Wenn die Verwaltung der Kreisstadt aktiv wird, dann gründlich. Der Schrankenzirkus am Driescher Kreisel und monumentale, unterirdische Abwasserbauwerke sind gute Beispiele. Jetzt wird das Thema Fahrrad angepackt – und das ist gut so!

Trügerische Sicherheit auf Radwegen

“Die schmalen Radstreifen entlang der Hauptstraße sind eine Zumutung,” schrieb Stadtanzeiger-Autorin Doris Richter am Dienstag: “Unachtsame Fußgänger, zahlreiche Ein- und Ausfahrten zu Grundstücken und Geschäften und die beidseitigen Parkstreifen, wo jeden Moment eine Autotür aufklappen kann, machen entspanntes, sicheres Radeln oft unmöglich.”

Was für die Hauptstraße zutrifft, gilt für fast alle Radwege in Bergisch Gladbach. Radwege bieten nur scheinbaren Schutz, auch in Augen der Stadtverwaltung: Das Fahren auf der Fahrbahn stelle meist die sichere Variante dar, “da die Radfahrer im Blickfeld des motorisierten Verkehrs verbleiben und bei Einfahrten und Einmündungen nicht unerwartet hinter parkenden Autos auftauchen,” fasst der Sachstandsbericht Radverkehr vom Mai die Lage zusammen.

Benutzungspflicht als Ausnahme

Dabei geht es kaum um politische Mehrheiten oder das Ermessen der Verwaltung, sondern um eine Art Grundrecht der schwächeren Verkehrsteilnehmer: “Benutzungspflichtige Radwege dürfen nur angeordnet werden, wenn ausreichende Flächen für den Fußgängerverkehr zur Verfügung stehen. Sie dürfen nur dort angeordnet werden, wo es die Verkehrssicherheit oder der Verkehrsablauf erfordern.” Die Verwaltungsvorschriften zur neuen Straßenverkehrsordnung erklären den benutzungspflichtigen, mit blauen Schildern gekennzeichneten Radweg so zur Ausnahme.

Konsequenz: In Gladbach werden die blauen Schilder derzeit fast überall abmontiert.

Radwege bleiben Radwege

Ebenso wenig wie Autofahrer sind Radfahrer eine homogene Gruppe. Allein auf dem Weg ins Büro will man schnell vorankommen, beim Wochenendausflug mit Kind und Kegel aber möglichst ungestört vom Autoverkehr fahren. Wie die neuen weißen Piktogramme anzeigen, können Radfahrer die alten Radwege weiter benutzen, sie müssen aber nicht.

Viele Radfahrer, gerade die langsamen, werden davon Gebrauch machen. Ihnen ist zu raten, an allen Einmündungen besonders vorsichtig zu sein und besonders auf abbiegende Lkw aufzupassen. In Gladbach wurden die ehemaligen Radwege häufig zu Fußwegen – Zusatz “Radfahrer frei” – umgeschildert. Dann müssen Radfahrer auf Fußgänger besondere Rücksicht nehmen.

Fahrbahn der Regelfall

Fuß- statt Radweg an der Alten Wipperfürther Straße

Wer zügig fährt, ist als Radfahrer in der Regel auf der Fahrbahn besser aufgehoben. Dabei verlangt das Rechtsfahrgebot nicht, dass man sich an Gullis und parkenden Autos entlang quetscht. Wegen gefährlich aufklappenden Türen sollte man zu parkenden Autos einen deutlichen Sicherheitsabstand halten. Der Kölner Arbeitskreises “Velo 2010” hat mal empfohlen, mit dem Rad etwa der Spur der rechten Autoreifen zu folgen.

In der Praxis bedeutet dies, dass Autos nur überholen können, wenn kein Gegenverkehr kommt. Dabei überschätzen viele Autofahrer den durchs Hinterherzockeln verursachten Zeitverlust. Fürs Vorankommen in der Stadt ist Spitzentempo weniger wichtig als ein gleichmäßiger Verkehrsfluss, selbst wenn es nur langsam vorwärts geht. Der Verkehrsfluss wird umso besser, je mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen. Mit jedem Radfahrer ist der Stau an der nächsten Ampel eine Wagenlänge kürzer.

