Der ADFC hatte Politik, Verwaltung und Bürger zur Erkundungsfahrt geladen

Das schlechte Abschneiden bei Fahrradklimatest des ADFC ist in Politik und Verwaltung offenbar als Weckruf verstanden worden. Obwohl Stadtbaurat Stephan Schmickler nach mehrtägiger Dienstreise ein Familiennachmittag gegönnt gewesen wäre, begleitete er den Radlertross des ADFC am Sonntag in Schulklassenstärke durch die Gladbacher Innenstadt und stellte sich vielen kritischen Fragen.

Den erheblichen Nachholbedarf der Stadt bei Infrastruktur, Wegweisung und Beschilderung sowie Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit konnte der Erste Beigeordnete und Stadtbaurat nur bestätigen. Schmickler selbst kam vor gut 13 Jahren von Kleve nach Bergisch Gladbach und gehört zusammen mit Bürgermeister Lutz Urbach und Stadtkämmerer Jürgen Mumdey zur Führungsspitze der Stadtverwaltung.

Mehr Radverkehr hält den Verkehr flüssig

Sven Bersch (ADFC) mit Stadtbaurat Stephan Schmickler

Schmickler betonte, dass Radverkehrsförderung nicht nur den Radfahrern nütze. Bergisch Gladbach sei eng und große Verkehrsprojekte seien – wenn überhaupt – erst in Jahrzehnten umzusetzen. Wenn die Stadt mobil bleiben wolle, müsse sie alles fördern, was den Autoverkehr entlastet. Eine gute Tradition gäbe es beim ÖPNV, sagte Schmickler, jetzt sei der Radverkehr dran.

Selbst wenn Autofahrer den einzelnen Radfahrer auf der Straße zum Teil als Bremse empfinden, kann mehr Radverkehr den Autoverkehr flüssig halten. Denn Fahrräder brauchen viel weniger Platz und machen den alltäglichen Stau in den Spitzenzeiten deutlich kürzer.

Damit ist der Stadtbaurat nicht weit von ADFC-Positionen entfernt, wobei der Fahrradclub natürlich auch die Interessen der Radfahrer im Blick hat. Mehrere Mitradler drängten darauf, dass sich hier schnell was ändern müsse und nicht erst, wenn nach Grundstückskäufen und Translozierungen eine “große Lösung” denkbar ist.

Impulse exemplarisch zu verstehen

Sven Bersch, Vorstandsvorsitzender des erst im Sommer gegründeten Regionalclubs ADFC RheinBerg-Oberberg e.V., hob hervor, dass die auf der Erkundungstour angesteuerten Orte exemplarisch zu sehen seien. Man wolle nicht über jedes Piktogramm diskutieren, sondern das Augenmerk auf die Belange der Radfahrer richten. Eine Schwierigkeit dabei ist, dass verschiedene Radfahrer sehr unterschiedliche Ansprüche und Wünsche haben.

Diese Herausforderung sieht auch Stadtbaurat Stephan Schmickler, zum Beispiel am Kreisverkehr Driescher Kreuz. Er will eine Umrundung des Kreisels mit dem Rad auf den Gehwegflächen ermöglichen, “für alle, die das geschützte Fahren wollen.” Er selbst fährt, wie viele schnellere Radfahrer, lieber mit den Autos im Kreisverkehr – auch das ist selbstverständlich erlaubt.

Und offenkundig ist Schmickler selbst viel mit dem Rad unterwegs und durchaus zügig. Er hatte ein sportliches Modell mit guten Bremsen zur Erkundungstour mitgebracht und allein die Handgriffe deuteten darauf hin, dass es auch rege benutzt wird.

Fahrradfreundliche Städte machen’s vor

Eigens für die Erkundungstour hatte der ADFC RheinBerg-Oberberg die Stadt Brühl besucht, sie liegt am Rande des Naturparks Kottenforst-Ville zwischen Köln und Bonn. Zwar ist Brühl mit 46.000 Einwohner deutlich kleiner als Bergisch Gladbach. Doch wenn man bedenkt, dass die Kreisstadt sich eigentlich aus den drei Mittelstädten Gladbach, Bensberg und Refrath zusammenfügt, ist die Stadtstruktur durchaus vergleichbar. Schon seit 1993 ist Brühl Mitglied der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen e.V. (AGFS). Über kurz oder lang hält Schmickler auch einen Beitritt der Strundestadt für sinnvoll.

