Am Dienstag  wurde im Ratssaal zu Bensberg, in der Sitzung des Ausschusses für „Stadtentwicklung, demografischen Wandel, soziale Sicherung, Integration, Gleichstellung von Frau und Mann“ (ASSG) die gutachterliche “Umweltverträglichkeits-Studie” zum Projekt „Autobahn-Zubringer über alte Bahntrasse“ vorgestellt

Die beauftragten Gutachter hatten schon in viele Planungsabgründe geblickt und trugen auch hier ihre Ergebnisse ruhig, routiniert, mit unerschütterlicher Sachlichkeit vor.

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Jeder aufmerksamer Betrachter mit Geländekenntnis plus Minimalausstattung an Phantasie allerdings müsste angesichts der Vorstellung einer um insgesamt 14 Meter verbreiterten Bahndamm-Trasse, teils flankiert von mindestens 3,40 Meter hohen Lärmschutzwänden, immerhin kurz stutzen. Wenigstens das.

Davon abgesehen wurde klar, dass die direkte End-Anbindung der ganzen Streckenführung an die A4 (der so genannte “Bauabschnitt 2” und eigentliches Ziel des Unternehmens) weder prioritäre Planungsstufe hat, noch wohl überhaupt je realisiert werden kann.

Denn spätestens “Bauabschnitt 2” (zwischen Kölner Straße und A4) scheitert an zum Scheitern verurteilten Flächenenteignungen diverser Gewerbebetriebe auf diesem letzten und entscheidenden Stück, noch bevor die aparte Asphaltwalze endlich den Königsforst erreichen könnte. Und auch dort wären einem totalen Straßenbau dann unter anderem EU-Naturschutz-Richtlinien im Wege.

Bliebe es also beim “Bauabschnitt 1” (von Gronau zur Kölner Straße), würde die dann beidseitig zu erweiternde Kölner bzw. Frankenforster Straße als Autobahnzubringer (einschließlich ebenfalls auszubauender Zu- und Ableitungen) im Zuge innerstädtischen Leidensausgleichs zur neuen “Giga-Dolmanstraße” befördert.

Nicht zu reden davon, dass auch “Bauabschnitt 1” sich erst dann durch’s Grüne, durch Gärten und Gebäude fräsen könnte, wenn die letzte Schlacht vor Gericht geschlagen wäre. Denn schon jetzt stehen die definitiven Gewinner des Projekts, sollte es denn Ernst werden, fest: Anwälte.

Die Reaktionen von den gut gefüllten Zuschauerrängen ließen da kaum einen Zweifel.

Zum Thema der erhofft großen Entlastung: Da die neue “Mutter aller Entlastungsstrecken” ja den Verkehr erst einmal zu- und abgeführt bekommen müsste, entstünden auf den eigentlich “befreiten Straßen” neue bzw. blieben die alten Verkehrsverdichtungen, vielleicht mit je leichter Versetzung.

Gut oder vielmehr nicht gut – aber was ist jetzt mit all denen, die zu recht wirkliche Entlastung wollen?

Meine Sicht  ist genauso irrtumsanfällig wie jede andere:

Das Bahntrassen-Projekt verursacht definitiv einen gigantischen Flurschaden, bringt an wenigen Punkten vielleicht etwas Entlastung, verschiebt dafür bloß oder dehnt die Verkehrs-, Lärm-, Luftbelastung dafür sicher aus.

Und vor allem: Die Strecke würde bei allem absehbar planerischen, verwaltungstechnischen, politischen, demokratischen (zu erwartende Bürgerbegehren etc.), nicht zuletzt juristischen Vorlauf, wenn überhaupt, kaum vor Ablauf der nächsten 10 Jahre befahrbar sein. Und ob wir es  in 10 Jahren noch primär mit dem individuellen Massenverkehr einer wachsenden Bevölkerung zu tun haben, das steht sehr dahin.

Die Linke schlägt ein intelligentes Verkehrskonzept vor

Davon, dass die Stadt BGL selber sich auch erst noch und aus eigenen Mitteln zum verbindlichen Bau der Startzuleitung in Gronau und der so genannten “Querspange” in Heidkamp (siehe Karte) verpflichten müsste, damit das Projekt von Seiten des Landes NRW seinerseits überhaupt in Angriff genommen würde, gar nicht zu reden (Stichwort “Haushalts-Sicherungskonzept” bis 2020).

