Michael und Alena Höller

Eine Vorbemerkung:
Ein Groundhopper ist ein Fußballfan, der von Spiel zu Spiel zieht – und nebenbei eine stolze Liste von Stadien in aller Herren Länder ansammelt. In der Szene gibt es Berühmtheiten, die jedes Wochenende drei Spiele besuchen, und das seit 25 Jahren.

Michael Höller ist so ein Groundhopper, aber von einer speziellen Sorte. Auch der Bayern München-Fan aus Bergisch Gladbach ist seinem Verein nachgefahren, soviel er konnte. „Aber nach dem sechsten Mal in Bremen wird das langweilig“, berichtet der 43-Jährige. Er will Abwechslung, immer mal etwas Neues.

Als dreifacher Familienvater kann er heutzutage zwar nicht mehr so oft los, wie „in den wilden 90ern“, und auch seine Arbeit in der Logistik von Isover Saint Gobain schränkt ihn auf Wochenenden und Urlaubszeiten ein. Daher nimmt sich Höller als „Gelegenheitshopper“ eher weniger, aber um so exotischere Spiele vor.

Zum Beispiel 2006 mit dem Billigflieger nach Bari und dann weiter nach Albanien: zum Spiel des Tabellenneunten gegen den Siebten der ersten albanischen Liga: Teuta Durres – Skenderbeu Korce. Und das ganze  an einem Wochenende, inklusive leicht verunglückter Rückreise.

382 Stadien hat er so inzwischen gesammelt. Das sei gar nicht so viel, winkt Höller ab. Nur auf seine 45 Länder, darauf ist er schon stolz. Und bis er 50 ist, will er alle Länder besucht haben, die Mitglied der Uefa sind – auch wenn da so Exoten wie Gibraltar oder Aserbaidschan dabei sind.

Lost Grounds – Lieblinge der melancholischen Fans

Stadio Filadelfia, Turin. Foto: Michael Höller

Höllers Spezialität aber, die ihm jetzt einen prominenten Auftritt verschaffte, sind die sogenannten Lost Grounds – untergegangene Fußballplätze mit großer Historie. „Wir Fußballfans sind oft melancholisch – und wenn ein Stadion geschlossen wird, in dem wir schöne Stunden verbracht haben, tut uns das in der Seele weh.”

Daher versucht Höller auf seiner Website festzuhalten, was noch festzuhalten ist. Er spürt die Standorte alter Stadien auf, sucht nach Hinweisen und dokumentiert sie. So hat er dem  Stadio Filadelfia in Turin, dem Aachener Tivoli und dem Mönchengladbacher Bökelberg seine Referenz erwiesen.

Bergisch Gladbachs größter Fußball-Erfolg

Vor einiger Zeit ist er wieder auf einen solchen Lost Ground gestoßen, der glorreiche Zeiten erlebt hatte. Aber dieses Mal war kein Billigflieger für die Anreise nötig, diesen Fußballplatz konnte Höller per Fahrrad ansteuern: der Bergisch Gladbacher Sportplatz Kradepohl, Heimat der Spieler der SSG (heute: SV 09) Bergisch Gladbach, die 1953 ihren größten Erfolg feierten: „Die sind immerhin Deutsche Meister der Amateure geworden – da war wirklich etwas los in der Stadt,“ berichtet der Fan.

Bergische Landeszeitung/Stadtarchiv Bergisch Gladbach

Mit der Amateurmeisterschaft hatten sich die Bergisch Gladbacher zudem für den DFB-Pokal qualifiziert und empfingen am 2. August 1953 am Kradepohl den VfB Stuttgart zu einem hochdramatischen Spiel, das nach Verlängerung 1:1 ausging.

Höller hat den Platz selbst nicht mehr erlebt, war aber über Erzählungen seines Vaters auf  ihn gestoßen. Damit war die Neugierde geweckt, in den Archiven spürte er alte Zeitungsberichte auf und schaute sich die Überreste des Platzes an: Heute eine Brachlandschaft, die als Ersatzparkfläche am Duckterather S-Bahnhof genutzt wird.

Der Kradepohl heute – auf dem Weg zurück zum Krötenteich. Foto: M. Höller

Höller recherchiert, dass der Kradepohl (Krötenteich) ein Aschenplatz war, von sieben Zementstufen umgeben. 1997 wurde er stillgelegt, da er wegen seines Belages aus Kieselrot als belastet eingestuft wurde.

Auf dem Luftbild ist der Platz noch gut zu erkennen, aber vor Ort weist nichts auf ihn hin. Ganz im Gegenteil zum ehemaligen Platz von Preußen Dellbrück, der fast nebenan liegt und eine einfache Plakette besitzt. Genau das, dachte sich Höller, stünde auch Bergisch Gladbach gut zu Gesicht – ein wenig sichtbaren Stolz auf die „Roten Teufel vom Kradepohl“.

Also schrieb er einen Brief an den Bürgermeister, an den Bundestagsabgeordneten und an den SV-09-Vorsitzenden. „Und damit die sehen, dass es mir Ernst ist, habe ich angeboten, selbst 50 Euro dazu zu legen”, berichtet Möller.

Wolfgang Bosbach antwortete prompt, warf weitere 50 Euro in die Waagschale – und das Projekt nahm seinen Lauf. Am heutigen Freitag wurde die Gedenktafel am Kradepohl angebracht – mit dem Ehrengast Michael Höller im Beisein von Bürgermeister Lutz Urbach, MdB Wolfgang Bosbach und SV-09-Vorsitzendem Patrick Duske.

Patrick Duske, Wolfgang Bosbach, Lutz Urbach, Michael Höller, Martin Höller

Damit ist diese Geschichte eigentlich erzählt. Wäre da nicht die Gegenwart, in der der SV 09 und das Stadion der Stadt ja für reichlich Gesprächststoff sorgen. Dazu jedoch will sich Höller, der Bergisch Gladbachs Rang auf der Website mit  „Platz 10 der erfolglosesten Fußballstädte Deutschlands“ angibt, lieber nicht äußern. Hin und wieder gehe er schon ins Stadion, wenn mal eine bekanntere Mannschaft kommt. Aber das war’s auch schon.

Und die frisch sanierte, aber dann doch nicht ganz einsatzbereite Belkaw Arena? Na ja, setzt Höller an, „die ragt nicht gerade heraus, ist aber auch nicht Schrott – und für Bergisch Gladbach völlig angemessen.“ Das Problem aber, so der Fan, sei nicht das Stadion, sondern die Menschen: Was nützt das schönste Stadion, wenn sich darin beim Heimspiel ein paar Hundert Zuschauer verlieren?

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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