Selbst in Brühl ist nicht alles optimal gelöst, doch der Besuch zeigte deutlich, dass in Brühl vieles geht und funktioniert, was in Bergisch Gladbach bislang – offenbar vorschnell – als “unmöglich” und “undenkbar” bezeichnet wurde. Bersch sagte zu, das mit vielen Beispielen und Fotos gespickte Informationspapier auf E-Mail-Anfrage gerne zu verschicken.

1. Station Fußgängerzone: Öffnung für rücksichtsvolles Radfahren

Zum Beispiel hat man in Brühl längst erkannt, dass Rad fahrende Kunden gute Kunden sind, für Geschäfte und Gastronomie. Und wie Autofahrer auch, wollen sie nicht unnötig weit laufen. So sind in Brühl weite Teile der Fußgängerzone für Radfahrer legal befahrbar, selbstverständlich in angemessenem Tempo und mit Respekt gegenüber den Fußgängern.

Kaum zu glauben, dass das nicht auch in Gladbach funktionieren könnte. Selbst der Fahrradpolizist Dominik Middeke (30) hatte sich kürzlich in einem BLZ-Interview kritisch zu dem rigorosen Fahrradverbot in Gladbachs Fußgängerzone geäußert. Andere Städte seien flexibler und hätten Teile ihrer Fußgängerzonen schon vor Jahren für rücksichtsvolles Radfahren freigegeben.

2. Station Bahnhof: Radstation und Idee für einen Bahntrassenradweg

Die lange diskutierte Radstation am S-Bahnhof könnte jetzt endlich kommen. “Wir sind guter Hoffnung, dass wir mit dem Kölner Fahrrad Netzwerk eine Betriebsform finden, die auch in Sachen Förderung von der Bezirksregierung grünes Licht bekommt,” sagte Schmickler. Wenn alles glatt geht, soll die Radstation im nächsten Jahr zu nutzen sei. Dabei gehe es nicht nur darum, den S-Bahn-Pendlern eine sichere Abstellmöglichkeit zu bieten. Schmickler sieht in der Radstation auch “ein wichtiges Signal, dass sich hier im Denken was verändert”.

Zufrieden ist Schmickler mit der Neugestaltung der Stationsstraße. Der Unfallschwerpunkt wurde durch Tempo 20 entschärft, überall sollen Fußgänger gefahrlos queren können, was offenbar ganz gut funktioniert.

Aus Kreisen der Mitradler kam die Anregung, das Prinzip “entschleunigter Mischverkehr” auch für andere Stellen in der Stadt in Betracht zu ziehen. Für getrennte Fahrspuren in ausreichender Breite sei z.B. am Waatsack und am Gronauer Kreisel (zwischen Polizei und Matratzenmarkt) zu wenig Platz. Hier könnten bei weniger Tempo alle Verkehrsteilnehmer eher zu ihrem Recht kommen.

Und das Beispiel Stationsstraße zeigt, dass ein langsamer, aber fließender Verkehr immer noch besser ist, als Rotlicht, Stau und Gegeneinander. Gegebenenfalls könnten solche Maßnahmen auch testweise für eine Übergangsphase eingerichtet werden, um Erfahrungen zu sammeln.

Vorgetragen wurde auch die Idee, den alten Bahndamm vom S-Bahnhof bis zum Finanzamt als Fahrrad-Expressroute auszubauen. Vom Finanzamt aus bestünde Anschluss an den Trassenbegleitenden Radweg zur Saaler Mühle (nach Bensberg und Refrath) und an den Strundeweg entlang der alten Straßenbahnlinie G in Richtung Köln-Dellbrück.

3. Station Kalkstraße: Radfahrer sollen abbiegen dürfen

Beim Futtermittelmarkt wurde deutlich, dass es in Bergisch Gladbach einige Einzelmaßnahmen für Radfahrer gibt, aber kein schlüssiges Netzkonzept vorliegt. Anerkennend hieß es aus dem Kreis der Mitradler, dass die Bestandsaufnahme für die Ost-West-Achse ein Schritt in die richtige Richtung ist. Doch wie ein erwachsener Radfahrer zusammen mit seinen Kindern sicher und komfortabel vom Bahnübergang Tannenbergstraße in die Innenstadt gelangen soll, konnte auch Stadtbaurat Schmickler nicht schlüssig beantworten. Sven Bersch vom ADFC regte an, Radfahren eine Geradeausfahrt in die Kalkstraße zu erlauben.