Franz Kafka: Der Zubringer

Das ganze Projekt könnte im Grunde auch von Franz Kafka erfunden worden sein, Titel: „Der Zubringer“. Die Geschichte einer schauerlichen Bedrohung bzw. herrlichen Befreiung, die immer wieder konkret zu werden scheint, in Wirklichkeit aber nie kommt, dafür alle Beteiligten in ganz unterschiedlich motivierten Aufruhr versetzt. Und am Ende bringen sich die Alt-Belasteten und neu zu Belastenden wegen des Zubringers um, der außer großzügiger Flächenvernichtung niemandem wirklich etwas gebracht hätte, wenn er denn je gekommen wäre.

Aber Zynismus beiseite und noch einmal die Frage: Was ist mit all denen, die zu recht wirkliche Entlastung wollen, die ihnen das Bahntrassen-Projekt aus genannten Gründen nicht und schon gar nicht absehbar bringen wird?

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Andere Streckenführungen müssten noch einmal geprüft werden. Von der sozusagen natürlichen Verkehrsbewegung her, fällt der Blick da natürlich wieder auf Dellbrück, Merheim, Holweide und den dort bereits vorhandenen Streckentorso – wobei ein verkehrsbaulicher Opfergang auch hier erhebliches Ausmaß hätte und ebenfalls nicht kurzfristig, wenn überhaupt, realisierbar wäre.

Intelligentes Verkehrskonzept für Bergisch Gladbach

Abgesehen davon tauchte in der Debatte dann etwas anderes auf: „Intelligentes Verkehrskonzept für Bergisch Gladbach“. Nicht vom Land, nicht vom Bund, nicht von Europa, sondern ganz allein von, durch, in und für Bergisch Gladbach zu realisieren.

Ein zwar längst schon und wohl hochoffiziell gefasster, aber offenbar immer noch beschaulich ruhender Plan zur sozusagen inneren Verkehrsoptimierung mit allen Registern: Automobiler Einzel- und Gruppenverkehr, Carsharing, ÖPNV-Pkw-Kombi, Park-&Ride, Bahn(güter)verkehr, Vekehrsleitsysteme, Radverkehr usw.

Mir ist schon klar, dass viele jetzt die Augen verdrehen. Aber wenn das einmal richtig angepackt würde, ginge hier in Bergisch Gladbach wesentlich mehr, schneller und vor allem mit ungleich weniger Kollateralschäden, als mit dem besagten „Zubringer“ aus Kafkas fiebernder Phantasie bzw. den unerforschlichen Planungswelten des Landes NRW.

Es wäre ein Aufruf an alle Ratsfraktionen, dieses Intelligente Verkehrskonzept für Bergisch Gladbach parteiübergreifend in Angriff zu nehmen und einen konkreten Beweis dafür zu liefern, dass Intelligenz keine ideologischen Grenzen kennt, dass Verkehr mit Vernunft verbunden, neue Räume und vor allem Bewegung schafft.

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H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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  1. Die Stadtratsfraktion DIE LINKE./BfBB forderte in der Ausschuss die endgültige Einstellung der Planung einer Schnellstraße über den Bahndamm.

    „Die Planung für eine Schnellstraße über den Bahndamm muss endlich und endgültig beendet und begraben werden. Es ist völlig unverständlich, dass nach den vielen Jahren des Widerstands und der kritischen Stimmen von Seiten der Bürgerinnen und Bürger an der Planung der Schnellstraße L 286 über den Bahndamm trotzdem daran festgehalten wird.“ meint Peter Tschorny, Sprecher DIE LINKE. Bergisch Gladbach und Mitglied im zuständigen Ratsausschuss.

    Die Umweltverträglichkeitsstudie, die bereits seit Juli 2012 fertig gestellt ist, wurde während der laufende Planung unter Verschluss gehalten und erst kürzlich veröffentlicht. Die Studie kommt zu einem verheerenden Fazit, dass bei allen Varianten einer Straße über den Bahndamm unter anderem „hohe und z. T. sehr hohe Auswirkungen auf die Schutzgüter Mensch (Wohnumfeld/Erholung) sowie Tiere und Pflanzen“ zu erwarten sind.

