gut – aber eben noch nicht gut genug”.

Konsequenterweise schlägt er vor, die Verhandlungen mit dem Belkaw-Eigentümer einzufrieren und statt  dessen mit einem Konkurrenten über einen noch besseren Deal zu verhandeln.

Vorrang für zweiten Verhandlungsstrang

Die Lenkungsgruppe, in der die Experten der Ratsfraktionen vertreten sind, hat dem am Mittwoch zugestimmt, am Dienstag soll der Stadtrat in einer Sondersitzung folgen. Die noch weitergehende Forderung der SPD-Fraktion, die Verhandlungen mit der Rheinenergie ganz einzustellen und sich allein auf die Gründung eigener Stadtwerke zu konzentrieren, ist damit erst einmal vom Tisch.

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Wenn der Rat am Dienstag grünes Licht gibt, will Urbach nun einen zweiten Verhandlungsstrang einschlagen. Anstatt bei der Belkaw einen Anteil von 50,1 Prozent zu kaufen, soll nun geprüft werden, ob nicht die Gründung neuer Stadtwerke und der Verkauf eines Anteils von 49 Prozent an einem so genannten strategischen Partner vorteilhafter ist.

Ein konkretes Angebot – aus Süddeutschland

Bislang waren drei Interessenten (die Stawag aus Aachen, die Rhenag aus Hennef und die Stadtwerke Schwäbisch Hall) genannt worden. Doch nach Aussage von Urbach liegt der Stadt derzeit nur ein einziges konkretes (und noch lange nicht verbindliches) Angebot vor.

Urbach schweigt standhaft zu Fragen, um welchen Versorger es sich dabei handelt. Genausowenig verrät er Details zu den Angeboten der Rheinenergie oder des anderen Interessenten – um den Verhandlungspartnern keine Anhaltspunkte zu liefern.

Auch Berater Roman Fischer nennt keinen Namen, verrät aber, dass es sich bei dem Gesprächspartner um ein regional verankertes Unternehmen mit bundesweitem Anspruch handelt, der ein solche Neugründung locker bewältigen könne.

Allerdings halten die Stadtwerke Schwäbisch Hall nicht ganz so dicht. Gegenüber dem KSTA und der BLZ bestätigte Geschäftsführer Johannes van Bergen, ein Angebot abgegeben zu haben. Die Stadtwerke aus Süddeutschland sind mit einem Umsatz von rund 240 Millionen Euro zwar kaum größer als die Belkaw, haben aber bereits bundesweit Minderheitsbeteiligungen an anderen Stadtwerken – und wären im Gegensatz zur Rheinenergie bereit, der Stadt Bergisch Gladbach die Mehrheit zu überlassen. Unter anderem halten sie einen 29,9-Prozent-Anteil an den Stadtwerken Sindelfingen, an den Stadtwerken Mülheim Staufen (25,1) und den Stadtwerken Dietzingen. (Beteiligungen und Partner der Stadtwerke Schwäbisch Hall, pdf)

Aktualisierung: In einer ersten Version dieses Textes hatten wir 
die Stawag genannt, die offenbar als Interessent in Frage kämen 
und ein Angebot auf Anfrage nicht dementiert hatten.

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall gehören der Stadt zu 100 Prozent, zahlen mit 3,5 Millionen Euro eine relativ niedrige Konzessionsabgabe und machten 2011 auch nur 3,3 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Zum Vergleich: die Belkaw machte 12 Millionen Euro Gewinn, die

Signale weiterer Interessenten

Über dieses eine Angebot hinaus, so der Bürgermeister, gebe es von anderen Versorgern “Signale”, dass sie Interesse an einem Einstieg in Bergisch Gladbach haben könnten. Auch diesen Signalen werde man jetzt nachgehen.

Trotz der erneuten Verzögerung will Urbach bis zur regulären Ratssitzung am 15. Oktober wenigstens einen ausgehandelten und verbindlichen Vorschlag auf den Tisch legen und gegen die Rheinenergie ins Rennen schicken.

Dabei wird für alle Angebote mit Hilfe der Berater ein so genannter Barwert errechnet. Der weist aus, welche Erträge der jeweilige Vertrag Bergisch Gladbach über die gesamte Laufzeit von 20 Jahren einbringen würde. In welcher Größenordnung ein solcher Barwert liegen könnte, will Urbach nur sehr, sehr grob veranschlagen: “zwischen 10.000 und einer Milliarde Euro, …”.

Bei der durchaus ernsthaften Berechnung des Barwertes werden zahlreiche Annahmen getroffen, von denen dann abhängt, ob die Erwartungen auch wirklich eintreffen. Aber da die Annahmen für alle Angebot gleich sind, kann man wenigstens ihren finanziellen Wert einigermaßen objektiv vergleichen.

Der Stadtrat hatte zuvor festgelegt, dass diese finanziellen Erwartungen am Ende zu 70 Prozent den Ausschlag für eine Entscheidung geben. Zu 20 Prozent fließt die Frage ein, ob die Stadt Bergisch Gladbach die Mehrheit an den den künftigen Stadtwerken bekommt, zu weiteren 10 Prozent ist auch die Umweltfreundlichkeit (neudeutsch: Nachhaltigkeit) des Angebots ein Kriterium.

Eine letzte Chance für die Rheinenergie?

Lutz Urbach

Daher könnte am Ende doch noch die Rheinenergie das Rennen machen. Denn zum einen kann sich Bergisch Gladbach den Verzicht auf die Forderungen nach einer Mehrheit und die Begrenzung auf das Stadtgebiet abkaufen lassen. Dazu Urbach:

Wenn uns jemand dafür 200.000 Euro bietet, stehe ich gleich auf und gehe. Aber wenn Sie 20 Millionen Euro anbieten, sinke ich geschlagen in den Staub.”

Außerdem kann die Rheinenergie immer noch ihr Angebot nachbessern. Das hat sie zuletzt in dieser Woche getan. Aber auch die Stadtwerke Schwäbisch Hall sind kampfbereit: Sie legten ihr vorerst letztes Angebot am Mittwochmittag vor, wenige Stunden vor der Sitzung des Lenkungsausschusses.

Bürgermeister Urbach wehrt sich zwar dagegen, die Verhandlungen mit einer Poker-Runde oder gar dem Roulette zu vergleichen. Aber dennoch ist klar: das Spiel geht weiter.

Weitere Informationen:

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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