Defizite zeigten sich auch wenig später bei den Wegen auf dem neuen Regenrückhaltebecken. Wer sie als unsicherer Radfahrer benutzen will, muss sich nicht nur zwischen Pollern hindurchschlängeln, sondern gleichzeitig eine lästige Kante meistern.

Manchmal gäbe es einen Zielkonflikt zwischen den Belangen von Sehbehinderten und Radfahrern, erklärte Schmickler. Mancher wunderte sich, dass dieser Konflikt an anderer Stelle in der Regel zugunsten des Kfz-Verkehrs entschieden wird. Lästige Fahrbahnkanten werden Autofahrern nur zugemutet, wenn man gezielt die Geschwindigkeit senken will, aber kaum als Orientierungsmarke für Blinde.

4. Station Polizei: Kommunikation und Sofortmaßnahmen

Von vielen Mitradlern wurde begrüßt, dass die Benutzungspflicht der Radwege an der Mülheimer Straße aufgehoben wurde.

Allein der rücksichtslose Umgang einiger weniger Autofahrer mit den vielen Teilnehmern der Erkundungstour zeigt jedoch, dass in Sachen Verkehrskultur in Bergisch Gladbach noch einiges zu tun ist. So müsste das erlaubte Fahren auf der Fahrbahn von Seiten der Stadtverwaltung noch deutlicher kommuniziert werden. Eine Möglichkeit wäre, die weißen Fahrradpiktogramme nicht nur auf den nicht mehr benutzungspflichtigen Radwegen anzubringen, sondern auch auf der Fahrbahn, in ausreichendem Abstand zu den parkenden Fahrzeugen. In Reutte (Tirol) geben so genannte ” Sharrows” den Radfahrern Sicherheit, auch in Brüssel werden solche Piktogramme eingesetzt, um Autofahrern anzuzeigen, dass Radfahrer ganz legal die Straße benutzen dürfen – und bei niedrigem Fahrradtempo halt ein Moment lang Geduld gefragt ist.

Kritisiert wurde die Verkehrsführung weiter westlich an der Stadtgrenze zu Köln. Dort, wo die Mülheimer Straße zur Bergisch Gladbacher Straße wird, fehlt eine vernünftige Verkehrsführung für den Radverkehr. Selbst erfahrene Radfahrer fühlen sich beim Linksabbiegen in den Thielenbrucher Wald von vorbeifahrenden Lkw bedrängt und gefährdet.

Sehr unbefriedigend erscheint auch die Situation aus Westen kommend in Richtung Innenstadt. Gegenüber der Polizei am Matratzenmarkt am Nordrand des Gronauer Kreisels wünscht sich Stadtbaurat Schmickler ein wenig mehr Platz. Bis die schwierigen Grundstücksgeschäfte in einigen Jahren mutmaßlich getätigt sind, wollen sich viele der mitfahrenden Radler aber nicht gedulden.

6. Station Laurentiusstraße: Mit Einbahnstraßen Netzlücken schließen

Schon lange wird von Radfahrern gefordert, die Laurentiusstraße offiziell in beide Richtungen befahren zu dürfen. Im Zuge der Zufahrt Parkplatz Buchmühle wurde die Einbahnstraßenregelung schon ein Stück weit aufgehoben. Es kommt Bewegung in die Sache, frühere Argumente, dass Rettungswagen eine Gefahr darstellen könnten, sind offenbar vom Tisch. Verbleibt noch die Sorge der Straßenverkehrsbehörde, dass Radfahrer in der abschüssigen Laurentiusstraße zu schnell werden könnten.

“An mir soll’s nicht liegen”, meinte Schmickler. Er sieht die Bedeutung in Netz, weil die Innenstadt aus Richtung Rommerscheid und Hebborn sonst nur mit großen, wenig attraktiven Umwegen (Schnabelsmühle) zu erreichen ist. Das Problem mit dem eventuell gefährlich hohen Tempo sei zu lösen, “wenn man Parkplätze wegnimmt. Da hat man dann die nächste Baustelle und steht vor einer politischen Frage.”