    Peter Tschorny sagt: „Die Studie bestätigt das, was der Großteil der Bürgerinnen und Bürger von Berg. Gladbach seit langem befürchtet. Dies sind Beeinträchtigungen durch Lärm über die gesamte Strecke der Straße über den Bahndamm: Wohngebiete, Naherholungsgebiete, Otto-Hahn-Schulen, Schulen am Ahornweg, usw. … Auch würde eine Schnellstraße die Stadtlandschaft und auch die Fahrrad und Gehwege stark beeinträchtigen. Der Verlust von Beständen in Flora und Fauna wäre nicht wieder gut zu machen und die Schäden an der natürlichen Umgebung dieser Stadt verheerend.“

    Peter Tschorny zitierte im Ausschuss den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick: „dass oftmals die Lösung das Problem ist“. Er fragte weiter: „Welche Probleme sollen mit der Straße über den Bahndamm gelöst werden? Sind es die Staus, über die sich Berufspendler berechtigterweise ärgern? Sind es die gegenwärtigen Belästigungen der Anlieger an der Bensberger Straße und der Dolmanstraße durch den Pendler- und Güterverkehr? Sind es die Schwierigkeiten von bekannten Gewerbetreibenden, Ihre Güter auf den Weg zum Kunden zu bringen?“

    Es ist stadtplanerische Erfahrung und wissenschaftlich erwiesen, dass neue Verkehrswege neuen Verkehr sogartig anziehen („induzieren“) – zusätzlich zu den Problemen, die laut Studie für uns Bürgerinnen und Bürger und für unsere Umwelt entstehen würden. „Mittel- und langfristig würde die Straße über den Bahndamm die Verkehrsprobleme also keinesfalls lösen, sondern viele neue Probleme schaffen.“ wie Peter Tschorny unterstreicht.

    Wir brauchen nicht mehr Verkehr auf unseren Straßen, sondern intelligentere Verkehrslösungen!

    DIE LINKE. und die BfBB treten für eine nachhaltige Lösung der Verkehrssituation in einem größeren Zusammenhang ein. Die Fraktion DIE LINKE./BfBB schlägt Alternativen vor, die nicht darauf setzt mehr Verkehr auf unseren Straßen zu erzeugen, sondern den Straßen-Verkehr langfristig zu reduzieren. Dazu sollen folgende Maßnahmen vorangetrieben werden:

    * Weitgehende Verlagerung des gewerblichen Güterverkehrs auf die Schiene
    * Bau einer Umladestation im Gewerbegebiet „Zinkhütte“
    * Ausbau des ÖPNV mit besserer Taktung und besseren Anschlüssen
    * Günstigere Fahrpreise im ÖPNV
    * Zweites Bahngleis für die S-Bahn Bergisch Gladbach
    * Mehr Park and Rail Parkplätze entlang der KVB-Linie 1 und S-Bahn
    * Ausbau eines schnellen Radwegenetzes und mehr Radstellflächen
    * Förderung der E-Bike-Mobilität durch solarbetriebene Ladestationen.

    „Solche und ähnliche Lösungen wären geeignet, den PKW- und LKW-Verkehr durch die Stadt zu verringern und erhöhtes Verkehrsaufkommen nachhaltig und schonend für Mensch und Umwelt zu minimieren.“ meint Peter Tschorny.

    Mit diesen Vorschlägen will die Stadtratsfraktion die Lebensqualität der Menschen verbessern und die Verkehrssituation entschärfen. Die Ziele einer nachhaltigen Planung müssen sein:

    * Effiziente Erschließung der Gewerbegebiete
    * Weniger Lärm und Umweltbelastung auf Bensberger Straße, Kölner Straße, Frankenforster Straße, sowie auf Lustheide, Dolmanstraße und Refrather Weg
    * Bessere Verkehrsanbindung für außerhalb von Bergisch Gladbach Berufstätige
    * Mehr Zufriedenheit für die Pendler des Öffentlichen Nahverkehrs durch weniger Verspätungen
    * Steigende Sicherheit für Fahrradfahrer, Schulkinder und Fußgänger
    * Sicherung von Lebensqualität durch weniger Straßenverkehr in den Stadtteilen.

    „Statt fast ein Jahrzehnt Geld für eine sinnlose Planung einer Schnellstraße über den Bahndamm auszugeben, hätte man in dieser Zeit und mit diesem Geld sicher schon viele Alternativen umsetzen können.“ Peter Tschorny kündigt an, dass die Fraktion DIE LINKE./BfBB in die nächste Sitzung des Stadtrats eine Resolution einbringen wird, um beim „Landesbetrieb Straßenbau NRW“ die sofortige Einstellung der Planung zu bewirken.