Gedulden statt Drängeln

“Gemach! Gemach!” will man denen zurufen, die in der unteren Hauptstraße eine neue Staustrecke vermuten, nur weil dort künftig nur noch Tempo 20 erlaubt ist. Eigentlich ändert sich zum jetzigen Zustand in der Einbahnstraße nämlich wenig. Wenn ein Radfahrer den empfohlenen Abstand zu den parkenden Fahrzeugen einhält, ist sowieso kaum Platz, um ihn  mit 1,50 Meter Sicherheitsabstand zu überholen. Die Innenstadt ist keine Rennpiste und etwas Geduld tut allen gut.

Radfahrstreifen kein Patentrezept

Kritisch zu bewerten ist die Idee der Stadtverwaltung, hier über Radfahrstreifen nachzudenken. Die Straße ist zu schmal.

Fahrradpiktogramme auf der Straße sind oft besser als schmale Radwege
“Schutzstreifen”.

“Eine Fahrbahn die Platz für einen regelkonformen Radstreifen hat, muss mindestens so breit sein, dass sie letztendlich auch wieder ohne auskommt. Daher gibt es bei diesen Dingern nur zwei Kategorien – entweder überflüssig oder illegal,” schreibt ein Alltagsradfahrer in einem Forum und seine Argumentation klingt ziemlich überzeugend.

Eine Überlegung wert wären so genannte “Fahrrad-Sharrows”, wie sie jetzt in Reutte erprobt werden. Diese Bodenmarkierung kommt aus Nordamerika, wird “mittlerweile auch in Europa immer häufiger eingesetzt und soll die Integration des Radverkehrs mit dem KFZ-Verkehr verbessern,” schreibt ein Tiroler Bezirksblatt.

Kritisches in Odenthal

Man muss die Gladbacher Verwaltung loben, auch wenn sie “nur” Gesetze umsetzt. Denn selbst dies ist nicht selbstverständlich, wie eine Fahrt über die L 270 (Odenthaler Straße) von Hebborn über Voiswinkel und Funkenhof nach Odenthal zeigt.

Der Radweg von Hebborn über Voiswinkel nach Odenthal

Auf ganzer Strecke ist ein linksseitiger, benutzungspflichtiger Geh- und Radweg ausgewiesen – obwohl für linksseitige Wege besonders strenge Maßstäbe gelten und der Weg sich zudem in einem miserablen Zustand befindet. An Einmündungen, zum Beispiel der Sankt-Engelbert-Straße in Voiswinkel besteht permanente Unfallgefahr. Am Montag berichtete der Kölner Stadtanzeiger, dass eine Radfahrerin hinter Voiswinkel auf abschüssiger Strecke auf dem feuchten und mit Laub bedeckten Weg ins Rutschen kam und stürzte.

Zwar ist das Fahren auf der Fahrbahn wegen der mitunter hohen Pkw-Geschwindigkeiten kein Vergnügen, doch möglicherweise wäre der Unfall nicht passiert, wenn die Radfahrerin den gefährlichen Geh- und Radweg nicht hätte benutzen müssen. Für Tempo 40 ist er jedenfalls gänzlich ungeeignet – und warum sollen Radfahrer bergab nicht schnell fahren dürfen?

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1 Kommentar

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  1. “Wie die neuen weißen Piktogramme anzeigen, können Radfahrer die alten Radwege weiter benutzen, sie müssen aber nicht.”
    Falsch beobachtet: Ohne Zeichen 239 in Verbindung mit Zz 1022-10 ist das nur eine illegale Aufforderung Fußgänger auf deren Wegen zu behindern und zu gefährden und bildet eine Ordnungswidrigkeit, die normalerweise von der Polizei geahndet werden muss. Ein Piktogramm ist kein nach STVO geltendes Zeichen, genauso wenig ein roter WEG.
    Warum jetzt wieder ein Durcheinander in dieser Stadt gemacht wird, und dutzende Radfahrer zum illegalen Handeln aufgefordert werden, ist absolut schleierhaft.
    Bisher bekannt ohne die oben genannten Verkehrszeichen: Bensberger Str., Richard-Zanders-Straße, Mühlheimer Str., Hauptstr., Refrather Weg, Dolmannstr., Paffrather Str.