Hier zeigt sich, dass Radverkehrsförderung kein Lippenbekenntnis sein darf, sondern auch verlangt, die Prioritäten neu zu setzen. Allen gut und keinem Weh wird auf Dauer nicht funktionieren. Wobei das Weh bei einem halben Dutzend wegfallenden Parkplätzen nicht allzu groß sein dürfte. Die wegfallende Kaufkraft würden radfahrende Kunden ersetzen und für Autos gibt es an der Buchmühle und im Parkhaus Marienberg Stellplätze in unmittelbarer Nähe.

7. Station Buchmühlenstraße: Keine Neuplanung ohne Augenmerk auf Radfahrer

Baurat Schmickler – mit Blackberry und Helm

Dass die Belange von Radfahrern schon bei der Planung des Driescher Kreisels ausführlich bedacht wurden, mochten viele Teilnehmer der Erkundungstour dem Stadtbaurat nicht so recht glauben. Bei der Neugestaltung des Buchmühlengeländes wurden Radfahrer ganz offenkundig vergessen. Im Zuge der neuen Verkehrsführung wurde die Buchmühlenstraße in Richtung Hauptstraße zur Einbahnstraße.

Nach Ansicht von Sven Bersch spricht überhaupt nichts dagegen, dass Radfahrer auch in Richtung VHS fahren – nur habe offenbar niemand an das entsprechende Schild gedacht. Stephan Schmickler tippte wieder, wie häufig zuvor, einen Merkposten in sein Smartphone.

8. Station Bensberger Straße: Baustellen und Ampeln

Das Schild “Radfahrer absteigen” sei eine unverbindliche Bitte, betonte Sven Bersch bezüglich der Bauarbeiten zwischen Feldstraße und Arbeitsagentur. Und auch Stephan Schmickler sagte: “Ich fahr dann auf der Straße.” Was rechtens ist.

An Ampeln soll nach Ansicht der Radfahrer niemand doppelt und dreifach warten müssen, wie es bei Ampeln mit “Anforderungstastern” oft der Fall ist. Bersch betonte, dass bei Wartezeiten von mehr als einer Minute die Akzeptanz deutlich nachlässt. Die Novelle der Straßenverkehrsordnung, die die Freigabe von Einbahnstraßen erleichtert und enge benutzungspflichtige Radwege nicht länger erlaubt, macht auch strikte Vorgaben für Ampeln. Zum Beispiel sollen gemeinsame Ampeln für Fußgänger und Radfahrer bald nicht mehr zulässig sein, weil Radfahrer durch die langen Räumzeiten der Fußgänger unnötig ausgebremst werden.

Ausblick Mobilitätsmanagement

Dass es in Sachen Fahrrad an der Strunde oft so schleppend vorangeht, liegt offenbar auch daran, dass die beteiligten Stellen wie Straßenbaubehörde, Straßenverkehrsbehörde und Polizei nicht immer an einem Strang ziehen. Hinzu kommt, dass die Zuständigkeit manchmal bei der Stadt und manchmal beim Landesbetrieb Straßen NRW liegt. Dringend nötig scheint in Bergisch Gladbach eine städtische Stelle, die hier bündelt und anschiebt.

Schmickler setzt auf einen neuen Verkehrsplaner, der auch das VRS-Förderprojekt “Kommunales Mobilitätsmangement” begleiten soll. Er selbst und sein Abteilungsleiter Straßenbau, Martin Hardt, hätten für die Detailarbeit neben den vielen anderen Aufgaben zu wenig Zeit.

Nach der Ost-West-Verbindung von Spitze bis zur Kölner Stadtgrenze steht die Analyse der Radverkehrsanlagen auf der Achse von Schildgen über Paffrath und Gladbach bis Bensberg auf der Agenda des Stadtbaurates.

Dann will sich Schmickler auch mit der Frage befassen, wie man das frisch renovierte Stadion mit radfahrenden Kindern sicher und komfortabel erreichen und wieder verlassen kann. “Ich werde zur Missachtung der Verkehrsregeln geradezu gezwungen”, meinte eine junge Mutter, die häufig diese Strecke fährt.

Dass sich Schmickler so offen mit Kritik, Fragen, Anregungen auseinandersetzte, wurde von den engagierten Teilnehmern der Erkundungstour ausdrücklich begrüßt.

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